George Tabori machte schreckliche Witze. Sie führten möglichst zu dem Punkt, wo das Groteske, das Entsetzen und die Banalität in eins fallen und man sich, wenn es schon zu spät ist, fragt, ob es erlaubt war zu lachen. Zum 100. Geburtstag des großen Theatermanns und Ehrenbürgers von Eschede hat Wend Kässens ihn gewürdigt.

100. Geburtstag von George Tabori

Flucht in den Witz

Von Wend Kässens

Er mochte das Wort Regisseur nicht, er wollte ein Spielmacher sein. Ganz und umfassend im Sinne Schillers, dessen Satz, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt, auf das Kind verweist. George Tabori, das ewige Kind – obwohl es Freunde gibt, die ihn gut kannten und sagten, er sei nie jung gewesen, gleichsam als melancholischer Moralist schon geboren worden. Das ewige Kind – identisch mit seinem Denken, Fühlen und Wollen, in seinen Möglichkeiten noch uneingeschränkt und von keiner Erziehung verbogen, mit seiner schier unbremsbaren Neugier auf die Welt und den Menschen darin auf der einen – der melancholische Moralist aus der Erfahrung einer jüdisch-ungarischen Existenz heraus, erwachsen geworden in den Zeiten des Holocaust, dem große Teile seiner Familie zum Opfer fielen, auf der anderen Seite: Ist es das, was diesen Mann so ausgezeichnet hat, dass er uns mit seinem künstlerischen Tun zu überwältigen vermochte, egal, ob er an seinen Stücken, Romanen oder Essays schrieb, auf der Bühne oder im Film spielte oder inszenierte, mit Freunden im Deutschen Haus in Eschede zusammensaß oder sich in Podiumsdiskussionen gegen ideologisch aufgeladene Pauschalisierungen verwahrte, wenn da von den Deutschen oder von den Griechen geredet wurde: Nein, unterbrach da Tabori hemmungslos, ich kenne weder die Deutschen, noch die Griechen, ich kenne den Wend Kässens oder den Dimitri Kallias oder wen auch immer, ich kenne nur Menschen, Individuen und hätte es gerne konkret – und dann ein wörtliches Zitat: „wenn wir nicht über die Tabus und Klischees hinwegsehen und einander als Menschen und nicht als Abstraktionen betrachten können, dann kann man genauso gut die Öfen wieder anzünden.“

Wer war George Tabori? Er kam 1968 auf Einladung von Brechts Frau Helene Weigel zu einem Brecht-Symposium aus den USA nach Ost-Berlin. Und wurde aus diesem Anlass von der Verlegerin Maria Sommer gebeten, in West Berlin seine Farce „Die Kannibalen“ zu inszenieren, die gerade in den USA erstaufgeführt worden war. Damit begann seine beispiellose, anfangs heftig umstrittene, später vielfach bejubelte Karriere am deutschsprachigen Theater als Dramatiker, Regisseur und Theaterguru. Sein Stück direkt aus dem KZ, „Die Kannibalen“, wie viele seiner Stücke eine Art schwarze Messe, verursachte 1969 in Berlin fast einen Skandal, ein erschlagener Häftling wird von seinen Mithäftlingen gekocht und soll nun auch gekostet werden, „Das Judenherz in Aspik oder mit einer pikanten Sauce – So zart, es zergeht auf der Zunge“ Das war dann doch harter Tobak für das bürgerliche Publikum in Berlin. Ausgerechnet die jüdische Gemeinde versuchte das Stück zu verhindern, das Wort „Pisse“ sei vorgekommen und wurde bemängelt und einige andere böse Wörter: Und Tabori zitierte Brecht: „Bert Brecht hätte gesagt, manchmal muss man sich entscheiden, ein Mensch zu sein oder guten Geschmack zu haben“. Ja, Tabori war auch ein gnadenloser Humorist gerade dort, wo für uns der Spaß aufhört! Seine Programmhefte sind voller böser Witze. „Flucht in den Witz“ hat er als eine seiner Hauptcharaktereigenschaften genannt, wohl wissend, dass hinter jedem Witz eine Katastrophe lauert.

