Kühnheit wurde Sibylle Lewitscharoff in der Laudatio zu ihrem Büchnerpreis attestiert. Doch daran fehlt es ihrem Krimidebüt „Killmousky“ im beträchtlichen Maße. Kirsten Reimers hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Der falsche Maßstab

Sibylle Lewitscharoffs Kriminalroman „Killmousky“

Von Kirsten Reimers

Mit „Killmousky“ hat Sibylle Lewitscharoff ihren ersten Krimi vorgelegt. Einen, in dem ein gutmütiger Ex-Kommissar mit ein paar liebenswerten Macken und ein schwarzer Kater – eben: Killmousky – vorkommen. Ein Krimi zum Schmunzeln. Mit Katze. Da kann doch gar nichts schiefgehen, oder? Da sind doch alle wichtigen Zutaten eines Krimis drin, nicht wahr? Zumindest aus Marketingsicht ist der Krimi auf der sicheren Seite.

Natürlich kann man bei der Beurteilung dieses Krimis „die Latte etwas tiefer hängen“, wie Literaturkritikerin Iris Radisch meint – aber warum sollte man? Warum sollte man andere Maßstäbe anlegen als an die übrigen Romane von Sibylle Lewitscharoff? Oder als an gute Kriminalromane? Denn dass es die gibt: gute, literarisch wie intellektuell anspruchsvolle Krimis, die die Realität einfangen und hinterfragen – dass es solche Kriminalromane gibt, ist keine Frage. Da muss man gar nicht Dostojewskis „Schuld und Sühne“ (was im Übrigen kein Kriminalroman ist) oder Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ (wirklich ein Krimi?) heranziehen. Ein Blick auf die aktuelle KrimiZeit-Bestenliste genügt.

Es gibt natürlich schlechte Krimis, grottenschlechte. Aber es gibt auch schlechte Romane, enorm schlechte. Aber muss man sich darum am unteren Rand orientieren? Warum keinen guten Krimi scheiben?

Schablonen und fruchtlose Anspielungen

Handwerklich ist der Krimi von Sibylle Lewitscharoff etwas dürftig. Die Figuren kommen kaum aus ihren Schablonen heraus: der reiche, autoritäre amerikanische Auftraggeber, alt und verbittert, seine älteste Tochter schön und eiskalt, mit Alkoholproblemen, die jüngste Tochter verhuscht und ungeliebt, jetzt tot, der viel zu attraktive Schwiegersohn, der nur ein Heiratsschwindler sein kann und darum Mörder sein muss, der Detektiv rechtschaffen, aus kleinen Verhältnissen und mit Kindheitstrauma. Diverse Nebenfiguren tragen etwas gewollte Namen (Dorothy Parker, Wolpertinger, Wirsing – und sollte Larson vielleicht ein Fingerzeig auf Larsson sein?), die Anspielungen auf Raymond Chandlers „The Big Sleep“ bleiben ohne inhaltliche oder konzeptionelle Verankerung – mehr so was fürs Quiz im Oberseminar: Wer entdeckt die meisten Zitate?

Der Plot ist bescheiden und vorhersehbar, naheliegende Fragen werden nicht gestellt, Offensichtlichkeiten erst sehr spät thematisiert – sonst wäre nämlich alles schon nach rund 100 Seiten vorbei gewesen. Der Fortgang ist behäbig. Und sprachlich – nun ja: Gespreiztheiten, Phrasen, Geschwätzigkeiten. Besonders Geschwätzigkeiten. Gern wird geschildert, was die Figuren frühstücken. Oder wie das Hotel ausgestattet ist. Das bringt weder die Handlung voran, noch charakterisiert es die Personen oder gibt die Atmosphäre wieder. Diese Passagen kreisen allein um sich selbst, sie sind reine Dekoration in gespreizter Diktion.

Im Sozialzoo

Die Aufklärung des Falles hat wenig mit Ermittlungen oder Logik zu tun, sondern geschieht durch Zufall. Überhaupt: der „Fall“: Wurde die verhuschte, ungeliebte Tochter umgebracht oder hat sie Selbstmord begangen? Warum Schlaftabletten und ein Sturz von der Dachterrasse? Wie eine Figur im Roman zu recht feststellt: „Mir erscheint das ganze Todesmanöver ziemlich dick aufgetragen.“
Mir auch.

Mir scheint der ganze Krimi zu dick aufgetragen, besonders die Oberflächenabdeckung ist reichlich. Denn darunter ist es mager. Im Interview mit Denis Scheck in der Sendung „Druckfrisch“ vom 4. Mai 2014 erklärte Sibylle Lewitscharoff, es gehe in ihrem Krimi stark um „das Soziale“, sie habe „verschiedene Soziallagen“ „einfangen“ wollen: Alte, Reiche, Sekretärinnen. „Einfangen“ trifft es ganz gut: Man fühlt sich beim Lesen, als würde die Autorin einen durch einen Sozialzoo führen: Hier die Reichen, dort die Alten, und schau, die Sekretärinnen – wie eigentümlich sie sind. Sibylle Lewitscharoff malt soziale Milieus, doch diese spielen keine tragende Rolle. Auch sie sind nur Dekoration. Wie soziale Fragen in Kriminalromane eingehen und die Handlung motivieren können – dazu gibt es schon auf mäßigem Kriminiveau ganz hervorragende Beispiele. „Killmousky“ aber gehört nicht dazu.

Fehlender Mut, fehlende Trennschärfe

Alles in allem ist dies ein geschwätzig-behäbiger Krimi, der zu arg auf die Schmunzel- und Gemütlichkeitskomponente setzt: etwas für Menschen, denen schon „Derrick“ zu actionlastig und intellektuell zu fordernd war.

Was nun? Sollen wir die Latte wirklich tiefer hängen, wenn wir einen Krimi vor uns haben? Gehen Krimi und Literatur nicht zusammen? Sind die Kriminalromane von Heinrich Steinfest reiner Zufall? Aber vielleicht ist es einfach so, dass Sibylle Lewitscharoff das Genre Krimi falsch verstanden hat: Zu einem guten Krimi gehören Mut und Trennschärfe, um jenseits des Mainstreams eigene Ausdrucksweisen zu finden. Wenn man sich am Mittelmaß orientiert, kann nur Mittelmaß herauskommen.

Kommentare


Marion Hinz - ( 11-07-2014 11:41:05 )
Vielen Dank für diese Kritik, die exakt mit meinem (zum Glück nur Hörerlebnis auf NDR Kultur) übereinstimmt. Dafür musste ich das Buch nicht einmal in die Hand nehmen und ich bin froh darüber. Weder als Krimi geschweige denn als Literatur hat mich dieser Roman überzeugt.

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erstellt am 03.7.2014

Sibylle Lewitscharoff
Killmousky
Roman
Gebunden, 223 Seiten
ISBN: 978-3-518-42390-5
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

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