In den sechziger Jahren schien der amerikanische Western an Erschöpfung zu leiden. Da entdeckten die Italiener ihre Chance. Sergio Corbucci gehört neben Sergio Leone zu den großen Regisseuren des Italowestern. Nun ist eine DVD-Box mit seinen Filmen erschienen, die sich Thomas Rothschild angesehen hat.

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Durch Schlamm und Schnee

Von Thomas Rothschild

Was die Verächter des Geists von 1968 nicht begreifen können: dass nicht nur Marx und Coca Cola, Brecht und Rock'n'Roll, sondern auch der Protest gegen den Vietnamkrieg und Italowestern gut zusammen gingen.

Die beiden großen Regisseure des Italowestern waren Generationsgenossen. Sergio Leone wurde 1929 geboren, Sergio Corbucci drei Jahre davor, 1926. Leone starb 1989, Corbucci nur ein Jahr später, 1990. Leone war wahrscheinlich, wegen „Spiel mir das Lied vom Tod“, der Berühmtere, aber Corbucci hat sehr viel mehr Filme gedreht. Beide begannen mit der Regiearbeit Anfang der fünfziger Jahre und erreichten den Höhepunkt ihrer Karriere Mitte der sechziger Jahre. Sie waren Konkurrenten und einander doch ähnlicher als die großen Regisseure des amerikanischen Western.

Der schien in den sechziger Jahren an Erschöpfung zu leiden. Seine heroische Zeit als das amerikanische Filmgenre schlechthin hatte er hinter sich. Da entdeckten die Italiener ihre Chance, während in den USA eine Variante entstand, für die der Begriff „Spätwestern“ geläufig war. Mit dem amerikanischen Vorbild teilte der Italowestern die Tatsache, dass er auf Originalität verzichtet. Er folgt einer “Ästhetik der Identität”. Es kommt ihm nicht darauf an, durch völlig neue Sujets, Abläufe, Besetzungen, Ausstattun­gen, Kameraarbeit zu überraschen, sondern darauf, das bis ins Detail vertraute Schema stets aufs neue zu variieren. Das Vergnü­gen für den Zuschauer entspringt, wie etwa bei der Commedia dell'arte, beim japanischen Kabuki oder auch beim Fußballspiel, den kleinen Abweichungen vom Üblichen, der Art, wie das Erwartba­re jeweils ausgeführt wird. Somit gehört der Western zu jenen Genres, die sich nicht an der Realität, sondern nur an ihrer eigenen Tradition bemessen lassen.

Diese Absage an den psychologischen Realismus steigerte der Italowestern noch durch opernhafte Stilisierung. Es sind Typen, nicht Charaktere, die da handeln. Die Guten bleiben gut, die Bösen böse – und das Böse ist fast stets faszinierender als das Gute, bis hin zu einer Brutalität, die umstritten blieb, begleitet von tantenhaften Mahnungen und pseudowissenschaftlichen Spekulationen über die angebliche Wirkung von szenischer Gewalt, als wäre die Geschichte der Kunst von „Thyestes“ über „Macbeth“ bis „Gerettet“ ein Kleinkindererziehungsprogramm. Der Italowestern unterhält durch sarkastische Dialoge, durch deutliche Kontraste und durch immer wieder variierte Schießereien und Faustkämpfe, deren Ausgang vorhersehbar ist. Mit pädagogischem Eifer wird man dem Italowestern nicht gerecht. Und man müsste schon ein Brett vor dem Kopf haben, um zu leugnen, dass er ein Männergenre ist wie der Abenteuerroman vom Typ „Die drei Musketiere“ oder der Gangsterfilm. Frauen sind im Western größtenteils entweder Huren oder biedere Hausfrauen. Versuche mit einem Frauenwestern wie etwa „Bad Girls“ blieben Randerscheinungen. Wenn man den Western der machistischen Eigenschaften beraubt, die im wirklichen Leben jede Brandmarkung verdienen, bleibt von der Kunstform so viel übrig wie von einem „Othello“ mit weißem Titelhelden, von einer Medea, die ihre Kinder schont, von einem „Kaufmann von Venedig“, in dem Shylock auf die Begleichung der Schulden verzichtet, oder von einem Kasperl, der dem Tierschutzverein beitritt und daher auf das Krokodil nicht einschlägt. So begründet „Political Correctness“ ist, wenn es gilt, im wirklichen Leben Minderheiten zu schützen, so unheilvoll ist sie für die Künste. Sie beweist allenfalls, dass jene, die sie bemühen, vom Wesen der Kunst nichts kapiert haben.