1968/69 war eine Wiederkehr nach Deutschland. Anfang der 30er Jahre lernte Tabori in Berlin in den Hotels Adlon und Hessler einige Jahre das Hotelfach. Hitler sah er am Fenster stehen, winkte ihm und Hitler winkte zurück. Wenig später, sein Bruder, der Schriftsteller Paul Tabori, war schon im Londoner Exil, folgte George ihm 1934. In seiner Budapester Familie sprach man Ungarisch und Deutsch, nun kam Englisch dazu, mit 25 begann George seine künstlerische Existenz als Schriftsteller. Fünf Romane erschienen kurz hintereinander gegen Ende des 2. Weltkriegs und danach in den USA und in Großbritannien, gespeist aus den Erfahrungen als Kriegskorrespondent in Sofia und Istanbul, dann, mit englischem Pass, als englischer Geheimdienstler bei der BBC im Nahen Osten, vorwiegend in Jerusalem und Kairo. Spannende und faszinierende Romane im Horizont des Existenzialismus. Das Spektrum der Taborischen Themen, wenn man von der jüdischen Existenz und vom Holocaust mal absieht, ist hier bereits präsent: Die Wahrnehmung des Fremden, Erinnerung und Verdrängung, Wahrheit und Lüge, vor allem: Erfahrung mit der Illusion, sich aus kriegerischen und zwischenmenschlichen Kontroversen raushalten zu können. Taboris frühe Romane sind erst 50 Jahre nach ihrem Erscheinen mit seinen Erfolgen als Dramatiker und Regisseur auch in Deutschland erschienen, beflügelt ganz sicher auch dadurch, dass sich auch bei uns eine spürbare neue Aktualität existenzialistischer Fragestellungen abzeichnete. Die Kritik in Deutschland zeigte sich erstaunt über die Frische und Aktualität der Romane, sah sie vor dem Hintergrund von Hemingway und Graham Green.

Die Erfolge dieser Bücher in den USA und Großbritannien brachten Tabori 1947 als Scriptschreiber nach Hollywood in die Filmfabrik von Metro-Goldwyn-Mayer. 1948 arbeitete er zusammen mit Thomas Mann an einem Drehbuch für den „Zauberberg“. Hier hat er viele der exilierten deutschen Schriftsteller und Komponisten kennengelernt, Lion Feuchtwanger z.B., oder Bert Brecht, an dessen „Galilei“-Erstaufführung in den USA er beteiligt war. Mit William Faulkner saß er in einem Büro. 1949 zog er endgültig in die USA, pendelte zwischen Hollywood und New York hin und her. Er heiratete die schwedische Schauspielerin Viveca Lindfors, schrieb Stücke, übersetzte Brecht und Max Frisch, arbeitete in Lee Strasbergs berühmten New Yorker Actors Studio mit, begann mit eigenen Inszenierungen am Off-Broadway und gründete eine eigene Theatergruppe.

Die Ambivalenz von Lachen und Weinen gehört zu Taboris Werk. „Zwischen Kalau und KZ“ hat der Kritiker der FAZ, Gerhard Stadelmaier, das mal genannt. Und Wolf Biermann formulierte in seiner Büchner-Preis-Laudatio im Jahr 1992: „Die Komik bewahrt das Tragische vorm Triefen.“ In der Anekdote finden das Ungeheuerliche und das Sexuelle, das Abgründige und das Profane zusammen. Wem angesichts des allgegenwärtigen Todes nichts Menschliches fremd ist, der schreckt vor keinem Abgrund und vor keiner Peinlichkeit zurück, nicht vor nackten Körpern, nicht vor Behinderten auf der Bühne, „nicht einmal vor dem peinlichen Wort: Liebe“, über das Tabori in seiner Büchner-Preis-Dankesrede sprach. Es geht ihm um den entlarvenden Charakter der Anekdote. Sie war in der Antike eine nichtveröffentlichte Schrift mit Hintergründigem über den byzantinischen Hof Justinians. Sie enthielt also verborgene, unterdrückte Wahrheiten. In der Farce „Mein Kampf“, Taboris meistgespieltes Stück, wimmelt es von Anekdoten. Eine möchte ich Ihnen vorlesen, weil sie zusätzlich noch amüsante Wortspiele enthält. Ein gewisser Adolf Hitler aus Braunau am Inn und Schlomo Herzl, der Jude, im Gespräch. Beide bewohnen Frau Merschmeiers Männerasyl in der Wiener Blutgasse. Hitler verachtet Herzls Fähigkeit zu weinen. Aber er bewundert sie auch, ist ihm doch bei der Beerdigung seiner Mutter nur ein feuchter Wind abgegangen, aber keine Träne. Nun fragt Hitler nach der Technik des Weinens und Herzl erläutert: „Die richtige Stadt hast du dir gewiss ausgesucht. Die Wiener Schule der Weiner ist unvergleichlich in der Welt. Technisch gesehen weint man hier nasser als in Helgoland. Kein Wunder, die Wiener tragen ihre eigene Klagemauer in sich. Nomen est omen. Dreht man die Vokale um, wird Wiener zu Weiner. Es gibt sogar ein Lied darüber: „Wiehien und der Weihein…“ Dennoch muss ich zur Vorsicht mahnen, was das Wiener Weinen angeht. Im großen Ganzen sind die Wiener Tagweiner, und die, die am Tag weinen, weinen im großen Ganzen nur um sich selbst und machen den Kummer zum Schmalzer, was sich zufällig auf Walzer reimt. Wahre Tränen, von Gott geliebte, werden des Nachts geweint, und die, die des Nachts weinen, werden weithin gehört“ usw. Klar, dass aller Unterricht nichts nützt, alle Liebesarbeit Herzls an Hitler ist für die Katz – wenn man von Äußerlichkeiten absieht: den Bart hat Herzl ihm gestutzt bis zur Bürste unter der Nase und die Haare ihm streng gescheitelt, wie wir sie kennen, damit Hitler die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie besteht. Dort rät man ihm allerdings, er solle es besser als Anstreicher versuchen. Aber da war er ja sowieso schon auf einem anderen Trip, wie man aus seinem Buch „Mein Kampf“ hätte wissen können.

