Zur visuellen Attraktion von Konzerten trägt ein ästhetischer Faktor bei: Musizierende Menschen sind immer schön. Weiter gedacht, lösen Musiker ein, was jenseits der Künste in Vergessenheit geraten ist: die Schönheit der Arbeit. Musizieren ist gewissermaßen unentfremdete Arbeit, meint Thomas Rothschild in seinem dritten Bericht von den Ludwigsburger Festspielen.

Ludwigsburger Festspiele

Von der Schönheit der Musik und der Musiker

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2014, Teil 3

Von Thomas Rothschild

Bei symphonischen Orchesterkonzerten können die Ludwigsburger Schlossfestspiele nicht mit den großen Festivals wie Salzburg oder Luzern konkurrieren. Was Wunder: Das Budget des Ludwigsburger Events, das sich immerhin über zweieinhalb Monate hinzieht, beträgt gerade 5 Prozent des Betrags, der Salzburg zur Verfügung steht. Bei der Kammermusik hingegen konnten sich die Schlossfestspiele profilieren. Insbesondere die Alte Musik, die in Salzburg etwa eher kurz kommt, ist in Ludwigsburg in bester Qualität zu hören. Und sie passt auch genau in das Ambiente des barocken Ordenssaals. Die Tendenz zur Melagomanie, die Festivals wie ein Geburtsfehler innezuwohnen scheint, ist der Kammermusik eher abträglich. Small is beautiful.

Das bewährte sich auch bei einem Konzert mit dem Titel „Celtic Baroque“. Ein siebenköpfiges Ensemble, bestehend aus der Blockflötistin Dorothee Oberlinger, den Gambisten Vittorio Ghielmi, Cristiano Contadin und Christoph Urbanetz, der Harfenistin Johanna Seitz, dem Dudelsackspieler Fabio Rinaudo und dem Perkussionisten Fabio Biale, der auch die Geige spielt, vor allem aber die Bodhrán schlägt, lieferte ein nicht alltägliches, vom Publikum umso begeisterter aufgenommenes Programm von Kompositionen wenig bekannter Komponisten des 16. bis 18. Jahrhunderts, die sich von irischen und schottischen Liedern und Tänzen inspirieren ließen. Da klangen nicht nur heute noch vertraute Folksongs, Reels und Jigs an, sondern auch die Harmonien der Folia oder von Pachelbes Kanon.

Das Kammerorchester Kremerata Baltica heißt, anklingend an die geläufige Camerata, nach seinem Gründer, dem Starviolinisten Gidon Kremer. Es hat sich aber längst zu einem eigenständigen Klangkörper emanzipiert, der ohne Dirigenten auskommt. Insbesondere in den Pianissimi beweist die Kremerata eine Perfektion der Tongestaltung und des Zusammenspiels. Sie darf heute zu den Spitzenensembles dieses Formats gerechnet werden. Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen stellt sie für das Festivalorchester eine bedrohliche Herausforderung dar.

Instrumentalkonzerte sind ihrem Wesen nach dialogische Unternehmungen. Der Solist tritt mit dem Orchester in ein Zwiegespräch, das freilich, je nach Persönlichkeit, intensiv, konzentriert oder eher oberflächlich sein kann. Igor Levit erreicht mit der Kremerata Baltica das Ideal solch eines Dialogs, bei dem die Partner aufeinander eingehen, wobei ihm mit Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 271, das früher den Namen „Jeunehomme“ trug und nach neueren Entdeckungen „Jenamy“ heißt, freilich auch dankbares Material geboten wird.

Zwischen Mozart und der an Kitsch grenzenden, aber mit Sinn für Effekte komponierten Serenade für Streichorchester C-Dur op. 48 von Tschaikowski spielten Levit und die Kremerata das ebenso kurze wie mit seiner einprägsamen, insistierenden Wiederholung einer Quinte beeindruckende Charakterstück von Benjamin Britten aus dem Jahr 1939 „Young Apollo für Klavier und Streichorchester op. 16“. Als Zugabe überraschte Levit mit der Bearbeitung eines bekannten amerikanischen Gewerkschaftslieds durch den Avantgardekomponisten Frederic Rzewski.

