In seinem Text »Die Mitmacher« setzt sich Jürgen Paul Schwindt mit der »neuen deutschen Universität« auseinander. Anstelle des erkennenden Universalwissenschaftlers tritt der forschende Teilforscher, Fachbereiche werden »zu teilautonomen Dienstleistungsbetrieben« und zu Instrumenten der Waren- und sogar der Waffenproduktion.

Essay aus TUMULT

Die Mitmacher

Zur Pathogenese der neuen deutschen Universität. Teil 1 – das „Vorfeld“

Von Jürgen Paul Schwindt

Man muss den Hochschulen und Universitäten unseres Landes nicht besonders übelwollen, um zu erkennen: Sie sind ungeachtet aller Umbrüche und Reformen die bevorzugten Sammelstellen eines Menschenschlages geworden, den man als den Typus des Mitmachers charakterisieren könnte. Nur Leute, die dem organisierten Bildungswesen so fern stehen wie die Erde den Umlaufbahnen der Planeten, werden unsere Hochschulen für Orte halten, an denen Originalität und intellektueller Eigensinn ausgeprägter sind als das sture Gleichmaß eines kollektivierten Geistes.

Nüchtern betrachtet, muss man fragen, warum es unter den selbsternannten Eliten anders zugehen sollte als in Kindertagesstätten, Kindergärten und Grundschulen, als in Haupt- und Realschule oder Gymnasium. Von der Vor- bis zur Hochschule setzt man hierzulande auf die Hervorbringung und Förderung der immergleichen Spezies des im Zeichen der Norm funktionierenden Menschen, der sich weder im Guten noch im Bösen allzu sehr von dem fiktiven Maßstab der „im Leben“ Erfolgreichen unterscheidet. Die Begradigung des Nicht-Geradlinigen, die sozialkollektive Berichtigung des Einzelgängertums, die pädagogische Redaktion jedes renitenten Willens, die Domestizierung schon der kindlichen Autonomie des Phantasierens und Träumens, kurz die Einebnung der Unterschiede der – sei es angeborenen, sei es erworbenen – Begabungen und Fertigkeiten ist geradezu das Programm einer Gesellschaft geworden, die sich in allen ihren Teilen und am stärksten wohl im Erziehungs- und Bildungswesen professionalisiert hat.

Die mit den nivellierenden Maßnahmen einhergehenden Effekte der Desubjektivierung hat man – nicht nur in der rousseauistischen Tradition der Bildungskritik – schon häufiger beschrieben. (1) Weniger bekannt sind die Konsequenzen, die man unter dem Stichwort der Dekonfessionalisierung bündeln könnte. Es ist ganz offensichtlich, dass mit der Professionalisierung der Menschenbildung die Zurückdrängung der „confession“ des Freimuts und der offenen Rede, mit anderen Worten: der parrhesiastischen Intervention verbunden ist. (2)

Es ist nur folgerichtig, wenn uns eine so geartete Bildungsindustrie nun auch die Monstrosität der »Kinderuniversität« beschert hat. Schon die Kleinen sollen an Probleme und Fragestellungen herangeführt werden, die sie dermaleinst mitbetreiben und mitgestalten sollen. Die Totalverwaltung des heranwachsenden Menschen setzt an die Stelle des Abenteuers die Reservate eines bürgerlichen Lebens, in dem nach der Vorsehung der Bildungsplaner immer schon alles sinnvoll aufeinander bezogen ist. (3)

Wenn der totalverwaltete Mensch schließlich im vermeintlich vornehmsten Reservat, in der Landschaft der graduierten Geistesarbeiter, angelangt ist, wird er das, worauf er sich im Durchlauf durch die früheren Etappen am besten verstand, die Anpassung an seine Umwelt, nicht einfach abstellen, sondern sie vielmehr an allem und jedem erproben, das ihm in dieser letzten Phase in die Quere kommt. Nur Bildungsromantiker werden meinen, dass die Universitäten der rechte Ort seien, das Unangepasste zu denken oder gar zu leben. Im Gegenteil: Wer sich dem Anpassungsdruck entgegenstellt, wird nach und nach mit den Formen und Medien Bekanntschaft machen, die dazu dienen, die kolossale Maschine auf Kurs zu halten. (4)

