David Lynch, Installation
David Lynch, Installation, Foto: Max Ernst Museum Brühl
Ausstellung

David Lynch – Dark Splendor

Max Ernst Museum Brühl, 22.11.09-21.3.10

Sobald man den Ausstellungsraum im Max Ernst Museum Brühl betreten hat, stellt sich dieses beunruhigende Gefühl ein, das man aus dem Kino kennt: Der amerikanische Regisseur David Lynch zeigt im Museum des berühmten Surrealisten sein sehenswertes bildnerisches Werk, das sich nicht auf das Visuelle beschränkt. Vielmehr ist man umgeben von brummenden, schwingenden, unheimlich anmutenden synthetischen Klängen, die der Besucher per Knopfdruck an mehreren akustischen Stationen auslösen kann. Gleich zu Beginn wird man mit einer Rauminstallation empfangen, die nach einer Filzstiftzeichnung Lynch’ entstanden ist und wie ein vergrößertes Puppenzimmer aus bunt bemaltem Pappmaché aussieht. Umfangen von jenen beunruhigenden Klängen geht man durch eine Öffnung – und steht unvermittelt wie hinter einer Theaterbühne zwischen den schwarzen Außenstellwänden des Raumes inklusive der sie stabilisierenden Sandsäcke. Es wird deutlich, dass Lynch hier die Neugierde wecken wollte, uns aber letztendlich eine Fiktion präsentiert. Ein ähnliches Prinzip verfolgt er in seinen Filmen. Sie verführen dazu, sich auf eine Geschichte einzulassen, in der nächsten Szene wird die Erwartung jedoch in eine andere Richtung gelenkt, indem die Folgeszene in einer nicht enträtselbaren Unlogik weiter geht.

David Lynch hat seine künstlerische Laufbahn mit dem Studium der Malerei an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts in Philadelphia begonnen und fertigte sein erstes Filmexperiment 1967 an, nachdem er in einem seiner Bilder Bewegung und Geräusche wahrzunehmen glaubte. Das Bild war also nicht genug, er wollte mehr (er-)fassen. Das ist auch in den neuen Gemälden zu spüren, die der Anhänger Transzendentaler Meditation geschaffen hat. Auf riesigen digitalen Drucken oder Karton malt er Räume und Gebäude, integriert reliefartige Figuren aus Modelliermasse, fügt Glühbirnen und Schrift ein. Die monsterartigen Gesichter der Figuren sehen aus, als manifestierten sich hier Alpträume aus der Kindheit, sozusagen „Urängste“. Das Interesse an der Deformation von Körpern zeigt das Vorbild Francis Bacon, wirkt obsessiv ikonoklastisch, wie die Serie der „Distorted Nudes“, die in den hintersten Ausstellungsbereich verbannt wurde. Personen in Begleitung von Kindern werden bereits vor Betreten der Ausstellung vor dieser Figurengruppe, die an verrenkte Puppen des Surrealisten Hans Bellmer erinnert, gewarnt.

Duchamp, Hopper, Bacon, Ed Kienholz, Kafka, Munch und auch Max Ernst: die visuellen Bezüge sind vielfältig und nicht auf ein Medium begrenzt. Eine Serie entstand mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Industriearchitektur, Lynch’ Lithographien erinnern an Röntgenbilder, und die Aquarelle lassen von fern an die „Noirs“ des französischen Symbolisten Odilon Redon denken. Zu entdecken sind außerdem mit winzigen Zeichnungen versehene Streichholzheftchen.
Deutlich spürt man, dass sich dennoch kein vollständiges Gesamtbild zusammenfügen will, erst mit dem gemeinsamen Wirken von Bild, Ton und Sprache im Film gelingt es dem Künstler, mit dem Betrachter subtiler zu spielen, ihn in seinen Gewissheiten zu erschüttern. Das ist auch den Autoren des Katalogbuches anzumerken, die durchweg auf Filmeinstellungen und -sequenzen verweisen. Die Textbeiträge von Thomas W. Gaehtgens, Peter-Klaus Schuster, Werner Spies, Andreas Platthaus u.a. sind unbedingt lesenswert, leider vermisst man Einzelanalysen der Bilder, stattdessen ein Kokettieren mit der persönlichen Bekanntschaft Lynchs. Auch fehlt der Publikation eine Bibliographie, denn es sind auf Seiten der Filmwissenschaft in den letzten Jahren einige Studien veröffentlicht worden.
Lynch entführt uns in sein verstörendes, grotesk-schwarzromantisches Universum. Wer aber mit dem filmischen Werk des Künstlers nie etwas anzufangen wusste, der wird sich in der Ausstellung auch nicht auf dieses seltsame Schaudern einlassen können, das auch das bildnerische Werk Lynchs auslöst.

30.11.2009
Isa Bickmann

erstellt am 15.12.2010