Mit einem ungewöhnlichen Programm, das nach England und Skandinavien führte, wartete das „Wunderkind“ der Klavierszene, der zweiundzwanzigjährige Kit Armstrong auf. Das bekannteste Werk war Edvard Griegs Suite „Aus Holbergs Zeit“. Neben Grieg, William Byrd und Beethovens Variationen über „Rule Britannia“ stellte Armstrong den bei uns kaum bekannten, 1893 geborenen Dänen Rued Langgaard, der immerhin nicht weniger als 16 Symphonien hinterlassen hat, und seinen nicht weniger unbekannten Zeitgenossen, den Briten Kaikhosru Shapurji Sorabji vor – und das ist wörtlich zu verstehen: In perfektem Deutsch und mit fulminanten Kenntnissen kommentierte der Pianist deren Kompositionen. In einer von Sorabjis Etüden, „Mano sinistra sempre sola“, also allein für die linke Hand, konnte Armstrong sein nicht nur musikalisches, sondern auch schier unglaubliches technisches Können unter Beweis stellen. Wie er es schafft, mit einer Hand die einzelnen Stimmen einer Fughetta hörbar zu machen, grenzt an ein Wunder. Dass Kit Armstrong einer neuen Generation angehört, bemerkte man an einem Detail: Bei einigen Stücken ersetzte ein E-Book-Reader das Notenpapier. Das spart den Notenwender neben dem Pianisten oder die Verhedderung in zusammenklebenden Blättern: Eine kurze Berührung des Displays gibt die nächste Seite frei.

In ein weiteres nordisches Land, nach Finnland, führte ein Projekt, das das Delian Quartett zusammen mit dem norwegischen Bandoneonspieler Per Arne Glorvigen und dem finnischen Sänger Taneli Turunen speziell für Ludwigsburg realisiert hat: eine Folge von finnischen Tangos. Dank den CDs der Labels Oriente und Trikont sind wir über die internationale Verbreitung des ursprünglich aus Argentinien stammenden Tangos und auch über seine finnische Spielart informiert. Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen war sie freilich in eine nicht erwartbare Umgebung eingebettet. Zwischen Turunens Tango-Serien spielten die Instrumentalisten eine Komposition von Glorvigen, die unüberhörbar von Astor Piazzolla, dem modernen Meister des Bandoneons, beeinflusst ist. Vor der Pause erfreute das Delian Quartett ganz und gar „klassisch“ mit Werken von Sibelius und Beethoven. Das Publikum reagierte auf diese bunte Mischung mit Begeisterung. Offenbar ist Fußball doch nicht unser Leben und auch nicht die einzige schöne Nebensache der Welt.

Über das Projekt „Il Pergolese“ haben wir bereits anlässlich der CD-Veröffentlichung berichtet. Konzerte haben gegenüber Tonkonserven Nachteile. Man kann sie nicht nach Belieben wiederholen, unterbrechen, synchron kommentieren, und man muss, wie Intendant Wördehoff mit immer neuen launigen Ansagen ermahnt, sein Handy ausschalten. Aber sie haben auch Vorteile. Nicht so sehr, wie in vergangenen Zeiten, wegen der Akustik – die ist, bei intelligent aufgenommenen CDs und guten Anlagen kaum schlechter als im Konzertsaal –, sondern weil Konzerte auch ein visuelles Ereignis sind. Im speziellen Fall von „Il Pergolese“ ist es der Perkussionist Michele Rabbia, der den Blick auf sich zieht. Im Konzert kann man beobachten, wie er, mit ansehnlichem körperlichen Einsatz, all die Geräusche erzeugt, die man von der CD eben nur hört. Zur visuellen Attraktion von Konzerten trägt noch entscheidender ein weiterer, ein ästhetischer Faktor bei: Musizierende Menschen sind immer schön. Mag sein, dass die Musik sie zu verschönern scheint. Aber es ist, objektivierbar, die Ernsthaftigkeit, die Konzentration, die sich in den Gesichtern der Musiker abzeichnet, was ihnen eine anrührende Schönheit verleiht. Es ist das Gegenteil der Grimasse, mit der die ewig aufgekratzten, nur scheinbar komischen Entertainer zu unterhalten versuchen. In den Gesichtern von Musikern – im Fall von „Il Pergolese“ in den Gesichtern der Sängerin Maria Pia De Vito, der Cellistin Anja Lechner, die beide in langen Abendkleidern, aber barfüßig auftreten, des Pianisten François Couturier und des Perkussionisten Michele Rabbia – verschmilzt, was man hört und was man sieht, zu einer Einheit. Und man versteht die Heiterkeit, mit der sie, wenn sich die Spannung am Ende auflöst, den Applaus quittieren. Weiter gedacht, lösen Musiker ein, was jenseits der Künste in Vergessenheit geraten ist: die Schönheit der Arbeit. Denn dass Musizieren auch Arbeit bedeutet, steht außer Zweifel. Aber es ist, um einen aus der Mode gekommenen Begriff zu verwenden, unentfremdete Arbeit. Wo gibt es die sonst noch?

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erstellt am 02.7.2014

Dorothee Oberlinger

Kremerata Baltica © Christian Lutz

Kit Armstrong © Jason Alden

Delian Quartett © Mathias Bothor

Il Pergolese © Paulo Seabra ECM Records