1933 gehörte Otto Dix zu den ersten Kunstprofessoren, die entlassen wurden. Darüberhinaus zwangen die Diffamierungen nationalsozialistischer Kollegen den Maler, Dresden zu verlassen und sich an den Bodensee zurückzuziehen. Dort begab sich Johannes Winter auf Spurensuche.

Wohnzimmer des Dix-Hauses, 1948, © Jan und Andrea Dix, Öhningen
Wohnzimmer des Dix-Hauses, 1948, © Jan und Andrea Dix, Öhningen
Eine Spurensuche

Otto Dix in seinem Exil

Der Weg führte steil bergan, ab und zu erleichterte eine Stufe den Aufstieg. Endlich war die Höhe erreicht. Wir standen im Hof eines Anwesens wie aus dem Märchen: weiße Mauern, hohe Fenster und Giebel, runde Ecktürme, auf der Fassade eine goldene Sonnenuhr. Schloss Randegg, das dem Maler Otto Dix einst Asyl geboten hat. Den Hof rundete eine Kapelle mit Spitzdach ab. Ringsum der Hegau im Auf und Ab seiner Gipfel und Täler, gespickt mit hoch aufragenden Vulkankegeln, die Namen tragen wie Hohenstoffeln, Hohentwiel, Hohenkrähen oder Hohenhewen. Niemand öffnete.

Jenseits des Schlosses weitete sich die Landschaft, zwischen Margaritenwiesen und Rapsfeldern wanderten wir durch eine Senke. Den Weg verstellte ein Hügel, der wie mit weißen Nadeln bestückt war. Beim Näherkommen erkannten wir Grabsteine, die sich reihenweise um die Erhebung zogen, einer neben, einer über dem anderen, vom Alter gebeugt. Der Judenfriedhof von Randegg, den Otto Dix unsterblich gemacht hat. Von ihm hat er sich ein Bild gemacht, mit dem Gipfel des Hohenstoffeln im Hintergrund.

Über dem Feld stand eine Lerche und trillerte. Friedliche Stimmung. Weit und breit war niemand zu sehen. Otto Dix war es wichtig gewesen, das Gräberfeld in der kalten Jahreszeit zu malen, unter einem weißen Laken aus Schnee zu verbergen. Einsamkeit verströmte der Ort noch immer, Verletzlichkeit. Dix hat seine Symbolik aufgespürt.

Unter den Malern der Weimarer Republik war er mit seinen Kriegsbildern gewesen, was Remarque in der Literatur mit „Im Westen nichts Neues“ war. Ein prominenter Künstler, der den Krieg als mörderische, von Menschen gemachte Welt darstellte. Im Stil der „Neuen Sachlichkeit“.

Mit der Folge, dass er ab 1933 verfemt war. Das neue Regime verfolgte unnachgiebig jeden, der die herrschende Kriegs- und Heldenbegeisterung als verlogen, als menschenverachtend dargestellt hatte. Solche Bilder galten als „entartet“. Als Hitler an die Macht kam, gehörte Dix zu denen, die sofort entlassen wurden. Der Professor der Kunstakademie Dresden verlor seinen Lehrstuhl.

Dix war eine öffentliche Figur gewesen, an der sich die Geister schieden. Für die einen war er ein Dandy, für die anderen ein Bürgerschreck. Dem Maler spektakulärer Bilder des großstädtisches Milieus, von Streichholzverkäufern, Kriegskrüppeln und Prostituierten, von Jazzmusikern und Schauspielerinnen, von Porträts der Reichen und Schönen, von Armut, greller Sinnlichkeit und Drogenelend war bewusst, was seine Entlassung bedeutete: bliebe er bei seinen Sujets, wäre ihm die Einlieferung ins Lager gewiss gewesen. Wer hätte dann für den Lebensunterhalt der Familie, für Ehefrau Martha und die Kinder Nelly, Ursus und Jan gesorgt?

