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So groß und so aufwendig war noch kein Programm von Gauthier Dance, der Tanzcompagnie am Stuttgarter Theaterhaus. „Alice“ ist ein abstraktes Ballett, das Figuren und Motive von Carrolls berühmtem Roman als Anregung aufnimmt. Thomas Rothschild ist hingerissen.

ballett

Die doppelte Alice

Von Thomas Rothschild

Eric Gauthier ist nicht aufzuhalten. Schon der Beifall vor der Pause und erst recht der Schlussapplaus machten deutlich: Hier wurde ein neues Kapitel in der Erfolgsgeschichte der Tanzcompagnie am Stuttgarter Theaterhaus geschrieben.

So groß – mit fünfzehn Tänzern – und so aufwendig war noch kein Programm von Gauthier Dance. Der Chef hat den italienischen Choreographen Mauro Bigonzetti, der nicht zum ersten Mal mit seiner Truppe arbeitet, mit einem abendfüllenden Ballett nach Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ beauftragt. Er selbst bescheidet sich diesmal mit einer kleinen Rolle am Rande, vorlesend und zwischendurch zur Gitarre singend, aber nicht tanzend.

„Alice“ ist nicht eigentlich ein Handlungsballett, sondern eher ein abstraktes Ballett, das Figuren und Motive von Carrolls berühmtem Roman als Anregung aufnimmt. Man erkennt sie wieder, das Kaninchen, den Hutmacher, der im Original so viel schöner „Mad Hatter“ heißt, die Königin, die Katze, die Zwillinge, den Siebenschläfer – jedenfalls wenn einem die Geschichte, wenigstens in einer Bearbeitung für Kinder, vertraut ist. Eine besondere Herausforderung stellt die Raupe dar: Bigonzetti setzt sie überlebensgroß aus dem in einander verklammerten Ensemble zusammen. Das hat, wie viele Einfälle des Abends, Witz.

Die eigentliche Sensation und zugleich die größte Gefährung des Abends ist der Gesang des neapolitanischen Frauentrios Assurd – das sind Cristina Vetrone, Enza Prestia und Lorella Monti – mit Enza Pagliara, die schon in dem kurzen Ballett „Cantata“ mitwirkten, welches Bigonzetti vor zwei Jahren mit Gauthier Dance einstudiert hat. Das Repertoire von größtenteils traditionellen Liedern ähnelt dem der Nuova Compagnia Di Canto Popolare. Die vier Frauen, die in Mauro Bigonzettis Choreographie einbezogen werden, singen so hinreißend, ihre zugleich wilde und ausdrucksvolle Musik ist so atemberaubend schön, dass sie vom Tanz abzulenken droht. Immer wieder ist man versucht, die Augen auf sie zu richten, ihrem gestischen Gesang zuzusehen, während sich die Tänzer auf einem anderen Teil der Bühne abstrampeln. Unterstützt wird Assurd von Antongiulio Galeandro, der verschiedene Instrumente spielt und sich wie die Frauen in den Bühnenablauf integriert.

Zum Erfolg des Abends tragen auch die fantasievollen Kostüme von Helena de Medeiros und vor allem die Videoprojektionen von Carlo Cerri und dem OOOPStudio im Hintergrund bei, die das gebaute Bühnenbild ersetzen. Sparsam setzt Cerri Effekte für den Bildwechsel ein. Meist suggerieren die Bilder mehr oder weniger symmetrische Räume, etwa aus einem Schloss. Cerri verzichtet wohltuend auf die hektischen Kamerabewegungen und Computermanipulationen, die viele Bühnenbildner, verführt von den technischen Möglichkeiten, inflationär einsetzen und mit denen sie die Menschen auf der Bühne nicht unterstützen, sondern marginalisieren.

Bigonzettis Choreographie hat ihre Stärken vor allem in den Ensembleszenen. Bei den wenigen Soli und bei den Pas de deux gibt es hübsche Momente, insbesondere wenn vom langsamen Schreiten abrupt in rasante, auch absurd wirkende Figuren und Bewegungen verfallen wird, aber es gibt auch Leerlauf. Bigonzettis Talent zeigt sich in den Verrenkungen eher als in den Momenten des Durchatmens, die er schon aus Gründen des Kontrasts benötigt.

Soli sind schon deshalb selten, weil Bigonzetti die Titelfigur verdoppelt hat. Eine Alice, Garazi Perez Oloriz, sieht tatsächlich aus, wie man sich das Mädchen auf Grund von Buchillustrationen vorstellt. Die andere, Anna Süheyla Harms, überragt die erste um einen Kopf. Das erste Bild, wenn der Vorhang aufgeht, verknüpft Carrolls Klassiker mit dem Surrealismus: Die Haare der größeren Alice verhängen das Gesicht der kleineren, sie mit ihrem Körper versteckenden Alice. Ein schönes Tableau, aber nicht unbedingt ein furioser Einstieg in einen Tanzabend. Immerhin: ein Tableau. Wenig produktiv hingegen erscheint jene allzu lange Szene, in der Anna Süheyla Harms auf einer Schaukel mehr oder weniger glücklich beweisen darf, dass auch sie singen kann, während ein Tänzer eher unbeachtet im Halbdunkel seine Figuren abstattet.

Aber was wiegen ein paar Einwände, wo Tanztheatergeschichte geschrieben wurde.

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erstellt am 27.6.2014

Szenenfoto Theaterhaus Stuttgart: Regina Brocke

ballett in stuttgart

Alice

Choreographie Mauro Bigonzetti
Original- und Live-Musik ASSURD (Cristina Vetrone, Enza Prestia, Lorella Monti) – Antongiulio Galeandro, Enza Pagliara

Gauthier Dance – Dance Company Theaterhaus Stuttgart

Szenenfoto Theaterhaus Stuttgart: Regina Brocke