Neues von und über Peter Handke

»Die Kultur muss sich ändern«

Von Otto A. Böhmer

Der Dichter Peter Handke (Jg. 1942) liebt die Gegenwehr, auch wenn er nicht angegriffen wird. Er gilt als schwierig; an diesem Ruf arbeitet er nicht mehr, er hat ihn längst verinnerlicht. Handke hat auf einer eigens für ihn errichteten Aussichtsterrasse Platz genommen, die den Blick freigibt aufs Höhere. Dass es leer ist auf der Terrasse und die meisten Gäste schon vor langer Zeit gegangen sind, muss ihn nicht stören, im Gegenteil: nun sieht er, was zu sehen ist. Allerdings hat sich der Dichter Handke zwischendurch auch immer mal wieder gern aufstören lassen, dann vertritt er lustvoll streitend ein Minderheitenprogramm, das keine Rücksichten auf Namen und stillschweigende Übereinkünfte nimmt. In einen privatkriegsähnlichen Zustand ist Handke Anfang der Neunzigerjahre geraten: Gegen die Einheitsfront der veröffentlichten Meinung bezieht er eine Außenseiterposition bei der Beurteilung des Balkankriegs; nicht Serbien, wie allgemein angenommen, ist für ihn der Schurkenstaat, sondern die Achse der „westlichen Aggressoren“, die den Zerfall Jugoslawiens in Kauf genommen haben, indem sie die Unabhängigkeit Sloweniens vorschnell anerkannten. Die Reaktionen darauf fallen schrill aus: Handke wird als „undichter Dichter“ bezeichnet, als „Mimose und Trampeltier“, schließlich empfiehlt man ihm barsch: „Geben Sie Ruhe, Peter Handke!“

Ruhe aber wird dieser Autor nicht geben, er ist immer für eine Überraschung gut, probt die fortgesetzte Verwandlung und bleibt doch, als „Schreibhand“ des „Schön-Schweren, Bedachtsamen“, bei sich selbst. Davon erzählt auch die Handke-Biographie Meister der Dämmerung von Malte Herwig,die den bisherigen Werdegang des Dichters mit großer Sympathie, ja mit leiser Bewunderung nachzeichnet, was Handke-Verächter dazu bringen wird, das Buch nur unter Vorbehalt zu lesen und seinen Autor wegen Befangenheit abzulehnen. Herwig sollte sich darüber keine Gedanken machen, denn ihm ist eine spannende Lebens- und Werkgeschichte gelungen, die, gerade weil sie den voreingenommenen Blick riskiert, zu einer Neubewertung des Dichters einlädt. Dabei hält sich Herwig, listigerweise, an ein Motto, das der Meister der Dämmerung selbst ausgegeben hat: „Natürlich will ein Künstler nicht bewundert, sondern in treusorgender Ironie betrachtet werden.“ In einer solchen Betrachtungsweise verlieren sich die Ecken und Kanten, an denen man als Lebenswerkbetrachter ins Straucheln kommen kann; stattdessen sind Verlaufslinien und Fügungen zu entdecken, die, im Blick zurück, das Signum des Notwendigen annehmen. So scheint sich Handke schon früh in eine Schriftstellerkarriere aufgemacht zu haben, die, ungeachtet ihrer Brüche, mit innerer Konsequenz verlaufen ist. Der Dichter kommt als uneheliches Kind einer slowenischstämmigen Mutter und eines deutschen Offiziers in Kärnten zur Welt. Er ist ein eigenwilliges Kind und wird ein begabter Schüler, der schon in jungen Jahren eigene Wege geht. Nach dem Abitur studiert er in Graz Jura. 1966 erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Handke entschließt sich, nur noch Schriftsteller zu sein. Er spielt die Rolle des Provokateurs; den Titel eines seiner frühen Theaterstücke (Publikumsbeschimpfung) setzt er auch bei eigenen Auftritten in die Tat um. Der amtierenden literarischen Prominenz wirft er „Beschreibungsimpotenz“ vor: Sprache hat für ihn einen Mehrwert, sie soll eine ursprüngliche Gewissheit anklingen lassen, die keiner kunstgewerblichen Nachbesserung bedarf, sondern für sich selber spricht: „Naturwelt und Menschenwerk, eins durch das andere, bereiteten mir einen Beseligungsmoment, den ich aus den Halbschlafbildern kenne (doch ohne deren das Äußerste oder das Letzte ankündigende Bedrohlichkeit), und der Nunc stans genannt worden ist: Augenblick der Ewigkeit.“

