Margarete Susman, 1872 in Hamburg geboren und 1966 in Zürich, wohin sie aus Nazideutschland geflüchtet war, gestorben, ist eine deutsch-jüdische Philosophin, die es noch zu entdecken gilt. Susman war eine Grenzgängerin zwischen Dichtung und Philosophie, der Essay ihre angemessenste Form, und es sind ihre Essays über die Philosophie der Romantik, über die Beziehung zwischen Religion und politischem Handeln, über biblische Gestalten oder über das Hiob-Syndrom des jüdischen Volkes, die ihren Platz in der deutschsprachigen Geistesgeschichte sichern. Überschattet von Hannah Arendt, die durch ihre Beschäftigung mit der Shoah und ihre Freundschaft mit Heidegger in der bundesdeutschen Öffentlichkeit präsent blieb, ist Susman – wie ihre Freunde Landauer, Rosenzweig oder Bernhard Groethuysen – in Vergessenheit geraten. Nun untersucht Elisa Klapheck, Politologin und Rabbinerin, Susmans philosophisches Denken zwischen Judentum und politischer Philosophie.

Die Philosophin Margarete Susman

Jüdisches Denken als politisches Denken

Von Elisa Klapheck

Im Zentrum einer Avantgarde

Von dem Moment an, da sie aus der Isolation einer in träumerischer Unschuld aufgewachsenen, für eine bürgerliche Ehe bestimmten Tochter aus wohlhabendem, akkulturierten deutsch-jüdischem Hause heraustrat, stand sie in der Mitte einer künstlerischen und philosophischen Avantgarde. Sie behielt diesen Platz bis zu ihrem Tod. Wo immer Margarete Susman lebte – um die Wende zum 20. Jahrhundert in München und Berlin, zu Beginn des Ersten Weltkrieges in der Schweiz, danach im rheinischen Säckingen, bis 1933 immer wieder längere Phasen in Frankfurt am Main –, zog es bedeutende Menschen zu ihr hin, um in der direkten Begegnung von ihr inspiriert zu werden. Susmans von so vielen bezeugte grenzenlose Empathie gegenüber anderen Menschen, zugleich ihre Fähigkeit, die verschränkten großen, geistigen Konstellationen der Gegenwart zu erhellen und das politische Geschehen religiös wie auch philosophisch zu deuten, beeindruckte jeden und beglückte viele. Dichter und Philosophen, Künstler und Theologen, junge Menschen, alte Menschen, Freunde und Verwandte, suchten ihre Nähe. Und auch nach 1933, in der Emigration in der Schweiz, wurde sie von berühmten ebenso wie einfachen Menschen in ihrem „chassidischen Studierstübchen“ in Zürich besucht, wie manche Freunde die Mansardenwohnung der Philosophin liebevoll nannten. Es zog sie zu Margarete Susman wie zu einem Zaddik, einem Gerechten, um von ihm Lebensweisung zu erhalten – jedoch bei ihr zu einer Zaddika, die geistig und kulturell den Herausforderungen ihrer Zeit gewachsen war. Was sie von Margarete Susman empfingen, schlug sich in vielen Werken und Briefen nieder.

Am dichtesten hält Susmans Sohn, Erwin von Bendemann, die Rolle seiner Mutter im Kreise der vielen, das deutsche Geistesleben prägenden Persönlichkeiten fest. In einem von ihm imaginierten Gemälde verschmelzen die beiden Sommer vor dem Ersten Weltkrieg zum Panorama einer Gartengesellschaft. Margarete Susman stand damals auf einem Höhepunkt ihres Schaffens. Erst vor Kurzem waren zwei vielbeachtete Bücher von ihr erschienen: Das Wesen der modernen deutschen Lyrik (1910) und Vom Sinn der Liebe (1912). Das erste Buch prägt den Begriff des „lyrischen Ich“. Das zweite fundiert ein weiteres, Susmans Denken bestimmendes Thema: die Liebe als schöpferisches Handlungsmoment des Geistes.

