Victor Sanovec: Gestaltete Landschaft mit Wildtulpen (Projekt „Rheingarten“, 1996-2001)
Victor Sanovec: Gestaltete Landschaft mit Wildtulpen (Projekt „Rheingarten“, 1996-2001)

Der Künstler Victor Sanovec kann auf ein umfangreiches und vielseitiges Werk zurückblicken. Neben malerischen und druckgraphischen Arbeiten zählen Landschaftsprojekte ebenso zu seinem Œuvre wie kulturelle Initiativen. Dass Sanovec ein leidenschaftlicher Koch ist, davon konnte sich Eugen El überzeugen. Er sprach mit Victor Sanovec über die Kunst in Frankfurt, das Leben im Rheintal, über das Glück der Flucht und die Vorzüge des Judentums.

künstlergespräch mit victor sanovec

»Die größte Möglichkeit des Künstlers ist seine Frechheit«

Eugen El: Du lebst und arbeitest mit einigen Unterbrechungen seit Jahrzehnten in Frankfurt. Wie siehst Du die Entwicklung der hiesigen Kunstlandschaft?

Victor Sanovec: Frankfurt unternahm immer wieder Anstöße, sich in der deutschen Szene zu behaupten. In den fünfziger Jahren schienen alle Voraussetzungen da zu sein. Die Stadt war im Aufbruch, geschichtlich nicht sonderlich belastet, eine bürgerliche Stadt ohne Fürst oder Erzbischof. Es ist aber nicht gelungen. Offensichtlich ist das vitale Interesse an der Kunst in der Frankfurter Bürgerschaft nicht vorhanden. Das Ganze hat sich erst mit der Ankunft von Kasper König an der Städelschule (König war Rektor der Städelschule von 1989 bis 2000 – Anm. d. Red.) verändert. Frankfurt bietet heute sehr viele Möglichkeiten. Ich frage mich jedoch, was mit meinen Studienkollegen geschah. Als ich 1974 das Studium abschloss, konnten von hundert Absolventen der deutschen Kunstakademien nur fünf von ihrer Arbeit leben. Wie kann es sein, dass der Staat es sich leistet, ein brotloses Proletariat auszubilden? Die Ausbildung an der Städelschule war so, dass man sich um die hehre Kunst kümmern sollte und nicht um den Kunstmarkt. Vielleicht ist die Ausbildung an der Akademie, das Modell Akademie, nicht die Antwort auf die heutigen Fragen.

War für Dich der frühe Schritt weg von der expressiven Gegenständlichkeit wichtig? Hat erst die Strenge der Form die Entwicklung Deiner künstlerischen Sprache ermöglicht und forciert?

Diese figurative, dramatische, sicher ganz authentische Phase meiner Arbeit hat mit meinem Aufenthalt in der Tschechoslowakei und dem Arbeitslager zu tun. Ich kam mit 22 Jahren dort raus und war praktisch tot. Ich hatte keine Bürgerrechte. Die Kunst, die Malerei, war meine Art Selbsttherapie. Die gegenständlichen Bilder waren eigentlich nicht für andere bestimmt, sondern für mich. Ich wusste gar nicht, wie man es macht. Ich war Autodidakt. Dann kam langsam das Bewusstsein, dass ich mein Metier beherrschen muss, dass ich mich nicht immer nur auf mein Gefühl verlassen kann. Es ging darum zu lernen, wie ich meine Empfindungen für das Publikum nachvollziehbar transportiere. Für mich war die Zeit des Studiums eine der größten Zeiten meines Lebens. Für mich hat mein Leben erst mit meiner Ankunft in Frankfurt im September 1968 begonnen. Ein halbes Jahr später habe ich angefangen, an der Städelschule zu studieren. Ich habe bei Prof. Johannes Schreiter in der Klasse für monumentale Malerei angefangen, dann bin ich zu Prof. Johann Georg Geyger gegangen, dann in die Graphikklasse und zum Schluss war ich in der Bildhauereiklasse bei Prof. Michael Croissant. Wichtig war auch das Museum in der Nähe (Das Städelmuseum – Anm. d. Red.). Da war ich oft. Während der ersten zehn Jahre in Deutschland war ich staatenlos. Ich reiste trotzdem zur Kunst. Ich bin als Staatenloser mit dem UNO-Pass nach Italien, nach England gereist. Damals gab es noch Grenzkontrollen, ich wurde immer kontrolliert. In der Tschechoslowakei durfte ich überhaupt nicht reisen. Insofern war das ein großer Fortschritt.