Es wird gemeinhin zu wenig beachtet, wie sich in der toten Sprache der Verwaltungseliten doch immer auch etwas von dem artikuliert, was die Ideologie der vermeintlich ideologiefreien Zone ausmacht. So sucht man mögliche Widerstände „im Vorfeld“ dadurch aufzufangen, dass schon die Einladung zur politischen Willensbildung mehr als nur vage Hinweise darauf enthält, wie das Ergebnis der Erörterung auszusehen habe. Nachfragen sucht man dadurch aufzufangen, dass man sich in unbestimmten Andeutungen darüber ergeht, dass etwas „politisch gewollt“ sei. So konnte man erst die in Jahrzehnten bewährten Studienmodelle des Magisters und angehenden Lehrers auf den Kopf stellen, dann die Universitäten zu teilautonomen Dienstleistungsbetrieben mit Vorstandsvorsitzenden und Verwaltungs- und Aufsichtsräten umfunktionieren, zuletzt das lächerliche Gespenst des Exzellenzwesens von Kiel bis Konstanz, von Dresden bis Aachen durch die Flure unserer Universitäten treiben.

Das „Vorfeld“ ist mit seinen unweigerlich sich einstellenden Konnotationen von kämpferischer Strategie und Taktik also durchaus ernstzunehmen. Es dient der Ausschaltung, mindestens Unschädlichmachung gegenstrebiger Auffassungen. Nach erfolgter Flurbereinigung laufen alle »im Felde« unternommenen Reden und Handlungen ins Leere. Die klassische Topographie der alten, heute nur mehr belächelten Universität ist zerrüttet. An die Stelle der persuasiven Rede, die im offenen Disput („im offenen Felde“) für ein pro oder contra argumentierte, ist das epideiktische Genus der Leerrede getreten, einer Rede, die vor allem auf sich selbst verweist und nur mehr den schalen Glanz eines Vortrages verbreitet, der »in voller Anerkennung der Diffizilität der Lage« am Ende »das Richtige« vertritt. Schon die Homerischen Helden wussten die Orthoepie mancher Redner zu schätzen, die ihre Worte so zu setzen verstanden, dass sie das der aristokratischen Gemeinschaft „Gedeihliche“trafen. (5)

Die flüssige Rede des akademischen Sängers umtänzelt das »im Vorfeld« erhandelte Ergebnis, als käme es gerade jetzt erst zustande, ja, als hinge es an der Approbation durch die lauschende Menge, dass nunmehr dem, was unter den obwaltenden Umständen geboten erscheine, die Bahn bereitet würde. Ob des minutenlangen parlando kann – so das Kalkül des Schönredners – das Schweigen, das den Verrat an der Institution anzeigen könnte, gar nicht erst aufkommen. Was dem unangepassten Mitglied eines akademischen Beratungsorgans als endlose Qual erscheint, genießen die Mitmacher als das prächtige Funktionieren eines politischen Apparats, den sie „im Vorfeld“ so konditioniert haben, daß er wie eine gut geölte Maschine alles überrollt, was ihm sich entgegenstellt. Das ist das, was wir empfinden, wenn wir sagen, dass wir uns „im falschen Film wähnen“. Wir sind im richtigen, im einzig wirklichen Film – und liegen doch wie gefesselt in unseren Zuschauerbänken und sehen entgeistert die Gesichter derjenigen, die sich an den Effekten freuen, nicht weil sie durch sie überrascht werden, sondern weil sie just an den Stellen auftreten, wo man sie erwartet hatte. Es erinnert an das – meist harmlose – Glück der Tüftler und Bastler, die ihr auf Kontingenzeliminierung gerichtetes Spiel so weit zu treiben verstehen, dass sie ihr raffiniertes Kalkül an immer gleicher Stelle verfangen sehen.

