Die Arena von Verona ist ein Ort des Spektakels, aber auch der Demokratisierung. Den Auftakt der diesjährigen, 101. Saison in der Arena bildeten die Premieren von Verdis „Ein Maskenball“ und Bizets „Carmen“. Davon berichtet Thomas Rothschild.

arena von verona

Oper für alle

Von Thomas Rothschild

Breitbeinig stehen die drei Herren in Uniform rechts an der Rampe der riesigen Panoramabühne und schmettern ihr Trio ins Publikum. Mit dem Regietheater, wie man es in Deutschland liebt, hat diese Inszenierung von Pier Luigi Pizzi, dem in Italien hoch angesehenen Regisseur, nichts zu tun. Hier will man die Operngeschichten in den Kostümen der Epoche und mit realistischer Logik erzählt bekommen. Weil man aber den Raum der Arena und die Open Air-Gelegenheit nützen muss, spritzt an einer Stelle ein Feuerwerk in die Höhe. Das ist schnell vorbei, aber dem Bedürfnis nach einem Spektakel ist Genüge getan.

Ja, die Opern in der Arena von Verona sind ein Spektakel. Aber war Oper nicht immer schon Spektakel? Ursprünglich boten die Fürsten und Könige sie ihren wenig an Kunst interessierten aristokratischen Gästen an. Noch der debilste unter ihnen durfte sich an Musik und Bühneneffekten erfreuen. Im 19. Jahrhundert erst sicherte sich die Bourgeoisie das Vorrecht des Opernbesuchs und baute allerlei Schwellen durch Kleiderordnungen und Benimmregeln ein, um das „gemeine Volk“ aus seinen Kunsttempeln entfernt zu halten.

So betrachtet ist die Arena von Verona ein Ort der Demokratisierung. Dass hier in den oberen Rängen zigtausende Menschen für den humanen Eintrittspreis von 24 Euro einem Ereignis beiwohnen, mag verachten und bespötteln, wer das elitäre Bewusstsein von Adel und Bourgeoisie nicht überwunden hat. Es beweist jedoch überzeugend, dass die „einfachen“ Menschen nicht zu dumm sind für anspruchsvollere Kunst, dass sie nicht durch Gene für den Eurovision Song Contest oder das Musikantenstadl prädestiniert sind, sondern dass ihnen lediglich gemeinhin der Zugang zur Kunst und zuvor schon die dafür hilfreichen Bildungsmöglichkeiten vorenthalten werden. Und wer heute die didaktischen Unternehmungen in Theater- und Opernhäusern heruntermacht, will diesen Zustand prolongieren. Dass die von nah und fern angereisten Touristen, für die der Besuch einer Oper das große, lange erwartete Erlebnis des Jahres ist, trotz mehrfachem Verbot von Kameras an geeigneten und ungeeigneten Stellen blitzen, ist verständlich. Wirklich lästig sind die angeblich gebildeten Kollegen, die junge Journalistin, die das Libretto Zeile für Zeile mit einem gleißend hellen Lämpchen mitliest, der greise italienische Typ, der, mit ausholenden Gesten mitdirigierend, nicht nur seiner Frau anzeigt, wenn ein hoher Ton sich ankündigt, sondern auch laut mit ihr Gespräche führt, wenn die Musik gerade etwas leiser ist.

Kritischen Geistern mögen bei der Melagomanie der Arena-Inszenierungen Erinnerungen an faschistische Massenspiele kommen. Nur erklärt das nichts. Man sollte es sich nicht zu leicht machen. Massenspektakel gab es auch in der Sowjetunion, gibt es auch in China und bei Kirchentagen. Die Form lässt sich mit sehr verschiedenen Inhalten füllen. Dass das Medium die Botschaft sei, stimmt nur bedingt. Die Massenszenen aus „Aida“ oder „Carmen“ sind von vornherein nicht verdächtiger als die Eröffnungsfeierlichkeiten bei Olympiaden. Muss man das betonen, wenn gerade eine Fußball-WM mit der Oper konkurriert? Und was dann in Verona zu hören und zu sehen ist, mag altmodisch sein – menschenfeindlich ist es nicht. Von sich prügelnden Fanfraktionen in der Arena hat man noch nichts vernommen.

