Immer noch scheint Belarus (Weißrussland) für viele Deutsche ein weißer Fleck auf der europäischen Landkarte zu sein. Die Ukraine-Krise hat zwar Nachbarstaaten Russlands stärker in den Blick gerückt, Belarus wird jedoch weiterhin übersehen. Sprache und Literatur dieses seit zwanzig Jahren diktatorisch regierten, mitten in Europa gelegenen Landes sind kaum bekannt. Die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Swetlana Alexijewitsch im Jahr 2013 war in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Für eine breitere öffentliche Wirkung der belarussischen Literatur setzt sich der Leipziger Übersetzer Thomas Weiler mit dem von ihm gegründeten Portal literabel.de ein. Eugen El sprach mit Thomas Weiler über die Besonderheiten der belarussischen Sprache und Literatur sowie über ihren Stellenwert in Deutschland und der Welt.

Belarussische Literatur

Offenheit für das Unterschätzte

Der Übersetzer Thomas Weiler im Faust-Gespräch

Eugen El: Warum sollte man in Deutschland Bücher zeitgenössischer belarussischer Autoren lesen?

Thomas Weiler: Man darf ruhig auch die belarussischen Klassiker lesen, es sind jedoch nur wenige ins Deutsche übersetzt. Allerdings erscheint im August im Guggolz Verlag der Roman Zwei Seelen, den Maxim Harezki 1919 geschrieben hat, in der Übersetzung von Norbert Randow, Gundula und Wladimir Tschepego. Zeitgenössische belarussische Autoren sollte man in Deutschland lesen, weil es ja sein könnte, dass sie uns etwas zu sagen haben, was ihre deutschen Kollegen uns nicht sagen können oder wollen. Weil es ja sein könnte, dass auch in Ländern und Sprachen, über die wir nichts wissen (oder meinen, nichts wissen zu müssen), lesenswerte Literatur entsteht. Man sollte in Deutschland übrigens auch Bücher zeitgenössischer litauischer, baskischer, slowenischer und kurdischer Autoren lesen. Und ab und zu auch mal, warum nicht, ein deutsches Buch.

Inwiefern spiegelt sich die politische Situation, das mittlerweile zwanzigjährige diktatorische Lukaschenko-Regime, in der belarussischen Literatur wider? Wird diese thematisiert oder gemieden? Neigen belarussische Schriftsteller zum Eskapismus oder reflektieren sie offen ihr gesellschaftliches Umfeld?

Natürlich lassen sich in der Gegenwartsliteratur Beispiele finden, in denen die politische Situation verarbeitet wird, die Autoren reagieren ja auf ihre Umgebung. In der Regel geschieht dies jedoch nicht plakativ, sondern gebrochen und ins Fiktionale gehoben. In Alhierd Bacharevičs Roman Die Elster auf dem Galgen (Leipziger Literaturverlag 2010) oder auch in Viktor Martinowitschs Paranoia (Voland & Quist 2014) wird der Handlungsort nicht explizit benannt und die Lage gezielt verfremdet, die Folie ist jedoch klar zu erkennen. Martin Pollack sprach aber in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2011 eine Mahnung aus, die ich nur unterstreichen kann: „Bei aller Empörung über Gewalt und Willkür in Belarus dürfen wir uns nicht anmaßen, die Werke belarussischer Autoren so zu lesen, als handle es sich um politische Manifeste. Die Literatur entsteht in einer wesentlich von der Politik beeinflussten Atmosphäre, vor allem in Ländern wie Belarus, das heißt jedoch nicht, dass wir sie auf politische Inhalte und Bedeutungen reduzieren dürften. Das literarische Wort muss seine Autonomie behalten.“

Wie ist die Situation der belarussischen Autoren vor Ort? Gibt es Förderungsstrukturen? Gibt es für ihre Bücher einen Markt?

Belarussische Autoren üben meist diverse Berufe parallel aus, gerne im Hochschulbereich. Und dann schreiben sie auch noch. Staatliche Literaturförderung beschränkt sich auf die Mitglieder des regimetreuen Schriftstellerverbandes. Wer nicht im „richtigen“ Verband ist, kommt nicht in den großen Staatsverlag mit den großen Auflagen. Die kleinen, unabhängigen Verlage können finanziell keine großen Sprünge machen. Der belarussische P.E.N., der unabhängige Schriftstellerverband oder Literaturzeitschriften wie Dziejasłoŭ initiieren Wettbewerbe und loben Preise aus, bei denen es jedoch eher um die Ehre als um das Pekuniäre geht. Großes Ansehen genießt der seit 2011 jährlich verliehene Jerzy-Giedroyc-Preis. Wer über Stipendien oder Lesungen im Ausland etwas dazuverdienen kann, darf sich glücklich schätzen. Der Markt ist überschaubar, die Auflagen der belarussischsprachigen Titel bewegen sich in der Regel im oberen dreistelligen Bereich. E-Book-Formate wie im Verlag bybooks oder im Piaršak-Label von 34mag.net sind sehr populär. Eine kritische Masse an Lesern wird jedenfalls erreicht, ansonsten wäre kaum zu erklären, warum dem Łohvinaŭ-Verlag im September 2013 die Lizenz entzogen wurde.