Im schlimmsten Falle werden wir zu Figuren der Handlung im falschen Film, wenn noch unsere Empörung über das, was sich gerade vollzieht, den Agenten des Vorfelds ein diebisches Schmunzeln in die sonst unbewegten Gesichter treibt. Die Ursache der Verzweiflung derjenigen, die im offenen Felde zurückgelassen werden, ist nicht allein die vernichtete Lebenszeit, sondern die Demütigung, die darin liegt, dass dem unwiderruflichen Verlust der einen Partei der Triumph der anderen auf dem Fuße folgt. So rächt sich der Mitmacher am Stolz des Außenseiters, dem er vermutlich auf keinem anderen Felde begegnen kann.

Es steht nicht zu befürchten, dass das Beispiel des im Vorfeld düpierten Gelehrten Schule machen könnte. Zu offensichtlich ist in den Augen der Mehrheit die Blamage derjenigen, die die Zeichen der Zeit und die neue Ordnung im Raum der Gremienwelt verkennen konnten. Die Universität der Mitmacher vergibt ihre Auszeichnungen lieber an die, die sich auf die Spiele der Mitmacht so virtuos verstehen, dass man sie für die Eingebungen eines originären Willens und einer originellen Phantasie halten könnte.

Es wäre absurd zu glauben, die Einführung der akademischen Selbstverwaltung habe zu etwas anderem geführt als zur erst allmählichen, dann offen Platz greifenden Ersetzung akademischer durch nichtakademische Standards. Erfolgreich ist nach den geltenden Maßstäben, wer die Anpassung an die Norm so sehr verinnerlicht hat, dass er im perversen Habit der Akademie gleichwohl authentisch wirken kann. Von dem vollkommen angepassten Menschen heißt es dann in der jovialen Prädikation der Festrede, er sei „er selbst geblieben“. Dabei ist es nur so, dass er die Anpassung am eigenen Körper und Geist so weit getrieben hat, dass ihm die kulturelle Norm zur zweiten Haut geworden ist. Die „große Persönlichkeit“ muss stärker noch als der unauthentische, auch von den Mitmachern als Mitläufer durchschaute Gelehrte darauf bedacht sein, dass seine Lebenslüge, und das meint präzise: sein der Norm totalunterstelltes Leben, nicht offenkundig wird. Das Mittel, sich die Konfrontation mit dem entlarvenden Blick vom Leibe zu halten, ist der Verdacht.

Keine Studie gewiefter Bildungsforscher wird es je an den Tag bringen, wie sehr unsere Hochschulen, unsere Fakultäten, Departments und Seminare in ihrem Inneren an diesem dichten Netz aus Verdachtsmomenten gewoben haben, das jeden sogleich umstrickt, der den Vorhang vor dem Schmierentheater zu lüften sucht. Der Verdacht schützt die Anmaßung der Akademie vor der Entdeckung der Leere in ihrem Innern. Der Verdacht wendet den jederzeit möglichen Anwurf in die Waffen des Ressentiments, das noch die letzten Unabhängigen aus dem Felde schlagen soll.

In früheren Zeiten waren es die großen Ideologien vom freien Christenmenschen, von der Entwicklung und Emanzipation eines Bürgertums, von Humanismus und Historismus, von Szientifik und wissenschaftlichem Fortschritt, die den Einzelnen höchst selten in die Verlegenheit brachten, sich bekennen zu müssen. (6)

Der topographische Ausdruck für den schützenden Raum, der den anmaßlichen Gelehrten vor dem Absturz ins Leere bewahren soll, ist das „Vorfeld“- Im „Vorfeld“ wappnet sich der leere Gelehrte mit allem, was einst das Agieren im offenen Feld ausgezeichnet hatte. Er nimmt die völlige Entleerung des Feldes in Kauf, um sein Arrangement so zu treffen, dass ihm im entleerten Feld schlechterdings nichts mehr passieren kann. Und nicht nur ist es so, dass ihm „nichts mehr passieren“ kann. Er kann sich im entleerten Feld gar zum Fürsprecher des offenen Feldes machen. Es ist eine Fürsprache ex post, der erheuchelte Triumph dessen, der nicht selbst im Feld gestanden, sondern dieses nur im Vorfeld vergiftet hat. So wertschätzt und ehrt die Universität ihre perversen („verkehrten“) Eliten, wenn sie ihnen am Ende noch die Deutungshoheit über das, was im „Vorfeld“ geschah und im Felde nur zelebriert wurde, überlässt.

