Fussball-WM 2014

WM GLOBO DC

Die Einladung kam nicht. Wer kann sich die WM schon privat leisten? DC, Leiter der Frankfurter Fußballschule, Fußballbrasilianer im Herzen, Frankfurter im Kopf, guckt – wie die meisten Sterblichen – TV, liest die Printmedien, surft im Netz, mailt global mit Fußballfreund(inn)e(n). Wie die WM sich auf diesen Ebenen anschaut, möchte er mit den Lesern von WM GLOBO DC teilen.

15.7.2014

Das entscheidende Tor
Das entscheidende Tor

Endlich glücklich

Dorme, coruja, Du kannst ruhig schlafen

Feliciter tandem. Am Schuleingang meines ersten Gymnasiums, des Chrisianeum in Hamburg, stand in Stein gemeißelt dieser lateinische Sinnspruch: Endlich glücklich. 1954 wurde ich auf diese Schule geschickt und jedes Mal, wenn ich 1 Minute vor 8 atemlos das Schultor erreichte, las ich diesen Spruch und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Als der kleine Götze, Götzinho, den Ball in der 113. Minute von der Brust abtropfen ließ und ihn volley im argentinischen Netz versenkte, entrang sich meiner Brust dieser Stoßseufzer: Endlich glücklich. 1954 hatte ich die WM am Autoradio meines Großvaters verfolgt; noch nie hatte ich die ungarische Wundermannschaft gesehen. Puskács wurde in meiner Phantasie zu einer mythischen Figur, Inbegriff eines magischen Fußballers. Den deutschen Fußball kannten wir: erst aus den Derbys von Altona 93 und HSV, vor allem in der Adolf-Jäger-Kampfbahn (schrecklicher Name). Man stand so nah am Spielfeldrand, dass man Uwe und Dieter Seeler die Hand hätte geben können. Dann kamen die Helden von Bern zur Finalrunde der Deutschen Meisterschaft in das Hamburger Volksparkstadion. Ich malte mir meine erste Rote Fahne, schrieb 1. FC Kaiserslautern drauf und wollte die Roten Teufel in Fleisch und Blut begrüßen. Aber die berühmten Weltmeister waren auch nur aus Fleisch und Blut und spielten den deutschen Normalfußball: Manndeckung, WM-System, robuste Härte. Das „Wunder von Bern“ war fußballtechnisch ein Rückschlag. Mit Ungarn verlor das avancierteste Team, das in den Trümmern des zerstörten Budapest für Zucker und Wurst das moderne Mannschaftsspiel gelernt hatte, dass die arbeitslosen Meistertrainer in den Kellern (einige Juden unter ihnen, die sich vor den Pfeilkreuzlern verstecken mussten) sich ausgedacht hatten. Aus dieser Art, Fußball zu spielen, ist das 4-2-4 entstanden, das 1956 mit Guttmann, Puskács und der ungarischen Nationalmannschaft im Exil, die nach dem Ungarnaufstand 1956 im Westen geblieben war, nach Brasilien gelangte. Die Paulistas griffen diese neue Art begeistert auf; denn auch sie fühlten sich längst in der Lage, Weltmeister zu werden. Aus der Niederlage gegen Ungarn bei der WM 1954 waren sie bereit, ihre Schlüsse zu ziehen, den brasilianischen Fußball zu verändern. (Das Wunder von Bern konnte nur zustande kommen, weil Ungarn die viel schwierigeren Gegner in der K.o.-Runde hatte: Brasilien, Uruguay, die besten Mannschaften von der WM 1950, während Deutschland es im Halbfinale mit dem im Abstieg begriffenen Österreich ein leichtes Spiel hatte: 6:1). Mit dem beginnenden Fernsehzeitalter konnte jeder in Europa 1958 bei der WM in Schweden den neuen brasilianischen Fußball erleben. Mein fußballerisches Ideal war geboren: Jogo bonito, Fußball von einem anderen Stern. Das 4-2-4 wurde in den sechziger Jahren zum Ideal auch vieler Bundesligatrainer, unter anderem von Willy „Fischken“ Multhaup, der 1965 mit Werder Bremen erstmals deutscher Meister wurde und im folgenden Jahr mit Borussia Dortmund den ersten Europapokal nach Deutschland holte. Mit der Einführung der Bundesliga verbesserte sich der deutsche Fußball insgesamt; die Verpflichtung ausländischer Trainer und Spieler eröffnete ein neues Spielverständnis. Italien und Spanien brachten neue Elemente in den deutschen Fußball, der auf einmal spielerisch zu werden begann. Die Europameistermannschaft 1972 wurde lange Zeit als die spielstärkste deutsche Nationalmannschaft angesehen; als ich die ersten 60 Minuten im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden im Oktober 2012 gesehen habe (hier), war mir klar, dass diese Mannschaft, deren harter Kern aus der Klinsi-Löw-Elf von 2006 und dem U 21-Europameister von 2009 besteht, die beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten ist.

Novo mineirão aérea
Novo mineirão aérea

Beim 7:1 im Halbfinal blutete mein Herz als Fußballbrasilianer; aber für den torcedero des jogo bonito geschah ein Weltwunder, Deutschland spielte brasilianischer als die Brasilianer – schön und torreich. Mein brasilianischer Übersetzer Daniel Martineschen hat mich darauf hingewiesen, dass seit diesem Tag in Bélo Horzonte die größte Katastrophe des brasilianischen Fußballs umgetauft wurde: Vom Maracanaço zum Mineiraço (benannt nach dem schönen neuen Stadion Mineirão in BH (hier ). Weine nicht mehr, Brasilien! Wie Präsidentin Dilma zu Recht mit realistischem Blick gesagt hat: Der brasilianische Fußball wird wieder aufstehen, wenn die gesamte Fußballorganisation von Grund auf verändert wird. Dieser Appell gilt auch für andere brasilianische Institutionen: das Parlament, das Parteiensystem, der öffentliche Nahverkehr, die Gefängnisse, die Polizei etc.) Der deutsche Nationalmannschaftsfußball lag 2004 am Boden: Ausscheiden bei der EM in Portugal in der Vorrunde. Mit meinem damaligen Assistenten sahen wir das letzte Gruppenspiel gemeinsam in einem Hannoveraner Kinopalast. Beim 3:0 sangen die Kinder portugiesischer Migranten „Und das ist nur unsere B-Elf!“. Nach diesem Desaster kam die Klinsmann-Soccer-Revolution, die die deutsche Nationalmannschaftswelt verändert hat und vorgestern im Maracanã ihren Höhepunkt erreichte. Die letzten Bilder aus dem Maracanã 2014 markierten eine schöne Differenz zu 1990, als ein Kaiser Beckenbauer auf dem römischen Rasen sich mit dem Mythos majestätischer Einsamkeit umgab. Während alle sich vor berechtigter Freude kaum fassen konnten, spielte Poldi mit seinem Sohn Elfmeterschießen. Mit dem rechten Auge sah ich, wie der kleine Poldi seinem im Tor stehenden großen Vater einen Ball in den Torwinkel knallte. Im Brasilianischen nennt man einen solchen Schuss „donde a coruja dorme” (dort wo die Eule schläft). Die „Eule der Minerva” tritt ihren Flug post festum an. Coruja, Du hast viel gesehen, Du kannst ruhig schlafen … und wenn auch die Brasilianerin in Dir, alles klug verarbeitend, wieder aufwacht, dann heißt es, nicht nur den Mineiraço zu interpretieren, sondern auch die brasilianische Gesellschaft zu verändern …

13.7.2014

Alles ist möglich

Liebe Leserinnen und Leser,

WER VIEL KRITIK AUSTEILT, MUSS AUCH EINSTECKEN KÖNNEN. Kritisiert wurde an meinem Blog der affektive Überschuss; gäbe es ihn nicht, würde ich den Blog nicht schreiben. Mein Blog ist der Schrei der gequälten Fußballkreatur angesichts einer massenmedialen  (und auch inzwischen szientistischen Vermittlung), die den Gegenstand zerfetzt. Das Objekt der Begierde ist der Ball, der eine Nabelschnur zum Lustprinzip hat. Jeder, der einmal versucht hat, den Ball in seinem Sinne zu beeinflussen, empfindet die Demut vor dem Eigenleben des Objekts. Eduardo Galeano, großer Imperialismuskritiker und intimer uruguayischer Fußballkenner, hat in einem der schönsten Fußballbücher des short century  „El fútbol a sol y sombra” (dt. unter dem blöden Titel: „Der Ball ist rund, und die Tore lauern überall”, 1997: hier) ein kleines Kapitel „Der Ball”. Eigentlich ist es wert, ganz zitiert zu werden; aber es kostet mich zu viel Zeit, es ganz abzutippen (also bitte nehmen Sie es als Empfehlung: Dieses Buch kann man für die „Minima Moralia” des Fußballs halten): „In Brasilien”, schreibt Galeano, „zweifelt niemand daran, dass der Ball eine Frau und weiblichen Geschlechtes ist.” Sie bleibt unberechenbar, aber das besondere,  die Frau bleibt treu, wenn man ihr gegenüber den nötigen Respekt aufbringt: „Pelé gab ihr im Maracanã-Stadion einen Kuss, als er sein tausendstes Tor schoss, und (der leider letzte Woche verstorbene, D.C.) Di Stéfano errichtete ihr am Eingang seines Hauses ein Denkmal, einen Bronzeball, darunter eine Tafel mit der Inschrift: „Du, Süße”.” Der Fußball lebt von der überschüssigen Libido, die in ihn gesteckt wird. Wenn ich diese Libido bei Leuten, die über Fußball schreiben und reden, nicht spüre, beginne ich mich aufzuregen. Meine bissige (sorry, Suárez) gestrige Kritik an Vinnais Buch aus dem Jahre 1970 ist provoziert durch den herzlosen Umgang mit einem Gegenstand, zu dem der Autor keine Beziehung hat, mit den Mitteln einer Theorie, die der Autor auch nicht internalisiert hat, sondern nur benutzt, um Überlegenheitsgefühle zu exekutieren. Eine kritische Theorie der Gesellschaft sollte helfen, verschleierte gesellschaftliche Zusammenhänge aufzuklären, nicht aber Akademiker in die Position zu versetzen, sich über die Verblendeten von höherer Warte aus zu mokieren:  „Die Tore auf dem Fußballfeld sind die Eigentore der Beherrschten”, lautet Vinnais Schlüsselsatz. Mit Joseph Roth kann ich abgewandelt sagen: Das klingt so schlau, wie es schon wieder dumm ist. Das ist keine theoretische Einsicht, sondern eine selbstverliebte pseudointellektuelle Attitüde.

Respekt. Für viele Deutsche Feuilletonredakteure klingt das wie ein dumpfe Forderung von Kreuzberger Migrantenkindern, die es nicht einmal zum Abitur geschafft haben. Aber die Forderung nach Respekt ist vollkommen berechtigt, in der jeder und jede Gesellschaft nach ihrem eigen Weg zum Glück sucht. Du kannst mit defensiven, du kannst mit offensiven Mitteln zum Erfolg kommen. Jeder hat sein Recht, die Mittel zu wählen, die ihn an sein Ziel bringen. Aber wie sonst im Leben auch, nicht jedes Mittel ist recht. Deswegen haben die Niederlande meine Sympathie verloren: 1974 saß ihnen nur der hochmütige Schalk im Nacken, 1978 wurden sie Opfer einer miesen Einschüchterungstaktik; aber 2010 haben sie im Finale nur auf Foul gesetzt (sh. Kung FU: hier ), nicht auf spielerische Qualität. Gestern war es auch wieder typisch; die erste Aktion im Angriff: Robben versucht nach dem Foul außerhalb des Strafraums nicht, den Ball noch zu erreichen, sondern so spektakulär in den Strafraum zu fallen, dass der Referee nicht anders kann, als Elfmeter und Rote Karte zu geben. Clever? Ich sage ekelhaft. Der von dieser spektakulären Fiesheit überforderte Schiedsrichter gibt gelbe Karte (ohne Überzeugung) und Elfmeter, obwohl das Foul ganz klar ausserhalb des Strafraums war. 3. Minute: 0:1. Wie kann man sich da noch für ein 1:7 rehabilitieren? Noch mehr angreifen; also offen für Konter. Man kann nur offensiv riskant spielen, wenn die Abseitsfalle klappt. Die mediokren Schiedsrichter übersehen das: 0:2 nach 17 Minuten. Die „Kobra” Wegner hat es unübertroffen gesagt: „Manchmal hast Du kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu.” Das brasilianische Fußballherz hat geweint … und dann kommt im ZDF noch Oliver Schmidt aus Erkelenz dazu. Abgewandelt kann ich nur mit Trappatoni fragen. „Was erlauben Schmidt?” Er kommentiert das Spiel der Brasilianer wie einen hoffnungslosen Abstiegskampf einer minderbemittelten Mannschaft aus der 4. Liga. Nachdenken wäre ganz gut. Mit allem Drum und Dran handelt es sich bei Brasilien um eine Mannschaft, die ins Halbfinale einer WM gekommen ist. Warum hat sie in zwei wichtigen Spielen dramatisch versagt? Wieso gelingt es nicht, einer Ansammlung von Weltklassespielern mit purem Willen, das Steuer herumzureißen? Nur ein abfälliges Gerede von „Arbeitsverweigerung” etc. ist zu hören … und da beginne ich mich wieder (vielleicht  unangemessen) aufzuregen: Der Kommentator spielt die vox populi einer Zuschauervolksgemeinschaft von Angestellten, die endlich einmal den Personalchef spielen wollen … Keine Liebe zum Sport, kein Gefühl für die Spieler, keine Liebe zum Ball. Aber Sportchef beim ZDF.

Vor dem Finale bin ich so nervös wie 1966. Am Abend sollte ich damals noch als Oberschüler nach England reisen. Das Wembleytor habe ich gar nicht gesehen; denn ich saß schon im Zug zur Fähre nach Bremerhaven. Ich war mir totsicher, beim Wiederholungsspiel am Dienstag wäre ich in Wembley dabei. Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Und dann das: Ausgerechnet unser Bremer Eisenfuß Horst Höttges konnte Geoff Hurst nicht stoppen: 3 goals. Die nächsten vier Jahre haben die Welt verändert. 1970, wie schon erzählt, saßen wir als tedescoitalienische Community in der Westendstube in der Frankfurter Kronbergerstraße als fußballspielende Genossen (ja, Gerhard Vinnai) beisammen und bejubelten das Jahrhundertspiel im Aztekenstadion: hier. Diesmal musste ich mich von meinem argentinischen Amigo trennen, dem ich bis dahin über allen seinen Pessimismus seit der Vorrunde hinweggeholfen hatte: Argentina, sagte ich ich ihm, wird das Finale erreichen. Heute bin ich pessimistisch für Argentina. Deutschland muss gewinnen – nicht aus fußballchauvinistischen Gründen, sondern mit spielerischen Argumenten. Diese Mannschaft, deren harter Kern 2006 angetreten ist, um die Welt des Fußballs zu erobern, ist endlich so reif geworden, sich die Krone auf das Haupt zu setzen. Der argentinische Fußball schleppt an den Bürden der fußballpolitischen Vergangenheit – nur Brasilien hat eine größere Bürde von Korruption, Manipulation und Egoismus der Bosse zu tragen. In Brasilien ist der Fußball ein umstrittenes Objekt politischer Begierden, in Argentina ein Opfer populistischer Strategie. Aber entschieden wird auf dem Platz. Auch das Fortgeschrittene kann unterliegen – in einem Spiel. Sonst wäre Italien 2006 nie Weltmeister geworden; aber dann kam Spanien für lange Zeit. Alles ist möglich; das hat Toyota nicht erfunden, sondern vom Fußball geklaut.