Titus Koch ist Kunstsammler, sein Großvater der einstige Schlossherr von Randegg. Hans Koch war mit Martha verheiratet gewesen, bis sie sich mit Dix zusammentat – und ihre Schwester Kochs Frau wurde. Er war es, der die Dix-Familie im Herbst 1933 aufgenommen, ihr Zuflucht gewährt hatte. Der Enkel bat herein. Wir stiegen die Wendeltreppe hinauf, erreichten die Beletage, querten auf ächzendem Parkett den holzgetäfelten Rittersaal, einst der geliebte Abenteuer-Spielplatz der Dix-Kinder unter historischen Wandbildern, und landeten im Südturm, wo die Familie untergekommen war. Nebenan Dix´ Atelier.

Wie aus einer Loge schweifte der Blick übers Land, blieb an Vulkankegeln hängen, die dem Hegau eingepfropft sind. Der Maler brauchte die Staffelei nur ans Fenster zu rücken, um seine Hegau-Bilder zu malen. Zu allen Jahreszeiten sah er das Dorf tief unten liegen, Randegg mit seinen Katen, manchmal unter schneeschwerer Last. Von ihm schuf er ein anderes Winterbild, in das sieben Raben im Sturzflug einfallen, gleichsam in die stille Welt der Hütten, bedrohlich.

Jan Dix, der jüngste Sohn, 86 Jahre alt, hatte lebhafte Erinnerungen an die Kindheit im Schloss. Besonders die Raben sind ihm im Gedächtnis, Odins Raben. Der Vater habe ihn Munin genannt und Hugin seinen älteren Bruder Ursus. Ein Schauder erfasst ihn, wenn er daran denkt, wie kalt das Schloss im Winter gewesen sei. „Kaum heizbar war das Gemäuer.“

Für seinen Vater habe die Flucht in den Hegau bedeutet, dass er „in die Landschaft emigrierte“. Randegg, der Schlupfwinkel für die Familie, in tiefster Abgeschiedenheit, in einem entlegenen Winkel des Reiches.

Ein Spaziergang machte es deutlich, man brauchte kaum auszuschreiten und war in der Schweiz. Gleich hinterm Judenfriedhof verlief die Grenze zum Kanton Schaffhausen, eine unsichtbare Linie, die sich im Zickzack durch Wald und Feld schlängelte. Das Dorf war von drei Seiten eingeschlossen, beinah eine Exklave. Aber die Zeit der Schlagbäume war vorüber, die Grenze bloß ein Pfahl an der Landstraße. Im Hegau, sagt Jan Dix, sei dem Vater die Natur zum wichtigsten, beinahe einzigen Motiv geworden. Sie war nichts, was ihn verdächtig gemacht hätte. Mit der Folge, dass er vor den braunen Kulturfunktionären seine Ruhe hatte.

Wo war nur der berühmte Vögeli? Der Hügel, der es Otto Dix zu allen Jahreszeiten angetan hatte, offenbar nicht nur des Namens wegen. Titus Koch wies durchs Turmfenster: der Vögeli sei gar nicht zu übersehen, nur einen Katzensprung vom letzten Haus entfernt. Auf seiner Spitze eine Kapelle, so lag er vor uns.

Wir blickten in eine Landschaft, die uns verschwiegen ansah, ein gewellter bunter Teppich unter mildem Licht. Wir gingen einen Feldweg entlang und gelangten, wo das Dorf zu Ende ist, auf die Anhöhe, die bei Dix wie ein Landeplatz für Außerirdische wirkt. Der Vögeli, einer seiner Lieblingsplätze. Hier sammelte er Stoff für Bilder grandioser Wolkengebirge, die sich auf der Leinwand wie bedrohliche Wogen auftürmen. Eine winzige Lücke reservierte er für den Mond, der wie ein eiskalter Smaragd am Himmel hängt.

Mit der Sorgfalt der alten Meister widmete er sich dem kaum Sichtbaren, holte Zweige ins Licht, die Streifen der Äcker, das vergilbte Gras, die rötlichen Baumwipfel, ein mäanderndes Bächlein. Darüber, lasiert, ein zarter, blassblau und golden schillernder Sonnenaufgang. Ohne jede Menschenseele. Im Stil der Alten Meister.