In beiden Werken präsentiert sich Susman als eine Kulturphilosophin. Davor hatte sie sich schon einen Namen als Dichterin gemacht und wurde mit dem Kreis um Stefan George assoziiert. 1901 war ihr Gedichtband Mein Land erschienen, 1907 folgte Neue Gedichte. Die Verschiebung ihres Schwerpunktes von der Lyrik zur Philosophie zeichnete sich bereits mit der Veröffentlichung der unabgeschlossenen Manuskripte von Susmans früh verstorbenem Freund, dem jungen Philosophen Erwin Kircher, unter dem Titel Philosophie der Romantik ab. 1906 gaben Susman und Heinrich Simon, der spätere Herausgeber der Frankfurter Zeitung, zusammen die Kircher-Manuskripte heraus. Ab 1907 schrieb Susman regelmäßig Besprechungen zu neuer Lyrik sowie große kulturphilosophische Feuilletons für die Frankfurter Zeitung. Wichtig für ihre philosophische Entwicklung war außerdem ihre Übersetzung von Henri Bergsons Introduction à la métaphysique. Hierzu hatte sie ihr Mentor, der Berliner Philosoph Georg Simmel beauftragt. Sie erschien 1909 auf Deutsch als Einführung in die Metaphysik.

Mit den Augen eines damals Achtjährigen beschreibt Erwin von Bendemann die von ihm visionierte Szenerie im Garten seiner Eltern.

„Da sitze ich auf meiner Kinderschaukel am Ast des Apfelbaums, und der Garten füllt sich mit wunderlichen Schemen. Die einen sehen mich lächelnd an, andere gehen still an mir vorüber, wieder andere stehen in der Runde im Gespräch. Ein blasser junger Mann mit hängendem braunem Schnurrbart, dessen leicht französischer Tonfall mir in den Ohren klingt, Bernhard Groethuysen, tritt an meine Schaukel und schenkt mir einen Kompaß mit Magnet. – Die Gartentreppe hinauf steigt eine andere Gestalt mit langem, schwarzem Bart: Martin Buber. An der Hand führt er seinen kleinen Sohn Rafael, mit dem ich spielen darf, dieweil der Vater sich mit meiner Mutter von ernsten Dingen unterhält. – Ein forscher, straffer Herr kommt mir entgegen aus dem Haus, der Kapitän zur See Paul Wolfram, und ihm zur Seite meine Tante, seine Frau, in schwarz-weiß gestreiftem Sommerkleid. Neben ihr gewahre ich einen Mann mit wehendem Barthaar und unendlich gütigen Augen, einen Menschen, der ein Prophet des Alten Testamentes sein könnte: es ist Gustav Landauer, der Philosoph und Anarchist. – An ihm vorbei geht, ohne ihn anzusehen, ein sehr korrekter Herr mit Stehkragen und Zwicker: Kammergerichtsrat Hammerschlag, der Gatte der von meiner Mutter heißgeliebten und immer hilfsbereiten Schwester. – Irgendwo ertönt ein leicht satyrisches Lachen; es kommt von Georg Simmel, der meiner Mutter an Hand eines Gartenstuhls so etwas wie das Wesen des Objekts zu demonstrieren sucht. – Schlank und zart, blauäugig und blond, schwebt eine liebliche Gestalt vorbei: Hedwig Streiff-von Wyss, eine junge Frau aus dem väterlichen Verwandtenkreis, die meiner Mutter ein Leben lang Freundschaft und Treue hielt. – Dort unten, unter einer Schar von Gästen, erblicke ich Ernst Bloch, einen Mann mit gewaltigem Thorax und krausem schwarzem Haar, der in Donnerworten Geist sprüht. – Hinter ihm schreitet ernst und still mein Großvater vorüber, ein schon ergrauter Mann, den die Dienstboten, mir zum Gaudium, mit ‚Exzellenz‘ ansprechen. An der Wand des Hauses lehnt Fritz Medicus, ein hoch und schön gewachsener Mann mit rötlich blondem Spitzbart, und spricht in präzisen scharfen Silben von abstrakten fremden Dingen. Mittlerweile kniet Gertrud Kantorowicz an einem Blumenbeet und schneidet Rosen. Ihr zur Seite erscheint wie durch einen leichten Nebel eine andere Jugendfreundin meiner Mutter, meine Patin, Emmy von Egidy, eine männliche herrische Frau mit Reitpeitsche und violetten Wangen. Sie spricht soeben zu Ricarda Huch. Zu ihnen gesellt sich, kraftvoll und geschmeidig wie ein Panther, Heinrich Simon, der Herausgeber der Frankfurter Zeitung, eine Macht im Leben Frankfurts. – In meiner Nähe malt ein hochgewachsener schlanker Mann an seiner Staffelei, mein Vater, eine Zürichseelandschaft. Hinter ihm taucht ein Schatten mit mächtiger Mähne und dantesken Zügen auf und lächelt mich huldvoll an, weil ich ihn in kindlichem Unverstand mit Goethe verwechselt habe: es ist Stefan George – Und sie alle in ihrem Banne haltend, wandelt unter ihnen in bescheidener und stiller Majestät die Mutter.“