Bücher belarussischer Autoren werden zunehmend ins Deutsche übersetzt, auch wenn die Aufmerksamkeit noch zu gering ist. Wie werden sie vom deutschen Markt und von den Feuilletons aufgenommen?

Von einem Übersetzungsboom kann keine Rede sein, er wird auch nicht kommen. Aber immerhin kann man inzwischen nicht mehr an einer Hand abzählen, was seit der Jahrtausendwende an Übersetzungen belarussischer Autoren auf Deutsch erschienen ist. Genannt seien Aleś Razanaŭ, Valžyna Mort, Alhierd Bacharevič, Artur Klinaŭ, Valentin Akudowitsch, Zmicier Višnioŭ oder Viktor Martinowitsch, alle auch zu finden bei literabel.de und in der Bibliographie deutscher Übersetzungen aus dem Belarussischen. Swetlana Alexijewitsch (Hanser Berlin) wurde in den Feuilletons ausführlich gewürdigt, allerdings wird sie hierzulande nicht als belarussische Autorin wahrgenommen. Artur Klinaŭs Minsk. Sonnenstadt der Träume (Suhrkamp 2006) bekam relativ große Aufmerksamkeit, auch Valžyna Morts Gedichtband Tränenfabrik (Suhrkamp 2009) wurde sehr positiv aufgenommen, Insa Wilke bescheinigte ihm in der ZEIT gar „Lyrik von Weltrang“. Aber auch der Name Suhrkamp ist kein Garant für Rauschen im Blätterwald und reißenden Absatz. Morts jüngster Band Kreuzwort (Suhrkamp 2013) und Valentin Akudowitschs Essay Der Abwesenheitscode (Suhrkamp 2013) haben deutlich weniger Wellen geschlagen. Und die kleineren Indie-Verlage wie Engeler, luxbooks, edition.fotoTAPETA oder Leipziger Literaturverlag haben es naturgemäß noch schwerer, die Öffentlichkeit zu erreichen. Umso wichtiger sind Programme wie der tranzyt-Schwerpunkt zur Leipziger Buchmesse 2012-2014, der den Literaturen aus Polen, der Ukraine und Belarus ein Forum gegeben hat.

Gibt es zeitgenössische belarussische Autoren, die sich international behaupten können?

Ist Vasil Bykaŭ noch zeitgenössisch? (Bykaŭ, 1924-2003, gilt als einer der wichtigsten belarussischen Schriftsteller und Intellektuellen der Nachkriegszeit und der postsowjetischen Jahre – Anm. d. Red.) Und gibt es überhaupt ausreichend qualifizierte Übersetzer aus dem Belarussischen, die dafür sorgen könnten, dass sich potentielle Kandidaten international behaupten könnten? Swetlana Alexijewitsch war beispielsweise international schon bekannt, bevor sie 2013 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden ist. Sie schreibt aber auf Russisch. Der Lyriker Aleś Razanaŭ wäre in meinen Augen jemand, der internationales Renommee verdient hätte. Aber er ist von der stillen, kargen Sorte, was der Aufmerksamkeit nicht eben zuträglich ist. Ketzer würden fragen: Gibt es zeitgenössische belarussische Autoren, die sich national behaupten können?

Was ist für Sie das Besondere an der belarussischen Sprache?

Der Buchstabe ў? Dass sie Wörter wie „rychtyk“ kennt? Dass sie ein schlichtes, wunderbares Wort für den jungen, wieder zunehmenden Mond hat? Dass man in ihr ganze Palindrompoeme schreiben kann? Dass sie über ein Trasjanka-Register verfügt? (Als Trasjanka bezeichnet man eine dem Belarussischen zwar nahe, aber größtenteils auf dem Russischen basierende, im ländlichen Raum verbreitete Umgangssprache – Anm. d. Red.) Besonders ist vielleicht vor allem ihre Situation. Mehrere orthografische Varianten existieren parallel zueinander, neben dem kyrillischen gibt es auch ein lateinisches Alphabet, die Łacinka. Sie wird in Belarus nur von einer Minderheit aktiv verwendet, und ihr haftet immer der Ruch des Oppositionellen an. Vor wenigen Jahren war sie noch als Sprache der Ungebildeten Landbevölkerung verpönt, inzwischen hat sie als die Sprache der kulturellen Eliten deutlich an Attraktivität gewonnen.