Du hattest viel mit Faltungen gearbeitet, mit gefalteten Leinwänden. War der Schritt in die Landschaft wie z. B. das Projekt „Rheingarten“ eine Art Ent-Faltung? War es eine Ergänzung zu Deinem bildnerischen Werk, eine Erweiterung oder einfach nur seine logische Konsequenz?

Ich bin 1992 von Frankfurt weggezogen. Ich ließ mich scheiden und habe mir im Rheintal ein Haus gekauft. Ich wollte von Frankfurt weg. Ich habe damals mit Galerien in Köln und in Düsseldorf zusammengearbeitet. Daher war ich rheinwärts orientiert. Es war eine sehr glückliche Entscheidung. Das Haus, gebaut um 1820, befand sich oberhalb von Oberwesel, zwischen Oberwesel und Bacharach. Zuvor wurde es als Schule genutzt. Auf dem Land konnte ich nicht die gleiche Arbeit fortsetzten wie in Frankfurt. Ich habe nach Impulsen vor Ort gesucht. Da habe ich interessante Aspekte gefunden, so auch die Idee des Gartens als eine Miniwelt und als ein Paradies. Mit einer befreundeten Architektin habe ich ein Projekt in Frankreich gemacht, bei dem ein belgischer Landschaftsarchitekt einen Garten mit dreißig kleinen Parzellen angelegt hatte, die Künstlern zur Verfügung gestellt wurden. Dafür habe ich einen Entwurf gemacht. Das war ein ganz wichtiger Moment, eine Initialzündung. Ich habe gedacht, man kann das auch besser machen. Ich hatte die Idee, mit der Natur so arbeiten, dass man sie nicht völlig verändert. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Situationen, Lagen, die die Menschen abgelehnt haben. Zum Beispiel haben mich die verlassenen Weinberge fasziniert. Jahrhundertelang haben sie den Menschen Brot gebracht und dann waren sie angeblich nichts mehr wert. 1994 haben wir die ersten Kontakte zur UNESCO aufgenommen, 1996 wurde die erste Fläche realisiert. Das Geld kam von der EU aus einem Topf zur Umnutzung der Landschaft. Vor Ort hatten wir keine eindeutigen Unterstützer. Wir hatten Feinde und Freunde in allen Parteien. Selbst die Grünen hatten immer wieder Einwände.

Hast Du die Landschaft als einen Bildgrund verstanden und behandelt oder ging es Dir um einen erweiterten Zugang, der in das Leben hineinwirkt?

Es ging immer um mehr. Ich bin Künstler. Die Ästhetik ist mein Werkzeug. Ich habe nicht als Landschaftsarchitekt dilettiert. Es ging darum, mit leicht zu zerstörenden Pflanzen zu arbeiten. Ich wollte baulich nichts verändern, sondern die Pflanzen sollten die Landschaft verändern. Die Leute klauten mir Hunderte von Tulpen, auch Lavendel, nachdem das Projekt bekannt wurde. Auch das ist ein Teil des Projekts. Ich wollte ihnen zeigen: Ihr habt was, Ihr könnt damit etwas machen! Ich wollte aber auch ein Bild machen. Die größte Möglichkeit des Künstlers ist ja seine Frechheit. Er kann seine Vorstellungen direkt vorbringen. Deshalb ist so ein Bild in der Landschaft ein Bild für die Hoffnung auf Veränderung. Das Projekt hat sehr viel bewirkt in der Landschaft. Es ist zwanzig Jahre her und die Landschaft sieht heute anders aus als damals. Außerdem habe ich das Projekt mit Zeichnungen, Skizzen, Aquarellen und Drucken begleitet.

Du hast Dich für die Erforschung der jüdischen Geschichte und Kultur in Oberwesel im Rheintal am Beispiel des Rabbiners Alfred Gottschalk engagiert. Inwiefern ist Dir das gesellschaftliche Engagement wichtig? Würdest Du das als Teil Deines ästhetischen Programms sehen oder als etwas davon Getrenntes, als bürgerliches Engagement?