Anhand dieses imaginierten Gemäldes lässt sich Margarete Susmans geistige Biographie bis an den Vorabend des Ersten Weltkrieges und noch darüber hinaus nachzeichnen. Eine Linie beginnt bei Gertrud Kantorowicz, der engen intellektuellen Freundin, die in Susmans Leben mehrmals entscheidende Weichen gestellt hat – und die hier an einem Blumenbeet Rosen schneidet. Die Linie führt von dort aus zu Stefan George mit einem Seitenverweis zu Ricarda Huch – und weiter zu Georg Simmel. Sie verzweigt sich dann zu Simmels Schülern: Bernhard Groethuysen, Ernst Bloch und Martin Buber. (S. 45-48)

(…)
Erwin von Bendemanns Gemälde hält die Zeit am Vorabend des Ersten Weltkrieges fest. Hätte er die Szenerie in einem späteren Jahrzehnt imaginiert, wären viele andere bedeutende Menschen hinzugekommen. Zu Susmans Gästen gehörten nach dem Ersten Weltkrieg u. a. Eugen Rosenstock und Franz Rosenzweig, in dessen Theologie sie wichtige geistige Grundlagen für eine religiös motivierte, jüdische „Politik“ erkannte. Mehrfach ging Susmans publizistische Auseinandersetzung mit Rosenzweig auf das von ihm geprägte „doppelte Gebet des Gläubigen und des Ungläubigen“ ein, das etwas von ihrer eigenen religiös-säkularen Doppelspur ausdrückte.

Gerade mit Rosenzweig verband Susman eine Reihe lebensgeschichtlicher Parallelen. Wie er stand auch sie lange dem christlichen Glauben näher als ihrer jüdischen Herkunft. Vor ihrer Heirat 1906 mit Eduard von Bendemann erwog sie, ähnlich wie Rosenzweig, eine Konversion zum Christentum. Wie Rosenzweig verstand sie sich vor dem Ersten Weltkrieg in der Tradition des deutschen Idealismus. Wie für ihn bedeutete der Krieg auch für sie eine „Wasserscheide“ und führte zu einer Umkehr ihres gesamten Denkens – „vom abstrakten Denken zu einer Philosophie des Wirklichen“, einer „Philosophie der lebendigen Erfahrung“. Trotz großer geistiger Nähe unterschied sich jedoch ihre Sicht auf das Judentum in wesentlichen Punkten von Rosenzweig. Seinen theologischen Ausführungen, wonach Juden „die geschichtlichen Realitäten: Land, Sprache, Sitte und Gesetz, in deren lebendige Entwicklung die christlichen Völker leben,“ nicht mehr mitlebten, da ihnen „der Anteil am zeitlichen Leben der Mitwelt (…) um des ewigen Lebens willen“ versagt sei, stimmte Susman nur teilweise zu. Rosenzweig zufolge lebte das jüdische Volk losgelöst von den anderen Völkern außerhalb der Geschichte, da es in seiner teleologischen Ewigkeit bereits angelangt sei. Auch fand Rosenzweigs Versuch, „die Verbindung mit Gott durch die uralten ewigen Gesetze neu zu stiften“, bei Susman keine Antwort in einer unmittelbaren Wiederbelebung religiöser Rituale. Stattdessen entwickelte sie eine Theorie des göttlichen Gesetzes in der Spannung zur säkularen Gesetzeswirklichkeit innerhalb des geschichtlichen Lebens. Das jüdische Volk hatte nach Susman die Aufgabe, die Welt zum Besseren hin umzugestalten, wobei das Gesetz Gottes für sie vor allem auch in seiner unmittelbaren politischen Tragweite zu verstehen ist. Trotzdem betont sie das Politische an Rosenzweig:

„Selbst als Politiker – man könnte das vielleicht für alle großen jüdischen Politiker nachweisen, und Rosenzweig selbst war durchaus ein politischer Mensch – ist der Jude darum, mit einem Wort Mendelssohns zu sprechen, nicht auf die irdische, sondern auf die himmlische Politik gerichtet. Die himmlische Politik aber ist die Politik Gottes: das Gesetz.“

Eine weitere Person, die zu einem späteren Zeitpunkt auf von Bendemanns Gemälde gehörte hätte, war die Gründerin der jüdischen Frauenbewegung, Bertha Pappenheim, die „eine Generation von Frauen erzogen“ hatte und die bei Susman privaten Philosophieunterricht nahm. Ab 1933 hätte auf dem Gemälde noch eine Linie zu den religiösen Sozialisten um den protestantischen Theologen Leonhard Ragaz in Zürich geführt, in dessen Kreis Susman Vorträge hielt und Beiträge für die Zeitschrift Neue Wege schrieb. Aber auch mit diesem Kreis wäre die Szenerie auf Erwin von Bendemanns Gemälde noch nicht zu Ende. Bis zu ihrem Tode suchten bedeutende Menschen die Begegnung und Freundschaft mit Margarete Susman – unter ihnen Elazar Benyoëtz, Jakob Taubes, Paul Tillich und nicht zu vergessen Paul Celan, der mehrfach von Paris nach Zürich fuhr, um den Nachmittag und Abend mit Susman zu verbringen und sie in den beiden Gedichten Singbarer Rest – Der Umriss und Vom Grossen verewigt hat.

Margarete Susmans Bedeutung für die Gegenwart

Allein Susmans Gesprächskultur und umfangreiche Korrespondenz werden im heutigen Bild als eine eigene Lebensleistung gewürdigt. Überdies hinterließ Susman, als sie am 16. Januar 1966 im Alter von 94 Jahren in Zürich starb, ein Oeuvre von 17 Büchern und etwa 250 Aufsätzen. In diesem großen, vielseitigen Werk beweist sie sich als eine Denkerin, die avant-la-garde immer wieder von Neuem die ganze Tragweite der geistigen Verschiebungen auf den Themenfeldern ihrer Zeit erfasst hat.

So haben ihr Buch Das Wesen der modernen deutschen Lyrik (1910) und ihre Besprechungen von neuer Lyrik in der Frankfurter Zeitung, wie später Hermann Levin Goldschmidt in einem Nachruf schreibt, „mit der Prägung des Begriffs vom ‚Lyrischen Ich‘ Epoche gemacht“. Susman setzt sich darin mit der Gottesabwesenheit in der Moderne und dem individuellen Ausweg in der „ästhetischen Erfahrung“ auseinander. In dem darauf folgenden Buch Vom Sinn der Liebe (1912) führt Susman die Problematik der Gottesabwesenheit weiter aus, erkennt aber ein nie versiegendes göttliches Wirken in der Liebe. Vom Sinn der Liebe gilt auch als die erste, sich den geistigen Bedingungen der Moderne stellende, metaphysische Abhandlung einer Frau. (Auf beide Bücher wird das folgende Kapitel ausführlich eingehen.) Neben dem originellen Gedanken des „Leiden am Anderssein“, an dem die Forderung der Liebe entspringt, enthält das Buch Vom Sinn der Liebe mehrere Kapitel über die Geschlechterproblematik. Sie bilden eine Grundlage verschiedener weiterer Schriften, in denen Susman – ausgehend von einem konservativen und zugleich revolutionären Frauenbild – den Weg der Emanzipation der Frau als einen „Umweg“ über den Geist des Mannes aufzeigt, damit zugleich aber den Mann dem „Gesetz Gottes“ zuführt. Parallel hierzu schrieb Susman große Essays über das Judentum. Ihre Erkenntnisse in Bezug auf die Geschlechterproblematik im Lichte ihrer jüdischen Auseinandersetzung, wie umgekehrt: auf das Judentum im Lichte von Geschlechterkonstruktionen bergen interessante Aspekte für die heutige Gender-Diskussion. Auch in einem weiteren großen Werk Susmans, Frauen der Romantik (1929), das nicht nur gern Ricarda Huchs Klassiker über die Romantik gegenübergestellt wird, lassen sich in den verschiedenen Frauenporträts chiffriert Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit auf das Christentum und Judentum beziehen.