Eröffnet wurde die heurige, 101. Saison mit Verdis „Ein Maskenball“. Pier Luigi Pizzi hat die in Boston spielende zweite Version gewählt und sie vom 17. Jahrhundert um hundert Jahre in die Zeit des Sezessionskriegs verlegt, nicht zuletzt wegen der Bühnenbilder, die er selbst wie die Kostüme dafür entworfen hat. Eine Art runder Säulengang mit begehbarer Abdeckung und zwei symmetrischen Nebenspielflächen öffnet sich durch die Drehbühne im Lauf der Aufführung nach vorne und gibt den Blick auf einen Innenraum frei. Das ist monumental, wie man es in Verona liebt, aber nicht überladen. Aufgemotzt wird die Inszenierung durch Tänzer, die den großen, meist spiegelbildlich aufgestellten Chor begleiten und ständig schlangenartige Bewegungen mit den Armen zelebrieren. Das kann, ebenso wie die extrovertierte Körperregie für Oscar, der (vielmehr: die) sogar ein Rad schlagen darf, auf die Dauer nerven. Irgendwie finden diese manierierten Bewegungsabläufe und die Starrheit der übrigen Personenführung nicht zu einem gemeinsamen Nenner.

Musikalisch hingegen gibt es kaum etwas auszusetzen. Insbesondere die in der Arena gern gesehene chinesische Sopranistin Hui He als Amelia, aber auch Francesco Meli als Riccardo und Luca Salsi als Renato sowie Serena Gamberoni in der Hosenrolle des Oscar entsprechen den höchsten Erwartungen. Das sind prächtige, kraftvolle Stimmen, die das Rund der Arena mühelos füllen, ohne auf Klangschönheit und differenzierte Intonation bis in heikle Höhen, die Verdi ihnen abverlangt, zu verzichten. Lediglich Elisabetta Fiorillo als Wahrsagerin Ulrica tremoliert mit Bravour an den Tönen vorbei, die man eigentlich zu hören hofft. Die vielfach bigotte, weil nicht von den Betroffenen, sondern von übereifrigen Stellvertretern geführte Blackfacing-Debatte hat Verona noch nicht erreicht. Elisabetta Fiorilla darf als Ulrica, laut Libretto in der „Stockholm-Fassung“ von „Un ballo in maschera“ eine Zigeunerin, in der „Boston-Fassung“ jedoch eine „indovina di razza nera“, schwarz geschminkt auftreten. In Lübeck und Meiningen hat sich Ansgar Haag aus dem Konflikt herausgemogelt und Ulrica zu einer Indianerin gemacht. Rothäute, das weiß jedes weiße Kind, darf man spielen. Neger nicht. Hat das damit zu tun, dass jene effektiver ausgerottet wurden als diese und dass zu wenige übrig geblieben sind, um deren Interessen wahrzunehmen?

Der inzwischen einundneunzigjährige Franco Zeffirelli gehört zu den Protagonisten der Opernverfilmung. Aber auch an Opernbühnen hat er Regie geführt. Für Verona hat er eine legendäre „Carmen“ inszeniert, die in diesem Jahr als zweite Premiere der Spielzeit wieder aufgenommen wurde. Vor genau 100 Jahren, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde „Carmen“ zum ersten Mal in der Arena gezeigt. Bizets populäre Oper ist wegen ihrer zahlreichen Massenszenen für die Arena wie geschaffen. Vor allem in ihnen beweist Zeffirelli seine Meisterschaft. Jedes Detail, jede Nebenfigur ist liebevoll gestaltet. Das Gesamtbild lässt den erfahrenen Filmregisseur erkennen, der weiß, wie man einen Bildrahmen mit einer Totalen füllt. Auch das Ballett (Choreographie: El Camborio, neu einstudiert von Lucia Real) ist hier, anders als im „Maskenball“, sinnvoll und mit Geschmack integriert. Und damit das Spektakel zu seinem Recht kommt, beschreiten gleich mehrere Pferde und Maultiere wiederholt die Bühne. Bekanntlich lenkt nichts so sehr ab wie lebendige Tiere auf der Bühne. Mit boshafter Spannung wartet das Publikum darauf, dass sie, trotz Dressur, etwas tun, was sie nicht tun sollen. Das war in Verona nicht der Fall. Aber es ist ausgesprochen komisch, wenn man entdeckt, wie die Maultiere die Ohren buchstäblich spitzen und mit ihnen an bestimmten Stellen wackeln, als wollten sie den Gesang kommentieren.

Was diesen betrifft, ragte Irina Lungu als Micaela, nicht nur für Maultiere wahrnehmbar, aus dem Ensemble heraus. Sie bekam am Ende auch zu Recht den deutlich heftigsten Applaus. Es muss ja nicht immer die Titelfigur der überragende Star sein.

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erstellt am 23.6.2014

Szenenfoto „Carmen“, Arena von Verona © Ennevi Foto

Szenenfoto „Carmen“, Arena von Verona © Ennevi Foto

Szenenfoto „Ein Maskenball“, Arena von Verona © Ennevi Foto

Szenenfoto „Ein Maskenball“, Arena von Verona © Ennevi Foto