Es zog uns zurück zum Schloss, dem es erkennbar nicht gelang, mit den Vulkankegeln ringsum an Höhe mitzuhalten. Ein krachendes Gewitter fiel über die Landschaft, rauschend entluden sich die Wolken. Graue Schwaden verdunkelten den Himmel, und noch bevor das rettende Dach erreicht war, trieften wir, stand das Wasser in den Schuhen. Zwielicht breitete sich aus, Düsternis wölbte sich über dem Hegau, so romantisch wie unheimlich. Eine Szenerie, die den Maler in ihren Bann geschlagen hätte. Schließlich waren wir in Sicherheit. Die Wolken brachen auf. Es tropfte von den Zweigen. Über dem Wald, hinter dem sich der Bodensee verbarg, stand die Sonne und tauchte die frisch geduschte Landschaft in ein glitzerndes Licht.

Ortswechsel. Schnurgerade lief die Pappelallee hinter Radolfzell auf die Höri zu. Dann eine Biegung, und die Halbinsel kam in Sicht. Vom Bodensee und seinen Ausläufern umgeben, erhob sie sich aus dem Wasser, wie ein Balkon, unter dem sich die gekräuselte Fläche dehnte, auf der Segelboote vor sich hin kreuzten. Zwischen den ersten Häusern des Dorfes fiel die Straße hinab, machte einen Bogen und verhielt gleichsam zwischen Apotheke, Pizzeria und Sparkasse. Die richtige Stelle, um den Hals zu recken. Meterhoch ragte eine spektakuläre Skulptur in den Himmel, die „Dix-Kurve“ von Gaienhofen. In die erste Etage reichte sie, wo Baumkronen und Fachwerkgiebel die Dorfstraße säumten.

Der nächste Morgen hatte eine sanfte Brise parat, einzelne Wolken trieben über den Himmel, ihre Schatten glitten über den See. Unmöglich, sich nicht noch einmal in die „Dix-Kurve“ zu begeben. In luftiger Höhe entdeckten wir zwei mächtige Damen, die über einen schmalen Grat stolzieren, der die Kurve der Straße nachbildet, Seiltänzerinnen nachempfunden.

Im Touristenbüro erinnerte man sich lebhaft an den Aufruhr im Dorf, als der Künstler Peter Lenk vor etlichen Jahren mit diesem Werk den lokalen Frieden aufgemischt hatte. Lenk, der selbst am Bodensee zuhause ist.

Der Meister der grotesken Provokation hat sich bei Dix, dem Meister der grellen Präzision, bedient. Aus dessen Gemälde „Großstadt“ entlieh sich Lenk zwei Prostituierte, goss sie in Beton und setzte sie als leicht bekleidete „Paradiesvögel“, hochhackig, behängt mit Klunkern, Chichi und Handtäschchen, den Dörflern vor oder besser auf die Nase. Für manche roch das nach Straßenstrich. Auf uns wirkten die beiden, als hätten sie sich verlaufen.

Irgendwann, erfuhren wir, hätten die Menschen auf der Höri ihren Frieden mit den beiden aufreizenden Luftikussen gemacht. Seitdem teilte man sich den Alltag und nahm das befremdliche Werk mit Achselzucken hin. Lieb sei es kaum jemandem geworden, bloß vertraut, ist zu erfahren. Offizielle Lesart im Hermann-Hesse-Dorf Gaienhofen: die „Dix-Kurve“ verweise auf das Nachbardorf, in dem der Maler zuhause war.

Also Hemmenhofen. Am Steg legte das Fährboot an. Der See wartete mit einem Kontrastprogramm auf. Wasser und Himmel in Blau, ein weißes Schwanenpaar, das sich weder von Möwen noch Haubentauchern beim Liebesspiel stören ließ. Es brauchte nur eine Bank an der Uferpromenade, und schon hatte man den Eindruck, der Bodensee verschlanke unübersehbar, er mache sich dünn. Er wird zum Untersee, aus dem sich der Rhein davonschleicht, im Städtchen Stein, bevor er bei Schaffhausen in die Tiefe stürzt.