12.7.2014

Keine Ahnung vom Fußball und auch sonst nicht vom Geschäft

Letzter spielfreier Tag. Kommen wir auf das Leitmotiv des verblödeten Bildungsbürgers (exemplarisch Martin Walser) zurück: Machen wir also noch etwas Sinnloseres als Fußball: Nachdenken über Fußball. In der „Süddeutschen Zeitung” vom 9. Juli gab es ein sehr schönes Interview mit Osvaldo Ardiles zu lesen, dem feinen Fuß im Mittelfeld der argentinischen Weltmeistermannschaft von 1978. Er berichtete von einer Devise des Trainers Menotti: „Wenn sie den Ball haben, zieht den Blaumann an; wenn ihr den Ball habt, dann zieht den Smoking an.” Menotti gehört zu den ganz großen Trainern der Fußballgeschichte; aber auch zu den Ideologen aus Marketingzwecken. Linker Fußball unter einer Miltitärdiktatur? Die gescheiterte weltweite politische Kampagne gegen die die WM im Folterland Argentinien 1978 gehört zu den bittersten politischen Erfahrungen meines Lebens. Der Fußball rollte, und die Menschen mit offenen Augen waren machtlos. Alte Linksradikale wollten daraus schließen, der Fußball sei sowieso ein Stück affirmativer Kultur. 1970 hatte Gerhard Vinnai, ein Doktorand von Adorno, ein Buch namens „Fußballsport als Ideologie” veröffentlicht, das dann genüsslich in den Sportredaktionen Westdeutschlands verrissen wurde. Jahrzehntelang wurde diese Arbeit als das letzte Wort der Frankfurter Schule zum Sport angesehen. In Wikipedia wird das Buch zum Inbegriff der „neomarxistischen Sportsoziologie”: hier. Was für ein Superblödsinn! Die Dummheit beginnt nicht erst beim Nachdenken über Fußball, sondern schon vorher. Die kritische Theorie, wie sie von Horkheimer, Adorno und Marcuse entwickelt wurde, ist nicht „neomarxistisch”, sondern lebt unter anderem von der Kritik am traditionellen Marxismus. Wie ich schon mehrfach erklärt habe, hatte Adorno keine Ahnung vom Fußball … und Vinnai hatte sie auch nicht. Adorno hat bei der Annahme der Arbeit Ende der 60er Jahre gegen eins seiner Prinzipien verstoßen, die er uns eingetrichtert hatte, nämlich niemals über etwas zu schreiben, von dem man nichts verstehe. Das gilt auch für Doktorväter. Wenn man dieser Maxime zuwiderhandelt, entsteht ein solcher Unsinn wie „Fußballsport als Ideologie”, das alle Vorurteile gegen linke Besserwisserei bestätigt. Vinnai widmete das Buch 1970 „den fußballspielenden Genossen” – das waren wir, die vor allem im 7. Flur des Walter-Kolb-Heims am Beethovenplatz 4 lebten. Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie wir ihm in der Gemeinschaftsküche die Abseitsregel erklären mussten. Ihren Sinn hat er nicht verstanden. Auch Horkheimer und Adorno hatte er nicht verstanden; denn er begreift Fußball als Bestandteil der Kulturindustrie; doch den ironischen Begriff der Kulturindustrie hat Vinnai nicht verstanden. Er konstruiert den Fußball analog zur Industriewelt, als ihre Verdoppelung. Die Lebensfreude, die sogar das Zuschauen beim Fußball freisetzt, bleibt völlig unerklärlich. Der Doppelcharakter von Arbeit und Spiel, der im Teamsport steckt, wird undialektisch verkannt, Sport nur als Ausdruck entfremdeter Arbeit gesehen, deren Herrschaftscharakter von den Akteuren nicht (aber von dem nicht fußballspielenden Vinnai sehr wohl) erkannt wird. Vinnai steht über der Sache und blickt auf sie verächtlich herab. Die Denunziation des Warencharakters im Profisport dient nicht der Dialektik der Aufklärung, sondern der Selbstbestätigung eines bildungsbürgerlichen Dünkels, der sich individuell über den Verblendungszusammenhang erhaben fühlt. Die Kritik des Profifußballs gerät in die gefährliche Nähe zur populistischen Kommerzialisierungsthese, die dem paradoxen Warencharakter von Fußball und Kultur nicht gerecht wird. Wieder einmal kann man abgewandelt mit Uwe Nettelbeck sagen: Keine Ahnung vom Fußball und wenig Ahnung vom Geschäft … Schlimmer noch: auch von Ideologiekritik keine Ahnung. Vinnai schließt von dem, was mehr oder weniger kluge Leute (meist reaktionäre Sportfunktionäre) über den Fußball schreiben, auf das Spiel selbst. Nicht das, was die Menschen mit dem Ball machen, wird untersucht, sondern was Leute davon halten. Vinnai agiert wie ein linker Ideologe, der vom Himmel seiner Ideologie „auf die Erde herabsteigt”, statt umgekehrt, wie es materialistisch sein muss: von der Erde, dem Platz aus, wird die Kritik an seiner kulturindustriellen Vermarktung formuliert, wenn ich einmal den zentralen Gedanken der “deutschen Ideologie” für eine kritische Theorie des Fußballs umformulieren darf (Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, In: Feuerbach, Marx-Engels-Werke, Ost-Berlin 1962, S.26) Vinnai erinnert an einen Kritiker des Internet, der keine E-Mail schreiben kann …

Noch bei den meisten neolinken Fußballkritikern, die sich zwanzig Jahre später um den FC St. Pauli herum scharen, bleibt die Kapitalismuskritik in der Kommerzkritik stecken. Sie verkennt den progressiven Charakter der bürgerlichen Gesellschaft, aus der auch der moderne Fußball mit seinem Professionalismus hervorgegangen ist. César Luis Menottis Erfindung des „linken Fußballs” dagegen war 1978 ein genialer Trick, für die Öffentlichkeit eine sichtbare Differenz zu schaffen zwischen seiner Art, Fußball zu spielen und der Art der Militärjunta, das Land Argentinien zu regieren. Wie auch viele andere linke Argentinier bin ich nach dem ersten Anstoß Menottis verführerischem Charme erlegen, ohne jedoch jemals an die Ideologie eines „linken Fußballs” zu glauben. Jogo bonito ist keine Ideologie, sondern eine Praxis. Menottis Kombination aus Blaumann und Smoking auch.

10.7.2014

Argentinien ist im Endspiel
Argentinien ist im Endspiel

Hochmut kommt vor dem Ball

Normalerweise verlieren die Spieler ein Spiel: soccer, ein players' game. In US-amerikanischen Augen rückte die Macht der Spieler den Fußball in die Nähe des Sozialismus. Präferiert von den Institutionen und den Medien wurde American Football, in dem Feldgewinn in verwissenschaftlichter Manier getrieben werden kann und high scoring die Zuschauer begeistert. Auch der Baseball mit seinem Insiderwissen und Eingreifsmöglichkeiten von außen prädestiniert ihn als American Sport als ein coaches´ game. Der niederländische Trainer van Gaal, als ehemaliger Bayerntrainer auch in Deutschland bestens bekannt, hat sich nicht nur als Held (s.u.: Unglücklich das Team …), sondern als Genie feiern lassen. Nach dem Auswechslungstrick gegen Costa Rica (er nahm seinen regulären Torwart vor dem Elfmeterschießen aus dem Spiel, wechselte einen rüpelhaften Rasenpsychologen von ihm gleicher Statur ein, der vor den Augen eines hilflosen referee die gegnerischen Elfmeterschützen verunsicherte, vor dem entscheidenden penalty brachte er sogar das Torgebälk zum Wackeln, hätte eine Rote Karte geben müssen) bezeichnete er sich selbst als Taktikgott. Sich selbst als Gott hat er schon früher oft ins Spiel gebracht. Das war selbst der frömmmelnden „Wir sind Papst”-BILD zu viel: Arroganz.(hier )
Knastbruder Uli Hoeneß, einst Präsident von van Gaal, erkannte die Hybris dieses Mannes: Van Gaal hält sich nicht nur für Gott, sondern für Gott-Vater. Der Steuersünder erkannte den falschen Gott: „Sein Problem ist, dass Louis sich nicht für Gott hält, sondern für Gott-Vater. Bevor die Welt existierte, war Louis schon da. So wie er die Welt sieht, funktioniert sie nicht”. Van Gaal hat sicher mehr Ahnung von Fußball als Peter Handke, der von der Angst des Tormanns beim Elfmeter fabulierte. Normalerweise hat der goalkeeper nichts zu verlieren; aber der Elfmeterschütze alles. Von beiden hängt Wohl und Wehe ihrer Mannschaft ab. Nach gewonnenem Elfmeterschießen werden Torhüter gefeiert, selbst wenn sie gar nicht gehalten, auch wenn der Ball ans Aluminium oder gar daneben ging. Van Gaal hat es geschafft, die Fußballwelt auf den Kopf zu stellen. Durch seinem Einwechseltrick hatte er seinen regulären Torhüter desavouiert. Im Elfmeterschießen gestern, als nicht mehr ausgewechselt werden konnte, verlagerte sich die Versagensangst (Van Gaal: „Er hat noch nie einen Elfmeter gehalten!” auf Torhüter Cillesen.) Ihm fehlte das Vertrauen in Gott, den Fußballgott und in sich selbst. Dann gehen selbst haltbare Bälle rein, wie der immer gut analysierende Experte Scholl gestern spontan feststellte: hier .

César Luis Menotti
Césa Luis Menotti

Besonders ein Satz von MS gab mir zu denken: „Sie haben während des Turniers ihre Art Fußball zu spielen verloren.” Erst während des Turniers? Die Elftal hat grandios gegen Spanien begonnen, dann brauchten sie eine Tierwelt von Schwein und Schwalben, um mit Ach und Krach ins Halbfinale zu kommen. Wie tief ist Holland gefallen? Gestern erinnerte ich an Cruyff bei der WM in Deutschland im Endspiel 1974. Vor vierzig Jahren halfen Helmut Schöns Schwein und Hölzenbeins Schwalbe, aber auch damals hatte sich schon ein Feind in Hollands Kabine eingenistet: der Hochmut. Ihr Fußball begeisterte und auch noch 1978 bei der Folter-WM in Chile hätten sie den Titel verdient gehabt. Aber dem Trainerfuchs und genialen Selbstvermarkter César Luis Menotti, der den Mythos vom „linken Fußball” schuf, halfen General Videla, ein Schwein besonderer Art, die tollen Albiceleste – Fans und Mario Kempes. Konfetti für die ganze Welt. Wie später die La Ola aus Mexiko um die Welt schwappte, machte nach der WM in Argentinien der Konfettiregen seine Besuche in allen Stadien der Welt als Ausdruck des Fußballenthusiasmus. Nichts für die damals noch transgendermäßig üblichen langen Haare. An den nachfolgenden WM-Begegnungen zwischen den Niederlanden und Argentinien konnte man die fußballerische Entwicklung ablesen.
Mein Vertrauen in den niederländischen Fußball verlor ich 2006. Bei einer Fußballkonferenz in Lisboa hatte ich als einziger von 20 Fußballkennern auf die Elftal getippt. In ihrem letzten Vorrundenspiel trafen sie im Waldstadion aufeinander. Von einer Revanche für 1978 konnte 2006 keine Rede sein. In einem ambitionslos geführten Scheißspiel trennten sich beide schon qualifizierten Mannschaften 0:0. Toll waren nur die albicelesten und orangenen Zuschauer. Die Stimmung, keineswegs feindlich, konkurrent in Lärm und Musik, war wesentlich besser als das Spiel. (Die nur noch cleveren Niederländer überstanden schon die nächste Runde nicht mehr – 0:1 gegen Portugal). Dieses „Revanche”-Gerede ist selbst eine Erfindung der Medien. Auch gestern war 1978 Geschichte. Van Gaal denkt gar nicht an die Vergangenheit, sondern er ist in voller Größe präsent. Die Argentinier hatten gut analysiert; sie hatten gemerkt, wenn die Elftal das Spiel machen muss, wirkt sie einfallslos und agiert umständlich. Umso öfter kommt dann schon mal ein Holländer in den Strafraum geflogen. Robben hält sich für clever, aber es raubt einem jede Sympathie, wenn jemand nicht nur Elfer schindet, sondern auch die Schiris verleitet, dauernd gelbe Karten zu verteilen. Außerdem wird die Vorsichtstaktik „Nur nichts zulassen!” durch rüdes Foulspiel kompensiert. Vorne fordern die Orangenen Rot und Gelb, hinten streiten sie alles ab. Die Schiedsrichter trauen sich nicht, die mit Weltstars gespickte Mannschaft, die so eindrucksvoll protestieren kann, gleich zu behandeln. Das letzte WM-Endspiel in Südafrika eröffnete de Jong mit einem Kung Fu Auftritt: hier .
So viel Hochmut lässt der Fußballgott nicht zu. Gestern humpelte der orangene Kung Fu Fighter in der 60. vom Platz. Schlechte Verlierer die Holländer. Nicht ein schönes Fußballspiel um Platz 3 gegen die gedemütigten Brasilianer interessiert van Gaal; er will nur noch nach Hause fahren. Das ist weder totalvoetball noch fair play, das ist respektlos.

Demut, das Stichwort (auch DFB-Präsident Niersbach sollte noch einmal in sich gehen): Die Mannschaft, der Trainerstab haben es verstanden, dass auch ein triumphaler Sieg nur ein Moment im Fluss des Lebens ist. Besonders gefreut habe ich mich über einen Absatz heute morgen in Spiegel online – gerade Poldi, dem man zwar ein großes Herz, aber nicht viel Verstand zutraut, zeigte beides in einem schönen Instagram: „Besondere Beachtung in den brasilianischen Medien fand Lukas Podolski, der sich über Instagram auf Portugiesisch an die Brasilianer wandte. Der Zeitung „O Globo” war das einen Aufmacher auf ihrer Online-Seite wert. Kein Wunder: „Respekt dem Amarelinha (Bezeichnung für das brasilianische Trikot – Anm. d. Red.) mit seiner Geschichte und Tradition”, beginnt Podolskis Botschaft. „Brasilien ist und bleibt das Land des Fußballs”, fährt er fort, um später an die Brasilianer zu appellieren: „Streit auf den Straßen, Durcheinander, Proteste werden nichts lösen oder verändern. Wenn die WM vorbei ist und wir weg sind, wird alles wieder normal werden, und wir wünschen diesem bescheidenen, kämpferischen und ehrlichen Volk viel Frieden und Ruhe. Diesem Land, das ich gelernt habe zu lieben.”

Die Medienforderung: „Nur der Titel zählt!” ist eine trostlose Anforderung an ein Fußballfest, an dem die ganze Welt partizipiert.

9.7.2014

Am Tag danach. So ein Tag so wunderschön wie heute

Was war nur mit Brasilien los, und was mit dem ZDF? Bei den einen geht gar nichts und bei den anderen geht es doch. 7:1 – im Halbfinale einer WM. Das hat es noch nie gegeben. Und das gegen die gastgebende Nation, den fünfmaligen Weltmeister! In der Fußballweltgeschichte erscheint dieses Spiel wie ein Wendepunkt. Vergleichbar mit dem Sieg der Arancysapat hier, der ungarischen Wundermannschaft, in Wembley 1953 5:3, im Mutterland des Fußballsports, Rückspiel in Budapest 7:1. Die Wiederholung bestätigte im Hegelschen Sinne das Wirkliche als das Wahre. Eine Soccer Revolution (Willy Meisl) hatte stattgefunden. Der „Donaufußball” hatte über kick-and-rush unwiderruflich gesiegt. Das sogenannte Wunder von Bern 1954 hatte die Entwicklung nur verzögert, besonders den deutschen Blick verschleiert vor dem, was kommen sollte. Über die ungarische Mannschaft im Exil, mit ihrem Manager Béla Guttmann, kam der neue Fußballstil als 4-2-4 nach Brasilien: Eine neue Vorherrschaft begann, die gestern endete.

Johann Cruyff
Johann Cruyff

Brasilien hat diese Epoche, die nach dem WM-Stil, den Arsenalmanager Chapman Ende der 20er erfunden hatte, kam, geprägt wie keine andere Fußballnation. Wie schon erwähnt: Die Mannschaft, die dieses Spiel durchsetzte, als jogo bonito zum fußballerischen Ideal wurde, lebte von 1958 bis 1970. Aber Mannschaften sind, wie Ballettgruppen, lebendige Körper; ihr Dasein ist vergänglich, sie sind sterblich. Die brasilianische Mannschaft, die nach Deutschland kam, spielte anders; der Zauber war verloren gegangen. In einer großen Halbfinalschlacht wurde Brasilien 1974 von den Niederlanden besiegt; das Spiel war foul und nicht schön; doch wer genau hinsah, konnte in Johann Cruyff die Fortsetzung des jogo bonito mit anderen Mitteln entdecken: Hölzenbeins Schwalbe im Münchner Finale 1974, gegen die Robbens-Flüge wie das Flüggewerden eines kleinen Zauberlehrling aussehen, verdeckte die Tatsache, dass in den 70er Jahren der beste Fußball in den Niederlanden gespielt wurde: Ajax Amsterdam und totaalvoetbal (hier ). Mit Cruyff wanderte dieses nach Europa eingewanderte jogo bonito nach Barcelona aus und bildete die Grundlage des Tiki-Taka-Spiels, das dann die spanische Vorherrschaft im Weltfußball begründete, an der ein seit 2006 runderneuerter DFB-Fußball auch in Europa immer wieder scheiterte. Aber wie in der Dialektik nicht anders zu erwarten, schmiedete der Unterlegene die Waffen seines Besiegers in seine eigenen um: Mit Pep Guardiola spielt Bayern barcelonesischer als alle anderen, und mit Löw spielt Deutschland mehr jogo Bonito als Brasilien gestern. Das Herz des Jogo-Bonito-Freundes konnte gestern lachen, der Kopf des Fußballbrasilianers rauchte. Wenn man im jogo bonito unterlegen ist und trotzdem gewinnen will, dann muss man zu anderen Mitteln greifen. Aber Scolari ließ zu Mitteln greifen, über die sein Team gar nicht verfügte. Ein bedingungsloser Angriffsfußball führte seine Mannschaft ins Verderben. Der Ausfall von Neymar sollte durch Enthusiasmus kompensiert werden – das geht auf Weltklasseniveau niemals gut. Scolari hatte schon das ganze Turnier hindurch, die mangelnde Qualität der Mannschaft durch eine emotionale levée en masse (A-Cappella-Nationalhymnen mit anschließendem Geheule) zu kompensieren versucht. Wenn das nicht genug ist, dann helfen Fouls und Schwalben. Mit Brasilien ist gestern das foulste Team des Turniers (gegen das fairste) untergegangen. Eine alte These: Foul spielen zeigt keine Stärke, sondern eine Schwäche an (in der Politik ist es übrigens mit dem Terrorismus ebenso). Zum jogo bonito gehört ein Team, das es ohne die Kunst der Defensive nicht gibt. Die Mannschaft von 1958, das Urbild brasilianischen Erfolges, konnte mit nur 4 Abwehrspielern sicher stehen, weil sie alle technisch und athletisch überdurchschnittlich waren. Im traditionellen Fußballgedächtnis bleiben nur die großen Mittelfeldstrategen und spektakulären Torschützen hängen. Das ist ungerecht; denn die gute Abwehr ist die Basis eines jeden Erfolges. In Brasilien tobt geradezu seit 1970 ein Kampf zweier Linien: Die einen verlangen futebol de arte, die anderen disziplinäre Ordnung (bras. ordem, steht auf der Nationalfahne). Alle Erfahrung im New Age (seit 1990) spricht für eine Kombination von Ordnung und Angriff. Deutschland wurde so 1990 in Italien auf diese Weise Weltmeister, Brasilien 1994 in den USA und 2002 in Japan. Die spielerisch großen Teams Brasiliens scheiterten 1978 in Argentinien durch Betrug und in Spanien 1982 am Pech; aber diese Spieler brachten ein Potential mit, das für Brasilien neu war, vielleicht sogar für die Welt: selbstbewusste Akteure, die über den Spielfeldrand hinaus denken konnten:

Barraca Dr. Socratis, Copacabana
Barraca Dr. Socratis, Copacabana

Idol dieser Bewegung war Dr. Socrates, der Sprecher der corinthianischen Demokratie, die auf dem Spielfeld den Sturz der Militärdiktatur vorbereiteten. Leider liebte er die Caipirinha so sehr, dass ihm auch die von Fidel Castro versprochene Leber nicht mehr helfen konnte. Letztes Jahr traf ich an der Copacabana auf ein Strandhäuschen, das ihm gewidmet war. Ich war sicherlich der weißeste Besucher unter den jungen Besuchern mit Favelahintergrund, wurde aber ganz cool aufgefordert, Platz zu nehmen.
Im brasilianischen Fußballgedächtnis gilt die Mannschaft von 1982 mit Sócrates und Zico, obwohl sie keine Titel geholt hat, als die spielerisch zweitbeste nach der von 1970. Die Brasilianer haben doch Ahnung von Fußball; deswegen gingen sie in Bélo Horizonte gestern schweigend und traurig nachhaus. Ein weiter Weg, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Der brasilianische Fußball hat gestern die Strafe für alle seine Sünden zahlen müssen: Der Fisch stank schon lange vom Kopf her. Havelange war der Padrone von Blatter, Schwiegersohn Texeira war sogar für brasilianische Korruptionsverhältnisse untragbar und musste noch vor der WM gehen: hier. Der Transfer von Neymar nach Barcelona ( hier ) stinkt noch bis heute zum Himmel. Hier agieren nicht mündige Spieler, sondern Handelsobjekte, die in der Rolle als Retter der Nation völlig überfordert waren. Fußballzauber kann doch nicht eine Gesellschaft retten, die durch und durch morsch ist. Wie mein fußballerisches Ich-Ideal Béla Guttmann sagte: „Der Fußball kennt keine Sentimentalitäten.” So war es gestern abend. 7:1 – ohne Worte.
Aber im Fußball gibt es doch Fairness, Respekt und Anerkennung. Die Globalisierung hat das noch verallgemeinert. Nationalspieler mit unterschiedlichen Trikots, Mannschaftskameraden im Club, sie trösten sich gegenseitig. Der harte Kern der deutschen Mannschaft war 2006 im eigenen Land auf einer Euphoriewelle ins Halbfinale getragen, verlor in der 119. Minute der Verlängerung gegen abgezockte Italiener (die mit der Sperre von Frings auch noch einen üblen Schummelanteil hatten) und fiel aus allen Wolken. Den Verlust großer Hoffnungen haben auch die Jüngeren schon erlebt (Endspiel EM 2008, Halbfinale WM 2010, Halbfinale EM 2012). Im Trost der jungen Mannschaft Brasiliens mit ihren überalterten Trainer Scolari und Parreira zeigt sich die Reife dieses Mannschaftskörpers mit kühlem Kopf und heißem Herzen. In der Online-Presse wurde die Reife der deutschen Mannschaft mit dem gezeigten Respekt für den unterlegenen Gegner sehr schön von Oliver Fritsch gekoppelt: hier. So etwas möchte man auch gerne mal in den Printausgaben lesen. Trainer Löw hat es gut gesagt – ohne jegliche Häme gegenüber den Brasilianern. Jeder Deutsche Spieler wusste, wovon er redet: „Kirche im Dorf lassen!” (Müller z.B.) (Nur der DFB-Präsident Niersbach, dieser zweibeinige Backlash, hatte es nicht kapiert): Dies war nur ein (schöner) Sieg; aber wirklich ist es nur, wenn es zweimal geschieht, lehrte uns der alte Hegel. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesagt: Brasilien ist abgelöst worden, aber jogo bonito hat triumphiert. Gilt das auch noch am Sonntag? Es gibt auch im Fußball keinen unilinearen Fortschritt.

Sicher, niemand hätte ein 7:1 vorhergesagt. Aber genauso groß war meine Überraschung, als ich Oliver Kahn im ZDF hörte. Alles stimmte. War es der große Fußball, dass er sich gezwungen fühlte, nur über das zu reden, wovon er etwas versteht? Und auch Oliver Welke vergaß den Entertainer in sich und zeigte, wovon er wirklich Ahnung hat – von Fußball. Das Spektakel auf dem Platz brachte die richtige Rollenverteilung zurück. Das Event ist das Match, das andere (sachverständig) kommentieren dürfen. Man konnte das Spiel in den Worten wieder erkennen. Bei Kahn: „Bei solchen Spielen sagt man, Du musst in die Zweikämpfe kommen. Aber es gibt Spiele , da kommst Du gar nicht in die Zweikämpfe!” Woran liegt es? Die eine Mannschaft spielte als ein Team mit Erfahrung, die andere bestand aus mehr oder weniger guten Einzelspielern, die aber nicht gemeinsam agieren konnten. Von „Körpersprache” wollte Kahn gar nicht mehr reden (hatte er etwa meinen Blog gelesen? Oder bin ich schon der van Gaalschen Selbstüberschätzung erlegen?). Und dann kam eine Suada gegen das Gerede vom „Titel”. Er nahm das Wort „Fetisch” nicht in den Mund, aber er hatte es auf der Zunge. Der Titel ist nicht alles; sondern das, was auf dem Platz geschieht: Danke, Kahn in intellektueller Bestform. Sogar BILD tat mir heute einen Gefallen: Ihre Headline in den berühmten großen Buchstaben: OHNE WORTE! Konkrete Utopie: BILD schweigt! Könnte das nicht immer so sein? So ein Tag so wunderschön wie heute …

8.7.2014

Trauer um Neymar
Trauer um Neymar

Vor den Semifinals: zerrissenen Herzens

Mein Herz wird heute auf eine Zerreißprobe gestellt: Mein fußballerisches Ich-Ideal hatte sich an der besten Nationalmannschaft aller Zeiten gebildet, die zwischen 1958 und 1970 dreimal den Titel gewann. Nicht nur ich als Heranwachsender wurde vom Zauber des Jogo bonito erfasst. Wenn Brasilien spielt, bin ich immer für Brasilien. Immer? Heute schwanke ich wie das Pascalsche Schilfrohr im Winde („Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur; aber er ist ein denkendes Schilfrohr. Es ist nicht nötig, dass das ganze Weltall sich waffne, ihn zu zermalmen: Ein Dampf, ein Wassertropfen genügen, um ihn zu töten.” – Pensées VI, 347). Dem emotionalen Tode nahe gebracht hat mich schon das Ausscheiden von Neymar. „Es hat mein Herz und das aller Brasilianer gebrochen, den Schmerz auf Deinem Gesicht zu sehen”, hat Präsidentin Dilma Rousseff gesagt und damit auch ausgesprochen, was Fußballbrasilianer (vergleichbar mit „Bildungsinländern”) – wie ich in diesem Moment – gefühlt haben. Das Mitfühlen, das oft auch Mitleiden bedeutet, macht den Fan aus; nicht das Abkanzeln, wenn einem Spieler oder einer Mannschaft einmal nicht gelingt, was der Zuschauer sich von ihm oder ihr verspricht. Darin liegt eine Gefahr des Zuschauerfernsehsports: Die Zuschauer mit Fernbedienung verwandeln sich in Angestellte, die einmal den Personalchef spielen wollen. Und die interaktiven Medien fordern ständig dazu auf, dies mit der Gnadenlosigkeit eines Knopfdrucks zu exekutieren – von ARD/ZDF bis Spiegel online. „Benoten Sie die Spieler!” und für die ganz Blöden fügt BILD noch hinzu: „Wie in der Schule!” Dieser positivistische Populismus, dieses Gerede von den 80 Millionen Bundestrainern, ist ein Pseudoantiautoritarismus, der beim Erfolg schreibt „Wir sind Weltmeister” (Papst) und bei Niederlagen „Kreuziget ihn!” (Halbfinale der EM 2012) schreit. Der Fußballgott aber ist mit denen, die leiden können. Das spräche für Brasilien und die Brasilianer. Auch politisch würde ich Dilma den Erfolg gönnen. Viele ihrer Feinde (und sie hat viele) wünschen sich aus politischen Gründen, die WM würde ein Misserfolg. Diese Leute interessieren sich, wenn überhaupt für Sport, eher für Basketball, Tennis, Volleyball und Polo (auch schöne Sportarten, die aber nicht potentiell jeden berühren, der schon einmal einen Ball mit dem Fuß bewegt hat). Dilma, Tochter eines bulgarischen Kommunisten, der es schaffte, Ende der 20er Jahre nach Brasilien zu emigrieren, hat eine bewegte Geschichte hinter sich; sie kommt aus der Stadtguerilla, die sich 1964 gegen die Militärdiktatur erhob, sie kennt Folter und Gefängnis, eine komplizierte Lebensgeschichte, gut in der englischen Wiki-Ausgabe nachzulesen: hier ). Unter Lula, dem überzeugendsten Arbeiterpräsidenten des 20. Jahrhunderts, lernte sie legal Politik zu machen. Als Nebeneffekt des wirtschaftlichen Aufschwungs in Brasilien versuchten Lula und Dilma, den Lebensstandard der brasilianischen Armen nachhaltig anzuheben.Das wollen ihnen die immer noch Mächtigen und Reichen, die auch die Medien beherrschen, nicht vergessen und nicht verzeihen. Die brasilianische Herzensangelegenheit Fußball wird massenmedial vermittelt zum Mittel der Politik. Die Präsidentschaftswahl steht am 5. Oktober bevor. Trotz aller Stimmungsmache glaube ich nicht, dass der Sieg auf dem Platz den Sieg an der Wahlurne nach sich zieht. Gerade weil die Fußballbegeisterung groß ist, interessieren sich die Massen erstmal für den Fußball. Immer, wenn Brasilien verliert, ist die Enttäuschung groß. Das Urmodell ist die Niederlage gegen Uruguay 1950 im frisch gebauten Maracanã. Was war die Antwort? Volksaufstand? Randale? Nein, Shakespeare: Der Rest war Schweigen. Ghiggia, der Siegtorschütze aus Uruguay, hat erst kürzlich gesagt: „Drei Leute haben das Maracanã zu Schweigen gebracht: Frank Sinatra, Papst Paul Johannes II. und ich.”

Heute abend wird im neuen Stadion in Belo Horizonte (Kenner sagen BiAgga) gespielt. Während eines schönen wissenschaftlichen Fußballkongresses habe ich dort den fähigsten Fußballsoziologen der Gegenwart kennengelernt, der auf den altschottischen Namen Richard Giulianotti hört und in Schottland und Norwegen lehrt. Wir haben damals gemeinsam mit brasilianischen Freunden deutscher Herkünfte im „Jever Pub“ eiskaltes Bier getrunken und Schmalzbote in der brasilianischen Hitze gegessen. Ich hatte ihm gestern meinen Aufsatz „Fussball als Utopie“: hier in englischer Übersetzung geschickt. Rudolf mailte mir heute über Nacht, mit kühlem Blick: „…I guess some of our friends in Belo Horizonte will have different loyalties with the semi-final there. I think in this tournament, the team that has the most number of safe/competent players will win – I think that's Germany – Holland are weak in central midfield and central defence, Brazil are mediocre and too defensive, Argentina realy too much on Messi. Anyway, I'm heading for Rio on Friday for a conference, should be fun. All the very best, Richard“

Das verbindet Fußball und Soziologie. Nicht post festum alles besser zu wissen, ist das höchste Ziel, sondern begründete Voraussagen zu machen, ist die schwierigste intellektuelle Übung. Der Ausgang eines Spiels ist ungewiss, und auch der Zufall, die Kontingenz, die in der Philosophie des Fußballfreunds Sartre gewiss ist, kann alle Verstandesüberlegungen konterkarieren. Deswegen begleiten Wette und Glaube den Fußball von seinem Beginn im 19. Jahrhundert an. Auch der klügste Schlachtplan kann nicht alles vorausberechnen. Das glaubt nur ein von der Hybris ergriffener Ex-Katholik wie van Gaal. Napoleon hat schon gegenüber Goethe die richtige Devise ausgegeben: „Man stürzt sich in die Schlacht und dann On verra!“

So werde ich es auch als Zuschauer halten. Was bringt mich, den seit 1958 treuen Fußballbrasilianer, ins Schwanken? Ich bleibe dem Ideal des Jogo bonito treu. Und leider hat Rudolf recht, die brasilianische Mannschaft hat bisher nicht überzeugt, Neymar wirkte in ihr wie eine Reminiszenz an den Jogo bonito. Die deutsche Mannschaft hingegen, wieder möchte ich den Weltstar aus Schweden mit dem erzskandinavischen Namen Zlatan Ibrahimovic zitieren, hat ihre „fußballerische DNA“ verändert. Die ersten 60 Minuten des EM-Qualifikationsspiels Deutschland gegen Schweden im Mai 2012 waren die schönsten und effektivsten einer deutschen Nationalmannschaft, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe – brasilianischer als Brasilien 4:0. Bericht: hier Doch dann kam Ibrahimovic. Am Ende stand es 4:4. Brasilien hat keinen Ibrahimovic; aber einen Neymar, der auch für ein vergleichbares Kunststück in Frage käme. Doch der kann heute nicht mitspielen. Traurig. Ebenso wie der Tod von Don Alfredo, einem der größten Fußballspieler des short century, auch ein Spieler beider Kontinente, die sich heute und morgen miteinander vergleichen. (Gestern ein lesenswerter Nachruf von Erik Eggers: hier ) Eggers hat auch das lesenswerte Buch über den Finalreporter von 1954, Herbert Zimmermann, geschrieben: Die Stimme von Bern, Wißner Verlag 2004 (hier)

Das ästhetische Potential

Gestern spielfrei. Ein Besuch bei Alvin Aileys American Dance Theatre konnte eingeschoben werden. Selten bin ich so glücklich nach Hause gegangen. Nur ästhetisches Gelingen kann einem dieses Glück bereiten. Auch der Fußball besitzt dieses Potential. Doch seit dieser Sport von den Feuilletons entdeckt worden ist, mischen sich falsche Töne in den Beifall, der ihm gezollt wird. Der Fußball braucht keine „Philosophie“ – ebenso wenig wie das Ballett. Das Spiel, der Tanz spricht eine eigene Sprache, die jeder verstehen kann, der sich bewegt – das ist die Körpersprache, die sich von der Kahns unterscheidet, der nur eine Bestie mimt, die dem Gegner Furcht einflößen soll. Die Aufgabe, über Fußball zu schreiben, stellt an den Autor die schwierige Herausforderung, in Worten auszudrücken, was schon durch Bewegungen und Töne ausgedrückt worden ist. Deswegen gibt es auch so wenige Autoren, die erhellend über Musik schreiben können. Adorno bleibt der für mich unübertroffene Meister aus Frankfurt. Adorno als Person hatte keine Ahnung von Fußball. Das hat mich animiert, nach meinem großen Adornobuch 2003 (hier), endlich einmal über etwas zu schreiben, wovon ich garantiert mehr Ahnung habe als mein „letztes Genie“. Bei den biographischen Recherchen erzählte mir eine entfernte Verwandte von Adorno, ihre Tante habe Adornos Mutter einmal geraten, kauf Teddie doch mal einen Fußball. Statt dessen bekam er einen Hund, der dann in seinem Pseudonym Hector Rottweiler fortlebte. In den zwanziger Jahren nahm Adorno, als der Donaufußball Walzer tanzte, Kompositionsunterricht bei Alban Berg, der nicht nur ein Karl-Kraus-Tifoso, sondern auch sich als Fan der Austria, einem admirablen Wiener „Lackschuhclub“, bekannte. Der junge Frankfurter Philosoph, der damals noch Wiesengrund mit Nachnamen hieß, drohte sehr ins Hintertreffen gegenüber Soma Morgenstern zu geraten, so dass er sich von seinem Mentor Kracauer die Sportseiten vorlesen ließ. Aber der Sport blieb ihm fremd; Kracauer sah ihn mit sozialkritischen Blick als Teil einer nach oben drängenden Angestelltenkultur. Aber das war nicht das Ganze – und diesmal hatte Hegel recht: „Das Ganze ist das Wahre“. Im Prinzip hatte ich in den Adorno- und Béla-Guttmann-Büchern (ein letztes Mal Selbstanpreisung: hier ) versucht, keine traditionellen Biographien zu schreiben, sondern die Geschichte des short century gespiegelt durch die Lebensgeschichte herausragender Individuen zu erzählen. Aber je mehr ich ins Erzählen kam, umso mehr wuchs die Herausforderung, das Ganze im Hegelschen Sinne auf den Begriff zu bringen. Die Analyse der gesellschaftlichen Funktion des Fußballs half mir, den Sport, aber exemplarisch den Fußball, als integralen Teil der expandierenden Kulturindustrie zu begreifen, die nicht als ökonomischer Faktor entscheidend ist, sondern die Weltsicht der Beteiligten dominiert. Durch sie wird der Blick aufs Ganze präformiert. Hier hat Adorno im Sinne eines Propheten recht: „Das Ganze ist das Unwahre“ (Minima Moralia, Zwergobst, Aphorismus 29).
Auch für Fußball als Moment der Kulturindustrie gilt das letzte Wort des Kulturindustriekapitels aus der „Dialektik der Aufklärung“: „Fortzusetzen“ …