Rund 30 Stücke und fast ebenso viele Hörspiele hat Tabori verfasst, fünf Romane, mehrere Erzähl- und Essaybände, Filmdrehbücher, u.a. für Alfred Hitchcock, Anatole Litvak oder Joseph Losey. Die Zahl seiner Auszeichnung ist lang. Der Büchner-Preis für einen Schriftsteller, der auf Englisch schreibt und mit einem englischen Pass in Deutschland arbeitete, erhitzte noch einmal die Gemüter, das war gegen die Satzung! George Tabori, das ewige Kind, der melancholische Moralist!

Was macht man jetzt mit so einem Fremdling, den man zum Ehrenbürger ernannt hat? Man kann ihn ignorieren, das wäre die langweiligste Form der Begegnung und würde einen so doof und langweilig zurück lassen, wie man selber immer schon war. Man kann sich aber auch mit Tabori beschäftigen, ihn lesen, sich an seinen Texten reiben, vielleicht auch ärgern, mit seinen Texten leben, weil sich neue, andere Welten, andere Menschen, andere Ansichten herauskristallisieren. Natürlich kann man eine Straße oder eine Schule nach ihm benennen, stolz auf so einen quer stehenden Ehrenbürger sein und allen Neugierigen, die durch Eschede ziehen, seine Geschichte und seine Geschichten erzählen. Das sollte man auf jeden Fall tun. Man kann den bundesweiten Wettbewerb „Ein Dorf oder eine Stadt liest ein Buch“ konkretisieren: „Eschede liest Tabori“ – und dazu schafft man Möglichkeiten zum Gespräch, zur Diskussion und zur Begegnung. Man kann auch Uschi Tabori einladen, um sie nach ihrem Leben und der gemeinsamen Arbeit mit George Tabori zu befragen. Als „Lebenstheater“ hat Peymanns Dramaturg Hermann Beil Taboris Theater bezeichnet, weil es immer alle Schönheiten und alle Wahrheiten, aber auch alle Traurigkeiten und alle Grausamkeiten enthält. Es ist ganz und gar nicht nach den Regeln des Erlaubten theatralisch abgepackt, wie ja das Leben auch nicht. Bei Tabori, im Tabori-Theater ist, wie im Leben, immer alles möglich. Wer sich darauf einlässt, wozu man in der Regel auch einen Sprung über den eigenen Schatten wagen muss, geht vielleicht als ein anderer daraus hervor. Nennen wir es menschlicher! Mehr ist nicht möglich.

Rede von Wend Kässens, gehalten am 31.5.2014 im Heidegut Eschede

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erstellt am 23.6.2014

George Tabori. Foto: Andreas Pohlmann

George Tabori. Foto: Andreas Pohlmann