Was die deutsche Universität im Zeitalter der Exzellenz für manche ihrer Beobachter zum Albtraum macht, ist, dass sie in ihrer Mitte diejenigen feiert, die sie systematisch zugrunde gerichtet haben. Und die, die zufrieden auf ihr Funktionieren blicken, merken nicht, dass dies Funktionieren um den Preis der inneren Entleerung erkauft und – ärger noch – justement der Ausdruck ihres totalen Versagens ist. So ist des einen Feiertag des anderen Untergang. Eine Universität, die keinen Ort mehr hat, ihre eigene Kritik zu üben, sondern diese in den Ritualen der Selbstpflege zur rhetorischen Geste verkommen läßt, eine Universität, die das Vorfeld pflegt, dieweil der campus in ihrer Mitte verwildern kann, muss sich nicht wundern, wenn sich bald nur noch Mitmacher in ihren Mauern tummeln. Sie hätte dann ihren alten Namen, der pointiert die universitas magistrorum et scholarium meinte, in höchst unerwarteter Weise verkehrt: in die unterschiedslose Ebene eines nur mehr Gemeinplätze produzierenden Niemands- und Allerweltslandes.

1 Meist in Auseinandersetzung mit den späten, in Berkeley und am Pariser Collège de France gehaltenen Vorlesungen Michel Foucaults etwa zur »Hermeneutik des Subjekts« (1981/82) und zur »Regierung des Selbst und der anderen« (1982/83). Siehe dazu die deutschen Buchausgaben Frankfurt/Main 2004 und 2009.
2 Vgl. Jürgen Paul Schwindt: »Professio und Profession«, in: F.A.Z., Bildungswelten, 15. 9. 2011.
3 Das Aussterben des klassischen Bildungsromans irgendwann in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist nur ein Indiz dafür, daß es im Reich der vollendeten Homogenität nichts oder doch nichts mehr von Bedeutung zu erzählen gibt.
4 Vgl. Jürgen Paul Schwindt: »Nonkonformismus und Universität. Zur Katastrophe der Parrhesie an Deutschlands Bildungsanstalten«, in: Merkur 65, Heft 748/749, September/Oktober 2011, S. 923-932.
5 Die orthoepischen Redner sind die bevorzugten Aktanten des alten Erzählers, weil sich in ihnen der architektonische Plan der Saga am flüssigsten realisiert. Nestor vor allem ist der Mitverschworene des frühgriechischen Barden, weil er in honigsüßer Rede den Kitt verfertigt, der das Handeln des Helden jedes Verdachts des Opportunismus enthebt und es vielmehr durch die transgenerationale Verfugung adelt.

6 Noch heute stehen die vielfältigen Korporationen zumeist männerbündisch organisierter Akademiker von den Burschenschaften bis zu den Zusammenschlüssen der parteipolitisch oder konfessionell Gebundenen für die Tragfähigkeit der alten Systeme.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift TUMULT

Jürgen Paul Schwindt

siehe auch

Tumult: Carl Schmitt, Land und Meer

Kommentare


Norbert Tholen - ( 05-05-2017 04:25:32 )
Eine phantastische Analyse der Mitläufer- und Mitmacherkultur, an der ich bereits im Gymnasium (1952-1961), dann in der katholischen Kirche und später als Lehrer am Gymnasium zu leiden hatte.

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erstellt am 16.6.2014

TUMULT, Frühjahr 2014
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