Neymar am Boden
Neymar am Boden

Schonzeit für Foulspieler

Doch kehren wir zurück in die Welt der Erscheinungen. Die atemberaubenden Viertelfinals haben für „Nachdenken über Fußball” kaum Zeit gelassen. Mertes Empfehlung, drei Tage Eistonne und dann analysieren, bin ich fast nachgekommen. Die Erregung über sportjournalistische Dummheiten ist daher etwas abgekühlt. Lieber habe ich noch einmal nachgelesen, was Adorno in den „Prismen“ über die Dialektik der Kulturkritik schrieb; denn auch dort wird das Problem verhandelt, wenn alles zur „Kultur“ wird. Klinsi hat 2006 nur naiv ausgesprochen, was längst gesellschaftsgeschichtliche Tendenz im New Age geworden war, Fußball sei „Kultur“… und er schob gleich noch hinterher, was ein moderner Trainer brauche: eine „Philosophie“. Dieses Vokabular ist in den alltäglichen Sprachgebrauch des neuen Zeitalters eingegangen, wie sonst nur „Identität“. Jeder, der so gedankenlos daherredet, müsste jedes Mal 10 € ins imaginäre Phrasenschwein zahlen. Die Aufregung über das aufgeblasene Gerede im TV wird durch ein Symptom hervorgerufen, das den Funktionswandel des Fußballs in der Gesellschaft anzeigt. Als „Kulturgut“ wird das Spiel zur Ware. Aber auch an diesem Punkt lohnt ein Blick in die „Dialektik der Aufklärung“; wenn die Kritik nicht im Lamento über die angebliche „Kommerzialisierung“ hängen bleiben soll, das immer einen leicht (sekundär) antisemitischen Beigeschmack hat. Die Tatsache, dass man vom Fußballspielen leben kann, hat es überhaupt erst im short century ermöglicht, aus dem Fußball den Weltvolkssport Nr. 1 werden zu lassen. Auch der Eintritt erzieht den Zuschauer zum Respekt vor der Leistung, die ihm geboten wird. Im Profifußball triumphiert das (bürgerliche) Leistungsprinzip, engl. noch treffender performance principle, über den aristokratischen Gentlemansport des 19. Jahrhunderts, der ohne referee auskommen konnte. Ein Gentleman spielt nicht foul, sondern von sich aus fair. Der Profifußball hat seine eigenen Gesetze. Miro Klose, der inzwischen bei Lazio spielt, wurde in Italien zum Helden, weil er ein zu Unrecht anerkanntes Tor nicht geschenkt haben wollte. Der Fußball kann in einem Moment besser sein als die Gesellschaft, in der er gespielt wird. Wer vorsätzlich den Gegenspieler verletzt, so dass er ausscheiden muss (wie einst Prince Boateng den Ballack), verletzt die internen Profiregeln.

Tim Krul
Tim Krul

Die ekelhafte Performance von Niederlands Einwechseltorhüter Tim Krul vor den Ticoelfmeterschützen und die Vergötterung dieser Aufführungen durch Gladiolen-Trainer und Feierbiest van Gaal und niederländische Medien ist ebenso abscheulich wie die Schwalbentaktik des fliegenden Holländers Robben, der dies an sich selbst noch öffentlich als clever rühmt. Der Fußball als Leistungssport braucht den klaren und deutlich agierenden Schiedsrichter, die schwarze Autorität, die in Simmels „Exkurs über den Fremden“ passt – sozusagen, der Leuchtturm der Aufklärung im Gewusel chaotischer Mannigfaltigkeit. Wer sich gegen technische Hilfsmittel wehrt (Videobeweis), hängt noch an einem Autoritätsmodell der alten Klassengesellschaft, in dem der Schiedsrichter die wilden Burschen auf dem Platz mores lehren soll. Die nachträglichen Verhandlungen vor Sportgerichten haben meist auch noch diesen haut gout. Im Schutz des die Regeln des Fair Play durchsetzenden Schiedsrichters gedeihen die Künstler, die Magier, die den Gebrauchswert des Fußballs und seine Utopie aufblühen lassen: Jogo bonito. Menschen, die nur mit stierem Blick und stumpfsinnigem Gebrüll („Wir wollen Euch kämpfen sehen!“) die Spieler beobachten, erkennen nicht, dass die Generallinie der Schiedsrichter dieser WM etwas antut, was das schöne Spiel zerstört: Schonzeit für Foulspieler. Im Kleinen betrifft das Özil, an dem die teutonischen Kritiker die „deutschen Tugenden“ vermissen (sekundäre Xenophobie), im Großen Neymar. Fußballbeobachter Mehmet Scholl hat das als erster gesehen und gesagt. Auch Fernsehkommentatoren können besser sein als das TV selbst. Mañana mais.

2.7.2014

Wenn Du einen Özil hast, kannst Du keinen Kahn gebrauchen

Was für ein Stress, diese Achtelfinalspiele! Nicht nur im ZDF, in allen Medien hast Du einen Kahn … Könnte der nicht einmal die Klappe halten? Schon vor dem Deutschlandspiel am Montag hatte ich diese neue Extremdummheit eines ZDF-„Experten”, der offensichtlich kein Hochdeutsch kann, auf „Spiegel online” gelesen hier , ausgedruckt und unters Kopfkissen gelegt. Neben Kahn steht der begnadete (Gnadenbrot beim ZDF) Schweizer Ex-Schiri Urs Meier, der Geröllhalden über die schweizerdeutsche Zunge rollen lässt, um gar nichts zu sagen. Während andere Tag und Nacht an ihren Frisuren arbeiten, hat Meier gefühlte acht Jahre jeden Friseurtermin verstreichen lassen – vielleicht um „uriger” zu wirken. Diese Einheitsperformance von Moderatoren, die oft witziger und reflektierter sind (Olli W/Opdi), als sie nach Regiekonzept wirken (sollen/dürfen) verdirbt einem jede Laune. Moderatoren, die Experten nach ihren Meinungen fragen, schlagen nicht nur die Zeit zwischen den Spielen tot, sondern popularisieren ein Meinungswissen von Leuten, die ihre Autorität aus der Vergangenheit schöpfen (Ausnahme Mehmet Scholl, der witzig und kenntnisreich, Gedanken zum Spiel entwickelt – unübertroffen, seine Gomezkritik vor zwei Jahren bei der EM hier ).

Olli + Olli im ZDF
Olli + Olli im ZDF

Der ZDF-Musterexperte heißt wieder einmal Olli K., der die Worte herauspresst wie ein Discotürsteher, der aber die „Körpersprache” („An mir kommst Du nicht vorbei!”) beherrscht. Der Nimbus von OK wurde von der BILD-Zeitung in Deutschland düsterster Fußballzeit geboren. Bei der WM in Japan/Südkorea hielt Olli im Viertelfinal-Spiel gegen USA (1:0) alles, was aufs deutsche Tor flog. Und das war viel. BILD ernannte ihn Kahn zum Titan hier . Deutschland rumpelte sich ins Finale, wo Kahn der Titel gleich wieder hätte aberkannt werden müssen. Sein Torwartfehler leitete die Finalniederlage gegen Brasilien ein: hier Der niedergeschlagene Torwart, der am Pfosten sitzt und stumpf(sinnig) vor sich hinguckt, sprach eine Körpersprache, die dagegen Özil von heute als Stimmungskanone erscheinen lässt. Der spielerische Tiefpunkt des deutschen Fußballs erfolgte zwei Jahre später bei der EM in Portugal, als ein enttäuschter Trainer Rudi Völler nach dem Vorrundenaus zurücktrat. Kahn schien dieses Desaster zu überleben, bis Jürgen Klinsmann ihn (gegen den Willen von BILD und Beckenbauer) zum Resevemann machte. BILD tobte. Ihr passte ja die ganze Richtung nicht, als Klinsi, Jogi und Oliver Bierhoff in Deutschland vor der WM 2006 eine richtige „Soccer-Revolution” einleiteten. Der Titan musste schon vor BILD einsehen, dass man aufs falsche Pferd gesetzt hatte. Kahn gab klein bei, begnügte sich mit der Statistenrolle und BILD begann ihre „Schwarz-rot-geil”-Orgie. Die Körpersprache von 2006 war eine ganz andere als die des traurigen Torwarts von Yokohama: Public Viewing, Fanzonen, Sommermärchen, trotz Halbfinalniederlage gegen abgezockte Azzurri, Autocorsi und viel, viel Party). Kahn hatte das ganze Turnier über die Klappe gehalten, und das war gut so. Danach besann er sich wieder auf seine Köpersprache, die ihm nun unter die Elite der „angry goalkeeper” brachte: hier
Olli wäre Geschichte, wenn nicht das ZDF auf die Idee gekommen wäre, ihn als „Experten” einzukaufen. Die Tatsache, dass er auf bild.de bloggt, kann man vernachlässigen, weil die BILD-Leser gar keine Blogs lesen. Bei der EM in Polen und Ukraine 2012 moderierte OK mit KMH, der Verkehrsreporterin aus Bayern. Die Vorberichte und Halbzeitpausen waren sogar den Infotainmentexperten des Mainzer Kukidentfernsehens zu blöd. KMH wurde nach Campo d Bahia geschickt („nah an der Mannschaft”), wo sie nun mit plumper Vertraulichkeit punktet: Traurige Tropen. Aber es gibt noch schlimmere Experten, die so nah an der Mannschaft sind, dass es selbst dem ruhigen Studienratssohn aus Niedersachsen vorgestern zu viel wurde:

Mertes Attacke gehört in die Reihe der Sportreporter-Interviews, die zu Rohrkrepierern wurden. Wunderbar, wie einst Rudi V. den rechts sympathisierenden Waldi Hartmann an die Weißbierfront schickte: hier . Diese Youtube-Videos, intellektuelle Eigentore von Sportreportern und Pseudoexperten erreichen kultartige Einschaltquoten, weil es zur Sache geht und nicht um den ruhenden Ball herunmgeredet wird. Die Zuschauer sind keineswegs so dumm, wie sie von diesem ganzen Medientross behandelt werden; deswegen ist das TV so viel schlechter, als es sein müsste. Die ganze Expertenkultur taugt nichts – sie ist ebenso wertlos wie Terrorismus- und Islamexperten. Es gibt eben Leute, die über Fußball nachdenken, und andere, die gar nicht denken wollen, sondern als Stimmungskanonen (Stichworte: Emotionen, Leidenschaft) losballern wollen. Wer aber nicht denken will, kann auch nur schlecht sprechen. Diese nichts sagenden Wortschleifen („Wenn Du einen Özil hast …”) sind nur mit dem schändlichen Ballgeschiebe von Gijon vergleichbar. Aber dieses Herumgemeckere an Özils Körpersprache ist nur die Fortsetzung des Hymnenschwachsinns der BILD von vor zwei Jahren. Nach dem Ausscheiden im Halbfinale gegen Italien wurde das italienische Team für sein herzhaftes Schmettern der „Fratelli d´Italia” gepriesen. Vor Italiens letztem Spiel der diesjährigen Vorrunde gegen Uruguay sangen die Azzurri wieder inbrünstig und schieden sang- und klanglos aus. Die Gesangstheorie war schon nicht in der Lage, die Fußballdominanz Spaniens in der letzten Dekade zu erklären: Die spanische Hymne kann niemand mitsingen; denn es fehlt der Text: FRANKFURTER FUSSBALLSCHULE 1-3 Fußball wird nicht für Stammtischpatrioten in „Auerbachs Keller” („Gib nur erst acht, die Bestialität wird sich gar herrlich offenbaren”) noch für TV-Stehtheken an der Copacabana, sondern auf dem Rasen gespielt.

Das reaktionäre Fußballdeutschland, nicht nur die Springer-Populisten, regt sich darüber auf, dass Boateng, Özil, Podolski und Khedira das Deutschlandlied nicht mitsingen. Ich würde es auch nicht mitsingen; denn ich halte den Kompromiss mit der dritten Strophe für eine politische Fehlentscheidung der Alliierten. Das Nicht-mitsingen der Hymne ist auch ein Statement gegen das Paradox, dass Deutschland eins der weltgeschichtlich größten Einwanderungsländer auf dem Globus ist, aber bis ins Alltagsleben hinein immer noch ein exklusivistisches Selbstbewusstsein pflegt. Deswegen ist es das gute Recht eines jeden, stumm zu bleiben und sich keinem massenmedial erzeugten Konformismusdruck zu beugen. Vor dem Spiel Deutschland gegen Algerien waren die Islamexperten an der Reihe: Muss man nicht im Ramadan fasten? Und was macht Özil? Und warum fragt man nicht bei Khedira? Kommen seine Eltern nicht aus einem Land mit islamischer Tradition? Man kann sich gar nicht genug schütteln vor Ekel bei dieser öffentlichen Scheinheiligkeit, die an die Judenzählung im Ersten Weltkrieg erinnert. Ich muss auch nicht den Imam von Algier fragen, ob die Algerier das Fasten brechen durften. Die freedom of choice gilt für alle, die mitspielen durften. Das im Westen („Abendland”) normale unglückliche Verhältnis zur Säkularisierung kommt in dieser mangelnden Indifferenz an den Tag. Und deutschlandspezifisch noch ekliger: Die Kluge-Kopf-FAZ brachte einen Artikel über Mesut Özil unter dem verbrauchten Titel „Fremd im eigenen Land”. (In den achtziger Jahren wurde diese leicht kitschige Headline für jüdische Remigranten nach 1945 oder für in Deutschland aufgewachsene Jugendliche benutzt.) Mesuts Tor brachte die Körpersprachentheoretiker zum Verstummen und ließ alle jubeln, die Technik, Eleganz und Magie lieben. Morgen geht es weiter, jetzt gehen wir zu Alvin Ailey – da sollen die Körper wirklich sprechen.

30.6.2014

Groß und klein. Ruhende Bälle

Am ersten spielfreien Tag der WM blieben noch zwei Gedanken unvollendet, vom Autor nicht abgeschlossen. Im Morgenmagazin von ARD und ZDF machen sich auch Experten breit. Der ZDF-Sport-Mann Skulski wurde nach Brasilien geschickt, der wirkt wie ein DDR-Tourist in den Tropen, der auf seinem groß D und groß R durchgestrichen hat und nur noch mit einem großen und fetten D durch die Gegend fährt. Eine wirkliche Bereicherung ist der Moma-Experte Hitzlsperger, der im Kampf gegen die Homophobie (Sorry, Fleisch essender, heterosexueller und nicht nur auf dem Kopf ganz grau gewordener Henryk Broder!) im Fußball mit seinem Outing beim Karriereende einen wichtigen Sieg errungen hat, weiß, wie der Hase läuft und der Ball zu laufen hat (wie der Leiter der Frankfurter Fußballschule glaubt er trotz der Holprigkeiten in der Vorrunde an den Weltmeister Brasilien, die Hexa). „Hitze“ wurde mir sympathisch, als er durch die Fischer-Pressefrau, die ihn zu einem Talk mit Roger Willemsen eingeladen hatte, sich einen Guttmann aus dem Berenberg Verlag überreichen ließ, und auf der Rückfahrt im ICE nach Stuttgart mailte, ihm gefalle das Buch sehr – und seinem Begleiter, dem noch in der RSFSR geborenen Andreas Beck ebenfalls. Auf jeden Fall wackelte unser Tip Brasilien ganz gewaltig bei Latten- und Pfostenschüssen der Chilenen; aber ich glaube, dieser Sieg im Angesicht des Fußballtodes (Ausscheiden) wird Brasiliens Selbstbewusstsein stärken und sie aus der Knechtschaft der Erwartungshaltungen. (In Brasilien sagt man seit 1958 nicht mehr, man habe eine WM gewonnen, sondern man sagt – mit etwas Staunen im Blick -, man habe eine WM „verloren“) befreien, wie es Hegel schon in der „Phänomenologie des Geistes“ beschrieben hat. Über das (brasilianische) Bewusstsein schreibt er am Ende von „Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst“: „Hat es nicht die absolute Furcht, sondern nur einige Angst ausgestanden, so ist das negative Wesen ihm ein Äußerliches geblieben, seine Substanz ist nicht von ihm durch und durch angesteckt. Indem nicht alle Erfüllungen seines natürlichen Bewußtseins wankend geworden, gehört es an sich noch bestimmtem Sein an; der eigne Sinn ist Eigensinn, eine Freiheit, welche noch innerhalb der Knechtschaft stehen bleibt.“

Konditionsprobleme. Das war ja alles nicht gut für mein Herz; in meinen Gedanken hing ich noch an gestern und vorgestern, als ich mich beim kardiovaskulären Training abstrampelte. Sehe ich auf meinem Bildschirm den doppelten Olli! Echt, nix getrunken… Und dann kommt ein Untertitel: „Kahn kritisiert die Körpersprache von Özil“. Das ist nicht gut für mein Herz.

