Der Italiener Luchino Visconti wurde in den fünfziger Jahren zu einem der Großmeister des Kostüm- und Ausstattungsfilms. Sein Film „Sehnsucht“ von 1954 beginnt in Venedigs Teatro La Fenice, zur Musik von Verdis „Troubadour“. Es sind die Zutaten am Rande und in den Massenszenen sowie die Bildkompositionen, die „Sehnsucht“ zu einem Meisterwerk machen, meint Thomas Rothschild.

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Risorgimento und große Gefühle

Von Thomas Rothschild

Der Kostümfilm hat, jedenfalls in Deutschland, einen schlechten Ruf. Er gilt als altmodisch, auf verdächtige Weise populär, stets zum Kitsch tendierend. Aber mit dem Kostümfilm verhält es sich wie mit anderen eher abschätzig beurteilten Genres, nicht nur im Film: Es kommt darauf an, wer sich ihrer annimmt. Sie sind nicht an sich, sozusagen inhärent, unvermeidlich minderwertig, sondern sie werden es durch minderwertige Ausführung. In seinen besten Exemplaren vermochte der Kostümfilm, den es so lange gibt wie den Film überhaupt, vergangene Epochen auf eine Weise zum Leben zu erwecken wie keine andere Kunst. Das Kostüm hat ja durchaus eine ästhetische Funktion, und gerade in der Differenz zur heutigen, uns vertrauten Kleidung vermittelt es Erkenntnisse in einer Weise, die der Verfremdung verwandt ist. Gerade in unserer Zeit, in der in den Künsten gern nach dem unmittelbaren Bezug zur Gegenwart, zur alltäglichen Erfahrung gefahndet wird, kann der Kostümfilm eine, wenngleich rückwärts gewandte Utopie formulieren. Aber auch die rückwärts gewandte Utopie, die man vorschnell als reaktionär abqualifiziert, hält das Bewusstsein wach für die Tatsache, dass, was ist, so nicht unbedingt sein müsste, dass Alternativen denkbar sind.

Der Italiener Luchino Visconti, der mit „Ossessione“ und „La terra trema“ als einer der Repräsentanten des Neoverismo galt, wurde in den fünfziger Jahren zu einem der Großmeister des Kostüm- und Ausstattungsfilms. Und wer da meint, das Genre stehe zum intimen Kammerspiel in diametralem Gegensatz, wird durch Visconti eines Besseren belehrt. Bei ihm kommen die Genauigkeit des Details, die psychologische Akribie, für die die Nah- und Großaufnahme das optimale Gestaltungsmittel sind, und die üppige Inszenierung in Ensembleszenen auf überzeugende Weise zusammen.

„Senso“ (deutscher Titel: „Sehnsucht“) von 1954 beginnt in der Oper, in Venedigs Teatro La Fenice, zur Musik von Verdis „Troubadour“. Viscontis Affinität zur Oper ist bekannt, und sie bestimmt auch seine Filmästhetik. Pathos ist für ihn nicht negativ besetzt. Das Risorgimento gibt die historische, Venedig und dann die Umgebung von Verona die architektonische Kulisse für die melodramatische Handlung ab. Mit Alida Valli, einem der großen Stars des italienischen Kinos, hatte Visconti eine ideale Hauptdarstellerin. Sie war übrigens, wie Visconti und wie die Heldin des Films, adeliger Herkunft.

Der Kern der Fabel – ein skrupelloser Mann täuscht einer älteren Frau Liebe vor, um an ihr Geld zu gelangen – ist nicht sonderlich originell. Es sind die Zutaten am Rande und in den Massenszenen sowie die Bildkompositionen, die „Senso“ zu einem Meisterwerk machen. Und zu mehr, als einem Melodrama: Es ist auch eine Parabel über den Untergang des Habsburgerreichs.

„Senso“ erinnert nicht so sehr an andere italienische Filme wie an Max Ophüls. Ophüls ist ironischer, aber in der Figurenzeichnung, in der Inszenierung menschlicher Beziehungen gibt es zwischen ihm und dem nur vier Jahre jüngeren Visconti erstaunliche Gemeinsamkeiten.

Viscontis Assistenten bei „Senso“ waren übrigens Francesco Rosi und Franco Zeffirelli. Der Film als Oper hat Geschichte gemacht.

Originaltrailer zu „Sehnsucht“ (In italienischer Sprache)

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erstellt am 03.7.2014

Luchino Visconti
Sehnsucht (1954) Digital Remastered
DVD, ca. 118 Minuten
Studio Canal, 2014

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