Zum ersten Mal in ihrer 41-jährigen Geschichte zeichnet die Autorenstiftung einen Dokumentarfilm mit dem Preis der Autoren aus: »Jerusalem for Cowards«. Die Jury würdigt damit eine Autorenschaft, die weniger in der Erfindung als in der Entdeckung besteht, in der Beobachtung, Ordnung und filmischen Erläuterung von Tatsächlichem. Wie sich dies in dem von Dalia Castel und Orit Nahmias realisierten Film »Jerusalem for Cowards« manifestiert und was die Jury so besonders beeindruckt hat, legt Laudator Claudius Lünstedt dar.

Jerusalem for Cowards - Anfang - DE_SUB from dalia castel on Vimeo.

Laudatio – Preis der Autoren 2014

Jerusalem for Cowards

Von Claudius Lünstedt

Jeder, der seiner Heimatstadt irgendwann einmal für immer den Rücken kehrte, kennt vermutlich solch zwiespältige Gefühlspaare, die sich bei Besuchen Zuhause einstellen: zwischen Freude und Melancholie, zwischen Erinnerung und Wiedererkennen, zwischen ganz bewusster Distanzierung und zwangsläufiger Zugehörigkeit, vielleicht sogar zwischen Hass und Liebe. Es sind, wie Dalia Castel und Orit Nahmias es sagen würden, so etwas wie „Eltern-Gefühle“: irgendwie kehrt man wie ein Bumerang immer wieder zurück, aber sobald man da ist, will man auf der Stelle weg. Und natürlich macht es bei alldem noch einmal einen gewaltigen Unterschied, ob man in einem bayerischen 200-Seelen Dorf groß geworden ist, so wie in meinem eigenen Fall – Veränderungen liegen dort bis heute im Bereich einer angehobenen Maibaum-Höhe oder der Modernisierung einer Feuerwehrflotte. Oder aber, ob man eben in Jerusalem aufwuchs. Also in derjenigen Stadt, die für unzählige Menschen auf der Welt ein Sehnsuchtsort ist, einer der faszinierendsten Städte überhaupt, aber auch einer Stadt, die Haltung fordert, eine, die ein Bekenntnis verlangt, eine, die auch einen Tagesbesucher nicht unbehelligt lässt.

Dalia und Orit wuchsen beide in Jerusalem auf, in einem damals säkularen, man könnte auch sagen … „alternativen“ Viertel. Ihre Eltern gehörten in den 1970er Jahren zu den Mitbegründern einer Schule, der sie einen möglichst weltoffenen Lehrplan verpasst hatten. Es war natürlich auch die Schule der Nachbarskinder Dalia und Orit. Nachmittage verbrachten die beiden Freundinnen am liebsten in der Cinématheque – Dalia entdeckte dort ihre Liebe zum Film, Orit kam vor allem wegen der coolen Typen, die dort abhingen. Und heute, etwa zwanzig Jahre später, gibt es die Cinématheque zwar immer noch, die Fenster der Schule sind jedoch vernagelt, ihr Gelände als Parkplatz zweckentfremdet. Das Gesicht das Viertels hat sich gewandelt – für Dalia und Orit ist es nicht wiederzuerkennen. Warum das so ist, und wie es dazu kam, dass die beiden, wie so viele ihrer Generation, Nomaden wurden und nach einigen Zwischenstationen inzwischen in Berlin wohnen, und vor allem wie es der Stadt Jerusalem, ganz ihrem eigenen Selbstverständnis verpflichtet, mal wieder gelang, sich durchzusetzen und sogar ihren beiden besonders kritischen und abtrünnigen Ex-Bewohnerinnen insgeheim eine Hommage abzutrotzen, davon erzählt der Dokumentarfilm „Jerusalem for Cowards“, den die Jury der Autorenstiftung Frankfurt am Main – (das sind unter dem Vorsitz von Annette Reschke, der Theater- und Prosaautor und Übersetzer Kristof Magnusson, der Drehbuchautor David Ungureit und ich) mit dem Preis der Autoren 2014 auszeichnet. Die Idee zum Film entstand gemeinsam, Dalia führte Regie und Kamera und arrangierte die Montage, Orit schrieb das Buch und sprach den Erzähler-Text.

