LiBeraturpreis an Raja Alem

Mit dem LiBeraturpreis 2014 wird in diesem Jahr die saudi-arabische Autorin Raja Alem ausgezeichnet. Ihr 2013 im Unionsverlag erschienes Buch Das Halsband der Tauben, von Hartmut Fähndrich aus dem Arabischen übersetzt, ist eine Zeitreise, die aus der modernen Gegenwart in vorislamische Zeiten führt. Der Roman beschreibt das Leben Saudi-Arabiens am Beispiel eines Stadtviertels in Mekka. Hier, in der Vielkopfgasse, wird ein quirliger Querschnitt arabischen Alltagslebens sichtbar. Familientragödien, heimliche Liebschaften, ein Mord – aus unterschiedlichsten Blickperspektiven erhält der Leser Einblick in eine Welt, über die viele Vorurteile und Legenden kursieren, aus der jedoch nur selten von innen heraus berichtet wird. Jurorin Claudia Kramatschek nannte den „labyrinthisch angelegte Roman ein Meisterstück des postmodernen Erzählens.“

Erstmals wurde der LiBeraturpreis, der seit 1986 von der Initiative LiBeraturpreis e. V. an das Werk einer weiblichen Autorin aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt verliehen wird, über LITPROM ausgeschrieben und von den Mitglieder dieser Gesellschaft bestimmt. Nominiert waren alle Autorinnen, die im vergangenen Jahr Teil der Weltempfänger-Bestenliste geworden waren. Hierzu gehören neben Raja Alem auch Jamaica Kincaid (Antigua/USA), Ana Paula Maia (Brasilien), Kettly Mars (Haiti), Hiromi Kawakami (Japan) und Sema Kaygusuz (Türkei).

Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert und mit einer Einladung zur Frankfurter Buchmesse verbunden. Die Preisverleihung findet am 11. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse statt.

Buchauszug aus »Das Halsband der Tauben«

Konfisziertes Material

6. April 2000 – Ein Fenster für Asa

Mein erstes Wunder, das ist Asa. Ich schrieb über sie, und ihre Liebe brachte mich zu Fall. Warum liebe ich Asa?
Ich beobachte sie: Sie versteckt ihre Geheimnisse im Gehäuse eines alten Radios unter der Treppe zur Dachterrasse. Sie holt die Fetzen meines ersten Briefchens hervor, von mir als Neunjährigem. Die Zeichnung zeigt ein kleines Mädchen, als Dreieck, mit Haaren wie sieben gerissene Saiten. Damals griff Asa zum ersten Mal zur Holzkohle und begann einen Dialog mit dem Mädchen. Mit drei Linien brachte sie aus dem ersten ein zweites, identisches Mädchen hervor. Ich ließ ihm ein weiteres, kurzhaariges, folgen. So wanderte das Blatt zwischen uns hin und her, bis sie mich mit einem Jungen überraschte, den sie Jussuf nannte.
Es war wie eine erste Berührung. Für Worte war kein Platz. Das Erscheinen dieses Jungen sprach überlaut von Sünde und Leidenschaft. Ohne Asa hätte ich nie erfahren, was Leidenschaft ist. Damals erlebte ich, jung, wie ich war, meinen ersten Höhepunkt. Und in Asa verschmolzen für mich danach alle Mädchen und alle Frauen.
Ich bemerkte, dass der Junge auf der Zeichnung das Mädchen befreit hatte wie eine Taube, die man aus dem Käfig holt und am Hals streichelt. So war er in die verbotene Frauenwelt eingebrochen. Danach hat die Taube nie mehr zurückgeblickt, bis zu jenem Tag, als ich sie noch einmal aus ihrem Versteck im Gehäuse des alten Radios holte und ihr mit dem Finger auf die Stirn schrieb: »Asa hat die Augen einer Paradiesjungfrau.« Das Papier raschelte, das Mädchenherz zog sich unter den Worten der Verführung zusammen. Sie lachte. »Ja, wenn ich das Halsband abnehmen und die Haare des Mädchens, das man aus mir machen will, abschneiden könnte, würde ich den Jungen verschlingen und mit ihm fortfliegen.«

