Mieczyslaw Weinberg

Der tröstliche Spruch, nach dem die Zeit die Fülle der künstlerischen Hervorbringungen aussiebt und das wenige Beste zurückbehält, steht im Verdacht, Unterlassungssünden zu Himmelsgeschenken umzuwidmen. Hans-Klaus Jungheinrich belegt dies mit der Musik von Mieczyslaw Weinberg, die jetzt auf CD veröffentlicht wurde.

cd-kritik

Wenn Musik durch die Spalten der Zeit fällt

Der spät entdeckte Mieczyslaw Weinberg, vorwiegend mit Kammermusik, auf neuen CDs

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Als 2010 bei den Bregenzer Festspielen Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ entdeckt wurde, die Quasi-Uraufführung eines der Hauptwerke von der Hand eines bereits 14 Jahre toten Komponisten aus der ehemaligen Sowjet-Sphäre, fragten sich auch Fachleute und Kenner, wie es denn möglich sei, dass die internationale Musikwelt an einer solchen künstlerischen Potenz, einem derart reichen und vielgestaltigen Oeuvre, jahrzehntelang ahnungslos vorübergehen konnte. War die frontale künstlerische Thematisierung von Auschwitz (bis zu dem bitter-komödiantischen Benigni-Film „La vita è bello“) wirklich ein gusseisernes Tabu? Galt auch für „Dissidenten“ aus dem Ostblock die Maxime, sie müssten den Richtmaßen der westlich-avantgardistischen Materialästhetik entsprechen, um hierzulande Aufmerksamkeit zu finden? War der eine Schostakowitsch als Repräsentant des zwischen Anpassung und Widerstand sich abarbeitenden Künstlerlebens in einer Diktatur so übermächtig, dass er die Geltung eines im vielen ähnlichen „Halbbruders“ behinderte? Spielte der blinde Zufall? Manchmal ist es ja etwa nur ein rühriger Musikverlag oder in diesem eine einzige unermüdlich passionierte Seele, die bestimmend für eine wichtige Rezeptionsschiene zu agieren vermögen. Gidon Kremer und seine befreundeten Musiker taten unendlich viel für die weltweite Bekanntmachung verborgener und halb verborgener kompositorischer Phänomene hinter dem Eisernen Vorhang, aber in ihren weitgespannten Programmen war Weinberg nur einer unter vielen. Seine geradezu sensationell aufgenommenen Bühnenwerke (nach der „Passagierin“ noch die monumentale Dostojewskij-Oper „Der Idiot“, 2013 in Mannheim) lag nicht ihm Rahmen ihrer vorwiegend kammermusikalischen Bestrebungen.

Nicht einmal die Saga seines bewegten Lebens mobilisierte vor der Jahrtausendwende im Westen die kunstinteressierte Empathie. Der Jude Weinberg und seine Angehörigen: sozusagen immer auf der Flucht. Die Familie, nach Pogromen aus Bessarabien geflohen und in Polen ansässig geworden, sah sich 1939 vom Einmarsch der Deutschen bedroht. Der 1919 geborene Mieczyslaw entkam als einziger dem Tod im Konzentrationslager und fühlte sich, vor der Kriegs- und Mordmaschinerie nach Osten ausweichend, erst im fernen mittelasiatischen Taschkent genügend sicher. Nach dem Kriege lebte er bis zu seinem Tod 1996 in Moskau, zumindest in den ersten Jahrzehnten als polnischer Jude weiter in Gefahr und mit zahlreichen Werken ein „Verbotener“. Immerhin fand er in Schostakowitsch einen geistesverwandten Kollegen und Freund. Beide schätzten einander hoch und unterstützten sich mit produktiver Kritik (man könnte an die Freundschaft Mendelssohn/Schumann denken). Beide mussten sich, wenn auch mit sich abschwächender Anspannung, als kulturpolitisch „unzuverlässige Elemente“ fühlen. Beide wahrten, wohl aus Überzeugung, tonsprachliche Distanz zur westlichen neuen Musik und hielten den Anteil „angepasster“ kompositorischer Tributzahlungen an die offizielle Doktrin so gering wie möglich.

Noch ausgeprägter als bei Schostakowitsch figurieren bei Weinberg die zahlreichen und bedeutenden Kammermusikwerke als Inanspruchnahme von Freiräumen, die der reglementierten Observation mehr entzogen waren als „große“ Gattungen wie Oper und Symphonie. Mit seinen Symphonien gelang Schostakowitsch dennoch ein Werkblock, der aufgrund einer „doppelten Codierung“ neben dem Anschein „positiver“ und „affirmativer“ Inhaltlichkeit den widerständigen Diskurs des sarkastisch-bitteren oder anklagend-trauernden persönlichen Bekenntnisses kenntlich werden ließ. Eine ähnlich monumentale Fokussierung seiner kreativen Intentionen beabsichtigte Weinberg offenbar nicht; er schrieb zwar mehr Symphonien als Schostakowitsch (nämlich 18), aber es entstand damit keine gleichsam „weltschaffend“-mahlerische Einheit komplementärer Werkhervorbringungen. Das unakzentuiert Vielseitige erschwert die begriffliche Charakterisierung seiner Physiognomie. Nicht unerheblich vielleicht auch, dass Weinbergs Idiom viel weniger von scharfem Sarkasmus und finsterem Pessimismus gekennzeichnet ist als weithin dasjenige von Schostakowitsch. Ein die Prämissen „erweiterter Tonalität“ nicht Verlassender, noch dazu oft heiter und optimistisch Gestimmter: das mochte allzu leicht verwechselbar scheinen mit überlebten windigen und harmlosen Rezepten westlicher „gemäßigter“ Moderne.

