Kürzlich erschien der Roman „Paranoia“ des belarussischen Autors Viktor Martinowitsch. Er wurde von Thomas Weiler ins Deutsche übersetzt. „Paranoia“ ist ein politischer Thriller und spielt in einem totalitär regierten Land, das dem das heutigen Belarus (Weißrussland) ähnelt. Faust-Kultur veröffentlicht einen Auszug aus dem Roman.

romanauszug

Paranoia

Von Viktor Martinowitsch

                                                                         Ministerium für Staatssicherheit

                                   Inventarverzeichnis der Haushaltsabfälle, verursacht durch die
                                   im unter Observierung stehenden Objekt Mietwohnung
                                   Serafimowitsch-Straße, Hs 16, Whg 7 befindlichen Personen

Vorliegendes Musterverzeichnis wurde gemäß Direktive 10-18 „Regelwerk zum Umgang mit Abfällen aus Objekten unter operativer Beobachtung“ als ergänzendes Material zum Vorgang erstellt. Seine Einordnung in Band III der Vorgangsakte hat zum Ziel, den operativen Mitarbeitern die Erstellung einer umfassenden Darstellung von Tagesablauf, Gewohnheiten und Routinen zu ermöglichen.

                                                                        Erst. v. Jermolaitschik

Die Abfälle wurden beim gemeinsamen Verlassen des Objekts durch die Observierten Füchsin und Gogol am 07. Oktober entsorgt. Zur Verkapselung der Abfälle wurde ein nicht transparenter Standardzugbandsack mit erhöhtem Füllvolumen und gelbfarbigem Zellulosezugband verwendet. Die Einbringung des Abfallsacks in den Abfallbehälter erfolgte durch den Gogol, während Füchsin ihren Pkw Lexus startete und ausparkte.

Oben im Sack wurde 1 Pizzakarton der Größe XL für eine Pizza „Quattro stagioni“ des Restaurants Patio Pizza (Prospekt der Unabhängigkeit) aufgefunden, darin 1 Kassenbon über 35.000 Rub., inkl. Zustellung. Nicht vom Verzehr betroffen waren 2 Segmente mit Bestandteilen von Meeresfrüchten (Shrimps, Austern) und Oliven. Bei 3 weiteren Segmenten waren vom Mittelpunkt aus radial verlaufende Bissspuren im Belag zu erkennen. Der äußere Rand der Segmente (trockener Teig) blieb unangetastet. Aufgrund der Zahnbogenweite ist anzunehmen, dass die o.g. Spuren von der Füchsin eingebracht worden sind (ohne Sachverständigengutachten). Ferner wurde in der obersten Abfallschicht 1 leere Château-Margaux-Rotweinflasche französischer Fabrikation sowie 3 gebrauchte Präservative in eng anliegender Toilettenpapierummantelung ermittelt. In zweien ließ sich Ejakulat des Gogol nachweisen (gutachterlich geprüft). Ferner fanden sich die Schalen dreier Bananen, sowie 200 g Apfelsinenschalen.

Darunter wurde 1 knitterfreie, vollständige Ausgabe des Anzeigenblattes Vabanque eingezogen. Datum und räumliche Anordnung der Zeitschrift lassen darauf schließen, dass sie die Grenze zur zweiten, älteren Abfallschicht markiert. Hier wurden 2 gebrauchte Präservative in eng anliegender Toilettenpapierummantelung mit dem Ejakulat des Gogol sichergestellt, ferner 2 leere, flachgepresste Flaschen des Fruchtsaftgetränks „Unique“, 1 leere Schachtel für ca. 300 g Konfekt „Leonidas“ belgischer Fabrikation, erworben im Valutashop Spezmarket (Sacharow-Str. 37). In derselben Schicht fanden sich 2 entwertete Eintrittskarten für das Filmtheater Oktjabr, 1 leere Packung Chips, Geschmacksrichtung „Kartoffel“, 1 Birkenrindenschachtel für französischen Camembert-Käse. Ferner fand sich 1 geöffnete Schachtel mit trad. Esswerkzeugen zum Verzehr von Käse, sog. „Spießchen“, aus Schweizer Fabrikation. Aus der Schachtel waren 2 Spießchen entnommen, welche eine feste Klebeverbindung mit der Chipspackung eingegangen sind. Die übrigen unbenutzten, gebrauchsfertigen 18 Spießchen wurden aus unerfindl. Gründen einfach in den Müll geworfen. Aufgefunden wurden ferner ca. 150 g Kartoffelschalen, 1 leeres Tütchen Maggi-Fertigsuppe, 2 „Stimorol“-Kaugummi-Papierchen, die skelettierten Überreste zweier Hühnerbeine und Fragmente vom Skelett des rechten Flügels sowie der Hühnertorso (Rippen, Wirbelsäule), von denen das Fleisch abgenagt worden ist. Das Huhn, welches Spuren einer Currysauce aufwies, wurde im Backofen einer Hitzebehandlung ausgesetzt. Eine genaue Zuordnung der verzehrten Hühnerteile zu den observierten Objekten und eine anschließende Profilerstellung der geschmacklichen Vorlieben kann zum ggw. Zeitpunkt nicht mehr durchgeführt werden. […] Alle im vorliegenden Verzeichnis beschriebenen Fundobjekte wurden infolge nicht gegebener direkter Bezüge zu den Materialien des Vorgangs entsorgt. Die Käsespießchen hat Major Timofej Dybez in einstweilige Verwahrung genommen.

Aus dem Russischen von Thomas Weiler.

Mit freundlicher Genehmigung © Verlag Voland & Quist, Dresden 2014

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erstellt am 27.6.2014

Viktor Martinowitsch. Foto: © Alina Krushynskaya
Viktor Martinowitsch. Foto: © Alina Krushynskaya
Zum Autor

Viktor Martinowitsch

1977 in Belarus geboren, studierte Martinowitsch Journalistik in Minsk und lehrt heute Politikwissenschaften an der Europäischen Humanistischen Universität in Vilnius (Litauen).

Viktor Martinowitsch
Paranoia
Roman. Aus dem Russischen von Thomas Weiler
Gebunden, 400 Seiten
ISBN 978-3-863910-85-3
Verlag Voland & Quist, Dresden 2014

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