Auf der Suche nach einem preiswürdigen Werk in der diesjährig von uns gewählten Autorensparte „Dokumentarfilm“ konnte sich „Jerusalem for Cowards“ auf Anhieb durchsetzen. Der Preis der Autoren ist der deutschlandweit einzige Preis von Autoren für Autoren. Und Autoren-Handschrift lässt sich in „Jerusalem for Cowards“ in bester Manier ablesen. Entstanden ist ein Film, der, wie Dalia und Orit einmal sagten, einfach mit ihren vier Händen gemacht ist, „hand-made“ im wahrsten Sinn. Das meint: ein Film, der nicht den Bedürfnissen eines Auftrag- oder Geldgebers folgt. Ein roher Film, gemacht mit dem und aus dem, was zur Verfügung stand. Ein Film, der, zwar im Konzept fest, flexibel auf das reagiert, was im Moment des Drehs passiert und sich auf diese Weise der Stadt Jerusalem anpasst. Schließlich muss man, so Dalia einmal augenzwinkernd, in Jerusalem eigentlich nur die Kamera auf einer Straße abstellen, nach ein paar Stunden wiederkommen, und schon ist der Film im Kasten. Was etwas flapsig klingt, verrät im gleichen Atemzug etwas über Dalias Werdegang: sie lernte ursprünglich Filmschnitt und hat mit „Jerusalem for Cowards“ inzwischen ihren dritten Dokumentarfilm vorgelegt, weil sie es liebt, Geschichten aus bereits vorhandenem oder authentischem Stoff neu zu montieren.

„Jerusalem for Cowards“ ist ein Dokumentarfilm im besten Sinn: pur und unverfälscht, drängend im Thema und sehr persönlich im Schreibanlass: vordergründig als melancholisch-selbstironisch bittere Abrechnung mit der Heimat gedacht, dabei jedoch das Lebensgefühl einer ganzen Generation erfassend. Einer Generation, die sich kosmopolitisch gibt, jedoch nirgends zuhause fühlt. Einer Generation, von der Flexibilität über alles Maß gefordert wird. Einer sehnsüchtigen und reisehungrigen Generation, die sich in den Wolken zuhause fühlt. Sich in den Wolken zuhause fühlt und doch gern eine Heimat hätte. Gern eine Heimat hätte, nur: eben nicht die eigene.

Ein Feigling oder Hasenfuß, so wie es der Titel andeutet, ist natürlich weder Dalia, noch Orit. Ohne Dalia hätte es die Initialzündung zum Film vermutlich nicht gegeben, ohne Orits Mut und Fähigkeit, direkt auf Menschen zuzugehen, fehlten die faszinierendsten Momente und der ausbalancierte Erzähltext – auch das kommt nicht von ungefähr: Orit ist Schauspielerin, war in Produktionen in ganz Israel zu sehen und wirkt derzeit an der Schaubühne Berlin und am Maxim Gorki Theater. Kurz: die beiden Autorinnen brauchten sich gegenseitig. Sie brauchten sich gegenseitig für ihren „Good-bye-Film“, wie die beiden „Jerusalem for Cowards“ selbst benennen. Ein Film, der genau die Stadt verabschiedet und doch festhält oder bannt, die die beiden vor Jahren freiwillig verließen. Doch wenn man etwas festhält, macht man das am Ende natürlich deshalb, damit es einem niemand mehr wegnehmen kann.

„Wir sind grandios gescheitert“, fasste Orit das Projekt neulich zusammen. Es ist wohl das beste Scheitern, das uns als Autorenstiftung passieren konnte. Kunst, die aus einem Bedürfnis heraus entsteht, wandert immer auf dem Grad. Auftragskunst findet sich oft selbst perfekt und erstarrt nicht selten in der Pose. Freuen wir uns, dass die Stadt Jerusalem den beiden diesen außergewöhnlichen Film abgerungen hat. Freuen wir uns über unsere Preisträgerinnen Dalia Castel und Orit Nahmias. Freuen wir uns auch darüber, dass wir, die Jury, in diesem Jahr als Perlentaucher tätig waren und zwei Talente neu entdeckt haben.

Claudius Lünstedt, geboren 1973 in München. Studium der Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Lebt in Berlin und unterrichtet dort auch „Szenisches Schreiben“ am Theaterwissenschaftlichen Institut der Freien Universität.

Kommentare


Peternell - ( 10-07-2014 02:21:08 )
Wo kann ich den Film sehen/beziehen?

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erstellt am 02.7.2014

Orit Nahmias wurde 1977 in Jerusalem geboren und absolvierte in Tel Aviv eine Schauspielausbildung. Für ihr Drama Why Me? wurde sie beim Israeli Teatro Neto Festival 2008 ausgezeichnet. Orit Nahmias wirkte in unterschiedlichen Theaterproduktionen in ganz Israel mit, darunter Taxi, Revizor und Reluctant Heroes. An der Schaubühne war sie in Dritte Generation sowie in Day Before the Last Day von Yael Ronen & Company zu sehen. 2013 schrieb sie das Drehbuch für den Dokumentarfilm Jerusalem for Cowards.

Dalia Castel ist in Jerusalem aufgewachsen und studierte Filmeditor in Tel Aviv. 1998 wurde ihr Film Urban Feel (Regie: Jonathan Sagall) für den israelischen Oskar nominiert. Ein Jahr später zog Dalia Castel nach Rom . Seit 2006 lebt und arbeitet sie als Filmemacherin in Berlin. Zusammen mit Alessandro Cassigoli realisierte sie u.a. den Film In the Bubble. 2011 entstand in Israel der Dokumentarfilm Jerusalem for Cowards.