Wo können die Geigen so geheimnisvoll flüstern wie sonst nirgends? Wo erklingen die Hörner so klar, ohne unsere empfindlichen Ohren zu verletzen? Und wo verschlanken sich das Getrommel und der Gesang so angenehm, daß man gefahrlos zuhören kann? Auf den Freiluftbühnen, denen Hans-Klaus Jungheinrich nachsinnt.

open air

Oper ohne Gehäuse

Alte und frische Erfahrungen mit dem (Musik-)Theater bei Wind und Wetter

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Wahrscheinlich waren die alten Griechen die Erfinder des „Gesamtkunstwerks“, womit seit dem späten 19. Jahrhundert vor allem Richard Wagner in Zusammenhang gebracht wird. In der offenen Weite des Amphitheaters von Epidavros etwa entfaltet sich die Schicksalsträchtigkeit eines tragischen Stoffes noch nachdrücklicher als im engen Parkett der Bayreuther Opernscheune. Unter dem Sternenhimmel kann Selbstvergessenheit aufkommen; im geschlossenen Raum erinnern Schweißausbrüche und Sauerstoffmangel allzu leicht an die Situationsabhängigkeit der eigenen Physis.
Der integrale Theatermann Richard Wagner freilich wollte alles allein bestimmen. Unter freiem Himmel hätte er die Spielleitung mit einem machtvollen und unberechenbaren Dramaturgen (oder Regisseur) teilen müssen: dem Wetter. Dessen zornige Launen werden im mediterranen Sommer zwar nur sehr selten vorstellig. Schon in der Arena von Verona oder in den römischen Caracalla-Thermen sind sie ein zu vernachlässigender Faktor; erst recht an noch heißeren Schauplätzen wie in Granada, auf dem Peloponnes oder gar in Persepolis, in dessen Ruinen zu Schahs Zeiten weltberühmte Hochkulturspektakel stattfanden.

Doch weiter im Norden kann der Himmel über Glück oder Pech einer Pleinair-Aufführung ein entscheidendes Wort – gar, um mit J. S. Bach zu sprechen, ein Donnerwort – mitsprechen. Vor dem Ereignis schon mag sich beim Blick auf Rabenschwärze am westlichen Firmament ein Bangen in die gespannte Erwartung mischen. Natürlich sind die Künstler, die Veranstalter davon besonders erfasst. Ein trüber Sommernachmittag im Schlosspark des holsteinischen Eutin: Die „Freischütz“-Darbietung schafft’s gerade bis zur Wolfsschlucht, dann wird es ungemütlich. Der Veranstalter ist immerhin erleichtert, weil er das Eintrittsgeld
(nach erreichten Zweidritteln der Aufführung) nicht zurückbezahlen muss. Beim Besucher hinterlässt der Abbruch Frust. Das sind die Schattenseiten des naturnahen Vergnügens. Ähnliche Zitternächte erlebte ich bei Siegfried-Wagner-Aufführungen der legendären Rudolstädter Intendantenära von Peter Paul Pachl auf der Heidecksburg in den 1990er Jahren. Die Wetterunsicherheit wirkt sich aber nicht unbedingt negativ aus. Wenn es denn doch ohne Starkregen und Spielabbruch abgeht, ist das Befriedigungsgefühl am Ende größer, als es ohne diese Gefährdung gewesen wäre. Zum gelungenen Spiel kommt noch die Gunst des Verschontseins hinzu. Wolken überall und fern am Horizont Wetterleuchten, aber das Malheur über den Häuptern nur ein brav hängenbleibendes Damoklesschwert.

Ich bin alt genug, um mich an einige trockenwarme Nachkriegssommer mit blühender Freilufttheater-Euphorie zu erinnern. Im Frankfurter Rothschildpark erlebte ich als Zehnjähriger den „Sommernachtstraum“, im ersterbenden Abendgrün buntflittrig zauberhaft und endlos der frösteligen Mitternacht zutreibend. Solche Abende mochten noch so sommerlich beginnen, sie gingen dennoch nie ohne späteres Frieren ab. Damals entsprach das Freilufttheater nicht unbedingt einer speziellen Beliebtheit, eher der blanken Notdurft: Die entsprechenden Innenräume waren zerbombt. Ein nur leicht lädierter Klosterhof wurde zur bevorzugten Frankfurter Sommerspielstätte; ich lernte dort Säulen des Schauspiel-, Opern- und Operettenrepertoires kennen. Danach kamen nasse Sommer und der mannigfache Wiederaufbau; die Unkalkulierbarkeiten des Theaters im Freien zeigten sich gravierender. Die Behelfsmäßigkeiten verschwanden allmählich aus dem Leben der Städte.

In der DDR funktionierte der Theaterbetrieb dann mit geringerer materieller Aufbäumung als im Westen, und sicher hatte es mehr mit Bescheidenheit als mit dem sichereren Kontinentalklima zu tun, dass dort auffällig viele theatralische Freiluft-Aktivitäten erhalten blieben. Im Felsentheater von Rathen (am schönsten zu Schiff von Dresden elbaufwärts zu erreichen) inszenierte sich die gruslig-schrundige „Freischütz“-Wolfsschlucht gleichsam von allein. Und in der Bühne nahe des Harzortes Thale agieren die Sänger auf einem schlichten Grasplatz zu Orchesterklängen, die aus dem regensicher verschlossenen Hügelinneren (unter den Zuschauersitzen) wie aus einer Blechbüchse tönen.

