Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigt eine facettenreiche Ausstellung, die drei Redakteurinnen und Redakteure von Faust-Kultur aus verschiedenen Blickwinkeln rezipiert haben. Anhand jeweils eines ausgewählten Werkes untersuchen sie Aktualität, Gegenwartsbezogenheit und afrikanische wie amerikanisch-europäische Impulse. Isa Bickmann widmet sich Loulou Cherinets Installation „Big Data“.

kunst

Die Stadt als Purgatorium

Eine Werkbetrachtung

Von Isa Bickmann

Wir betreten einen abgedunkelten Raum und stehen inmitten zweier gegenüberliegender Projektionsflächen, die so aufgestellt sind, dass man die dort laufenden Filme nicht gleichzeitig verfolgen kann. Es sind Stadtszenen zu sehen, Straßen, Architektur, ein Affenkäfig im Zoo mit Besuchern davor. Ein Mann spielt mit einem Hund vor einem Haus. Düstere Musik. „Das also ist Addis Abeba“, denkt man, weil man schon den kleinen Text im Kurzführer gelesen hat, doch man merkt schnell, dass auf beiden Projektionen die gleichen Motive zu sehen sind, sie aber zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen wurden. Aber welches Bild ist neueren Datums? Das renovierte Haus? Das Haus mit den Kriegsschäden? Die Baustelle vor dem Hotel d‘Afrique? Man schaut genauer hin und her, lernt, wie in einem „Original-und-Fälschungs-Spiel“ die Unterschiede kennen.

Dann eine Unterbrechung: Zwei anscheinend gut situierte Männer in Anzügen, der rechte mit Hut, fahren in einem Taxi. Der links sitzende Mann berichtet, dass er Unterwäsche gekauft habe, was der rechte belustigt zur Kenntnis nimmt. Der Linke erregt sich: Er habe Mehrwertsteuer auf diese Unterwäsche zahlen müssen, es liefe was falsch in diesem Land: „Was interessiert den Staat meine Unterwäsche?“ Der rechte staunt. Dann berichtet der Hutträger von einem grausamen tödlichen Unfall. Der Unterwäsche-Käufer findet das schrecklich und schämt sich, dass er dort sitzt „und über die Mehrwertsteuer lamentiert“. Der rechte Mann schaut ihn überrascht an: „ Was hat jetzt der Tote mit der Mehrwertsteuer zu tun?“ Der linke Mann antwortet, dass der Tote ihn zweimal über die Sache mit der Mehrwertsteuer nachdenken lasse.

Man ist amüsiert. Es gibt einen Schnitt, und dann zieht einen der Blick auf einen breiten Boulevard, wo Autos mehrspurig fahren, Menschen laufen, ein Hochhaus mit einem roten Stern an der Spitze zu sehen ist. Und wieder dieser Vorher-/Nachher-Effekt, der eintauchen lässt in das Leben dieser Stadt. Der Betrachter selbst muss die Auswahl treffen zwischen den beiden angebotenen, parallel geschalteten Filmbildern. Die Montage findet im Kopf statt. Dazwischen, an der Wand, auf einem kleinen Monitor, läuft ein Film aus einem YouTube-Kanal: „Walking in Addis Abeba“. Hier wird Addis zu Fuß erkundet. Dabei folgt die Kamera dem Blick des Gehenden. Wir sehen Menschen entgegenkommen, die ihren Alltag meistern, kleine Geschäfte, Pfützen auf einem unbefestigten Bürgersteig. Man wird zunehmend vertrauter mit den Straßen, als flaniere man dort selbst.

Von Loulou Cherinet ist dieser Beitrag zur Ausstellung „Die Göttliche Komödie“. Die Künstlerin wurde 1970 in Göteborg, Schweden geboren. Sie lebt und arbeitet in Stockholm und Addis Abeba. Das Werk „Big Data“ entstand zwischen 1996 und 2014 in der äthiopischen Hauptstadt und ist dokumentarisch, zum Teil ergänzt durch Spielszenen, wie die oben beschriebene Sequenz im Auto. Cherinet hat ihre Arbeit als fortlaufend geplant, eine Zuführung von sich permanent erneuernden Bildern, wie im Ausstellungskurztext zu lesen ist, löst sie aus technischen Gründen nicht ein. Der Ausstellungskurator Simon Njami hat Cherinets Beitrag dem Kapitel „Fegefeuer“ zugeordnet. Das erscheint auf den ersten Blick logisch, denn die Läuterung wird ja in der Taxiszene angesprochen.

Die Projektionen laufen als Loop. Es dauert nicht lange, da beginnt alles von vorne. Schnell ist der Ablauf zweimal gesehen. Beim Verlassen des Raumes kommt das Gefühl auf, sich dieser Stadt angenähert zu haben, aber man hat viel mehr Fragen als vor dem Betreten der Installation. Wütete nicht mal ein Bürgerkrieg in Äthiopien? Wie hat sich das Gesicht der Stadt seitdem verändert? Was können all diese Menschen und Häuser bezeugen?

Cherinets Installation hat etwas von jener Ebene der Hoffnung zwischen Himmel und Hölle, auch wenn der Dantesche siebenterrassige Läuterungsberg nicht aufscheint. Aber vielleicht ist man tatsächlich für kurze Zeit in ein Purgatorium getreten, in den Teil einer fremden Welt, die sich zwischen Konstruktion und Dekonstruktion bewegt. Die Auswahl der Bilder ist nachhaltig, auch aufgrund der von der Künstlerin eingenommenen Perspektive. Cherinet hat Motive generiert, die ein Tourist sicher nicht gewählt hätte. Tatsächlich liegt hier in der Normalität das Besondere.

Walking in Addis Abeba

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erstellt am 27.6.2014

Installationsansicht Loulou Cherinet © MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt

ausstellung in frankfurt

Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler

Bis 27. Juli 2014 im MMK Museum für Moderne Kunst, Domstraße 10, Frankfurt am Main

Museum für Moderne Kunst Frankfurt

Loulou Cherinet
Loulou Cherinet
weitere informationen

www.cherinet.com