27.6.2014

Am ersten spielfreien Tag

Ein spielfreier Tag, ein Tag für das Sinnloseste (Nach Martin Walser): Nachdenken über Fußball. Die Kleinen können ganz groß herauskommen, schrieb ich gestern. Les Fennecs (Wüstenfüchse) haben die Vorrunde überstanden: Algerien, Land und Leuten gönne ich das. Endlich mal wieder massenhaftes Public Viewing in Algier, ohne Angst vor terroristischen Überfällen. Algerien ist bis heute im Weltfußball ein kleines Land, im afrikanischen Fußball ein großes. Die Ehre des afrikanischen Fußballs hat Nigeria gerettet (Trotzdem glaube ich nicht an die Super Eagles, immer wieder zu wenig Team, siehe Kritik an den afrikanischen Fußballorganisationen in „Unglücklich das Team…”). Schrecklich der Terror der Boko Haram, die Public Viewings bombardieren. Damit stehen sie in der islamisch orientierten Welt allein. Im Irak hat die Asienmeisterschaft 2007 als ethnoreligiös übergreifender Kitt gewirkt – Sunniten, Shiiten, Kurden, alles egal. Nicht einmal die Taliban haben (Im Unterschied zur Musik) den Fußball verboten; sie pflegten nur die Halbzeitpausen mit öffentlichen Hinrichtungen interessant zu machen.

26.6.2014

Die Kleinen können die ganz Großen sein

Jedes Mal rege ich mich wieder auf, wenn deutsche Sportkommentatoren ihre strafwürdigen Phrasen bringen: „Die hoch gewachsenen Abwehrrecken”, “mit Kopf sei da nichts zu machen”; und umgekehrt: Bei einer Ecke „kommen die hoch gewachsen Abwehrrecken mit Gardemaß” vor das gegnerische Tor, mit seinem „klein gewachsenen Torwart” … Da müssen mindestens 10 Euro ins imaginäre Phrasenschwein gezahlt werden (das reale bei Sat 1 ist inzwischen in die Hände von Jörg Wontorra geraten, dem mallorquinischen Fan von „Arsch aufreißen” und „kratzen, beißen, spucken”, der zu jedem Sonntagsstammtisch eingeflogen werden muss). Eine intellektuelle Umweltverschmutzung allerersten Ranges, eine ökologische Schweinerei. Als Radio-Bremen-Sportchef hatte er an der Weser bei Otto Rehhagel Stadionverbot. Bei Sat 1 wurde das „Schwein” zum Gärtner (Moderator) gemacht. An Moderatoren wird den TV-Zuschauern einiges zugemutet; es scheint ein eingebauter Schwachsinnsmodus in diesen Copacabanablödeleien zu liegen, dass selbst „an sich” (Hegel) witzige Leute wie Opdi und Oliver W. belangloses Zeug daherreden, während kluge Gesprächspartner und genaue Beobachter, wie M. Scholl, selbst in den Witzelzwang geraten wie Antihumoristen und Foulspieler an der deutschen Sprache (Olli K: „Eier, Eier und nochmals Eier”, „Wenn Du einen Ronaldo frei zum Torschuss kommen lässt …”) zu Propheten des Vorhersehbaren werden. Der absolute Tiefpunkt bleibt Hüftgürtelfrau KMH (Maskottchen des ZDF, während das liebe Gürteltiermaskottchen der WM fast nie mehr ins Bild kommt), die doch besser beim bayerischen Verkehrsfunk geblieben wäre. Abgewandelt  könnte man mit Uwe Nettelbeck sagen: „Keine Ahnung vom Fußball und auch wenig vom Geschäft …” Sie darf Spielern nahe kommen, und sie tut es mit einer plumpen Vertraulichkeit, wie es vom Chips kauenden Zuschauer im Schwarz-Rot-Gold-Outfit erwartet wird. Welt- und Europameisterschaften im Fußball ziehen Massen von Leuten an, die von Fußball wenig Ahnung haben. Für das Fernsehen wäre es die Möglichkeit, seine utopischen Qualitäten zu nutzen. Wunderbar, dass man tausende Kilometer vom Spielort entfernt doch beim Spiel live dabei sein kann. Das war nicht immer so. Wenn man noch klein ist, lernt man durch die Medienvermittlung, ein Spiel zu genießen, bei dem man nicht physisch anwesend ist. Die großen Radioreportagen standen am Anfang der neuen Fußballära.
Die deutsche Nationalelf erlebte damals ihren fußballerischen Tiefpunkt, der mit dem Rücktritt von Nationaltrainer Rudi Völler endete. Ehrlich gesagt, ich war schon gegenüber SW sehr skeptisch, bevor er sich an meinen Frühstückstisch – ganz unkompliziert – setzte; denn sein „Wunder von Bern” von 2003: hier war keineswegs meins.

Die WM 1950 in Brasilien fand ohne deutsche Beteiligung statt. Die WM 1954 fand zwar in der Nähe zu Deutschland statt, aber das Fernsehzeitalter hatte in Europa noch nicht begonnen. Den Tag, an dem Friedrich C. Delius Weltmeister wurde (eines der gelungensten literarischen Fußballbücher: hier), erlebte ich beim Sonntagsausflug mit meinem Großvater, einem nach Hamburg ausgewanderten süddeutschen Schlachter. Er hatte das beginnende Wirtschaftswunder genutzt und sich einen schwarzen Mercedes mit Autoradio zugelegt. Um die Radioreportage von Herbert Zimmermann zu hören, hatte sich eine Traube von Sonntagsausflüglern um seinen Wagen gebildet. Dieses Erlebnis gehört in die Zeit, als man Fußball die wichtigste Nebensache zu nennen pflegte. Wie Delius kann ich auch als Zeitzeuge bestätigen, was auch Fußballenthusiast Klaus Theweleit (von Fußball hat er wirklich Ahnung) beschrieben hat: Die WM in der Schweiz fand neben Deutschland statt; die Eltern in der deutschen Nachkriegsgesellschaft hatten andere Probleme (Wiederaufbau, Existenzgründung, berufliche Etablierung). Die Stilisierung des „Wunders von Bern” zur zweiten Gründung der Bundesrepublik ist eine bundesdeutsche invention of tradition, die 1990 mit der WM in Italien und im Vorfeld der WM 2006 mit Sönke Wortmanns Film wieder aufgewärmt wurde. Ich habe Sönke W. bei einer Veranstaltung des Goethe-Instituts in Lissabon zur Europameisterschaft 2004 kennengelernt – ein sehr sympathischer, fußballaffiner Mann. Beim Hotelfrühstück erzählte er mir von seinem Sommermärchenprojekt.

Seit 1954 hat mich dieses Wunder beschäftigt. Ein kleiner Junge (damals sechs Jahre) ist identitätslabil. Nach der Reportage von Herbert Zimmermann, den ich kurz danach mal als Reporter live bei einem Hockeyspiel beim Club an der Alster erlebte, erzeugte in mir den ersten authentischen Berufswunsch: Sportreporter. Bei der WM 2006 bekam ich die Gelegenheit, für das Frankfurter Theater eine „Sportsbar” einzurichten (organisatorisch und zuschauermäßig ein Desaster! Ohne die Hilfe von Jürgen Roth, auch einem Fußballenthusiasten, der das richtige Wort zu finden weiß, wäre ich ökonomisch und nervlich untergegangen): Ich habe für einen Termin (Herbert Z. war ja schon tot; ich wusste damals noch gar nicht, dass H.C. Ströbele, Cleverle, die Tonrechte an der WM-Reportage von HZ erworben hatte, bei jedem „Tor, Tor, Tor” klingelt es bei ihm in der Kasse.) György Szepesi eingeladen, den ungarischen Reporter vom Desaster von Bern, einen charmanten alten Mann, der manche harten kommunistischen Zeiten durchgemacht hatte. Als Moderator der Veranstaltung hatte ich Rudi Michel eingeladen. Ich glaube, zu der Veranstaltung an einem Sonntagmorgen im Frankfurter Schauspiel kamen 3 (in Worten: drei) Zuschauer. Nachdenken über Fußball, kein Bedarf. (Martin W., Deine Dummheiten werden wir nicht vergessen!) Für mich war dieser Sonntag im Sommer 2006 ein sehr schöner Tag. Erstens kam ich live mit dem ungarischen Fußball der frühen 50er Jahre in Berührung, der in meinem Guttmann-Buch (verzeihen Sie die Werbung: hier) eine entscheidende Rolle spielt. Szepesi erzählte die andere Seite des sogenannten Wunders; nicht nur ein fußballerisches, sondern ein politisches. Besser als der von mir hoch geschätzte György Dalos kann ich es nicht sagen; in seinem Buch finden Sie die bizarre Rückseite des „Wunders von Bern”. Rudi Michel war der erste Kommentator im TV von WM-Spielen. Wie gesagt, 1954 hat das kaum jemand sehen können. Aber 1958 wurde es anders: WM in Schweden. Fußball total: Zu diesem Moment wurde mein fußballerisches Ideal geboren! Mit einem wunderbaren 4-2-4, das Béla Guttmann nach São Paulo 1957 gebracht hatte, wurde Brasilien Weltmeister: Jogo bonito! Das TV – Zeitalter hatte begonnen. Es wurde noch durch die WM in Chile 1962 unterbrochen: damals gab es keine Satelliten!

25.6.2014

Unglücklich das Team, das Helden braucht

Ausgerechnet Finke. Volker Finke, meine ich, einen der kopfballstärksten Männer im deutschen Fußball. Bei dieser WM coachte er Kamerun. Eine Enttäuschung. Finke gehört zu den klügsten Männern im Fußballbusiness. Er kommt aus der niedersächsischen Provinz (seine Frau kenne ich als Soziologiestudentin von der Uni Hannover). Finke hat weit vor der Zeit (im spielerisch zurückgebliebenen Deutschland der 90er Jahre), beim SC Freiburg einen Raum deckenden modernen Teamfußball gespielt. Dort arbeitete er 16 Jahre (länger als Otto Rehhagel und Thomas Schaaf bei Werder), stieg auf und ab, erreichte sogar mit einer Mannschaft der Namenlosen die UEFA-Pokal-Runde. Als er 2007 entlassen werden sollte, starteten Fans eine „Wir sind Finke“-Kampagne, die den team spirit über die ganze Stadt ergoß. Auf dem Höhepunkt machte ich mit Finke zusammen eine Veranstaltung im Audimax von Freiburg.

Badensische Alt-68er versicherten mir glaubhaft, es sei die größte Versammlung in Freiburg seit 1968 gewesen. Volker Finke kam in den „pickepacke-vollen” (Arnd Zeigler) Saal, mein grünes Guttmannbuch schwenkend, mit den Worten: „Hätte ich dieses Buch früher gelesen, wäre ich längst nicht mehr hier!” Er hatte es also gelesen; er spielte auf das Guttmannsche Ideal an, als Trainer seine Vereine nach zwei, höchstens drei erfolgreichen Jahren zu verlassen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, nach zweimaligen Europapokalgewinn mit Benfica Lissabon 1962 verließ er Portugal, um in Uruguay nach dem Weltpokal zu greifen). Nach der Veranstaltung hingen wir, gemeinsam mit einem Nationalspieler aus Burkina Faso, den Finke nach Freiburg geholt hatte, in einem heißen Glaspalast mit KöPi-Bieren. Ich saß neben Finke, dessen Mobilfon dauernd klingelte. Es waren seine Spieler, die zum Ende der Saison den Verein wechseln sollten. Finke sorgte wie ein Vater dafür, dass die Spieler (vor allem aus Georgien, zuletzt aus Afrika), die er nach Freiburg geholt hatte, nun bei seinem Weggang zu neuen „vernünftigen” Vereinen kamen. Finke hatte die Abkehr vom „Heroenfußball” verkündet und auch Jahrzehnte lang erfolgreich praktiziert. Er entdeckte in fernen Ländern immer neue Talente und brachte sie in Freiburg heraus. Er beschäftigte sich mit den Gesellschaften, aus denen diese Jungs kamen; er lernte die Familien und communities kennen, in denen sie gelebt hatten. Wir sprachen vom „afrikanischen Vertrag”, den auch viele Brasilianer in Übersee praktizieren (der liebe Ailton fütterte eine Großfamilie mit seinen Werderprämien). Finkes Ehefrau Reinhild Dettmer-Finke drehte einen schönen Dokumentarfilm namens „Taxi nach Afrika”. Also: Finke kennt sich aus in Afrika. Und ausgerechnet er wurde ein Opfer des Heroenfußballs. Fast alle afrikanischen Mannschaften haben Superstars in ihren Reihen – und sie scheitern regelmäßig. Es wird viel über das Ausscheiden der Europäer in Brasilien lamentiert; aber noch erschütternder ist die Underperformance afrikanischer Mannschaften in den letzten 20 Jahren. Afrika bringt immer wieder großartige Spieler hervor, die überall auf der Welt reüssieren – aber keine erfolgreichen Nationalmannschaften.

Anthony Yeboah in Niederrad
Anthony Yeboah in Frankfurt-Niederrad

In Frankfurt erinnern wir uns gern neben Okocha (mit seinem Jahrhundert-Anti-Kahn-Treffer 1993: Best-of im Video) an Anthony Yeboah, den „Yeboahs Zeugen” trommelnd und tanzend begleiteten – zu einer Zeit, als noch Zuschauer in fremden Stadien ihn mit Affengebrüll und Bananen empfingen. (Gerade hat man ihm in Frankfurt-Niederrad ein antirassistisches Denkmal gesetzt … und das ist auch gut so!) Warum ist das so? In dem Scheitern der Nationalmannschaften lassen sich die Schwierigkeiten der Nationenbildungsprozesse in Afrika ablesen. Großmannssüchtige Diktatoren greifen oft in die Verbände ein, was sogar der FIFA zu viel geworden ist. Sie wollen den Dreck im FIFA-Stall selbst ausmisten (obwohl der Fisch vom Kopf her stinkt); die Stimmen der afrikanischen Verbände (wie auch der karibischen) sind eine ideale Korruptionsmasse für die Manipulationen bei der Vergabe von Weltmeisterschaften. Der Schweizer Uhren-Blattersepp hat das bei seinem Vorgänger und Paten João Havelange aus Brasilien gelernt. Diktatoren und Verbandspräsidenten neigen oft zu autoritären Lösungen. Man nimmt gerne Fußballoffiziere aus den ehemaligen Kolonialmächten oder schlichte Fußballschlitzohren aus Deutschland: Rudi Gutendorf und Winnie Schäfer, die eben keine Ahnung von afrikanischen Gesellschaften haben. Diese Coaches sollen die frech gewordenen Fußballmigranten, die sich nicht mehr von Afrikanern herumkommandieren lassen, Mores lehren. Gemeinsam ist allein ein Gefeilsche um Prämien, das den Fußball mit seinen sachlichen Notwendigkeiten in den Hintergrund treten lässt. Jeder Weltstar bringt eine halbe Mannschaft mit, die für ihn Wasserträger spielen soll. Überalterte, aber von Mythen umwobene Weltstars werden vom „Volk” und den meisten Diktatoren gefordert, die Autorität des Trainers wird vor den Augen der Mannschaft demontiert. Finke, der Kenner des Fußballs und Afrikas, traute sich, Weltstar Samuel Eto´o auf die Bank zu setzen. Rivalitäten im Team brachen auf; für alle sichtbar bei einer Kopfnuss im zweiten Spiel im eigenen Team. Das hätte nach den Fußballregeln eine Rote Karte geben müssen; aber das weiß kaum einer in den Medien. Armer Volker Finke: Er nahm den fraglichen Spieler aus der Mannschaft. Heroe Eto´o (der erfolgreichste Torschütze in der Geschichte des FC Barcelona, 130 Tore in 200 Spielen) kann nachhause fahren. Aber wo wird es sein? Zuvorletzt spielte er für ein Oligarchenteam namens Machatschkala (Jahresgehalt 20 Millionen Euro), seit 2013 wieder bei José Mourinho in Chelsea. Auch ein anderer Lieblingsspieler des charismatischen Konzeptfußballers kann nachhause fahren: Didier Drogba mit der Côte d´Ivoire. Aber Abhängigkeit von Stars ist keinesweges ein rein afrikanisches Problem. Ob Uruguay die zu erwartende Sperre ihres Kannibalen (er beißt zumindest in fremdes Fleisch und headnockt nicht Teamkameraden:)) überleben wird. Ich hoffe. Denn die Urus sind eine Mannschaft (wie immer ohne jegliches Unrechtsbewusstsein; auch „Beißen” gehört im La-Plata-Delta zum „Kämpfen”; man mag den Kopf schütteln, jedenfalls wesentlich appetitlicher als das deutsche „Arsch aufreißen” [Udo Lattek, Berti Vogts et al.]). Auch die Großen kann es treffen: Mein Freund Guille, ein Erzporteño, ein Kenner von Asado, Rotwein, Fußball, Kunst- und Literatur, mit dem ich durch die Stadien von Sampa und Baires getingelt bin (wir waren auch beim Symphonieorchester in SP und haben den „sterbenden Schwan” nicht im Strafraum von Uruguay, sondern im Teatro Colón in Buenos Aires erlebt, spricht von „Messidependencia”. Und auch mein brasilianisches Fussball – coração kommt aus dem Takt, wenn ich den Hype um Neimar beobachte. Die größte selecção aller Zeiten um Rei Pelé (1958, 1962 und 1970) war (vergessen) eben das größte Team aller Zeiten! Vergessen? Einfache Wahrheit: Fußball ist ein Teamsport.