Ein falscher Eindruck, wie auch wieder die neu vorliegenden Veröffentlichungen beweisen. Das Label cpo aus Georgemarienhütte nahm Weinberg schon einige Zeit vor der bahnbrechenden „Passagierin“-Premiere ins Visier. Da zu seinem Prinzip die wiederholte, ja kompendiöse Betreuung bestimmter (vor allem unerschlossener) Komponistenoeuvres gehört, ist auch die Weinberg-Ausbeute bei cpo inzwischen schon beträchtlich. Die jüngste Edition, in Verbindung mit dem Deutschlandradio realisiert, präsentiert drei überaus reizvolle Stücke: die wuchtige, mehr als halbstündige Sonata opus 108 für Kontrabass solo (mit dem eloquent „erzählenden“ Nabil Shebata), sodann das ereignisreiche und auch sperrige Klaviertrio opus 24 (mit der Pianistin Elisaveta Blumina, dem Geiger Kolja Blacher und dem Violoncellisten Johannes Moser). Zu den melodiöseren und – ja, man könnte sagen: mendelssohnisch – konzilianteren Werken Weinbergs gehört die Sonatina opus 46 für Violine und Klavier.

Dieses Stück ist auch zu hören in der ausführlicheren neuen Weinberg-Kollektion von Gidon Kremer und Mitgliedern seiner Kremerata Baltica. Gegenüber der eine Spur nüchtereren Einspielung von Erez Ofer und Elisaveta Blumina wirken Kremer und sein Pianist Daniil Trifonov kapriziöser, exzentrischer, als hätten sie die eher schlicht-geradlinigen drei Satzcharaktere schon unzählige Male exekutiert und probierten nunmehr aparte Nuancen und besondere theatralische Wendungen aus. Jedenfalls bieten sie alles andere als eine routinierte Pflichtübung. Auf einer ganz anderen Ebene exzessiv und evokativ zeigt sich Kremers Interpretation der Violinsolosonate opus 128 von 1979 („dem Andenken an meinen Vater“), die an emotionaler Dichte und tonsetzerischer Schroffheit an diejenige von Béla Bartók gemahnt. In ähnlich intime, von mancherlei dunklen Schatten bevölkerte Bezirke führt die concerto-grosso-artige 10. Symphonie von 1968. Ihre vergleichsweise dissonanzenreiche Diktion macht klar, dass Weinberg sich in seinem Materialverständnis nicht linear entwickelte, sondern immer gleichzeitig ein breiteres kompositionstechnisches Spektrum parat hatte. Ausschlaggebend beim Hören ist freilich stets das expressive Klima; demgegenüber treten handwerklich-theoretische Aspekte zurück. Trotz einer gewissen Polystilistik demonstriert Weinberg den musikalischen „Sprachwechsel“ denn auch niemals so programmatisch wie Alfred Schnittke. Für Weinbergs einziges Streichtrio opus 48 verwenden sich bei ECM neben Kremer der Bratschist Daniil Grishin und Giedrè Dirvanauskaité (Violoncello). Mit dem frühen Concertino op.42 von 1948 offenbart sich Kremer (zusammen mit der Kremerata) nochmals als profund virtuoser, dabei temperamentvoll-eigenwilliger geigerischer Rhetor. Keine Frage, dass eine Persönlichkeit wie Weinberg besonders gut in die ECM-Programmatik der aus einer beredten Stille und dem unaufwändig-verhaltenen Sprachvermögen heraus sich mitteilenden Tonsetzer passt. Und auch hier nimmt man sich mit Vorliebe und Liebe solcher Künstler an, die, aus vielen Gründen vom Zeitgeist ignoriert, unerkannt in den Spalten der Zeit zu verschwinden drohen.

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erstellt am 21.6.2014

Mieczyslaw Weinberg
Piano Trio/ Violin Sonata/ Double Bass Sonata
Blumina, Blacher, Ofer, Moser, Shebata
cpo 777 804-2

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Mieczyslaw Weinberg
Kremerata Baltica/ Gidon Kremer
Kammermusik, Concertino op.42, Symphonie No. 10
ECM New Series 2368/69, 2 CDs

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