Blaise Cendrars
Blaise Cendrars

Blaise Cendrars war ein genialer Haudegen, bereiste schon mit 16 die ganze Welt, ein Abenteurer, der als Fremdenlegionär den rechten Arm verlor, der experimentelle Filme machte und seine innovativen Gedichte selbst druckte, der etwa 40 Bücher schrieb und es fertigbrachte, von einer blutrünstig-reißerischen Szene in eine berührende Naturbeschreibung zu wechseln. Nun ist in der ›Anderen Bibliothek‹ sein starker Roman »Moravagine« neu herausgekommen und hat Martin Lüdke beeindruckt.

buchkritik

»Kunstvoll verspielt und absolut moralfrei«

Blaise Cendrars »Monsterroman« wieder entdeckt

Von Martin Lüdke

Es gibt nur wenig, was, älter werdend, auch besser wird. Mancher Wein gehört dazu, und, öfter noch, so manches Kunstwerk. Große Dichtung wird nie fertig, von Tag zu Tag lagert sie neue Erfahrungen ein. Denn, meinte mein alter Freund A. C. Danto, wenn die Zukunft offen ist, kann auch die Vergangenheit nicht verschlossen bleiben. (So hat der Zweite Weltkrieg dem Ersten, vormals dem „Großen Krieg“ sogar erst seinen Namen gegeben.) Hingegen verblassen selbst die meisten großen Erfolge mit der Epoche, der sie verhaftet sind. Es ist erschütternd, alte Verlagskataloge von S. Fischer, Rowohlt, Suhrkamp zu lesen und dabei zu erkennen, dass die Vergangenheit nicht nur vergangen, sondern nahezu restlos vergessen ist. Trotzdem tauchen aus der Masse des Vergessenen gelegentlich einzelne Autoren und Werke wieder auf, kürzlich Hans Fallada, jetzt Blaise Cendrars (1887 – 1961).

Warum? Offenbar haben die Werke solcher Autoren, nicht nur die Geschichte, die vergangen ist, eingelagert, sondern durch später eingespeicherte Erfahrungen unserer Gegenwart etwas zu sagen. Zudem dürfte eine existentielle Dringlichkeit, die eben nicht zeitgebunden ist, eine Rolle spielen, dazu der Mut, Grenzen zu überwinden und neue Wege zu gehen. Und ein bisschen Übermut. Aber auch, weil die Gespenster der Vergangenheit wieder eine Zukunft haben (Th. Assheuer). Unser liberales Wirtschafts- und Gesellschaftssystem bröckelt. Der Protest, noch diffus, zeigt anarchische Züge.

Wie bei Blaise Cendrars. Mann, geht der ran!

1903, mit sechzehn Jahren, ist er von Hause abgehauen, der Schweizer Enge entflohen, bis nach China, Südamerika, Russland, die USA. Für Frankreich ist er in den Krieg gezogen, doch schon am 28. September 1915, wurde sein rechter Arm zerfetzt, die „herunterhängende Hand“ musste ihm, wie Stefan Zweifel in seinem auch sonst informativen Nachwort schreibt, „ein Kamerad abschneiden“.

Sein Roman „Gold“, möglicherweise hat er ihn tatsächlich in sechs Wochen geschrieben, wurde 1925 ein Welterfolg. Er erzählt die Geschichte eines Schweizer Generals, der in Kalifornien Gold entdeckt hatte und trotzdem als armer Mann starb. An „Moravagine“, seinem Hauptwerk, 1926 erschienen, hat er gute zehn Jahre geschrieben. Henry Miller sah in Cendrars sein Vorbild: Abenteurer, Dichter, Anarchist, eine ideale Verbindung von Kämpfer und Künstler, eine Mischung von Karl May und Kropotkin, durchsetzt mit unbändiger Begeisterung für ein freies Leben. Cendrars versucht in diesem „Monsterroman“, so der deutsche Untertitel, als Anarchist die Welt zu revolutionieren und als Schriftsteller, zumindest die Form des traditionellen Romans aus ihren Fesseln zu sprengen. Er operiert mit mehreren Erzählern, wechselt die Perspektiven wie die Schauplätze und changiert zwischen Schelmenroman und wissenschaftlicher Studie („Anklageschrift“ gegen die „Psychiatrie“), Science Fiction, Abenteuergeschichte und Expeditionsbericht. Ilja Ehrenburg („Julio Jurenito“) könnte ebensogut Pate gestanden haben wie der Marquis de Sade. Dieser Roman erscheint heute als eine Leuchtrakete der Klassischen Moderne: spannend geschrieben, mit hanebüchener Handlung, wild und weit, kunstvoll verspielt und absolut moralfrei. Erzählt wird die Geschichte von Moravagine („legitimer Erbe“ des letzten ungarischen Königs), der seine Frau, eher noch Kind, aus, wie man heute sagt, Frust, regelrecht geschlachtet hatte und deshalb von den Habsburgern in einer psychiatrischen Anstalt interniert worden war. Dort befreit ihn ein junger Arzt. Die beiden fliehen um die ganze um die ganze Welt, auch deshalb, weil Moravagine immer mal wieder junge Frauen massakriert oder Attentate organisiert. Sie befeuern als konspirative Anarchisten die russische Revolution, landen bei den nordamerikanischen Indianern und schließlich auf schwimmenden Inseln im Orinoko. Cendrars agiert hier als Herausgeber der Schriften des jungen Wissenschaftlers und als Erbe der etwas konfusen Schriften von Moravagine selbst. Das klingt komplizierter als es ist. Die Geschichte wird nämlich chronologisch erzählt, von der Geburt bis zum Tod des Helden, erst im Anhang, der erfreulicherweise beigefügt ist, berichtet Cendrars von der Entstehungsgeschichte dieses Romans, und präsentiert zudem einige der Schriften Moravagines. Ein irres Buch, das auch politisch wieder brisant werden könnte.

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erstellt am 13.6.2014

Blaise Cendrars
Moravagine. Monsterroman
In der vollständigen und von Blaise Cendrars autorisierten und von Stefan Zweifel, dem Herausgeber, revidierten Übersetzung von L. Radermacher
Gebunden, 429 Seiten
ISBN: 9783847703525
Die Andere Bibliothek, Berlin 2014

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