Wie sollte man jemandem, der von der Existenz des Landes nicht weiß, in wenigen Sätzen erklären, was Belarus ist?

Belarus ist dieses komplexe Ding, das wir der Bequemlichkeit halber lieber in der Schublade „letzte Diktatur Europas“ versenken, um uns nicht von Details verwirren lassen zu müssen. Wenn Sie von Deutschland kommend durch Polen durchgefahren und an der russischen Westgrenze angekommen sind, dann sind Sie jedenfalls schon zu weit.

Das Interesse an Belarus war in der Kriegsgeneration der alten BRD verbreitet. Es ging um Wiedergutmachung. Was motiviert junge Leute heute, sich für Belarus und seine Kultur einzusetzen?

Vielfach dürften persönliche Beziehungen zu Land und Leuten dahinterstecken, so jedenfalls bei mir. Nach mehreren Aufenthalten in Belarus, darunter ein anderthalbjähriger Ersatzdienst in einer Behinderteneinrichtung in Minsk, war ein Anfang gemacht und das Interesse geweckt. Vor allem über den Łohvinaŭ-Verlag bekam ich später Einblicke in die belarussischsprachige Gegenwartsliteratur, die außerhalb der überschaubaren Szene schon aus sprachlichen Gründen kaum wahrgenommen wird. Ich finde es äußerst reizvoll, da als Scout unterwegs zu sein und dann auch Texte, die mir gut und wichtig erscheinen aus der Szene heraus- und ins Deutsche hinüberzuholen. Um allerdings Verlage oder Zeitschriften dazu zu bewegen, diese Texte zu publizieren, ist eine Menge Überzeugungsarbeit vonnöten. Spätestens, wenn ich diese zu leisten versuche, bin ich mittendrin im „Kultureinsatz“.

Wie sind Sie persönlich zu Ihrer Leidenschaft für die belarussische Literatur gekommen? Welche Rolle spielt das Portal literabel.de in Ihrem Engagement für die belarussische Literatur?

Warum ausgerechnet Belarus – das hat mich Norbert Randow, der 2013 verstorbene „Doyen unter den Übersetzern belarussischer Literatur“ (Ingo Petz) auch gefragt und gleich ein augenzwinkerndes „Cherchez la femme!“ nachgeschoben. Tatsächlich habe ich in Minsk meine Frau kennengelernt, allerdings ist die so wenig Belarussin wie ich. Eine grundsätzliche Offenheit für das Übersehene, Unterschätzte, für das, was jenseits des Mainstreams liegt, hat mich wohl zuerst nach Belarus gebracht. Die Faszination für die Literatur kam später und wurde genährt durch eindrucksvolle Begegnungen mit Gestalten wie Aleś Razanaŭ oder Sakrat Janovič, mit Texten von Alhierd Bacharevič, Viera Burłak oder Viktar Žybul. Mit dem Onlineprojekt literabel.de wollten wir die wenigen versprengten Übersetzer zusammenbringen und außerdem zusammentragen, was an Übersetzungen erschienen ist oder was noch als Manuskript in den Schubladen lagert. Seit 2011 ist nun eine regelmäßig überarbeitete und aktualisierte Auswahl wichtiger belarussischsprachiger Gegenwartsautoren anhand von Leseproben, Hintergrundinformationen und Verweisen auf Deutsch zu entdecken. 2014 haben wir als Herausgeber und Übersetzer gemeinsam mit Artur Klinaŭ und Taciana Arcimovič den Band PARTISANEN. Kultur_Macht_Belarus (edition.fotoTAPETA) auf die Beine gestellt, der in Verbindung mit einer Ausstellung belarussischer Gegenwartskunst zur Leipziger Buchmesse 2014 präsentiert wurde. Im Herbst 2014 erscheint meine Übersetzung von Viktor Martinowitschs Paranoia im Verlag Voland & Quist, dazu wird es auch eine kleine Lesereise geben.

Das Gespräch führte Eugen El

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erstellt am 27.6.2014

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Thomas Weiler
Thomas Weiler
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Thomas Weiler

geboren 1978 im Schwarzwald. Nach sozialem Friedensdienst in Minsk Übersetzerstudium (Russisch, Polnisch) in Leipzig, St. Petersburg und Berlin, 2010 Gründung von probabel e.V. und Initiierung von literabel.de. Seit 2007 freier Übersetzer aus dem Russischen, Polnischen und Belarussischen, lebt in Leipzig.

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