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junge literatur

Durchblicke schaffen. Einsichten.

Über die Kölner Erzählerin Julia Faust

Die Kölner Autorin Julia Faust interessieren weibliche Befindlichkeit, und die Suche ihrer Protagonistinnen nach ihrem Platz in einer zusehends unübersichtlicheren Gesellschaft. Dabei betrachtet sie die Emotionen ihrer Figuren regelmäßig wie unter dem Brennglas, festgehalten in einer knappen, dabei immer sinnlichen Sprache. Sie zieht ihre Sätze auseinander, dehnt sie überaus gekonnt – und schafft so Durchblicke. Einsichten. Und wenn die Ich-Erzählerin ihrer hier vorgestellten Geschichte einmal betroffen bekennt, „ich haare“, dann artikuliert sich damit auch das Verlieren einst gehegter Illusionen; es sind Abblätterungen einer einstigen Leidenschaft und Liebe, irreparableLackschäden am Glück. Haare, die einst anziehend wirkten – stören nunmehr bloß noch und verstopfen den Abfluss. Sinnlos gewordene Überbleibsel mithin, doppeldeutige, sichtbar gewordene Verluste.

Julia Fausts Figuren gehen die langen Wege, in der Hoffnung am Ende auf etwas Verwertbares zu treffen. Im Bestfall auf sich selbst: Verändert und doch erkennbar noch (oder endlich in Gänze) sie selbst.

So ist hier eine neue, interessante Stimme zu erleben, eine vehement auf dem Sprung zur Schriftstellerin stehende Autorin zu entdecken, deren Geschichten einen wunderbar altmodischen Takt pflegen: den des schnörkellosen klassischen Erzählens. Schenken wir ihr unsere Aufmerksamkeit!

Peter Henning

kurzgeschichte

Nur die Spitzen

Von Julia Faust

Ich bin nicht mutig. „Nur die Spitzen“, pflege ich zu sagen, wenn der Friseur mein Haar prüfend durch die Finger gleiten lässt.
„Nicht doch einmal etwas Neues ausprobieren? Etwas kürzer würde Ihnen bestimmt gut stehen“, meint der Friseur. Das findet meine Freundin auch.
„Nein“, sage ich. „Nur so viel wie absolut notwendig.“ Ich will mich nicht verändern. Ich bleibe mir treu. Mein Haar und ich – wir sind ganz eng miteinander. Wir gehen durch dick und dünn.
Es wächst mir aus dem Kopf, spricht das aus, was ich nicht sagen kann.
Was ich mit meinem Haar schon alles erlebt habe. Ich wasche, pflege, föhne es, kämme, bürste und zupfe es zurecht, stecke es hoch, binde es zusammen, flechte an ihm herum und färbe es. Schau dir mein Haar an, und du weißt, wie es um mich steht!
Und erzähle mir ja keiner, dass man mit dem Haar nicht empfinden könne!

Ich kenne dich noch kaum, aber du nimmst eine Haarsträhne von mir und wickelst sie sachte um deinen Finger. Da ist es um mich geschehen.
Du rufst mich an und sagst, du habest Haare von mir gefunden, auf dem Teppich, im Bett, in der Dusche. Wie schön du das findest, dass noch ein Stück von mir geblieben ist, wie sehr du mich vermisst. Du sammelst sie, trägst sie zusammen, Wahnsinn, wie viele es sind, du könntest sie zu einer Strähne zusammenbinden, sagst du, eine kleine Locke von dir zum Berühren, wie man das aus alten Romanen kennt.
Wenn ich bei dir bin, wühlst du dein Gesicht in mein Haar, als wolltest du darin verschwinden, ganz zerrauft sehe ich morgens aus.
Den ganzen Tag riecht es noch nach dir und nichts kann mir etwas anhaben.
Wie viele Zentimeter wächst ein Haar denn im Monat? Ich suche den Punkt auf dem Haar, an dem wir uns kennengelernt haben, prüfe, ob dort nicht eine Veränderung zu sehen ist, eine klitzekleine Veränderung nur, mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen.
„Was ist eigentlich deine echte Haarfarbe?“, fragst du mich und ich antworte: „So etwas Undefinierbares zwischen blond und braun, aber eigentlich weiß ich es schon gar nicht mehr, ich habe es vergessen, so lange färbe ich mein Haar schon.“ „Aha“, sagst du, „schade.“ Und plötzlich komme ich mir vor wie eine Betrügerin, wie jemand, der sich immerzu versteckt.
Wenn wir ein Kind hätten, welche Haarfarbe hätte es dann? Wir stellen uns alle möglichen Kombinationen vor.