Seit 1907 widmen sich Susmans Artikel und Essays zunehmend der Bedeutung des Judentums im abendländischen Kulturzusammenhang. Sie erschienen u. a. in der Frankfurter Zeitung, in der Literarischen Welt, in der liberal-jüdischen Zweimonatsschrift Der Morgen und in Martin Bubers Der Jude. Verschiedene Einzelaspekte darin könnten innerhalb heutiger Auseinandersetzungen für sich genommen eine eigene Susman-Rezeption begründen. So entwickelte Susman einen erkenntnistheoretischen Ansatz, der sich als „Offenbarung aus dem Gesetz Gottes“ bezeichnen lässt. Susman interpretierte die Verbindung zwischen „Gesetz“ und „Gemeinschaft“ auf eine Weise, die Berührungspunkte mit heutigen kommunitaristischen Konzeptionen aufweist und überhaupt: die Religion neu in ein Spannungsverhältnis zur Politik stellt. Susmans Duktus zeichnet sich implizit durch eine religiös-säkulare Bejahung des demokratischen Rechtsstaates aus und muss in Opposition zu theokratischen Politikvorstellungen seitens der Religionen gelesen werden. Susman entfaltete außerdem eine „Theorie des Exils“ und eine „Kritik des Zionismus“, die nicht nur dem heutigen Post-Zionismus vorausläuft, sondern auch die Auseinandersetzung mit Diaspora-Identitäten bereichern könnte. Darüber hinaus geht es ihr um einen messianistischen Politikbegriff, der den Sinn aller Politik als einen „menschheitlichen“ versteht, dabei jedoch auf das Gesetzesdenken der politischen Tradition des Judentums nicht verzichtet.

Es gibt viele Gründe dafür, Susman zusammen mit Franz Rosenzweig zu rezipieren – der wichtigste ist natürlich Susmans jüdische Religionsphilosophie in Bezug auf das „Gesetz“, die sich teilweise mit der von Rosenzweig trifft. Ein weiterer Grund ist Susmans Verhältnis zum Christentum. Parallel zum Erscheinen von Rosenzweigs Stern der Erlösung (1921) entwarf auch sie Vorstellungen von einer gleichberechtigten, gegenseitigen Befruchtung von Judentum und Christentum. Susmans Anliegen führte Jahrzehnte später zu Gershom Scholems viel zitierter, abschätzigen Bemerkung, dass es nie ein „deutsch-jüdisches Gespräch in irgendeinem echten Sinne“ gegeben habe. Unerwähnt bleibt dabei zumeist, dass sich Scholems Worte auf Margarete Susman bezogen. Heutige Bestrebungen eines multi-religiösen und multi-kulturellen Dialogs, an dem Juden selbstbewusst teilnehmen, können jedoch gar nicht anders als am einstigen „deutsch-jüdischen Gespräch“ anzuknüpfen, da damals nach wie vor wichtige Grundlagen hierfür gelegt wurden. Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass Susmans Bemühungen, Judentum und Christentum aufeinander zu richten, auch eine Kritik gegenüber dem Christentum hervorbrachte. Susman sah eine Erstarrung des Christentums als die Konsequenz der christlichen Akzeptanz des Bildnis Gottes und einer damit einhergehenden Verbildlichung der Gestalt. Susmans Kritik wie überhaupt ihrer Auseinandersetzung mit dem Christentum enthalten sicherlich einige Herausforderungen auch für die zeitgenössische christliche Theologie.