Solche Augenblicke haben nicht nur eine künstlerische Bedeutung, sondern lassen sich, wie Herwigs Biographie zeigt, lebensgeschichtlich verankern: „Nicht der plötzliche Weltruhm ist die größte Erschütterung in seinem Leben, sondern der Moment, als er mit einundzwanzig Jahren das wahre Schreiben entdeckt. Im Juni 1963 hält der junge Grazer Jurastudent Peter Handke bei einem seiner Schreibversuche inne und denkt zum erstenmal: ‚Jetzt bist du heraus aus diesem expressiven Strudel! Das ist ein ruhiger Satz, der zugleich zittert […] Dieser stille Erzähler, in meinem Innersten, war etwas, das mehr war als ich […], wie auch der Zwanzigjährige, mit dem Gewahrwerden des Erzählers in sich, zum alterslosen Erwachsenen wurde.“ In der Folgezeit schreibt Handke viel; seine Bücher sind meist dünn, haben aber vielsagende Titel: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms (1967), Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt (1969), Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1971), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die Stunde der wahren Empfindung (1973), Langsame Heimkehr (1979), Die Lehre der Saint Victoire (1980), Kindergeschichte und Über die Dörfer (1981). Der Literaturbetrieb versucht, Handke zu sich herabzuziehen, indem er ihm Ehrungen aufdrängt: 1973 erhält er den Büchner-Preis, 1979 den Kafka-Preis. Mit zunehmendem Alter läßt Handkes Schreibtempo nach, dafür werden seine Bücher dicker. Er bekennt sich zur Langsamkeit, setzt auf andächtiges Schauen und Hinhören. In seinem Roman Mein Jahr in der Niemandsbucht (1996) wird dieses Programm auf 1066 Seiten als Geschichte einer Verwandlung erzählt, die trügerisch bleibt: „Deine Folgegier, dein Ganzheitswahn“, notiert Handke, „immer erlebst du auch die vollkommene Gegenwart als eine bloße Adventszeit. Immer erwartest du danach noch mehr, noch Größeres, das Größte!“ Das Problem des großen Augenblicks aber ist nicht seine Größe, sondern seine Vergänglichkeit; er wird, wenn er denn aufhebenswert erscheint, was zuvor nicht ausgemacht ist, der Erinnerung übergeben, die ihn für ihre eigenen Zwecke nachpoliert. Die Suche nach dem erfüllten Moment indes geht weiter, droht, in Zeiten medialer Reizüberflutung, immer schwieriger und unergiebiger zu werden. In seinem Roman Der Bildverlust (2002) ist Handke dem nachgegangen; seine hochfahrende Erkenntnistheorie wendet er ins Allgemeine; die Welt verliert ihre wahrheitsstiftenden, „aus der Ferne der Zeiten und der Räume … anfliegenden“ Bilder: „Bildverlust! Vorderhand? Nein, endgültig. Persönlicher Bildverlust? Nein, allgemein. Universell. Allgemeiner universeller Bildverlust.“ Tatsächlich aber sind in diesem Roman wohl nur dem Dichter Handke die Bilder abhanden gekommen: Statt seiner früheren Beschreibungskünste bedient er einen seltsamen Sonn- und Feiertagsjargon, der eher beamtenhaft als poetisch anmutet. Die Literaturkritik reagiert entsprechend ungnädig, nennt den Dichter einen „Wiederholungstäter“, bei dem „grammatischer Murks, offensiver Kitsch und bürokratische Prosa in zunehmender Redseligkeit dahinplätschern“.