Statt Schiffstour eine Kahnpartie. Keine halbe Stunde, erzählt Jan Dix, sei es mit dem Ruderboot nach drüben, nach Steckborn im Thurgau. Steckborn, das sein Vater in einem allegorischen Gemälde unsterblich gemacht hat, auf dem Licht und Finsternis in rötlichen Farben apokalyptisch miteinander ringen. Mittagsläuten drang herüber.

Neben der Ruhebank eine Station der „Kunstroute am See“, die wissen ließ, dass hier der Maler zu sitzen pflegte auf seinem dreibeinigen Stühlchen, Gesehenes in innere Bilder verwandelnd, die er ins Skizzenbuch übertrug. Oder er sprang ins Wasser, um ein paar kräftige Züge zu schwimmen. Oder er saß still, seine Angel im Wasser, nicht ohne seinen sandfarbenen Kalabreser-Hut mit der mächtigen Krempe, sein Markenzeichen.

Die Sonne brannte, das Wasser versprühte blendende Helligkeit. Dringendes Bedürfnis nach Schatten. Hinauf zum Schiener Berg, der die Höri krönt. Jenseits der Villen gelangten wir in einen schattigen Hohlweg , entdeckten das Rammental, durch das der „Panoramaweg“ führt – das Revier von Otto Dix, zwischen Ebnet, Mistbühl und Honisheim, wo er Pilze suchte oder auf den Pirol lauschte, nicht ohne seinen Dackel Curry.

Manchmal durfte auch Jan, der Jüngste, den Vater begleiten, dann blieb, wie der Sohn sich erinnert, das Skizzenbuch zuhause. Magerwiesen wurden aufgesucht, wo der rote Wiesenknopf wächst und Salbei und Majoran und der Quendel genannte Thymian, Kräuter, die der Mutter willkommen waren für die häusliche Küche.

Bevor es in den Wald geht – Obstbäume in Reih und Glied, Äpfel und Birnen, Walnüsse und Brombeeren, Holunder und Hagebutten in den Farben des Sommers. Der Erlenloh, ein wahres Füllhorn an Früchten, Farben und Bildern, aus dem der Maler schöpfte. Rundblicke über den See bis in ferne Buchten. Jenseits der Insel Reichenau öffnete er sich, Konstanz war zu erkennen, die Nadel des Münsterturms ragte in den Himmel. Der schweizerische Thurgau zum Greifen nah, der Schneegipfel des Säntis im Dunst verborgen.

Am Hang, der früher ein Weinberg war, die Dix-Villa, heute von Bungalow-Architektur umgeben, damals war sie das einzige Haus weit und breit. Eine überschaubare Welt, für die der Maler seine eigene Deutlichkeit hatte. „Zum Kotzen schön“ fand er sie. Nach drei Jahren im Hegau für immer die Höri. Soviel Idylle – er sei „verbannt worden in die Landschaft“, klagte der Maler einmal. Auch Dix hatte Goebbels auf dem Gewissen. Gleichwohl, die Gegend am See wurde ihm zur zweiten Heimat.

Zwar hatte es ihn aus der Großstadt in die tiefste Provinz verschlagen. Aber er blieb, gewann Freundschaften und malte, was er vor Augen bekam. Nicht ohne, wie Jan Dix erzählt, auf seine erste Heimat zu verzichten. In Dresden hatte er seine zweite Familie, lebenslang, von der Mutter hingenommen. Käthe König, eins seiner Modelle, war die ferne Geliebte. Mit ihr hatte Dix eine Tochter, Katharina. Gewichtige Gründe, um zwischen Dorf und Stadt, zwischen Hemmenhofen und Dresden zu pendeln, nach dem Krieg zwischen BRD und DDR, zwischen West und Ost.

Im Alter wurden seine Motive religiös, er gestaltete die Fenster des Kirchleins im Nachbardorf oder, christlich grundiert, ein Wandbild im Rathaus von Singen. Seinen Rang, darüber herrscht wohl Einigkeit, machen die Gemälde der Vorkriegszeit aus.