22.6.2014

Die deutsche DNA ist verändert

Nicht erst bei Fußballweltmeisterschaften fällt es auf, wie unisono deutsche Medien eingestellt sind. Schon beim Tod eines (Literatur)kritkers, legten die deutschen Feuilletonisten schwarze Trauerkleidung an und klagten gemeinsam wie ein altgriechischer Weiberchor. Als dann der Medienmacher, der große Zampano Frank Schirrmacher plötzlich aus dem Leben gerissen wurde (Herzinfarkt, kann jedem passieren, hatte selber schon zwei, aber mehr Glück als FS), wurde die deutsche Medienlandschaft von einer „verzweifelten Verehrung” ergriffen, die, wie mir eine sehr vertraute Ostblockkennerin gestand, sie seit Stalins Tod nicht mehr vernommen hatte. Nicht herausragende Intellektuelle, obwohl man sie so zu nennen sich nicht scheute, wurden beerdigt, sondern Medienstars, die selbst schon am Tod der Kritik in der deutschen Öffentlichkeit aktiv gearbeitet hatten – selbstdarstellerische Neros, die sich am Untergang des druckenden Abendlandes berauscht hatten. Ihre beflissenen Hagiographen vollziehen in ihren nicht enden wollenden Nachrufen die Rolle rückwärts – von Aufklärung in Mythos. Das berühmte Kulturindustriekapitel in der „Dialektik der Aufklärung” trug den selten beachteten Untertitel „Aufklärung als Massenbetrug”.
Die Verschmelzung der Fußballberichterstattung mit den deutschen Feuilletons, die sich seit zwanzig Jahren beobachten lässt, hat Fußball als Kulturgut zum Opfer der Kulturindustrie gemacht. Coaches wie Klinsmann, das muss man kritisch trotz all seiner Verdienste um die deutsche Nationalmannschaft anmerken, sprachen plötzlich von Philosophie, wenn sie einen Modus meinten, in dem sie Fußball spielen lassen wollten. Aber diese Redeweise drang in die Welt des Fußballs nicht durch die Feuilletons ein. „Philosophie” hatten sich schon am Ende des short century Management und Werbewirtschaft angeeignet, um die Eroberung von Märkten nicht allein mit trockenen Zahlenwerken begründen zu müssen. Umgekehrt drang aus dem Sport das Coaching vermittels von Beraterpraxen in die Wirtschaft ein. Der DFB hält sich einen Sportpsychologen und einen Manager. Die Headhunter der Wirtschaft sind die Scouts im Fußball. Und kein Politiker entblödet sich, zu behaupten, man sei gut „aufgestellt”. In der strukturverwandelten Öffentlichkeit wird alles mit allem verschmolzen.

Marcel Reich-Ranicki und Schirrmacher haben uns zumindest damit verschont, Bemerkungen über ein Spiel abzusondern, von dem sie nichts verstanden. Sie waren öffentlichkeitswirksame Darsteller eines Bildungsbürgertums, das es gar nicht mehr gibt. Sie verliehen sich Börnepreise am liebsten gegenseitig, um vom Mythos des großen Namensgebers zu zehren. Öffentlichkeitsgeilheit schützt vor Torheit nicht, sie bringt sie eher an den Tag. Martin Walser, Lieblingsobjekt von FS und MRR, äußerte in einem Anfall von hochkulturellem Snobismus: „Es gibt nur etwas, das noch sinnloser ist als Fußball: Nachdenken über Fußball.” Walser, der nach Beobachtung meines literaturkritischen, allzu früh verstorbenen Freundes Lothar Baier, in die Kategorie von Menschen gehört, die „mit dem Kopf fühlen und dem Herzen denken” (Lichtenberg), liefert auch die intellektuelle Brücke aus Streichhölzern, als es 1988 bei ihm zu einem nationalen Praecox kam, der ihm 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels mit einer Laudatio von FS einbrachte – beiden schienen deutscher Kopf und deutsches Herz zu schmerzen. Standing Ovations begleitete beide – wieder ein nationales Unisono. Nur Ignatz Bubis blieb mit versteinertem Gesichtsausdruck sitzen. Ausgerechnet Bubis muss jetzt herhalten, um als Augenzeuge den DFB von seiner braunen und antisemitischen Vergangenheit weißzuwaschen (sh. Nils Havemann, Samstags um halb 4. Die Geschichte der Fußballbundesliga, München 2013, S. 262 „Er war kein Nazi. Helmut [Schön] hat sich nur für Fußball interessiert”. Von der rezensierenden deutschen Sport- und Feuilletonpresse blieb diese allzu durchsichtige Weißwaschstrategie nahezu unbemerkt.).

Die fremdenfeindlichen Atttacken, die den deutschen Vereinigungsprozess begleiteten, waren bald vergessen, obwohl es in West und Ost gerade so weiterging. Als vor Beginn der WM 2006 der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye völlig zu recht, empirisch belegt vor No-Go-Areas warnte, brach ein medialer Sturm der Entrüstung ob dieser Nestbeschmutzung los. Nun sollte die WM zur schwarz-rot-goldenen Jubelorgie hoch stilisiert werden: „Die Welt zu Gast bei Freunden” hieß der werbewirksame Slogan. BILD hatte der Nationalmannschaft ein sportliches Desaster vorausgesagt, weil ihr der Notnagel Trainer Klinsmann mit seinen neuen „amerikanischen” Methoden nicht passte. Tatsächlich übernahm mit Beginn der WM König Fußball das Regiment (wie 2010 in Südafrika, jetzt in Brasilien). Alle schwarzen Prophezeiungen trafen nicht ein. Ein wirklicher Erfolg wurden 2006 Public Viewings abendblatt.de, bei dem sich umherreisende Zuschauer aus aller Welt trafen. Angeblich verfeindete Nationen jubelten friedlich über die Tore (auch der anderen). Viele sich links fühlende Kritiker sahen nur noch schwarz-rot-gold und dachten an die Bundeswehr-Parkas, spürten die militaristische Großmacht Deutschland auf dem Vormarsch. In ihrem Teutonozentrismus unterscheiden sich gar nicht von ihren nationalistischen Antipoden, die die Fanfeste als „Partypatriotismus” verunglimpfen. Tatsächlich sind es Parties mit heterogenen Zwecken und Zielen: Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Zudem geht es bei einer WM nicht um Deutschland als Nation, sondern um eine Weltmeisterschaft im Fußball, bei der nach zweijähriger weltweiter Qualifikation Mannschaften nach dem Nationenprinzip ihren Besten ermitteln. Fußball ist aber nicht mit dem Nationenprinzip identisch. Er erzeugt das Fieber vom Mitspielen und Zuschauen auf lokaler Ebene. Alle Topclubmannschaften der Welt sind ethnoheterogen. Aber nicht nur sie. Für die wachsende Zahl der Migranten in den letzten 20 Jahren bot Fußball die Möglichkeit mitzuspielen. Jemand wie Roland Koch, der mit einer fremdenfeindlichen Agenda Ministerpräsident von Hessen wurde, beklagte sich bitter, in den unteren Ligen würden ethnisch sich organisierende Vereine spielen; das würde doch die angestrebte „Integration” verhindern. Was für eine Dummheit und Blindheit: Weder Ahnung vom Fußball noch von Soziologie … Die Teilnahme an einer Meisterschaft bedeutet einen ersten Schritt in ein innergesellschaftliches Wettbewerbsverhältnis. Sie spielen miteinander, sie identifizieren sich mit einem überethnischen Prinzip, einer regionalen, letztlich nationalen Meisterschaft. Vereine mit italienischen Namen haben kein Problem, biodeutsche Mitspieler im Team zu haben, türkisch klingende Vereine nehmen, was sie an guten Spielern bekommen und auch der jüdisch ausgerichtete Makkabi freut sich über aktive Teilnahme von Spielern mit türkischem Migrationshintergrund. Jahrzehntelang hat der DFB die gesellschaftliche Realität verleugnet und nicht die besten in Deutschland spielenden Fußballer zu seinen überregionalen Teams eingeladen. Das entsprach der reaktionären Selbstdarstellung Deutschlands, es sei kein Einwanderungsland – eine wirklichkeitsfremde Ideologie; denn Deutschland ist weltweit nach den USA das zweitwichtigste Einwanderungsland der letzten 120 Jahre. 2002 spielte die Türkei im Halbfinale in Japan, – eine Mannschaft, die nahezu zur Hälfte aus Spielern bestand, die Bayrisch und Ruhrpottdeutsch konnten, aber kein Türkisch. Deutschland erlebte bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal den Tiefpunkt; die Nationalmannschaft schied sang- und klanglos in der Vorrunde aus. Danach begann eine strukturelle Veränderung zu greifen (die parallel begleitende, immer noch unzureichende Veränderung des Staatsbürgergesetzes begleitete diesen Prozess), die nicht allein aus sportlichen Gründen eine Identifikation der in Deutschland lebenden Bevölkerung erleichterte. Nach den Worten des schwedischen Weltstars Zlatan Ibrahimovic (auch kein erzskandinavisch klingender Name): „Deutschland hat seine fußballerische DNA verändert.” Und das ist auch gut so. Wie im Leben soll auch im Teamsport freedom of choice gelten: Der eine Boateng spielt für Ghana, der andere für Deutschland – und beide können mit Kennedy sagen: „Ich bin ein Berliner!” Das gilt auch für die Zuschauer; auch sie dürfen wählen, für wen sie sein wollen. Woher auch immer man kommt, mit wem man Freud und Leid teilt, ist ihre Sache. Schön, wenn man es auch öffentlich zeigen kann, ohne angefeindet zu werden.

21.6.2014

„Partita del secolo“, 1970
„Partita del secolo“, 1970

Minima Italia

Schön ist es nicht, wenn man einer älteren, chicen, aber in die Jahre gekommenen alten Dame den Laufpass gibt. Aber wenn man zu oft betrogen worden ist, beschädigt das die Liebe, auch wenn sie einmal sehr intensiv gewesen ist. 1970, in der politisiertesten Phase unseres Lebens, saßen wir, eine langhaarige, Gitanes rauchende und Unmengen KöPi trinkende deutschitalienische Gruppe, misstrauisch beäugt von traditionellen Frankfurter Westendbewohnern in der Westendklause vor einem kleinen, an der Wand hängenden Fernseher. (Gerüchte, „man“ durfte damals nicht Fußball gucken, dienen oft der Selbststilisierung von Ex-Linksradikalen, die zu „Liberalen“ mutieren wollten) Die Protestbewegung der 60er Jahre hatte ihren Höhepunkt überschritten, „wir“ beschäftigten uns mit der Politisierung von italienischen Gastarbeitern, die aber schon längst politisiert waren. Allein gemeinsam war die Fußballbegeisterung. Ausgerechnet am 17. Juni, dem von der ostdeutschen Arbeiterklasse erkämpften westdeutschen Feiertag (ein immer wiederkehrender Akt politischer Heuchelei) lief in der mexikanischen Mittagshitze die partita del secolo.

Die Sympathien waren verteilt, die deutsch-italienischen Fußball- und Liebesverhältnisse waren eng und wurden in den 70er Jahren immer enger. Der blonde Schnellinger, der inzwischen Mailänder geworden war, erzielte in der Nachspielzeit den Ausgleich, Auftakt einer Verlängerung, die man nicht mehr vergessen kann. Wir kamen aus dem Jubeln gar nicht heraus. Deutsche und Italiener lagen sich in den Armen, egal für wen das Tor fiel. Mit Goethe konnte man sagen, von hier und heute ging eine neue Epoche der Fußball-Weltgeschichte aus … und wir konnten sagen, wir seien dabei gewesen. Es war die Geburtsstunde der langhaarigsten und fußballerisch besten deutschen Nationalmannschaft, die dann 1972 in überzeugender Manier Europameister wurde. Aus den “deutschen Tugenden” war wieder das geworden, was sie sein sollten, Sekundärtugenden – im Mittelpunkt stand das schöne Spiel, bei dem man auch mit wehenden Haaren untergehen konnte. Als Höhepunkt dieses ontologischen Kampfes zweier Linien kann das Büchsenwurfeuropapokalspiel (Borussia Mönchengladbach gegen Inter Mailand 7:1) am 20. Oktober 1971 gelten. Ich sah es gemeinsam mit einer riesigen deutschitalienischen Gruppe im Hannoveraner Kellerlokal „Da Luigi“ an der Podbielskistraße. Boninsegna, selbst noch Torschütze in der Hitzeschlacht von Mexiko, nutzte den Wurf einer Coladose auf das Spielfeld, um sich spektakulär vom Platz tragen zu lassen. Wie Jahrzehnte später die lesenswerte Fußball-Zeitschrift „rund“ schrieb, spielte sich Mönchengladbach in einen Colarausch und fegte die beste Defensivmannschaft Europas mit 7:1 vom Platz. Geschickten italienischen Gremienarbeitern bei der UEFA gelang es, das Ergebnis annullieren zu lassen und im brutal geführten Wiederholungsspiel schied die Borussia aus. Günter Netzer verschwand bald danach in der Tiefe des spanischen Raumes und wurde der erste deutsche Star bei Real Madrid. Die fußballerische Qualität war in Deutschland so hoch, dass man gleich Paul Breitner, der Bayern München mit einem Photo mit Mao an der Wand geschockt hatte, nachholte.

Dieses fußballerische Niveau ist in Deutschland erst wieder 2006 erreicht worden. Die großartigen Karrieresprünge von Mesut Özil und Sami Khedira bei Real beweisen es. Übrigens 2006: Deutschland war nach der Klinsmannrevolution wieder ein in der Welt geachteter Gegner geworden. Bei einem Vorbereitungsspiel gegen Italien erlitt sein Team eine deftige 1:4-Niederlage. BILD sägte schon an seinem Stuhl; täglich sah man die Späne fliegen. Klinsmann war ein neuer deutscher Fußballer; der Stuttgarter Bäckerssohn konnte auf Pressekonferenzen auf englisch, auf italienisch und schwäbisch antworten. Er hatte bei Inter italienische Fußballschule und bei Tottenham kämpfen gelernt; anfangs von den Fans als “Diver” verspottet, machte er mit Ironie den Tauchersprung auf dem Rasen zu seinem Torjubelmarkenzeichen. Die Londoner Fans mit ihrer erfundenen jüdischen Identität pflegten dann liebevoll das Lied anzustimmen: „Jurgen, once he was a German, now he is a Jew!“ Der Welt – und Europameister setzte seinen Fußball (leider begann er selbst das „Philosophie“ zu nennen, da halte ich doch Hegel für den besseren schwäbischen Philosophen, der auch nach Berlin kam und kein hochdeutsch konnte) im DFB durch, und Löw wurde nach seinem überraschenden Rücktritt 2006 sein Schelling. Als Trainer konnte Klinsmann den Weltmeistertitel nicht erringen, weil seine Mannschaft höchst unglücklich in der Nachspielzeit gegen Italia n.V. 0:2 (mit einem genialen Zuspiel von Pirlo und glänzenden Paraden von Buffon) verlor. Beide standen gestern wieder auf dem Platz, als Italien zur Freude aller, deren Liebe zum italienischen Fußball und vielleicht zu Italia selbst erkaltet ist, gegen die mittelamerikanischen Ticos kläglich scheiterte. Die nachlassende Zuneigung hat viele Gründe. Mein Freund, der römische Calcioenthusiast und Deutschlandkenner Angelo Bolaffi, lud in seiner Zeit als italienischer Kulturattaché am 4. Juli 2007 die Italienkorrespondentin Birgit Schönau (immer lesenswert, was sie in ZEIT und SZ schreibt) und mich zu einer Diskussion ins herrliche Kino Babylon ein: „Italia-Germania: Alles nur ein Spiel? Ein Jahr danach“ lautete das Thema. Ich durfte neben Gianni Rivera sitzen, dem Schützen des 4:3 Siegestores vom Jahrhundertspiel 1970. Rivera war ein gut aussehender, distinguierter Herr in einem feinen Anzug, war inzwischen Staatsekretär im Verteidigungsministerium geworden, gehörte einer sauberen Abspaltung der Democrazia Cristiana (auch eine DC, mit der ich aber nichts zu tun haben möchte) an. Er nannte das Jahrhundertspiel eines der schönsten seiner Karriere, weil in der Verlängerung von beiden Mannschaften jegliche Taktik aufgegeben wurde und die Trainer dem Spiel freien Lauf ließen, in der Hoffnung, niemand solle in der Hitze tot umfallen. Beide Mannschaften wären am Ende erschöpft umgefallen, wenn sie sich nicht brüderlich in die deutsch-italienischen Arme gefallen wären. Gianni Rivera hatte ich in den 70er Jahren oft gesehen, weil ich über lange Zeit verliebt, mindestens einmal im Monat ein Wochenende in Mailand verbrachte. Fußballerisch hatte ich nach der Boninsegnaaffäre meine Liebe von Inter auf Milan verschoben. Das San-Siro-Stadion war bei Heimspielen des AC Mailand mit Transparenten der Gianni-Rivera-Tifosi-Clubs aus ganz Italien geschmückt. Beim gemeinsamen Essen in der Berliner Bocca negra am Abend des 4. Juli 2007 erzählte mir Gianni Rivera, es habe über 200 davon gegeben, aber es gäbe sie nicht mehr. Wieso das denn? Ministerpräsident und Milanbesitzer Berlusconi habe sie schließen lassen. Warum das denn? Gianni Rivera hatte es gewagt, im gleichen Mailänder Wahlkreis wie Berlusconi für das römische Parlament zu kandidieren. Dio, Italien wie tief warst Du gesunken?

