Rezeption – ich

Lieber Reinhard,

vielen Dank für Deinen Reisebericht, ich mag so etwas sehr! Und die Fotos sind herrlich! Was es wohl bedeutet, wenn in einer Sitzgruppenszene nicht nur die Antenne eines Mobiltelefons auf einen gerichtet wird, sondern auch die einzige Blume sich sehnsuchtsvoll nach einem ausstreckt? Und das, nachdem man das gemeinschaftliche Getränk abgelehnt und sich geweigert hat, die für alle verbindlich vorgeschriebene Sitzposition einzunehmen! Das darauf folgende Foto klärt es nicht nur nicht auf, es liefert beklemmende Indizien dafür, wie wenig uns bekannt ist von den wirklich wichtigen gesellschaftlichen Regeln, die der Raum hinter dem Tellerrand für uns bereithält!

Ich grüße Dich ganz herzlich!
Björn Reissmann

Berlin 24.9.2008
Björn Reissmann, Künstler, lebt und arbeitet in Berlin.

Porträt

Reinhard Doubrawa

Reinhard Doubrawas Blick auf die Absurditäten des Alltags ist ernsthaft, amüsant, aber nie zynisch. Er hält scheinbar belanglose Momente fest, die er für bildwürdig erachtet. Oft sind es Bilder des Verfalls, Ort und Zeit sind nicht erkennbar. Es entsteht jeweils nur ein Foto, aber es wurde spontan mit der analogen Kamera ausgelöst. In den Fotografien zeigt sich Doubrawas Sinn für bildimmanente Bezüge, d. h. für die im Bild innewohnende Architektur: Ein Waschbetonkasten korrespondiert mit der Fahrbahnmarkierung. In diese unwirtliche Umgebung hat jemand Primeln gepflanzt. Doubrawa fotografiert das Ganze aus schräger Perspektive, so dass sich Pflasterung, Blumenkübel und Parkstreifen zu einem Ornament verweben. Das Auge sieht Muster, die, obwohl spontan eingefangen, wie überlegt und konstruiert erscheinen. Man denkt an die Fotos von László Moholy-Nagy aus der Bauhauszeit und den dreißiger Jahren, der mit Gitterstrukturen, Spiralen und Diagonalen, aber vor allem mit Schatten arbeitete. Auffällig bei Doubrawa sind zudem die Vereinzelung oder serielle Reihung der Gegenstände und immer wieder eine das Bild durchziehende Diagonale. Und nie ist es der Gegenstand allein, es sind die Fragen, die sein Dasein im Leben wie im Foto aufwerfen. Das sind Fundstücke eines Motivsammlers für die Ewigkeit eingefangen, nicht in Farbe, sondern in Schwarzweiß und damit den Zeitpunkt ihres Entstehens verbergend.
Überblickt man das Gesamtwerk Reinhard Doubrawas seit seiner Studienzeit an der Kunsthochschule Kassel Anfang der neunziger Jahre – er war Meisterschüler bei Urs Lüthi –, so wird deutlich, welchen großen Stellenwert die Materialauswahl in seinem Werk erfährt. Das Spektrum reicht von überlebensgroßen Figuren aus Bienenwachs, Früchteformen aus paraffiniertem Seidenpapier, Näharbeiten aus Lackleder, Teppichboden- und PVC-Intarsienarbeiten bis hin zu Polsterreliefs auf Hartfaserplatten und der Fotografie. Die Motive werden stark typisiert mittels klarer Linien und reduzierter Formen, wodurch das Individuelle aufgelöst wird und die Allgemeingültigkeit der Aussage in den Vordergrund rückt. Die Materialtextur von Dekorationsstoff für Kinderzimmer, von Lackleder, Kunstrasen, von Holz und Marmor imitierendem PVC wird integrierter und unterstützender Teil der künstlerischen Aussage. Neuerdings präsentiert er Fotografien in archivartiger Weise in großen Installationen und gibt den Bildern damit einen Objektcharakter. Die „Special Values“-Serie wird rückwärtig versilbert und auf Wandhaltern aufgebracht. Als „Brainenlargement“, als Bilderkosmos einer gesehenen, übersehenen, einer alltäglichen und gleichfalls absurden Welt, stellte der Künstler sie 2010 in einer Art Archivraum im Croxhapox art centre im belgischen Gent aus.

Reinhard Doubrawas Projekt

Brainenlargement project

crox 344 reinhard doubrawa (de) /kubus/
Croxhapox art centre, Gent, Belgien
28. November – 19. Dezember 2010
(Video von Marc Coene)

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erstellt am 20.12.2010

Fotoserie von Reinhard Doubrawa

Special Values

2009-2010
Belichtung auf Film,
rückseitig lackiert,
gefalzt, je 8,7 × 13 cm
Auf Wandhalter
Auflage 3 (je Motiv)

Loch im Geländer
Radlos
Edel-Shops
Insekten-Spirale
Pain, Frankreich
Termitenhügel
Special Values
Ausstellungsansicht zu den Special Values

Auch als Buch erschienen:

Special Values
96 Seiten
Verlag Salon Verlag & Edition, April 2009
Sprache: Deutsch, Englisch

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Salon Verlag & Edition

Cover

Im Sommer 2013 erschienen:

Reinhard Doubrawa
DEPOT
Textbeiträge von: Maria Anna Tappeiner
Sprachen: Deutsch / Englisch
616 Seiten mit 1.177 farbigen Abbildungen, gebunden
Format: 22,5 × 16,8 cm

Auflage: 100 nummerierte und signierte Exemplare und 3 Künstlerexemplare
Umschlag-Titel einzeln mit Schablone gesprayt.
ISBN 978-3-89770-431-2

Salon Verlag. Artists Books