Ein neuer Film von Angelo Bozzolini handelt von der Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Der Filmtitel suggeriert, dass es eine spezifisch italienische Art des Musizierens gebe. Abgesehen vom fragwürdigen Titel gewährt der Film einen Blick hinter die Kulissen und besticht durch die liebevolle Kameraarbeit mehrerer Kameramänner, findet Thomas Rothschild.

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Enzyklopädie des Dirigierens

Von Thomas Rothschild

Dieser Film von Angelo Bozzolini handelt von der Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia, einer ehrwürdigen Institution, die sich in den vergangenen Jahren in die erste Riege der Symphonieorchester hochgearbeitet hat, zuletzt unter ihrem italienischstämmigen englischen Dirigenten Antonio Pappano. In Interviews, auch mit Solisten, die mit dem Orchester aufgetreten sind, und zwischengeschnittenen kurzen Szenen aus dem Privatleben einzelner Musiker soll die Eigenart dieses Orchesters gekennzeichnet werden. Der Titel „Die italienische Art“ suggeriert, was der Film zu beweisen sucht: dass es eine spezifisch italienische Art des Musizierens gebe, die sich von der deutscher oder englischer Orchester unterscheide. Wenn das zutrifft, ist man von nationalen Heterostereotypen, von den Klischees eines „Nationalcharakters“ nicht weit entfernt. Demnach wären die Italiener weniger organisiert, weniger präzise, aber dafür leidenschaftlicher und herzlicher als die anderen. Dass es nicht ohne Spuren bleibt, wenn man mit Verdi und Puccini aufwächst, statt mit Beethoven oder Elgar, mag ja sein. Ob freilich der Klang eines Orchesters national bedingt ist, kann man bezweifeln. Was geschieht zum Beispiel, wenn ein Engländer, ein Lette oder ein Italiener Leiter eines deutschen Orchesters wird und dieses über Jahre hinweg prägt? Aber wenn die italienischen Musiker sich selbst so sehen, liegt es nicht an uns, sie zu korrigieren.

Fast noch spannender als das Porträt des Orchesters, das der Film auch auf einer Tournee durch Deutschland begleitet, sind die Aufnahmen mit diversen Dirigenten, mit denen es gearbeitet hat, und deren Aussagen. Sie nehmen die erste Hälfte des Films ein und ergeben ein aufschlussreiches Spektrum dirigentischer Temperamente und Techniken. Dass sich die Orchestermusiker über jeden einzelnen Maestro nur bewundernd äußern, mag am Respekt vor der Kamera liegen oder auch an der Zensur am Schneidetisch. Für den Zuschauer jedenfalls ist dieser Blick hinter die Kulissen ein reines Vergnügen. Und wenn es da eine Steigerung gibt, so bildet Georges Prêtre mit Ravels „Bolero“ den Höhepunkt. Das ist ein Schauspiel erster Güte.

Der Film besticht nicht zuletzt durch die liebevolle Kameraarbeit mehrerer Kameramänner. Der visuelle Ehrgeiz ist nicht zu übersehen, und was der Regisseur vielleicht gerne gemacht hätte, wenn ihm das Thema nicht Grenzen gesetzt hätte, sieht man nach dem Abspann: Da spielt eine Frau unter Wasser Kontrabass. Wir dürfen davon ausgehen, dass das nicht zum Alltag der Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia gehört.

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erstellt am 03.7.2014

The Italian Character
DVD (Engl. Original mit dt. Untertitel)
Dokumentation, 100 Min.
EuroArts

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