Neu gewonnen als Theaterschauplatz wurde zu Pfingsten 2014 der Innenhof des wiedererrichteten Dresdner Schlosses, und er wurde gleich ausprobiert an einer reizvollen Opern-Rarität: dem frühen Einakter „Feuersnot“ von Richard Strauss. Dieses musikalisch überquellende Werk machte 1901 Skandal, weil es in einer ebenso pathetischen wie karikaturistischen Art mit der „Spießigkeit“ der Münchner Bürger abrechnete, die einst das Genie Richard Wagner aus der Stadt verjagten. Heute Schnee vom vergangenen Jahrhundert; wohl aber frappieren noch immer der erotische Elan, der jugendliche Schwung dieser musikdramatischen Anfeuerung. Mit riesigen Chortableaus und voluptuöser Orchesterfarbigkeit empfiehlt sich diese Oper durchaus als großräumig disponierter Event, der die verschiedensten Bereiche des Platzes und den ihn umgebenden Gebäudekomplex mit einbezieht. Die Regisseurin Angela Brandt tat das noch etwas zaghaft und unter dem Signet einer „halbszenischen“ Wiedergabe. So war es das von Stefan Klingele souverän dirigierte Dresdner Festspielorchester, das vom zentralen Podium aus auch optisch den Löwenanteil des Ganzen an sich riss. Ein willkommener Beitrag zum Strauss-Jubiläumsjahr.

Der Erfurter Theaterintendant Guy Montavon konnte in der Hauptstadt Thüringens auch als Outdoor-Theatraliker reiche Erfahrungen sammeln. So brachte auch er vor einigen Jahren eine seltene, chorintensive Straussoper – den trutzigen „Friedenstag“ – auf die Erfurter Domstufen – eine der schönsten Theaterszenerien Deutschlands. Jetzt nahm sich Montavon einer ganz ähnlichen Kirchenkulisse an und präsentierte im Klosterhof St. Gallen in seiner schweizer Heimat die Donizettioper „La favorita“, die mit ihren zahlreichen pittoresken Sakral-Ingredienzien prächtig wie nur wenige andere Werke in diese Umgebung passt. Das interessante Stück (die ins Tragische mäandernde Liebesgeschichte einer in die Mühle der Staats- und Kirchenräson geratenen königlichen Mätresse) spielt in Spanien, und abgesehen von den Turmhauben kann die während der Aufführung in wechselnd-aparter Beleuchtung einbezogene Basilikafront auch als spanische Kathedralkulisse durchgehen. Wirkungsvoll großzügig die Bühnenkonstruktion von Hank Irwin Kittel; mit achterbahnartigem Steg-Gekurve bietet sie Raum für gravitätische Chorauftritte, aber auch für das hochsymbolische sich nicht Erreichenkönnen des Liebespaares über große Entfernungen hinweg. Ein Glücksfall für die Aufführung, wenn der jugendliche Tenor (durchaus kein Kleinwüchsiger) um zwei Köpfe von der ihn maßregelnden Kardinals-Autorität (in blutroter Robe) überragt wird. Freilufttheater ist auf solch lapidare, einfache Signale angewiesen.

Montavon, der einige Steifheiten der gewöhnlichen Freiluft-Dramaturgie nicht überwinden konnte, ließ dennoch auch ein spezifisches Faible für die Spielart unter freiem Himmel erkennen, indem er sich viel Zeit nahm für numinos-konduktartige Auftritte und Umzüge der Mitwirkendenkollektive. Das „Gesamtkunstwerk“ Freiluftoper hat ja nicht nur harmlose Wurzeln. Die Ritualtradition des Orients und Okzidents, das kirchliche Gepränge der Allegorien- und Passionsspiele erinnern an den existentiellen Ernst heiliger Darstellungen, und in den Flagellanten- und Pilgerzügen gaben sich die gemeinschaftlich verbundenen Gläubigen einer durchweg aushäusig theatralisierten Lebens- und Todeswirklichkeit hin. Viele Arenen in Südeuropa erinnern an die mörderischen Gladiatorenspiele von einst; öffentliches Theater waren ehedem bei uns Folterungen und Hinrichtungen. Sie sind es heute noch oder wieder in radikalislamischen Ländern.

Vom generösen Platzangebot her wie auch durch seinen sängerischen Nimbus nähert sich St. Gallen (mit schweizerischen Eintrittspreisen ohnedies spitzenmäßig platziert) schon dem Großspektakel der Seespiele in Bregenz, auch wenn hier alles noch etwas „näher“ am Publikum ist. Die Vorarlberger Bodensee-Veranstaltung hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr als stilbildend für das Phänomen „Freiluftoper“ in den Vordergrund geschoben. Dabei entwickelte sich eine genuine „Ästhetik“, die ohne Legitimitätsverlust von der üblichen “Indoor“-Opernästhetik abweicht. Zweifellos hat sie Merkmale der Eventkultur übernommen, sich also dem Pop-Charakter der jugendkulturell geprägten Massenunterhaltung angenähert. In Bregenz wirkt sich derart von Jahr zu Jahr so etwas wie ein „Überbietungszwang“ aus, der aus sich heraus immer aufwändigere und sensationellere optische Lösungen gebiert. Wenn bei alldem dann noch eine spannende, intelligente und unkonventionelle Werkinterpretation stattfindet wie bei David Pountneys „Zauberflöten“-Szenographie von 2013 (die in diesem Sommer übernommen wird), dann scheint die Quadratur des Kreises erreicht. So etwas gibt es nur im Freien: die im Wortsinne „unbehauste“ Ereignishaftigkeit des fessellosen Arrangements, verbunden mit der Klugheit und Leuchtkraft theatralischer Durchdringung.

„Die Zauberflöte“, Bregenzer Festspiele 2013

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 06.7.2014

„Die Zauberflöte“, Bregenzer Festspiele 2013