2006 war der italienische Fußball vor der WM mal wieder von einem Korruptionsskandal erschüttert worden. Der italienische Verband, die Medien und die Regierung handelten nach der altrömischen Devise „Augen zu und durch“. Aber beim Viertelfinalspiel Deutschland gegen Argentinien hatte man die Augen weit auf. Nach dem verlorenen Elfmeterschießen zettelten einige Argentinier eine Schlägerei an, bei der unser Werderaner Torsten Frings (ein Schlüsselspieler im defensiven Mittelfeld) einen Mitspieler mit Hand und Fuß gegen mehrere Argentinier verteidigte. Ein italienisches Fernsehteam filmte das und reichte die Aufnahmen an die FIFA weiter. Wieder waren die italienischen Gremienarbeiter erfolgreich: Frings wurde für das Halbfinale gegen Italien gesperrt und Pirlo hatte in der 119. Minute des 4. Juli 2006 freie Bahn. Der heuchlerische Trainer Lippi sagte, wir haben mit dem Ausschluss von Frings nichts zu tun. Wer´s glaubt? Gestern, acht Jahre danach, fand der inzwischen grau gewordene Pirlo weder dass Tor noch Balotelli. Sein Torhüter Buffon war mit la vecchia signora zwischenzeitlich in der 2. Liga verschwunden, weil nach einem weiteren Korruptionsskandal, der nicht einmal in Italien vertuscht werden konnte, Juve zu einem Zwangsabstieg verurteilt wurde. Und politisch? Buffon hatte sich einmal „88“ auf den Arm tätowieren lassen und ob dieses nazistischen Statements zur Rede gestellt, behauptet, es seien vier Eier, die man im Fußball eben brauche. Dümmer geht´s nicht.

Ciao, Ciao, mia vecchia bella Italia.

20.6.2014

Luis Suárez
Luis Suárez

Ein Schlag gegen den Spiekulturpessimismus

Fußball global: Englands Fußballer des Jahres und Torschützenkönig der Premier League, Luis Suárez aus Uruguay, wirft England aus dem Cup. Zwar ist das englische Debakel noch nicht rechnerisch endgültig, aber visuell schon besiegelt. Diese zwei herrlichen Tore kamen nicht nur aus der Tiefe des Raumes, sondern auch der Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts hatten Abgesandte des englischen Empire Fußbälle mit in das La-Plata-Delta gebracht, die von den Einheimischen begeistert aufgegriffen wurden. Die Integration von Uruguay und Argentinien in den Weltmarkt zog Ströme von Einwanderern aus Europa in die damals glücklicheren Regionen im Süden Amerikas. Auch im Süden Brasiliens, in die es eine lang anhaltende deutsche Einwanderung gab, herrscht bis heute in der Landwirtschaft eine Rinderzuchtkultur vor. Die Bewohner des brasilianischen Südens nennt man gaúchos – ein Spitzname, der sie auch kulturell in die Nähe von Uruguay und Argentinien rückt. Als ich 2009 in Lissabon vom brasilianischen Jogo bonito schwärmte, meldete sich die südbrasilianische Anthropologin Carmen Rial aus dem Publikum: „Der brasilianische Fußball, den Sie kennen, wird in Rio von den Cariocas gepflegt und gefeiert. Kommen Sie mal zu uns in den Süden! Bei uns wird auch eine Blutgrätsche bejubelt.” (Nach meinem ersten Riobesuch 2008 hatte ich meine Klappe zu weit aufgerissen; ich kannte Brasilien überhaupt nicht. Das war eine Dummheit vergleichbar mit der, wenn man nach einer ersten Visite in New York behauptet, man kenne die USA. Inzwischen bin ich zweimal in Florianopolis gewesen und habe auch das La-Plata-Delta mit Schiff und Bus bereist. Carmen hatte recht.) Im benachbarten Uruguay wurde dieses Kampfmittel zum nationalen Spielstil erhoben und von den Medien „garra charrua” getauft. In dieser verbalen Kreation soll auch noch indianische Authentizität die invention of tradition würzen. Entschlüsselt man den Mythos hinter dem Wort, kommt Richtiges zum Vorschein. Gelobt wird die außergewöhnliche Zweikampfstärke, die viele La-Plata-Fußballer auszeichnet. Ganze Hintermannschaften in Spanien und Italien bestehen aus solchen südamerikanischen Fußballern, die ihr Geld in Europa verdienen. Diese in Europa spielenden Legionäre verteidigten auch gestern heroisch den 2:1-Sieg gegen Fußballmutterland England.
Im Prinzip mag ich das Wort „Legionär” nicht, das den Profi, der um die Welt zieht, gegen den bodenständigen Daheimgebliebenen ausspielt. In der fußballerischen Realität wird aus dem Daheimgebliebenen schnell der Zurückgebliebene. Das ist mit England geschehen. In der zweiten Hälfte des short century ist die englische Nationalmannschaft zur Regionalmacht abgesunken, während die Premier League neben der spanischen Primera Division die erfolgreichsten Clubmannschaften Europas hervorbringt. Den einzigen Weltmeistertitel errang England 1966 im eigenen Land. In Deutschland denken alle an das Wembleytor, aber in Lateinamerika schimpfen alle auf die europäischen Schiedsrichter, die England (und auch Deutschland) begünstigten. Péle, der Star Brasiliens, wurde straflos zusammengetreten, während Uruguay und Argentinien für ihre (zugegeben schon fast ungesunde) Härte mit Spiel entscheidenden Platzverweisen bestraft wurden – von wegen „englische Härte”! (Dieser ambivalente deutsche Ausdruck bezeichnete das lange vorherrschende Missverhältnis zwischen den zurückgebliebenen deutschen Zigarettenamateurfußballern und englischen Profis.) Diese WM in England kann man überhaupt als einen Wendepunkt im der Geschichte des internationalen Fußballs ansehen. England kehrte endlich nach fast 40 Jahren vom Welt beherrschenden WM-System ab und versuchte dem erfolgreichen brasilianischen 4-2-4 ein 4-3-3 entgegenzusetzen. In Mutterland des Fußballs hatte im Gegensatz zu Deutschland immer der Clubfußball die Priorität vor der Nationalmannschaft. Nur für 1966 wurde eine große nationale Anstrengung unternommen, die aber danach den Clubegoismen wieder weichen musste. Der Clubfußball in England wird schon seit dem Ende des long century ökonomisch betrieben. Der Trainer heißt hier Manager, während im nationalen Verbandsvorstand noch altaristokratische Vorstellungen vorherrschen. Sir Alf Ramsey schimpfte nach dem Spiel damals gegen Argenitinien: „Das waren Tiere, nur Tiere!” Das war keineswegs professionell.

Aus Sicht der Premier League sieht die Welt anders aus. Um zu gewinnen, werden enorme ökonomische Mittel eingesetzt: Das Ziel ist die Champions League, nicht die WM. Die Vereine haben sehr früh begonnen, sich international zu vermarkten. Manchester United hat mehr asiatische Clubmitglieder als englische. Alle großen englischen Clubs müssen nach Ende einer (im Vergleich zu Deutschland) viel anstrengenderen Saison noch aufwendige Asientourneen unternehmen, um ihre Fans in Übersee zufrieden zu stellen. Die Kapitalisierung der Premier-League-Vereine, die übrigens auch zur Verwerfung mit den lokalen Fans geführt hat, hat in eine Entwicklung in England beschleunigt, die UEFA-Präsident Platini (ein französischer Elephant im Pozellanladen wie Kaiser Franz in Deutschland) ironisch benannt hat: „Englischer Clubfußball? Keine englischen Mannschaften, keine englischen Trainer, keine englischen Präsidenten und Besitzer!” Aber die Premier League, muss man diesem leicht chauvinistisch klingenden Statement entgegensetzen, hat uns alle gelehrt, den One-Touch-Fußball (hörst Du, Schweini, nicht erst Sohle auf den Ball und dann gucken!) als ein globales Ideal anzusehen. Die nationalen Fußballstile haben ihre Bedeutung verloren. Traurig für den englischen Verband, der sich gerade seit den eklatanten Misserfolgen vergangener Jahrzehnte neu orientieren will: Sie sind noch nicht so weit. Gegen Italien hatte England endlich einmal nicht mehr „englisch” (schnell, robust, mit dem Kopf durch die italienische Wand) gespielt; aber sie sind dem italienischen Effektivitätsfußball (plus Powerman Balotelli) erlegen. Ich sage: Weiter so, England! Verändert eure fußballerische DNA, so wie es der gestern auf der Tribüne sitzende alte Schwede Zlatan Ibrahimovic Deutschland zugestanden hat, dann werdet ihr auch auf Welt- und Europameisterschaften wieder mitspielen können!

Einst hat man Uruguay die „Schweiz Lateinamerikas” genannt – in Bezug auf Größe und Einwohnerzahl stimmt das, aber das relative Glück demokratischer Gesellschaftsverhältnisse, für das wir die Schweiz trotz aller verheerenden Volksabstimmungen beneiden, hatte Uruguay lange verlassen. Das Land wird jetzt von einem Ex-Stadtguerillero (wie Brasilien von einer Ex-Stadtguerillera) regiert, der aber anders als viele andere Ex-Linksradikale, wie etwa Barroso, das Ziel sozialer Gerechtigkeit nicht aus dem Auge verloren hat. Ich wäre gestern gern bei einem asado in Montevideo dabei gewesen – auch ärmere Leute grillen mit Begeisterung vor, während und nach dem Spiel. Gastfreundlich (und nicht fremdenfeindlich) sind sie sowieso.

19.6.2014

Das Herz der Roten Bestie hat zu schlagen aufgehört

Fast ein Jahrzehnt war die bestia roja in aller Welt gefürchtet. Sie gewannen fast alles, was nicht niet- und nagelfest war. Der spanische Clubfußball räumte die europäischen Pokale in Serie ab. Noch vor einem Monat bestritten zwei Madrider Vereine das Champions-League-Finale. Und jetzt ein Ausscheiden in der Vorrunde. Schon bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren wurde der Niedergang der roten Bestie vorhergesagt, mit der üblichen halbwahren Erklärung, die Spieler seien zu satt geworden. Dieses Erklärungsschema stammt noch aus dem vorigen Jahrhundert, als die Profifußballer mehr und einfacher verdienten als die Massen auf den Rängen, die hart in der Fabrik schuften mussten, um sich ein Ticket leisten zu können. Heute liegt der Lebensstandard der Spitzenspieler auf einem nicht mehr vergleichbaren Niveau mit dem der Fußballkonsumenten. Sie lassen sich mit Showstars vergleichen; aber hat jemand von den Rolling Stones, dem alten Rockstarteam, sagen können, sie seien zu alt geworden? Die im Vergleich zu früher schwindelerregend hohen Erfolgsprämien bei einer WM spiegeln eher den Respekt der Großverdiener (FIFA, nationale Verbände) im Schatten der Fußballmafia (Medienkonzerne, Stadionbauer etc.) wider, als dass sie zum Lebensunterhalt nötig wären. Es waren auch weniger die Fabrikarbeiter auf den proletarischen Plätzen, die den Profifußballern ihren Verdienst neideten, als viel mehr die Bürger, die den erfolgreichen Spielern aus den Unterschichten mangelnde Arbeitsmoral andichten wollten. In Italien konnte man lange an den Eintrittskarten ablesen, wer zu wem gehörte. Bei meinem ersten Besuch im Mailänder San Siro in den 70er Jahren bekam ich ein Ticket mit der Aufschrift „distinti” in die Hand gedrückt. In Deutschland mit seinem zu spät gekommenen Profitum in den sechziger Jahren ließ sich lange Zeit die Klassendifferenz zwischen Steh- und Sitzplätzen ablesen. Inzwischen sind auch die Stehplatzhelden in Deutschland keine Proletarier mehr, sondern bunt gemischte junge Leute, die sich vom normal sitzenden Fußballkonsumenten durch leidenschaftliche Teilnahme am Spiel unterscheiden wollen.

(sh. z.B. stehplatzhelden.de) In vielen Bundesligastadien wurde der Kampf um den Erhalt von Stehplätzen gewonnen. Die Versitzplatzung oder Distintisierung der Stadien wurde in den achtziger Jahren von den internationalen Verbänden vorangetrieben, nachdem es in der englischen Premier League zu immer neuen „Zuschauerausschreitungen” gekommen war. Die Analyse dieser Vorkommnisse erfordert Kenntnis komplexer Zusammenhänge, die bei der massenmedialen Konfrontation von armen, arbeits- und perspektivlosen Jugendlichen und wohl situierten Bürgern bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden. Ich sitze inzwischen auch gerne gut, ohne mich von den Fans distanzieren zu wollen, wenn sie ihre Mannschaft richtig unterstützen. In Italien, ein Land, in dem die Fußballkorruption mit mafiösen Strukturen in den Fanszenen korrespondiert, lernte ich von einem Verkäufer von Fußballdevotionalien den schönen Imperativ: „Non tifa male!”, was man mit „Sei ein guter Fan!” übersetzen könnte. Die meisten Fans, die nach Brasilien kommen, gehören den Mittelschichten an, die sich eine teure Reise leisten. Sie treffen in Brasilien auf die Torcidas, eine spezifisch brasilianische Fankultur. Alles, was ich über sie weiß, habe ich von dem Stadtanthropologen Marcos Alvito, Carioca und Flamengista, gelernt, der gerade eine Studie über die englische Fankultur vorgelegt hat. hier

Foto: Myriam Ávila
Foto: Myriam Ávila

Die Torcidas sind eine Mischung aus Favela, Arbeiterkultur, Gefangenenbewegung, die heftig untereinander konkurrieren und der die brasilianischen Repressionsorgane mit knackiger Härte zu begegnen gewohnt sind. Der Knüppel kommt brutal von oben, und die Staatsmacht steht drohend vor den Toren jedes Stadions. Die Fotos, die mir meine Freundin Myriam Ávila, die hervorragende Komparatistin aus Bélo Horizonte, gemailt hat, sprechen für sich. Viele Torcidas fühlen sich von der WM ausgeschlossen. Sogar das architektonische Kleinod Maracanã wurde zu einem reinen Sitzplatzstadion verkleinert – das fühlt sich an, als ob einer in Deine Wohnung kommt und sie für Gäste umbaut.
Die Empörung über diesen hoheitlichen Akt ließ viele Torcidas an den Protesten im letzten Jahr beim Confedcup partizipieren; aber die Anti-WM-Tendenz, die von demophoben Mittelschichtlern propagiert und von einer Art elitärem Schwarzem Block Militanter praktiziert wird, tragen die meisten nicht mit.

Foto: Myriam Ávila
Foto: Myriam Ávila

Hier finden Sie die Selbstdarstellung der organisierten Torcidas organizadasbrasil.com und hier die deutsche Boulevardversion: spiegel.de

Im immer noch äußerlich wunderschönen Maracanã musste man gestern das Sterben der bestia roja beobachten. Manche Fernsehzuschauer in Deutschland begleiteten diesen Tod mit Häme; das Herz des Fußballfans aber erfüllt es mit Schmerz; denn der Fußballstil Spaniens hat nach dem Effizienzgewinn Italiens (mit allen schmutzigen Tricks) bei der WM 2006 wieder Spiefreude aufs Feld gebracht. Schon als man der Roten Bestie den Tod bei der Europameisterschaft 2010 gegen eben diesen italienischen Rationalfußball auf höchstem technischen und taktischen Niveau vorhersagte, kam eine schallende 4:0 – Ohrfeige, die italienische Fussballerwangen noch heute schmerzt. Aber im letzten Confedcup, der Generalprobe vor jedem WM-Turnier, schwächelte die bestia roja.

Iker Casillas
Iker Casillas

Ein junges brasilianisches Team, getragen von gesellschaftlich protestierenden, aber fußballbegeisterten Zuschauern fegte sie vom Platz und unter Experten hatte die Rote Bestie ihren Nimbus eingebüßt. Fußballmannschaften sind wie ein lebendiger Körper, der Kindheit, Jugend, Reife und Alter durchmacht. Das spanische Team war überreif geworden; die Früchte fielen den Niederländern und Chilenen vor die Füße. Das Herz der bestia roja hieß Iker Casillas, der jetzt in Brasilien zweimal gedemütigt den Platz verließ. Iker symbolisierte Lebensfreude, die Liebe zum Spiel. An seiner Liebesgeschichte zu Sara Carbonero hier konnte vor vier Jahren die ganze Welt Anteil nehmen. Dieser rote König trat nicht zurück, er wurde abberufen.