Malte Herwig bringt uns einen Dichter näher, der lange genug im Literaturbetrieb ausgehalten hat, um Gelassenheit zu zeigen und sich doch, bei passender Gelegenheit, gleich wieder aufregen zu können. Meister der Dämmerung liest sich spannender als mancher Roman aus einem der beiden Hausverlage Handkes, was auch damit zu tun hat, dass der Autor nicht nur Archivmaterialien, sondern Gesprächsprotokolle und persönliche Mitteilungen verwendet: „Dann wird Handke grundsätzlich: ‚Manchmal denke ich immer noch, ich habe eine Wut auf eine gewisse Literatur, wenn ich so ein paar Sätze Geschwafel von dem Kehlmann les’ oder Bücher von der Herta Müller, wenn ich da zehn Seiten lese und jeder Satz ist nur ein Hauptsatz, kein Satz ist irgendwie gefunden im Schreiben, sondern irgendwie vorgefasst. So ein Kunstgewerbe.“

Handke hat inzwischen, mehrfach und wie zum Spaß, seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit erklärt; so vermeldeten etwa überregionale Zeitungen am 20. Juni 2003: „Der österreichische Schriftsteller Peter Handke will nie mehr öffentlich auftreten. In seiner Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Salzburg sagte Handke: ‚Das ist das letzte Mal, dass ich mein Idiotentum öffentlich zeige.’ In der Antike hätten die Idioten abseits der Stadt gelebt. Heute dagegen stünden viele Idioten in der Öffentlichkeit.’“ Ob öffentlichkeitsfern oder öffentlichkeitswirksam: Handke wird sich auch weiterhin Mühe geben, lästige Mitmenschen auf Distanz zu halten: „Und schon wieder ihr“, heißt es in seinem Theaterstück Untertagblues (2003), „und schon wieder muss ich mit euch zusammen sein. Halleluja. Miserere. Ebbe ohne Flut. Ihr verdammten Unvermeidlichen. Wärt ihr wenigstens Übeltäter. Nichts da. Ohne eine spezielle Übeltat seid ihr das Übel der Übel. Erlöse mich von eurem Übel. Mach mich die Leute da meiden.“

Auch Verwandte sind Mitmenschen und können von Übel sein. Mit der Zeit sammeln sich sogar sehr viele Verwandte an, mal leben sie noch, mal sind sie tot und in die Familiengeschichte eingegangen. In Handkes neuem Roman Immer noch Sturm lässt der Autor, der als „Spielleiter“ fungiert, dem seine Inszenierung zunehmend entgleitet, seine Verwandtschaft aufmarschieren; auf heimatlichem Terrain, dem Kärntner Jaunfeld an der Grenze zu Slowenien, versammelt er sie um sich, seine Großeltern, die Mutter, zu der ein besonders inniges Verhältnis bestand, seine Schwester, drei Brüder und, nicht zuletzt, sein Lieblingsonkel Gregor. Das Ganze mutet wie ein Traum an, wobei die Geträumten sich erst einmal störrisch zeigen: „Der einzige, der uns noch träumt. Ach, dass uns doch einmal jemand anderer träume! Jemand Sachgerechter. Einer, der uns denkt und bedenkt … Mit einem Wort: ein Dritter!“ Den aber gibt es nicht; der Dichter, Vorzug seines Berufsstandes, hat das Sagen, die Fluchtwege sind verstellt. Das Gespräch unter Verwandten ist anfangs nicht sehr ergiebig, man ist sich fremd geworden. Dann aber findet doch noch ein Erfahrungsaustausch statt, in dem sich zeigt, dass es im Traum zugeht wie im richtigen Leben: Man kann keinem so recht trauen, sich selbst nicht und der Erinnerung schon gar nicht. Was zu Lebzeiten dunkel war, lässt sich über eine Nachbehandlung, die aus vorgeblich Wissen stammt, nur unwesentlich erhellen. Das muss auch der beim Familientreffen Regie führende Dichter Handke erkennen, den die Seinen ernst nehmen, aber eben doch nicht zu ernst: „Und, wieder unversehens, bin dann ich es …, in der Rolle einer Vorhut, oder gar eines Anführers. Und im Blick über die Schulter ins Leere tritt nun sage und schreibe die vollständige Sippe auf, ein jeder, wie er leibt und lebt, auch so gewandet, und ein jeder einzeln. Zugleich Gregor: ‚Nein! So nicht. Du hast kein Recht zum Märchen. Und jetzt gibst du auch noch den Spielleiter. Einmal die Heimat verloren – für immer die Heimat verloren. Es herrscht weiterhin Sturm …“