Monate später, dieser Moment, in dem ich mein Haar im Spiegelschrank deines Badezimmers betrachte und es mir mit einem Mal so dünn vorkommt. Ich kann durch einzelne Strähnen hindurchsehen. Und ich weiß nicht, ob das schon immer so war und mir jetzt erst auffällt oder nicht. Ich bürste es über Kopf.
Jetzt, da wir uns schon etwas länger kennen und wir fast schon zusammen wohnen, binde ich mein Haar im Haus einfach irgendwie zusammen, nehme eine Plastikklammer oder manchmal sogar einen einfachen Haushaltsgummi, wenn ich gerade nichts anderes zur Hand habe. Das sieht nicht schön aus, aber außer dir sieht es ja niemand. Wenn es an der Tür klingelte und wäre es nur die Post mit einer Paketzustellung, ruckzuck würde ich mein Haar zurechtzupfen. Am Anfang sagst du noch: „Am schönsten finde ich, wenn du dein Haar offen trägst.“ Wann hast du das das letzte Mal gesagt? Wie lange ist das her?
Wenn wir ausgehen wollen und ich sage: „Ich muss nur noch schnell mein Haar zurechtmachen“, fragst du sofort: „Aber du willst es doch nicht etwa noch waschen?“ Mein Haar hält dich auf. Es nervt. Es nervt einfach. Es nervt ohne Ende. Du hast einfach keine Zeit mehr für mein Haar.
Das nasse Haar ordne ich mit einem Kamm, wie man Gedanken ordnet. Dann ziept es, kleine Knoten bleiben darin hängen.
„Dein Haarspray stinkt“, sagst du. „Mach doch wenigstens das Fenster auf, wenn du mit dem Giftzeug um dich sprühst!“ Auf den Rillen der Heizung meinst du einen leicht klebrigen Film zu entdecken, der angeblich von dem Haarspray herrührt.
Nur wenn ich genau hinsehe, kann ich sie entdecken, die gespaltenen Spitzen, doppelte Enden, manchmal sogar drei oder vier davon, Möglichkeiten, die wir gehabt hätten, Wege, die wir hätten gehen können, schwache Versuche, brüchig gewordene Ideen. Da gibt es einen weißen Punkt am Haar, eine Gabelung, an der man die kaputten Spitzen abzupfen kann, damit man nicht immerzu an sie denken muss. Aber jetzt, wo ich sie einmal gesehen habe, entdecke ich immer mehr davon. Wer sucht, der findet. Ich kann gar nicht mehr davon lassen.
Es gibt sie, diese „bad-hair-days“, Tage, an denen nichts, aber auch gar nichts gelingen will. Egal, wie ich es kämme, es sieht schrecklich aus, es will nicht so, wie ich will; kein Haargummi kann es zusammenhalten, keine Haarspange bleibt an der gewünschten Stelle, immer verrutscht sie, und jeder weitere Versuch macht es nur noch schlimmer. „Wir brauchen eine Auszeit“, sagst du. „Lass es uns nicht noch mehr zerreden.“
Ich gehe zum Friseur und lasse zehn Zentimeter abschneiden. Meine Freundin findet, dass das eine gute Entscheidung war. Jetzt wirkt es voller, fällt weicher. Du sagst nichts. Du bemerkst es noch nicht einmal. Ich warte und warte und dumm wie ich bin, frage ich irgendwann: „Fällt dir nichts an mir auf?“ Doch, das wäre dir sicherlich noch aufgefallen, sagst du, aber du bist doch kaum erst zur Tür reingekommen, bist müde von der Arbeit und jetzt schon meine ganzen Forderungen an dich, meine Erwartungen, die du nicht erfüllen kannst, die du nicht erfüllen willst, immer dieser Druck, diese Vorwürfe und schon wieder sollst du schuld an allem sein. „Es sind nur ein paar Zentimeter, sonst nichts“, sagst du. „Und daran willst du jetzt alles ablesen. Was du alles hineininterpretierst.“
Meine Haare sind überall, wie das nervt. Die Dusche ist verstopft und du musst ganze Knäuel davon aus dem Siphon ziehen, manchmal musst du sogar mit einem kleinen Draht darin herumstochern, um sie herauszufischen, sie sind vermischt mit Shampooresten, schmierigen Ablagerungen von Haarkuren, eine Zumutung ist das, es ekelt dich, sagst du, warum ich nicht selbst einmal daran denken kann, das Haarsieb über den Abfluss zu legen, das wäre doch das Mindeste, was du von mir verlangen könntest.
Selbst mit einer Chemikalie hast du es versucht. Am Waschbecken. Kleine giftige Kügelchen, die ein zischendes Geräusch machen, wenn man sie in den Abfluss hineingießt, es riecht nach Verbranntem, bloß nicht die Dämpfe einatmen, Verätzungsgefahr.
Ich haare, sagst du, als wäre das ein Manko, das man reklamieren könnte. Als wäre das ein Umtauschgrund, den jeder verstünde.
Manche Menschen entwickeln eine Tierhaarallergie. So etwas kann auch bei Menschenhaar vorkommen.
Mein Haar ist elektrisch. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Es will sich nicht beruhigen. Alles versuche ich: einen anderen Kamm, eine neue Bürste, ein milderes Shampoo, eine sündhaft teure Kur. Beim Kämmen knistert es. Die Haare stehen mir zu Berge, kleben mir im Gesicht, kitzeln mich in der Nase, an den Augen. Die Kopfhaut juckt, ich kratze und kratze. Alles ist gereizt. Jedes Wort ein kleiner Schock, ein prickelnder Schmerz, überall Wunden, die nicht mehr verheilen wollen.
„Geh“, sagst du, weil du allein sein willst und für mich kein Platz mehr ist. „Geh jetzt“, sagst du, „hau ab.“ Und weil ich nicht gehe, ziehst du mich an den Haaren heraus, führst mich daran wie einen Hund an der Leine. Mir gefällt der Tiervergleich. Ich winsele vor deiner Tür. Und mein Fell ist ganz stumpf geworden. Ich kratze auf dem Boden, als wäre es möglich, einen geheimen Tunnel unter der Tür hindurch zu graben.
„Dir kann jetzt nur noch eine Dauerwelle helfen“, sagt meine Freundin zu mir.
„Wir könnten trotzdem Freunde bleiben“, sagst du. „Ich meine: uns weiterhin sehen. Wenn du magst“.