18.6.2014

Foto: Nico Kaiser

Der Jesus aus Guadalajara

Ochoa, der fliegende Engel im Tor von Mexiko, hat der Welt Freude gemacht und die Brasilianer fast zur Verzweiflung gebracht. Die mexikanischen Medien setzen den Keeper jetzt mit Jesus gleich. Ochoa kommt aus Guadalajara, der Gastgeberstadt, Stadion zweier Weltmeisterschaften (1970 und 1986) und vieler Hitzeschlachten. Das wunderschöne Estadio Jalisco, das sich die zwei größten Vereine der Millionenstadt teilen, ist aus dem Fernsehen weltbekannt geworden. (Auch das Maracanã, in dem heute die bestia roja ums Überleben kämpft, ist kein Vereinsstadion, sondern dort spielen abwechselnd mehrere Rioclubs). 1995 weilte ich zu einer Hochzeit in der Hauptstadt von Jalisco. Der Vater der Braut, ein Arzt, lud die fußballinteressierten Hochzeitsgäste in seine Box ein, die er sich vierzehntägig mit dem Anhänger des Stadtrivalen teilte. Wir waren ungefähr 14 Personen, die in der spärlich ausgestatteten Loge Platz nahmen. Blick und Stimmung entschädigten alle Unbequemlichkeiten. Die Großmutter der Braut hatte uns Unmengen ihrer Spezialität, Hühnchen in Schokolade, eingepackt … und wie Dittsche sagen würde, die eisgekühlten Biere „perlten”. Der Vater der Braut stieß mich in die Seite und sagte „Detlev, in Mexiko ist Fußball eine Ersatzreligion.” Spontan kam es aus mir hervor: „Nein, Fußball ist eine Religion!” Jahrzehntelang laufe ich nun diesem Satz hinterher.

Die ersten beiden Jahrzehnte des New Age (1990 bis heute) haben mich noch sicherer gemacht: Fußball ist eine universal angelegte Weltreligion geworden und der größte Gottesdienst ist das Cup Final. Menschen aus aller Herren Länder werden sich das am 13. Juli anschauen; egal ob „ihre” Nationalmannschaften dabei sind. Im Weltfußball wird spontan „freedom of choice” praktiziert. Jeder, der mitfiebert, wird sich seinen Favoriten wählen und hoffen, dass „seine” Mannschaft als Sieger vom Platz geht. Menschen, die vom Fußball keine Ahnung haben, klagen, der Fußball fördere den Nationalismus. Diese Aussage verkennt den Charakter des Fußballs und kommt meist von (links angehauchten) Leuten, die sich nur bei Europa- und Weltmeisterschaften für Fußball zu interessieren beginnen. Die Kraft des Fußballs liegt nicht im Nationalen, sondern im Lokalen. Die libidinöse Besetzung ist weder an Herkunft noch Religion gebunden. 2007 gewann der vom Krieg zerrissene Irak die Asienmeisterschaft – und alle feierten ausgelassen. Das hatte niemand vorhergesehen; aber im Fußball zählten weder Schiiten noch Sunniten, sondern nur, wer dem Spiel am besten diente. Sicher wird ständig versucht, das Spiel populistisch zu funktionalisieren. Das Muster lieferte Mussolini 1930 mit Italiens erster Weltmeisterschaft im eigenen Land, das letzte schlimme Beispiel lieferte die argentinische Junta 1978. Aber Diktatoren wollen immer siegen; im Fußball geht das nicht; das Fußballglück ist unzuverlässig. Hitler guckte sich 1936 nur einmal ein Fußballspiel an, um die Überlegenheit der nordischen Rasse demonstriert zu bekommen. Das Spiel endete 2:O für die noch nordischeren Norweger. Hitler kam nie wieder zum Fußball; dem Fußballgott sei Dank. Der Fußballgott ist Universalist. Man muss kein Christ sein, um sich unter den ausgebreiteten Armen von Cristo Redentor, der auf das Maracanã herabschaut, geborgen zu fühlen. Der Ausgang jeden Spiels ist ungewiss; keineswegs triumphiert die Rationalität der (positivistischen) wissenschaftlichen Analyse. Deswegen ist dem Fußball der Glauben inhärent. Auch ein gottloser Mensch wie ich kann das erleben.

17.6.2014

The Morning After

Es ist gar nicht so einfach, eine WM in einer völlig anderen Zeitzone zu beobachten und zu kommentieren. Ich wollte gestern schon weiterschreiben, als Iran und Nigeria anfingen zu langweilen. Aber nachdem ich die Nacht vorher Messis Einstand beobachtet hatte, fielen mir gestern am späten Abend die Augen zu. Jetzt sehe ich mir Klinsis USA gegen Ghana am Morgen danach an. Meinen Freundeskreis habe ich seit der Auslosung mit der Warnung vor dem US-Team genervt. Fußballerisch werden die USA seit Jahrzehnten unterschätzt. Dabei errang 1950 eine US-amerikanische Mannschaft in Brasilien ihren bisher größten Erfolg. Fußball-Mutterland England mit dem legendären Stan Matthews wurde nachhause geschickt. Woran lag es? Fußball ist ein englischer Sport, kein amerikanischer. Unser Freund und Sportfanatiker Andy Markovits hat als Erster den soziologischen Kern dieser Paradoxie erkannt, und ich fühlte mich durch seinen bahnbrechenden Aufsatz 1987 in der linken Politzeitschrift „Leviathan” mit dem provokanten Titel – frei nach Sombart: „Why There is No Soccer in USA?” herausgefordert. Aber erst als ich das fußballerische Leben von Béla Guttmann studierte, fielen mir die kritischen Argumente vor die Füße. In der Zeit der Gentlemen im long century hatten die lower classes keine Zeit für Sport, an den höheren Erziehungsinstitutionen war man damit beschäftigt, sich von den Engländern abzugrenzen. Als soccer gegen Ende des langen 19. Jahrhunderts in England zum Massensport wurde, versuchten sich die Oberschichten abzugrenzen und der American Football wurde erfunden, der bald die Ivy League beherrschte. Nach dem ersten Weltkrieg wurde soccer zum ethnischen Sport, dem nach der Ideologie der Nativisten Leute nachgingen, die in Amerika noch nicht so richtig angekommen waren: Baseball, das sich in Abgrenzung vom Cricket entwickelt hatte, wurde zu dem amerikanischen Sport.

Als Béla Guttmann Mitte der zwanziger Jahre mit den armen Wiener Profifußballern in New York ankam, wurden sie von 46.000 Zuschauern in den New Yorker Polo Grounds empfangen – ein Zuschauerrekord, der sich bis in die 1970er Jahre hielt, als Cosmos New York Pélé, Beckenbauer und Chinaglia in einer Mannschaft vereinte und über 60.000 Zuschauer anzog. Die Verankerung des zu spät gekommenen Fußballs in den USA hängt von Ökonomie und Einwanderung ab. Die erste Liga zu Guttmanns Zeiten, der auch damals sein gesamtes Vermögen einbüßte, ging in der Weltwirtschaftskrise zugrunde. Aber die Einwanderung talentierter Fußballer ließ in den dreißiger und vierziger Jahren nicht nach, die aus ökonomisch-politischen Gründen aus Europa und Mittelamerika emigrierten. Aus ihnen rekrutierte sich ein Team der Namenlosen, das 1950 die arrogante fußballerische Weltmacht England demütigte.

Das Fernsehzeitalter nach 1948, das in Europa den Fußball begünstigte, förderte in den USA die etablierten Sportarten: Super Bowl statt WM-Finale. Aber die US-amerikanische Gesellschaft veränderte sich: Ab den 1960er Jahren kamen immer mehr Latinos ins Land, die sich nicht in gleichem Maße wie die Migranten der dreißiger Jahre dem Anpassungsdruck beugten, und die Frauen begannen im Gefolge von womens lib, sich den Fußball anzueignen. Im Frauenfußball sind die USA schon längst eine Weltmacht. Die Soccer Mom, die ihre Kinder lieber den ungefährlicheren soccer spielen lässt als den knochenharten football, ist eine soziale Schlüsselfigur. Der europäische Fußball verschwand im melting pot, der globalisierte soccer passt gut in salad bowl. Der kalifornische Klinsi steht für ihn ein. In den USA erlernte er nach dem Ende seiner Karriere, modernste wissenschaftliche Methoden in den Fußball einzuführen. Das reaktionäre Fußballdeutschland, mit dem Wortführer BILD, schrie auf, als der frisch berufene Nationaltrainer Klinsmann 2006 mit Laptop und US-amerikanischen Fitnesstrainern auftauchte. Mit seinem Assistenten Jogi Löw brachte er es trotz der Hetze von BILD fertig, innerhalb kurzer Zeit eine attraktiv spielende großartige junge deutsche Mannschaft in die Heim-WM 2006 zu schicken, die Fußballfans nicht nur in Deutschland begeisterte. Zum ersten Mal in der Geschichte des Massenblatts schwenkte das Sprachrohr des Populismus in Deutschland um; aber statt fußballerischer Einsicht, startete BILD eine Schwarz-rot-geil-Orgie. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!”: Mit Niersbach ist ein BILDnaher Journalist, der einst mit Beckenbauer um die Häuser zog, zum DFB-Präsidenten geworden. Ein verbandspolitischer backlash ist zu beobachten. Bei der Vorbereitung auf die WM wurde, als das Team im St.-Pauli-Stadion trainieren sollte, auf Geheiß des DFB das antifaschistische Banner am Stadioneingang verhüllt. Niersbach: „Wir sind nicht politisch!” Alle Antirassismuskampagnen konterkarierend … Es ist die Postnazi-Ideologie des Kalten Krieges, ein sportpolitischer Jargon der Eigentlichkeit, der einem in den Ohren schmerzt.

Blatterkorruption, Vergabe an Quatar … all das ist politisch; der DFB bügelt alles ab, deckt seine kaiserliche Plaudertasche, die in Quatar keine Sklaven in Ketten gesehen haben will. Das erinnert an die Welt des Berti Vogts zur Zeit der Militärjunta-WM 1978 in Argentinien, der als Mannschaftsführer (wie es in traditionellen Fußballdeutsch heißt) im Folterlager der argentinischen Luftwaffe Ascochinga, das der DFB damals zu seinem WM-Hauptquartier gemacht hatte, keine Folterknechte gesehen haben wollte. Statt dessen lud der alte PG Neuberger „Fliegeridol” Rudel, der nach 1945 wie Eichmann Zuflucht in Argentinien gefunden hatte, zum Kaffeeplausch ein. Der historische Weißwäscher des DFB, Nils Havemann, hat erst kürzlich in seiner „Geschichte der Fußballbundesliga” („Samstags um halb 4”, Siedler, Berlin 2013) diese Vorfälle als „Äußerlichkeiten” abgetan. Die deutsche Sportpresse und die Feuilletons haben nahezu alle diesen Fauxpas im viel rezensierten Buch übersehen. Der DFB, der sich sonst so gern wie der Dachverband FIFA politikfern gibt, zieht sich jetzt hinter die damalige Bundesregierung Schmidt/Genscher zurück, die ja auch nichts für die deutschen Staatsbürger in den Folterlagern getan habe. Warum KZs anprangern, wenn „unsere” Regierung dafür ist? In der Amtszeit des christdemokratischen Provinzpolitikers Theo Zwanziger als DFB-Präsident (2006 bis 2012) wäre eine solche feige Verleugnung der eigenen Verantwortung nicht möglich gewesen; deswegen wird auch jetzt von Niersbach und Konsorten sein Rücktritt aus der Höhle des mit dem verdorbenen Fleisch gefütterten FIFA-Löwen gefordert. Die Kritik an Niersbach und Beckenbauer wehrte ein nach dem 4:0 Sieg feist grinsender DFB-Präsident ab, was interessiere Streit zwischen den Funktionären, wenn doch jetzt der Fußball das Wort habe? Und was macht der ARD-Moderator hoch über dem Strand der Copacabana? „Hundert Prozent richtig, auch von hier!” Armer echter Fußballexperte Mehmet Scholl, der schweigend dabei stehen musste und auch nicht als Spielverderber erscheinen wollte, der er mit begründeter fußballerischer Kritik schon mehrfach dankenswerterweise gewesen ist. Aber spielerisch gab es gestern wenig zu kritisieren …

P.S. Wer noch einmal über 1978 sich informieren möchte, dem sei diese ARD-Doku empfohlen: hier

Als erklärter Bayernfeind ziehe ich vor Rummenigges Auftritt in dieser Doku den Hut.

12.6.2014

Eine Erzählung kann nie größer sein als das Spiel selbst

Im TV läuft Frankreich gegen Honduras. Es ist das erste Spiel dieser WM, das mich langweilt. Honduras mauert, liegt zwei Tore zurück und France ist eine Mannschaft mit großartigen Einzelspielern, aber keine Mannschaft. Die Klassenverhältnisse in diesem Fußballverband, die bei der Revolte 2010 gegen den Trainer sichtbar wurden, sind nicht überwunden. An dieses Team kann man nicht glauben; eine Öffentlichkeit, die nicht einmal das Fehlen von Ribéry bedauert. Wie krank ist das denn? Die Fußballöffentlichkeit in Frankreich ist „bürgerlich”, die Staatstrainer meist herrische Funktionäre, das Team eher migrantisch – das letztere war der Gewinner 1998 und für mich der Grund, Fußball zum Gegenstand soziologischer Seminare zu machen. Die Erkenntnisse aus dieser Arbeit haben auch meinen eigenen Blick auf das Spiel verbessert. Ich weiß heute wesentlich mehr über Fußball als vor zwanzig Jahren. Am Anfang habe ich nur Fingerübungen gemacht; aber nach der erschöpfenden siebenjährigen Arbeit an der Biographie Adornos, wollte ich endlich über etwas schreiben, wovon ich garantiert mehr habe als Adorno: So ist „Béla Guttmann. Weltgeschichte des Fußballs in einer Person” entstanden. Wer es nachlesen will – es gibt es noch: hier

Dieses Buch hat mir viele neue Freunde eingebracht und mich letzlich auch im September 2013 nach Belo Horizonte gebracht, zum 1. internationalen Symposion: „Linguagem, Artes, Cultura & Lazer”. Als ich vorgestern das erste WM-Spiel in BH (sprich Bi Agga) sah, blutete mir das Herz: Ich wäre gern dabei gewesen. Ich kenne das niet- und nagelneue Stadion. Wir haben dort ein Spitzenspiel zwischen Cruzeiro und Botafogo gesehen, einen Sieg, der Cruzeiro dann den Weg zur Meisterschaft ebnete. Wie das Waldstadion für 2006 (heute die unglückselig benannte Commerzbank Arena) wurde von Gerkan, Marg und Partner erbaut. Vielleicht profitieren die brasilianischen Fans von dem inzwischen gewonnenen Know-how. Vor allem ist die Akustik viel besser als in der unseligen Commerzbank Arena. Das konnten die kolumbianischen Fans am Freitag eindrucksvoll beweisen. Der Lärmpegel unterstützt die angefeuerten Mannschaften; er wird nicht wie in Frankfurt zur Beherrschung der Crowd eingesetzt, die jedes Privatgespräch vor, während und nach dem Spiel extrem erschwert. Das gehörte zum Sicherheitskonzept der WM in Deutschland 2006; die langfristigen Folgen hat der Zuschauer im schwerhörig gewordenen Ohr, wenn er mit infantilen Stadionansagen, schwachsinnigen Polizeichorhymnen und Possmannbembelkitsch akustisch überrollt wird.

In Frankfurt esse ich nie etwas im Stadion; in Brasilien ist das ganz anders. In jedem Stadion gibt es local food. Die FIFA-Standards verbieten das. Dieser Diktatur hat man sich 2006 in Deutschland klaglos unterworfen. In Frankfurt war der kulinarische Verlust auch nicht besonders hoch; ganz anders in Brasilien. In Salvador de Bahia gab es einen Aufstand der Baianas, die eine wundervolle Chili-Krabbenfrikadelle produzieren. Die FIFA wurde zum Einknicken gebracht. Die Zuschauer, die morgen/heute in der tropischen Hitze ins Stadion dürfen, genießen Acarajé … und nicht jammern, es sei zu scharf. Das ist gut in der Hitze.

In BH letzten September brachte mir ein Symposionteilnehmer die lokale Speise, Tropeiro, zu meinem Sitzplatz, auf dem ich mich nach der langen Stadionanreise erschöpft niedergelassen hatte. Nicht ganz billig, wie das meiste in Brasilien inzwischen, aber ein populärer Eintopf aus Minas Gerais – ein Fußballessen – besser und mehr als zu viel Schwein in der Bratwurst. Alles superhygienisch serviert. Der mir dieses wunderbare Gericht brachte, heiß Martin Curi. Er hat ein sehr nützliches Buch geschrieben „Brasilien. Land des Fußballs”, Göttingen (Werkstatt) 2013, das ich letztes Jahr in einer großen TAZ-Sammelrezension mit ein bisschen „meckernder Kritik” (Adorno) bedachte. Aus dem Buch möchte ich noch einmal deutlich sagen, erfährt man viel, ein echter Gebrauchswert, kulinarische Hinweise neben fußballhistorischen – wertvoll. Martin versteht etwas von beiden Sachen. Lesenswert sein Blog imlanddesfussballs.blogspot.de. Martin liefert ein ungeschminktes Bild Brasiliens in diesen Tagen, das weder den Horrorszenarien noch der FIFA-höfischen Schönrednerei entspricht. Martin ist inzwischen in Salvador angekommen, wo es heute abend weiter geht.

Gleich kommt Messi … wenn man kein Radioreporter ist, muss man schweigen. Eine Erzählung kann nie größer sein als das Spiel selbst …

Abraços, dc

Wer noch wissen willen, was ich vor der WM gesagt habe, guckt hier

Kommentare


Dietrich Schulze-Marmeling - ( 11-07-2014 08:54:52 )
Was für eine wunderbare Seite. Warum entdecke ich sie erst jetzt?

Kommentar eintragen









erstellt am 11.6.2014