Es war eindeutig künstlerisches Engagement. Meine Frau und ich waren die einzigen Juden am Ort. Wir fragten uns, was vorher war und bekamen keine Antwort. In der Ortschaft war nichts zu sehen. Daher haben wir uns selbst damit beschäftigt. Wir suchten nach Namen und Verbindungen. Einmal war ich mit Barbara (Barbara Fuchs, die Ehefrau von Victor Sanovec – Anm. d. Red.) in Jerusalem. Wir haben im Hebrew Union College, direkt neben dem King David Hotel, übernachtet. In der Halle haben wir den Namen von Alfred Gottschalk aus New York gesehen. Er ist ein großer Rabbiner, Mitbegründer des Hebrew Union College und Gründungsdirektor des Museum of Jewish Heritage in New York. Wir wussten, dass er gebürtig aus Oberwesel kommt. Barbara schrieb ihn an. Fünf Tage später klingelte das Telefon: Alfred Gottschalk war dran! So entstand der Kontakt. Innerhalb von neun Monaten konnten wir daraufhin in Zusammenarbeiten mit der Stadt eine Gedenktafel für die Juden von Oberwesel verwirklichen. Erst danach wollte ich einen Ort etablieren, wo man mehr über das jüdische Leben erfahren konnte. Ich habe Ausstellungen, Lesungen und Konzerte organisiert. Wir haben einmal ein Konzert auf einem Schiff veranstaltet. Dafür haben wir keinen Klezmer-Musiker, sondern einen israelischen DJ engagiert. Wir haben ihn gebeten, zeitgenössische Hits der israelischen Discos aufzulegen. Die Leute sprangen beinahe vom Schiff! Sie wussten nicht, dass in den Discos oft nach den Psalmen getanzt wird. Ein Christ würde es als eine Beleidigung des religiösen Gedankens empfinden, für Juden ist es hingegen völlig normal. Es ist wichtig, die Worte zu sagen, es ist nicht wichtig, ob es fromm oder exaltiert ist. Deshalb liebe ich das Judentum. Weil es nicht so spießig ist.

Geht Dein Engagement im Rheintal weiter?

Sporadisch geht es weiter. Dazwischen habe ich eine Lesung und einen Vortrag gemacht. Ich mache es aber nur, wenn ich gefragt werde. Auch mein Atelier habe ich noch in Oberwesel. In Frankfurt ist das unbezahlbar.

Wie verhält es sich mit Deinem Kochbuch „Jüdische Kochschule“? Profitiert man als Künstler vom Kochen und umgekehrt? Sind Empathie, Genussfähigkeit und der Sinn für Materialien wichtig für die Kunst und fürs Kochen?

Das ist kein Kochbuch! Es ist ein Buch über die jüdische Kultur, die sich im Kochen äußert. Es sind ein paar Rezepte drin. Das Kochen ist für mich sehr attraktiv. Kubelka (Peter Kubelka, Filmemacher und Professor an der Städelschule von 1978 bis 2000 – Anm. d. Red.) sagte, dass man als Koch an die Stelle Gottes tritt, weil man mit Elementen wie Feuer, Wasser, Dampf arbeitet. Auch gibt es einen soziologischen Effekt. Man bringt Menschen an einem Tisch zusammen. Man könnte sie potenziell vergiften, aber sie vertrauen einem, dass man es nicht tut. Es ist ein ganz wichtiger Aspekt. Am Rhein habe ich sehr viel darüber gelernt, dass der Wein ein Extrakt der Landschaft ist. Die europäische Kultur, und die jüdische Kultur gehört dazu, ist ohne Rausch und ohne Wein nicht zu denken. Der Wein ermöglicht es uns, über die Stränge zu schlagen. Im Judentum gibt es zwei wichtige Gebete am Anfang des Schabbats und eines Feiertages: der Segen über den Wein und der Segen über das Brot. Wenn man nur ein Gebet sagen kann, dann ist der Segen über den Wein wichtiger!

Würdest Du Dich als jüdischen Künstler bezeichnen? Gibt es so etwas überhaupt? Oder lediglich Künstler, die auch Juden sind?

Ich bin kein jüdischer Künstler. Auch Chagall ist es nicht. Die Frömmigkeit ist eine ganz private Sache. Die sollte man im Leben und in der Arbeit nicht thematisieren.

Du kamst Ende der sechziger Jahre aus der Tschechoslowakei nach Deutschland. Wie war damals der Umgang mit Deiner Herkunft? Hat sich daran mit den Jahren etwas verändert?