Django, der einen Sarg durch den Schlamm hinter sich herzieht, gehört zum Bildrepertoire der sechziger Jahre wie Dürers Hase zu dem des frühen 16. Jahrhunderts oder der Tramp Charlie mit Stock und Melone zur Epoche des Stummfilms. In Franco Nero hatte Corbucci seinen Darsteller gefunden, dem er treu blieb.

Was für „Django“ 1966 der Schlamm, ist zwei Jahre später für „Leichen pflastern seinen Weg“ – Originaltitel: „Il grande silenzio“ – der Schnee. Für diesen Film hat Ennio Morricone, der zum Italowestern gehört wie Dimitri Tiomkin zum amerikanischen Western, die Musik geschrieben. Mit Klaus Kinski als der zynische Kopfgeldjäger Loco und Jean-Louis Trintignant als der stumme Rächer der Beleidigten stehen Corbucci zwei charismatische Kinohelden zur Verfügung. (Im Original heißt Loco Tigrero. Warum er in der deutschen Fassung seinen Namen ändern und sich die Dialoge ziemlich weit weg vom Original bewegen mussten, weiß allein Wenzel Lüdecke.) Wenn il Silenzio Loco mit einer Zigarre, die er ihm ins Whiskyglas wirft, zum ersten Schuss herausfordern will, dann erinnert das an den Fehdehandschuh der Ritterzeit. Der Western, in den USA nicht zuletzt eine Form des Heimatfilms, folgt in seiner italienischen Variante mehr noch dem Modell des Märchens. Gegenüber dem Science-Fiction-Film von der Sorte „Star Wars“, für den das ebenfalls gilt, hat er jedoch den Vorzug, dass er keiner übernatürlichen Logik bedarf, die für Überraschung wenig Raum lässt, gerade weil alles möglich ist. Nur die fast grenzenlose Überlebensfähigkeit in Schlägereien, die der Western wiederum mit dem Zeichentrickfilm teilt, verstößt gegen eine nachvollziehbare Folgerichtigkeit. Der Western wirkt insofern befriedigend, als die individuelle Rache innerhalb der Konstruktion für Gerechtigkeit sorgt, wo sich das staatliche Gewaltmonopol, repräsentiert durch einen schwachen Sheriff, der hilflos oder auch korrupt agiert, noch nicht etablieren konnte. Das ist vielleicht ein Hinweis auf die Verbindung zwischen Italowestern und der 68er-Moral: dass einem Staat misstraut wird, der, wie in Vietnam, selbst Gewalt ausübt oder, wie in Deutschland, die Verbrechen der Nazi-Generation deckt. Da kann ein Rächer, den man stumm gemacht hat, als Identifikationsfigur durchaus taugen.

Am Schluss von „Leichen pflastern seinen Weg“ kommt es doch zum Regelverstoß. Die Erschießung des positiven Helden und der Geiseln ist mehr My Lai als John Ford. Corbucci hat auch ein alternatives Ende gedreht, einen konventionellen Sieg des Guten. Es ist auf der DVD – ohne Ton – enthalten. Es funktioniert nicht.

Der in französischer Sprache produzierte Film „Fahrt zur Hölle ihr Halunken“ („Gli specialisti“) von 1969 mit Johnny Hallyday, dem französischen Elvis Presley jener Jahre, und mit Mario Adorf als einarmiger mexikanischer Bandenchef reicht nicht an die vorangegangenen Filme heran. Hallyday ist kein Franco Nero und kein Trintignant. Der Handlung fehlt die Stringenz, sie flattert auseinander, verliert sich in platten Späßchen. Das Ende ist eine surreale Vision, die man, wenn man denn will, als Parabel ausdeuten kann. Der durch ein Kettenhemd unverwundbare Held, ein neuer Siegfried, steht einem Quartett von revoltierenden Jugendlichen gegenüber, die an Shakespeares Narren erinnern. Mit dem Western, dem amerikanischen wie dem italienischen, hat das nicht mehr viel zu tun. Für eine Parodie à la „Cat Ballou“ reicht es auch nicht aus.

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erstellt am 19.6.2014

Sergio Corbucci Western Edition
Italien/Frankreich/BRD, 1966-1969
3 DVD, 287 Min.
Studiocanal 2014

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