Ein weiteres Feld, auf dem Susman bahnbrechend wirkte, ist ihre Kafka-Deutung. 1929 erschien ihr großer Kafka-Aufsatz, der als die erste ernst zu nehmende Interpretation der Schriften Kafkas gilt. Susman stellt darin den Schriftsteller auf eine Weise in die Beziehung zum „Gesetz Gottes“, wie es erst neuerdings auch in der Kafka-Rezeption getan wird. Eine Fortsetzung hiervon sind Susmans religionsphilosophische Analysen des Faschismus und Nationalsozialismus, die in Leonhard Ragaz’ Neuen Wegen erschienen und zugleich Susmans bekanntestes Werk: Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes (1946) ebneten. Lange bevor andere jüdische Denker wie Elieser Berkovits oder Emil Fackenheim Ansätze einer „Auschwitz-Theologie“ entwickelten, wagte Susman in diesen Schriften die Frage, ob nach der Katastrophe für die Juden Europas noch eine Theodizee möglich ist – auch dies ein Gegenstand gegenwärtiger philosophischer und theologischer Kontroversen.

Immer unzweifelhafter erscheint überdies Susmans Einfluss auf ihre geistigen Weggefährten. Anna Czajka hat nachgezeichnet, wie sich der „persönlich-schöpferische Dialog“ zwischen Bloch und Susman in beider Werk, vor allem in verschiedenen Abschnitten von Geist der Utopie, niedergeschlagen hat. Susman habe Bloch, der einen „Glauben ohne Gott“ entwarf, zugleich das Judentum wieder nahegebracht. Daniel Hoffmann hat die geistige Beziehung zwischen Wolfskehl und Susman in Wolfskehls Gedichtezyklus Die Stimme spricht herausgearbeitet. In Wolfskehls Gebrauch des Wortes „Gesetz“ als der geistigen Gestalt der Tora klingt ganz stark Susman an. Ihre Aufsätze über die Bedeutung des Gesetzes müssen ihn nachhaltig geprägt haben. In der zweiten Auflage von Die Stimme spricht widmete Wolfskehl die Hymne Traure nicht! mit „Für M.S.“. Nach seiner Flucht in die Schweiz suchte Wolfskehl fast täglich die Nähe zu Susman und redete sie in seinen Briefen mit „Meine Schwester!“ an. Auf die Veröffentlichung von Susmans Hauptwerk: Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes folgte Wolfskehl mit Hiob oder Die vier Spiegel (1950).

Es sind von Susmans Verehrern viele große Worte über sie gesagt worden: Walter Nigg rühmte in ihrem Werk „Umrisse“ einer neuen Religionsphilosophie – einer „Religionsphilosophie existentieller Art“. Manfred Schlösser sah in ihr „die bedeutendste Vertreterin deutsch-jüdischen Geisteslebens“. Landauer sprach vom „weiblichen Ideengestalter und Weltordner“. Und der von Michael Landmann später formulierte Text für Susmans Ehrendoktorwürde bezeichnet Susman schlechthin als „die Gestalt der schöpferischen Frau“.

Elisa Klapheck wurde 1962 in Düsseldorf geboren und wuchs in Holland auf, wohin sich ihre Familie vor dem Naziterror gerettet hatte. Sie studierte Politikwissenschaft und Judaistik in Nijmegen und Berlin und arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie sich in den 1990er Jahren in der jüdischen Erneuerungsbewegung in Deutschland engagierte und die liberale Synagoge Oranienburger Straße in Berlin mitbegründete. 2004 wurde sie zur Rabbinerin ordiniert und ist seit 2009 Rabbinerin des Egalitären Minjan in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.
www.elisa-klapheck.de

Auszug aus: Elisa Klapheck, Margarete Susman und ihr jüdischer Beitrag zur politischen Philosophie, Kapitel 2. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2014

Mit freundlicher Genehmigung © Hentrich & Hentrich Verlag

In der vorliegenden Fassung wurde auf Fußnoten verzichtet.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.7.2014

Elisa Klapheck
Margarete Susman und ihr jüdischer Beitrag zur politischen Philosophie
Hardcover, 408 Seiten, 25 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-036-0
Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2014

Buch bestellen