„Ganz abschneiden“, sage ich zum Friseur, „so kurz wie möglich, alles ab.“ Mein Friseur versteht mich. Er fragt nicht noch einmal nach. Er bringt mir ein Glas Wasser und einen Kaffee.
Wer hat behauptet, dass man mit dem Haar empfinden könne? Es tut gar nicht weh. Es geht ganz schnell.
„Soll ich es einpacken?“, fragt der Friseur und legt die Schere auf den Rollwagen.
„Wie meinst du das?“, frage ich und schäme mich ein bisschen, dass ich ihn einfach so geduzt habe.
Der Boden sieht aus wie ein Schlachtfeld. Blutrote lange Strähnen liegen um den Stuhl herum.
„Ich meine“, sagt der Friseur, den Besen in der Hand, „willst du es mit nach Hause nehmen? Zur Erinnerung.“ Er lächelt.
Ich kratze mich am Kopf. Kleine, spitze Stacheln unter den Fingernägeln.

Kommentare


laura plöger - ( 09-07-2014 05:10:34 )
:-)

Marco - ( 16-06-2015 04:52:24 )
Ein absolut bezaubernder Text!!!!! Davon werde ich mehr lesen....

Aru - ( 19-12-2014 01:31:40 )
Ziemlich deprimierend.

Lutz Becker - ( 25-06-2014 01:24:43 )
Mehr von Julia Faust im gleichnamigen Short-Story-Band "Nur die Spitzen". ISBN: 3732244342

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erstellt am 10.6.2014

Julia Faust
Julia Faust

Lutz Becker (Hrsg.)
Nur die Spitzen
Short Stories (u.a. von Julia Faust)
Paperback, 136 Seiten
ISBN 978-3-7322-4434-8
Books on Demand, Norderstedt 2013

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