Inspektor Nassir blätterte durch das zerfledderte Tagebuch. Einiges darin war mit 1987 oder früher datiert, anderes für den Zeitraum von 355–1120 der Hidschra. Das ganze Konvolut war aus dem Krug auf Halimas Dach konfisziert und durch den Bericht eines Experten ergänzt worden, der alles durchgesehen und geordnet hatte: »Die Person namens Jussuf nennt ihre Erinnerungen ›Fenster‹ und teilt sie in zwei Kategorien: ›Fenster für Asa‹, worin er über die Gasse für seine Geliebte schreibt; und ›Fenster für Mekka‹, worin es um die Geschichte der Stadt geht.« Es war schon fast Mitternacht, und Inspektor Nassir al-Kachtani saß noch immer in seinem Büro. Er betrachtete den Stapel Verhörprotokolle und dachte darüber nach, dass die Ermittlungen in einer Sackgasse steckten. Jeden Tag gingen Dutzende solcher Fälle durch seine Hand, Fälle von Totschlag und Vergewaltigung, die alle in einer Anklage gegen unbekannt endeten. Doch dieser Fall hier war anders. Diese Gasse mit ihren vielen Köpfen kannte die Ermordete, kein Zweifel. Aber die Anwohner weigerten sich, Auskunft zu geben, forderten ihn heraus und ließen so an seinem Ruf als legendärer Polizeiinspektor Zweifel aufkommen. Natürlich konnte er die Angelegenheit einfach auf sich beruhen lassen. Das Archiv würde sie verschlingen, samt Jussufs Tagebuchblättern und den E-Mails der Lehrerin Aischa. Doch es gab da, in diesen Haufen von Papieren, eine geheimnisvolle Absicht, ihn zu reizen. Längst vermochte er nicht mehr zwischen der Wahrheit und den Wahnvorstellungen zu unterscheiden, die ihm ein gehobener Cholesterin- und Zuckerspiegel vorgaukelte, nach Nächten ohne Schlaf und Tagen der Fast-Food-Ernährung, die er sich ins Büro bringen ließ.

Nassir ließ den Blick auf einer Akte verweilen. »Aischas E-Mails« stand darauf. Seine Mitarbeiter hatten sie aus einem Ordner namens »Der Einzige« vom Computer der verschwundenen Lehrerin Aischa heruntergeladen und ausgedruckt. Im Bericht stand, sie seien »an eine unbekannte Person geschickt worden, immer ohne Antwort«. An welche schlafende Zelle waren sie gerichtet? Wen würden sie wecken und mit welchem teuflischen Auftrag?

30. August 2001 – Ein Leichentuch für Asa

Wäre die Welt ein Tuch, wie viele Meter brauchte man davon, um sich warm einzuhüllen, mit einem oder zwei Kindern und mit Asa? Ich weiß, wie viel: acht bis zehn Meter weißen Baumwollstoff, einen Extrastreifen, um die Scham zu verbergen, und einen, um den noch im Tod ungehörig geöffneten Mund zuzubinden. Das Leichentuch, das jedem in dieser Welt zusteht. Erlaubst du mir, davon zu träumen, mit dir wenigstens darin zusammenzuwohnen und ein Kind zu zeugen? Ich denke an das Kabuff, das ich mit meiner Mutter zusammen bewohne und das uns dein Vater, Scheich Musahim, gnädig auf seinem Dach zur Verfügung gestellt hat. Ein paar Quadratmeter für mich, und ein paar für meine Mutter. Ein Zimmerchen, den Platz davor und einen Waschplatz in der Ecke. Und um über Erniedrigung und Elend hinwegzukommen, kochen wir wie die Engel unter freiem Himmel die fauligen Reste aus dem Warenlager oder was meine Mutter von da und dort mitbringt.