Ich habe keine Benachteiligungen erfahren. Mich ärgert nur, dass ich oft als tschechischer Künstler bezeichnet werde. Einzig tauchten im Jahr 2000 in Oberwesel im Zusammenhang mit dem Projekt „Rheingarten“ Plakate auf mit der Aufschrift „Stoppt den Juden Sanovec“. Ich wurde darauf als wütender Kampfhund dargestellt. Von der Gemeinde aus wurde eine Anzeige erstattet, es hat sich aber niemand zu der Tat bekannt.

Hat man als Migrant ein anderes Verständnis von Kunst? Wenn man den Migranten vor allem als Nomaden sieht? Als einen Nicht-Verwurzelten?

Ich verdanke meiner Flucht sehr viel. Sie war keine Katastrophe, sondern die größte Chance, die ich je bekommen habe. Ich durfte einundzwanzig Jahre lang die Tschechoslowakei nicht betreten. Ich wollte es auch nicht, solange die damaligen Verhältnisse dort herrschten. Ich schrieb meinen Eltern, dass ich sie womöglich nie wiedersehen würde. Ich habe das Land nie vermisst. Ich wollte nicht zurück.

Worum geht es in Deiner neuen Werkserie, die Du in der Heussenstamm-Galerie zeigst?

Die Ausstellung heißt „Spuren“. Ich zeige neue Werke, die in den letzten Monaten entstanden sind. Es sind Aquarelle, Acrylarbeiten auf Papier und Acrylarbeiten auf Leinwand. Ich kann sie aber nicht ohne einen Zusammenhang zeigen. Deshalb zeige ich auch ganz alte Werke, zwischen den neuen, ohne Chronologie. Es sind Arbeiten auf Papier, aber auch eine oder zwei Faltungen sind dabei. Ich beschäftige mich bei den Faltungen mit der Rückseite, mit dem, was man nicht sieht. Eine Faltung ist ein Hinweis darauf. In meinen Bildern gibt es immer wieder Stellen, die auf den Rohzustand hinweisen. Es gibt nie das vollständige, zu Ende gemalte Bild. Ich kann nicht das Unsichtbare sichtbar machen. Aber ich muss darauf hinweisen, dass es das Unsichtbare gibt.

Das Gespräch führte Eugen El

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erstellt am 03.6.2014

Victor Sanovec. Foto: Judith König
Victor Sanovec. Foto: Judith König
ausstellung in frankfurt

Victor Sanovec. Spuren

Bis 11. Juli 2014

Heussenstamm-Galerie, Braubachstraße 34, Frankfurt am Main

Victor Sanovec: Faltung Rot/Orange, 1984, Acryl auf Nessel, 80 × 240 cm

Victor Sanovec: Faltung Violett/Grün, 1985, Acryl auf Nessel, 240 × 200 cm

Gestaltete Landschaft (Projekt „Rheingarten“, 1996-2001) Foto: Barbara Fuchs

Victor Sanovec: Skizze zum Projekt „Rheingarten“

Wildtulpen (Projekt „Rheingarten“, 1996-2001) Foto: Barbara Fuchs

Victor Sanovec
Jüdische Kochschule
Gastfreundschaft zwischen Genuss und Gesetz
Softcover, 231 Seiten, 123 Fotografien
ISBN 978-3-942051-24-8
Verlag Gebrüder Kornmayer, Dreieich

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porträt

Victor Sanovec

Victor Sanovec wurde 1943 in Tschechien geboren. 1968 flüchtete er nach Deutschland. Er studierte von 1969 bis 1974 an der Städelschule in Frankfurt am Main. Sanovec lebt in Frankfurt am Main.

Ausstellungen und Projekte (Auswahl):

1985 „Thema Farbe“, Städtische Galerie im Städel, Frankfurt

1996-2001 Projekt “Rheingarten” (zusammen mit Barbara Fuchs)

2001 “El Jardin del Rhin”, NTPLC Salamanca

2002 “Landschaften”, Stiftung 1822-Forum, Frankfurt

2008 “Malerei”, Synagoge Oberwesel

2009SKLENIK”, Museum Umeni, Olomouc, Tschechien

2012 “1984/2012”, Kunstraum Bernusstraße, Frankfurt

2014 „Spuren“, Heussenstamm-Galerie, Frankfurt