Die Villa ist aus langem Dornröschenschlaf erwacht. Hat eine Metamorphose hinter sich zum „Museum Haus Dix“, Filiale des Kunstmuseums Stuttgart. Eine Mischung aus Wohnhaus, Galerie und Museum, voller Bilder, voller Geschichten. Jan Dix hat seine Jugendjahre darin verbracht. Hat im Musikzimmer gehockt, wenn die Mutter, eine ausgebildete Pianistin, sich an den Flügel setzte, kein Tag verging ohne ihr Spiel, das Großstadt-Triptychon vor Augen, dem wir in Gestalt der beiden lasziven Damen im Nachbardorf begegnet waren.

Man steigt die Treppe hinauf, und Jan Dix erinnert sich, wie er das vom Vater entworfene Geländer als Rutschbahn nutzte. Man betritt das Heiligtum, das keines war: Otto Dix´ Atelier mit dem großen gegliederten Doppelfenster, ausgestellt wie ein Erker. Die Nische, erzählt der Sohn, war der Ort, seinen Märklin-Baukasten mit unzähligen Schrauben aufzubewahren.

Die Werkstatt also, etliche Reliquien des Malers, seine Staffelei und einen Kittel, Indizien, dass es im Haus auch dokumentarisch zugeht. Zu guter Letzt eine Begegnung mit dem Gemälde vom winterlichen Randegg und den sieben Raben, Leihgabe des Kunstmuseums Stuttgart.

Das Haus ist nicht nur Museum und Galerie. Man kann es auch als das Zuhause einer fünfköpfigen Familie erleben und einen Blick übrighaben für Eltern- und Kinderzimmer. Im Hause Dix schlief jeder allein. Auch Nelly, die Älteste, die ihr Bett mit einem hölzernen, in warmem Rot gehaltenen Baldachin versah. Wer sich vom oberen Stockwerk eine weite Aussicht auf den Untersee erhofft, wird enttäuscht. Bevor der Blick, durch die geschwungenen Fledermausgauben hindurch, drüben im Thurgau aufschlagen kann, bleibt er am dunklen Vorhang riesiger Blutbuchen hängen.

Überraschende Ansichten bot der Keller. Ihn hatte Dix in den sechziger Jahren zum Party-Raum ausgestaltet, sozusagen für den Hausgebrauch. Die Zeit des Schwarzmarkts war längst vorüber, die sogenannte arme Zeit, als der Maler vor lauter Hunger beim Bauern ein Stück Fleisch gegen ein Porträt eintauschte. „Schinken gegen Schinken“, erinnert sich Jan Dix, hieß das in der Familie kurz und bündig. Im gastfreien Haus Dix hatte man irgendwann wieder Lust zu feiern, die alemannische Fasnet gab alle Jahre Gelegenheit.

Tanzen war ohnehin eine familiäre Tradition. Jan Dix weiß noch: die Eltern waren nicht nur leidenschaftliche, sondern auch begnadete Tänzer. Als Otto und Martha jung und verliebt waren, als seine Bilder noch wenig einbrachten, da hätten sie die Idee gehabt, Show-Tänzer zu werden, für den Lebensunterhalt. Aus jenen wilden zwanziger Jahren stammte der väterliche Spitzname „Jimmy“, nach dem Modetanz „Shimmy“.

Die Fasnet, ein Anlass, den Keller auszumalen. In den Jahren des Wirtschaftswunders gönnte man sich wieder was. Otto Dix tobte sich aus, warf grelle Gestalten an die Wände, malte einen Harlekin in Gestalt des alemannischen Hänsele, eine Besenstiel reitende Hexe, einen Zentaur, der Züge des Zigarre rauchenden Bundeskanzlers Erhard trägt, nicht zu schweigen von lachenden Fröschen und Krokodilen – ein wahres Bestiarium. Viele Jahre hinter Bücherregalen verborgen und jüngst bei Renovierungsarbeiten wiederentdeckt. Beinahe wehmütig stand Jan Dix davor, der alte Herr, der nicht nur Goldschmied, sondern auch Jazz-Musiker war, und wippte in den Knien. Als wir vors Haus traten, schwebte vom Schweizer Ufer der Klang einer Kuhglocke herüber.

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erstellt am 16.6.2014

Otto Dix, um 1920
Otto Dix, um 1920

Gedenkmarke Otto Dix, 1991. Motiv: Selbstbildnis im Profil nach rechts von 1922