Ich sitze bei meiner Mutter, zwischen Samowars und blitzsauberen Tassen, und stelle mir vor, dass die Engel sich darin spiegeln, nicht mein eigenes Gesicht. Es ist ein Spiel, das mein Selbstwertgefühl hebt. Ich will von Glücksbringern schreiben, ohne aufzuhören, dein Bild im Samowar meiner Mutter zu suchen. Würde es dich stören, wenn ich vom Tod schriebe? Meine ersten Schreibversuche waren ein heimlicher Briefwechsel mit meinem Vater, den der Tod ereilte, als ich meine Existenz im Leib meiner Mutter ankündigte. Ich schrieb ihm, um schließlich zu dir zu gelangen, Asa. Um deinen dichten Schleier zu durchbrechen, der nachtschwer auf mir lastet. Ich mühe mich, so einfach zu schreiben wie das Kleid, das du, ich erinnere mich genau, bei unserer ersten Begegnung trugst: schwarz, ausgeschnitten, mit halblangen Ärmeln. Bitte, spotte nicht über mein Schreiben.
Wer schreibt, will seine Toten aufrütteln, damit sie sich nicht gemütlich in ihrem Tod einrichten. Man wählt das Schreiben als Alternative zum Leben. Erträumt einen Raum, in dem die Kinder spielen können, überzeugt, dass der Vater für sie alles gegeben hat. Dass er ein Held ist, dessen einzige Verdienstorden seine Kinder sind. Am schmerzlichsten und zugleich wahnhaftesten wird das Schreiben, wenn man sich an eine Frau richtet und bittet, einem zu gewähren, was sie nie einem anderen gewährt hat und gewähren wird. Und bedauernswert ist jener Mann, der sich das Schreiben zum Metier macht, der unermüdlich in tiefer Einsamkeit arbeitet und der nach so manchem geschriebenen Buch entdeckt, dass er in einer Gasse von Analphabeten haust, wo niemand liest, was er schreibt, und wo seine Geschichtsschwarten nur den Motten zum Fraß dienen. Wir schreiben, um Leben zu geben und Leben zu nehmen. So musst du mich sehen. Ich schreibe weiter und weiter, nicht für dich, sondern für andere Leser, die nach dir diese Zeilen lesen und zwischen den Zeilen schnüffeln werden, um herauszufinden, wer ich bin, wer ich war. Ihnen allen sage ich: Ich bin Jussuf, Schriftsteller und Historiker. Seit einem Unfall halb Mensch, halb Ersatzteillager, das war in den Achtzigerjahren des Zwanzigsten Jahrhunderts, als mich ein Fluch traf und ich missgestaltet zur Welt kam. Mein wahres Geheimnis aber sei hiermit preisgegeben: Ich schwöre dir, lieber Leser, ich bin mit schönem und vollkommenem Körper schon in den Fünfzigerjahren geboren und habe in den Sechzigern die ersten zehn Jahre meines Lebens verbracht. Asa ist mir schon damals begegnet, hat sich in mich verliebt und ist mir durch die Zeiten gefolgt. Was richtig, was unrichtig, was wahr, was unwahr ist, danach darfst du nicht fragen. Glaube einfach, du liest etwas von einem schlafenden Ungeheuer, das in diesem neuen 21. Jahrhundert erwacht, sich reckt und streckt, ein Spuk.

Buchauszug S. 25-33. Mit freundlicher Genehmigung: Unionsverlag, Zürich

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erstellt am 15.6.2014

Alem Raja, Foto: Union Verlag
Alem Raja, Foto: Union Verlag

Die Autorin
Raja Alem, geboren 1970 in Mekka, studierte Englische Literatur in Dschidda, Saudi-Arabien, und hat zahlreiche Romane, Theaterstücke sowie Kurzgeschichten publiziert. Sie erhielt mehrere Preise für ihr Werk. Das Halsband der Tauben wurde 2011 mit dem renommierten International Prize for Arabic Fiction (Arabic Booker) ausgezeichnet. Raja Alem lebt in Dschidda und Paris.

Der Übersetzer
Hartmut Fähndrich, geboren 1944 in Tübingen, ist seit 1978 Lehrbeauftragter für Arabisch und Islamwissenschaften an der ETH Zürich. Neben seiner Übersetzertätigkeit arbeitet er auch als Herausgeber und Publizist.

Interview mit Raja Alem, anlässlich der Verleihung des Arabic Booker

Raja Alem
Das Halsband der Tauben
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Roman
592 Seiten
Unionsverlag Zürich

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