Peter Handkes neuer Roman Immer noch Sturm ist ein erstaunlich heiteres Buch, das große Geschichte auf Familienfeierformat stutzt, was den Beteiligten gut bekommt: Die herbeizitierte Verwandtschaft wird in Sippenhaft genommen, kann sich daraus aber locker wieder befreien, während es dem Autor immerhin vergönnt ist, seine Jugend im Schnelldurchlauf an sich vorüberziehen zu lassen: „Aber mir gegenüber ich als Kind! Das Kind, das spielt. Das lesen lernt. Das groß schaut. Das dem Wind zuhört. In ihn einhört. Das sich vom Regen besprühen lässt. Das an der Hand des Großvaters im ersten Tageslicht dahinhoppelt auf einem Feldweg. Und nicht ich als Pubertätsschwengel, als knieweicher Brillenträger, als Pickelgesicht. – Die Mutter: ‚Du kannst nicht alles bestimmen, Herr Sohn.’“ Nein, alles bestimmen kann er nicht, der Herr Sohn, aber das vorläufig letzte Wort behalten: „Wem hauchst du so ein Leben ein? Einer Eintagsfliege?“ fragt Onkel Gregor. „Vielleicht“, antwortet der Spielleiter. „Ja, einer Eintagsfliege! Wie schön sie sind, die Eintagsfliegen, wie leicht, wie luftig.“

Handkes Ein Jahr aus der Nacht gesprochen ist ein kurioses Buch. Es enthält Aufzeichnungen zwischen Tag und Traum, vom Meister der Dämmerung aufs Papier geworfen und vom Verlag, so scheint es, ohne Prüfverfahren zum Druck befördert. Wäre dem Verlag dieses Manuskript nicht von Handke, sondern einem unbekannten Autor angeboten worden, hätte man den vermutlich keiner Antwort für würdig befunden oder die Empfehlung zukommen lassen, sich weiterer Werke zu enthalten. Peter Handke aber kann es sich leisten, auch private Kleinanzeigen zu veröffentlichen, und das ist gut so, denn dafür muss man einen Stand literarischer Wertschätzung erreicht haben, der es gestattet, die eigenen Erkenntnisinteressen zu verfolgen, ohne sich noch um die üblichen Verdächtigen kümmern zu müssen. Handkes Notizen verraten Freude an der Zuspitzung und an Pointen, die im Gespräch überholt werden: „Manchmal, wenn man redet, redet man immer weiter“. Feine Bosheiten sind dabei: „Sie gehört zu denen, die bei einer Panik zu Tode getrampelt werden“ und eine passende Antwort für unangemeldete Annäherungsversuche: „Wie finde ich dich?“ – „Ich habe einen Schlüssel“. Der Schlüssel zum eigenen Ich indes hilft nicht weiter, wenn man ihn nicht zu benutzen weiß und ohnehin nur in einer Position verharrt: „Sie hat sich hingelegt in der Absicht, im Liegen zu sich selbst zu finden“. So geht es denn unverrichteter Dinge wieder hinaus, wobei unterwegs Entdeckungen zu machen sind, die des genaueren Hinsehens bedürfen: „Der Schwanz der Eidechse am Wegrand zeigt auf den Horizont.“ – „Ja, aber nur, wenn sie ihn hebt.“ Von wahrhaft zeitloser Gültigkeit ist eine Einsicht Handkes, die für alle Künstler gilt, denen die längst fällige Anerkennung vorenthalten wird: „Niemand will was von mir. Die Kultur muss sich ändern“.

erstellt am 20.12.2010

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