Thomas Wördehoff, der Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, neigt dazu, einem über die Jahre wiederkehrenden Kern von Stammkünstlern treu zu bleiben. Doch bleiben auch überraschende Neuzugänge nicht aus. Wördehoffs Rechnung ist diesmal aufgegangen, was sich in auch in den Besucherzahlen niederschlug, berichtet Thomas Rothschild.

ludwigsburger festspiele

Stammgäste und Überraschungen

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2014, Teil 2

Von Thomas Rothschild

Nachdem in den sechziger und siebziger Jahren Irish Folk den Kontinent erobert hatte, entdeckte man auch die Musik anderer Regionen, in denen Varianten der keltischen Sprache und Kultur überlebt hatten, darunter der Bretagne. Und die bretonische Folklore fand ihren damals bedeutendsten Interpreten in Alan Stivell.

Inzwischen ist Stivell 70 Jahre. Er singt die gleichen Lieder und spielt auf der keltischen Harfe, dem Dudelsack und diversen Flöten die selben Melodien wie dereinst auf Folkfestivals weltweit. Wie es damals zunehmend der Brauch war, reicherte er das überlieferte Material mit rockigen Klängen an, wobei ihm das Schlagzeug, das die Möglichkeiten des traditionellen Bodhrán erweitert, zu Hilfe kam. Am Schlagzeug steht jetzt Marlon Soufflet, Konzert- und Elektrogitarre spielt Gaëtan Grandjean und die Geige streicht Loumi Séveno.

In der ersten Hälfte des Konzerts im Ludwigsburger Forum beschränken sich Stivell und seine Band auf langsame, getragene Balladen. Danach aber geht der Zug ab, und das Publikum gerät zunehmend aus dem Häuschen bei den tänzerischen Rhythmen, den mitreißend wiederholten pentatonischen Motiven. Stivell liefert keine glatte Show, wie sie im Fernsehzeitalter zur Norm geworden ist. Er wirkt eher schüchtern, uneitel. Seine faszinierende Stimme aber ist ihm erhalten geblieben. So möchte man mit siebzig singen können.

Für die Programmmacher von periodisch stattfindenden Festivals gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie haben den Ehrgeiz, jedes Mal neue Künstler einzuladen und so für Entdeckungen zu sorgen, oder sie bleiben einem Kern von Stammgästen treu, die als alte Bekannte regelmäßig wiederkehren. Diese zweite Möglichkeit hat den Vorteil, dass das Publikum die Entwicklung oder die Expeditionen einzelner Künstler mitverfolgen, sich als Begleiter ihrer Lebenswege qualifizieren kann. Zudem macht sie fruchtbar, was bei einem einzelnen Festival, bei dem Konzerte in der Regel nicht wiederholt werden, funktionslos bleibt: die Mundpropaganda. Thomas Wördehoff neigt, wenn auch nicht ausschließlich, zu dieser zweiten Möglichkeit, und die Rechnung ist aufgegangen. Nach manchmal unerfreulichen Besucherzahlen in seinen ersten Jahren, sind diesmal die Leute wie durch ein Wunder massenhaft zu den Veranstaltungen geströmt. Es zeigt sich einmal mehr: ein neues Konzept bedarf einer Anlaufzeit, um sich sein Publikum zu finden. Eine Politik, die auf raschen Erfolg dringt, ist kurzsichtig und dumm.

Zu Wördehoffs Stammgästen gehört die Violinistin Viktoria Mullova. Diesmal reiste sie mit drei Freunden und einem rein brasilianischen Programm an. Der musikalische Gestus blieb klassisch, das Material war folkloristisch inspiriert, und was dabei heraus kam, glich am ehesten der Salonmusik des 19. Jahrhunderts. Das Publikum jubelte, und die Musiker mussten eingestehen, dass sie keine Zugaben mehr im Gepäck hätten.

Zu den Stammgästen gehört auch Babette Haag, die Schlagwerkerin des Orchesters der Ludwigsburger Schlossfestspiele, die mit ihrem eigenen Percussion Ensemble in einem fast dreistündigen Programm durch die verschlungenen Wege der Perkussion führt. Auf dem Programm standen Stücke von Komponisten, deren ältester John Cage war. Auch eine Uraufführung war zu hören: „47 Rōnin“ von Andreas Hepp. Perkussionsmusik hat den zusätzlichen Reiz, dass sie auch fürs Auge etwas bietet. Und Babette Haag hat einen ausgeprägten Sinn nicht nur für Humor, sondern auch für Effekte. So ist es kein Zufall, dass sie Nebojša Živkovićs „Trio per Uno“ vom Vorjahr ebenso wieder im Programm hatte wie „Clash-Music“ von Nikolaus A. Huber. Und als Zugabe erfreute ein ohne Instrumente auskommendes Stück von Franz Bach, der selbst im Ensemble mitspielt.

