Mit Gedichten möchte Klára Hůrková Brücken bilden. In ihrer deutsch-tschechischen Anthologie »Über den Dächern das Licht / Nad Střechami Světlo« sind ihre filigranen Brücken jedoch bewusst so schmal gestaltet, dass sich die Passanten bei der Begegnung in die Augen schauen müssen. Eric Giebel hat sich in das Werk der 1962 in Prag geborenen Dichterin eingearbeitet und mit ihr gesprochen.

Buchkritik

Über den Dächern das Licht / Nad Střechami Světlo

Von Eric Giebel

Mit »Über den Dächern das Licht / Nad Střechami Světlo« legt die 1962 in Prag geborene Dichterin Klára Hůrková ihre zweite deutsch-tschechische Anthologie mit Lyrik und Kurzprosa vor. Sie versammelt je 22 Autorinnen und Autoren aus beiden Ländern. Im Vorwort beschreibt die in Aachen lebende Autorin die Motivation für die Übersetzung und Herausgabe der Texte als »aus dem Wunsch geboren, mit dem kulturellen Geschehen in der Tschechischen Republik verbunden zu bleiben und gleichzeitig eine weitere poetische Brücke zwischen beiden Ländern, die meine Heimat geworden sind, zu bauen.« Das Vorhaben ist akribisch geplant, gefördert durch den deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, optimal vorbereitet durch die Bereitstellung qualitativ hochwertigen Materials und nun nach einer Phase guter handwerklicher Arbeit ausgeführt. Die Brücke steht. Sie beeindruckt.

Ich stelle sie mir als schmales Bauwerk vor, geeignet nur für Fußgänger, die bei der Begegnung in der Mitte einander in die Augen sehen müssen, durch Gesten eine Übereinkunft erzielend, wie man trotz der Enge dem Nachbar Platz macht und dabei freundliche, hoffnungsvolle Worte murmelt.

»ich laufe/zu den/still wachsenden Flüssen,/die langsam ziehen durch den Tag.//An ihren Ufern/dämmert es./Die senkrechte Wasserfläche/sickert den Schimmer in mein Dunkel auf.«, schreibt Vojtěch Kučera in seinem Gedicht »Zahlungskammer«.

Wir Menschen leben mit unseren Zweifeln, unserer Unsicherheit. Wir brauchen unsere Verstecke. Und wenn wir ehrlich sind, stehen wir auf festem Boden lieber als auf Bauwerken, die über Abgründe führen. Sylva Fischerová sagt: „Es gibt Tage, an denen ich nicht zu leben vermag/ich weiß nicht, warum eine Frau/mir entgegenkommt, eine Nase/und zwei Augen/den Fuß vor den anderen setzt/auf dem Bürgersteig aus grauen/quadratischen Pflastersteinen, warum/Quadrate,/auf dem Quadrat steht ein Mann, eine Nase,/zwei Augen mit dem Augenweiß,/beide in bunter Kleidung,/sie verheimlichen, was sie/verbindet“

Hůrková hat die veröffentlichten Werke, 80 Gedichte und 5 Prosatexte, in zehn Gruppen thematisch gebündelt, sie so angeordnet, dass sie sich in die Augen sehen können. Analogien, Verwandtschaften: sie werden spürbar. Es geht um Leben und Tod, Kunst, um die Vergangenheit, Gott und Teufel. Vielleicht ist das zu viel, zu umfassend. Andererseits findet so jeder Text sein Gegenüber. Städte an Flüssen kommen ja in der Regel auch nicht mit einer Brücke aus.

Die Brücke in der Vergangenheit, Kapitel 5, ist mit nur 6 Texten von kurzer Spannweite und hoher Tragkraft. Renata Bellingerovás »Pan mistr/Herr Meister« ist ein prosaisches Meisterwerk auf vier Seiten. »Die älteste Maus schickte er [Herr Meister] immer zum Gewerkschaftsurlaub, und ich fragte ihn: Jirko, wie machst du das? Er sagte: ich öffne für mich eine Flasche Wein und mache für sie ein Klettergerüst aus Schachteln, dann hole ich die älteste und müdeste Muttermaus heraus und lasse sie über die Schachteln klettern, als ob sie im Gewerkschaftsurlaub in der Hohen Tatra wäre. Dazu lege ich für sie eine Schallplatte mit Wagner oder Beethoven oder sonst etwas Pathetischem auf, damit sie die hohen Berge gut besteigen kann, die Schuh- und Zuckerschachteln, und danach, wenn ich betrunken bin, gebe ich sie zurück ins Aquarium.« Die Absurditäten reihen sich aneinander. Der Text endet jedoch mit der Klarstellung, dass es den Totalitarismus des Genossen Gottwald gab, »aber ansonsten war es herrlich mit Herrn Meister.«

Renatus Deckert, Finalist beim Dresdner Lyrikpreis 2012, führt in seinem Gedicht »Nachlass« in einen offen gelassenen Raum, der seine Geschichte durch liegen gebliebene Gegenstände offenbart. »Im Hof dieser Koffer: der Wind zieht vom Leder/die grauen Gewebe,/die schweben über dem Schnee und treiben/davon.«

Mit dem langen Gedicht »Hilda läuft« gedenkt Petr Maděra seiner Großmutter. Hier gelingt, was die Grenzen der Verdichtung tangiert: eine Lebensgeschichte zu erzählen in Andeutungen, Metaphern, Zitaten und prosaischen Sätzen. Der Erinnerungsraum des Autors findet eine Resonanz im Lesenden, weniger reich bestückt, voller Leerstellen, voller Rätsel, aber voller Zauber (und Schauder). »Blauäugige Wassermänner/und mit ihnen der Kater Hukanasa./Hilda schaut, halbtot vor Angst,/wenn dieses Gesindel sie beschattet./Sie wirft die Schuhe weg, rennt zurück/weiter gegen den Strom,/ muckst in die Stille-«

Wenige messerscharfe Worten reichen Marcela Pátková Linhartová, Vertreterin der Achtziger-Generation und Finalistin in Dresden 2006, um im Kapitel »Zwischen uns« eine Beziehung zu beenden. »Bäume wie Knochen/gerade zum Himmel//mit engelhafter Unschuld/reichst du einen Kompromiss//ich teile zum Frühstück den Kuchen der Schuld/bald wirst du gehen//mein Hunger/ist zuverlässig.«

Viele Namen müssen unerwähnt bleiben, viele gute Texte werden nicht hervorgehoben. Hůrková hat sie in dieser Anthologie vereint und am 23. April einige davon bei der Premierenlesung in Prag vorgestellt. Jetzt müssen Menschen über Brücken gehen. Die Stadt an der Moldau ist ein guter Ort dafür.

Premierenlesung am 23. April 2014 in Prag (Tschechisch / Deutsch)

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erstellt am 10.6.2014

Klára Hurková
Klára Hurková

Über den Dächern das Licht / Nad Střechami Světlo
Ausgewählt und übersetzt von Klára Hůrková
336 Seiten
ISBN 978-80-7272-505-2
Dauphin, Prag 2014

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