Die Texttreue ist nicht nur auf dem Theater ein Problem. Auch im Musikbereich löst sie Diskussionen aus, die allerdings sehr viel weniger aufgeregt geführt werden. In das eigentliche Notenmaterial – und das entspräche dem Text im Drama – wird ja bei Bearbeitungen relativ selten und dann äußerst vorsichtig eingegriffen. Die Hinzuerfindung ganzer Passagen, wie sie auf der Bühne mittlerweile gang und gäbe ist, kommt in der Musik kaum, allenfalls bei unvollendeten Werken vor, auch nicht eine „Aktualisierung“, etwa durch die Ersetzung von Konsonanzen durch Dissonanzen. Hingegen ist die Uminstrumentierung eine seit Jahrhunderten übliche Praxis. Vertraut sind uns die Bearbeitungen für Orchester von Stücken, die ursprünglich für ein Soloinstrument komponiert waren, wie etwas Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. Aber auch die Bearbeitung der Parts einzelner Instrumente, etwa in Konzerten, für andere Instrumente, insbesondere für solche, für die es wenig spezielle Literatur gibt, wird kaum angefochten.

Seltener, aber auch nicht völlig überraschend sind die Adaptionen für kleinere Ensembles oder Solisten, etwa die Bearbeitungen von Haydns ursprünglich für Orchester geschriebenen „Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ für Streichquartett und für Soloklavier durch den Komponisten selbst oder von Beethovens Sinfonien für Klavier. Dennoch: eine Sinfonie von Schostakowitsch, dem vielleicht bedeutendsten Sinfoniker des 20. Jahrhunderts, der die Möglichkeiten des großen Orchesters intensiv nützte, in einer Kammermusikversion ist nicht gerade, was dem normalen Konzertbesucher als erstes einfiele. Wenn dann neben dem Pianisten, dem Violinisten und dem Cellisten vier Perkussionisten auf der Bühne stehen, erhöht das die Verblüffung – jedenfalls auf den ersten Moment. Bedenkt man aber den opulenten Einsatz des Schlagzeugs bei Schostakowitsch, hat das durchaus seine Logik. Es kommt nun, in der kleinen Besetzung, noch mehr zur Geltung, als wenn es gegen ein ganzes Orchester antritt. Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen wurde die fast einstündige 15. Sinfonie von Schostakowitsch in der Bearbeitung von Viktor Derevjanko von Igor Levit am Klavier, Ning Feng an der Violine, Maximilian Hornung am Cello und Klaus Reda, Andreas Boettger, Moritz Wappler und Simon Etzold an den diversen Perkussionsinstrumenten intensiv und im besten Sinne kammermusikalisch interpretiert. Ein nicht alltägliches Erlebnis.

Im ersten Teil des Konzerts setzte Igor Levit auf Kontrast. Zusammen mit Ning Feng und Maximilian Hornung spielte er zunächst die Variationen über „Ich bin der Schneider Kakadu“, ein kleines Werk, das uns einen ganz gegen das Klischee verstoßenden heiteren, fast kindlichen Beethoven zeigt. Danach konnte der 27jährige Pianist, einmal mehr, als Solist faszinieren, mit dem teils meditativen, teils eruptiven Klavierstück Nr. 6 von Wolfgang Rihm.

Voll besetzt war die Karlskaserne bei „Bright Shadow“ mit den Finnen Minna Tervamäki und Kimmo Pohjonen. Tervamäki ist Primaballerina des Finnischen Nationalballetts. Was sie aber in Ludwigsburg darbot, ist eine Art Ausdruckstanz mit Versatzstücken aus dem klassischen Ballett. Dabei steht ihr Pohjonen, der eine mit allerlei Elektronik aufgemöbelte Knopfharmonika spielt und Stimmakrobatik betreibt, mit elementaren Tanzbewegungen zur Seite. Choreographisch bleibt der Abend weit hinter dem zurück, was man in der tanzverwöhnten Region Stuttgart-Ludwigsburg gewöhnt ist. Unfreundlich formuliert, ist das prätentiöser Schmarrn, freundlich formuliert eine Attraktion für ein Vorstadtvarieté. Vielleicht könnte man Pohjonens Musik eher genießen, wenn das Beiwerk nicht davon ablenkte, obgleich die Wirkungen, die er mit Verzerrungsapparaten, Loops – also der automatischen Wiederholung von am Ort erzeugten musikalischen Patterns – und Samples – vorweg aufgenommenen und zugespielten Fragmenten – erzielt, mittlerweile ein paar Jahrzehnte am Buckel haben und schon überzeugender eingesetzt wurden. Sie scheinen ebenso klischeehaft wie die an Kitsch grenzenden Licht- und Kunstnebeleffekte.

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erstellt am 09.6.2014

Igor Levit. © Felix Broede

Alan Stivell

Viktoria Mullova. © Henry Fair

Ning Feng. © Felix Broede

Maximillian Hornung. © Marco Borggreve

Bright Shadow