Sechs Autoren sind für die Shortlist des vom Haus der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen verliehenen Internationalen Literaturpreises 2014 nominiert. Zwei Autoren leben in Brasilien, haben europäische Wurzeln und schreiben in verschiedenen Sprachen: Ungarisch und Portugiesisch. Zwei andere publizieren in Englisch, haben ihre kulturellen Wurzeln jedoch in Pakistan bzw. Malaysia und China. Auch ein kanadisches Duo gibt es. Beide sind mit weit voneinander entfernten Weltregionen – Asien und der Karibik – verbunden, der eine schreibt Französisch, die andere Englisch. Die Globalisierung hinterlässt auch in der Literatur deutliche Spuren. Welche Hürden Kulturen der Welt dennoch überwinden müssen, um in der Weltliteratur wahrgenommen zu werden und welche Gefahren durch Wirtschaftsabkommen entstehen, beschreibt Hans Christoph Buch, Autor und im zweiten Jahr ILP-Jurymitglied, in seinem Gespräch mit Andrea Pollmeier.

Gespräch mit Hans Christoph Buch

Vielfalt statt Standardisierung der Weltliteratur

Shortlist für den Internationalen Literaturpreis steht fest

Der Internationale Literaturpreis zeichnet seit 2009 jährlich ein fremdsprachiges Werk der Gegenwartsliteratur und dessen deutsche Erstübersetzung aus. Häufig hat die Jury es bei der Auswahl mit Autoren zu tun, die unterschiedlichen Kulturkreisen angehören und eine einseitige nationale Einstufung ablehnen. Wie findet da die Zuordnung statt?

Hans Christoph Buch: Was Sie beschreiben ist nicht neu, auch früher schon haben Autoren beim Schreiben die Distanz zur eigenen Kultur gesucht. Hätte Milan Kundera seinen Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins nicht in Paris sondern in Prag geschrieben, wäre ein anderes Buch entstanden. Auch James Joyce hat den Ulysses nicht in Irland, sondern in Paris und Zürich verfasst.

Kriterium ist also nicht der Pass eines Autors oder einer Autorin, sondern die Sprache. Über die Sprache schreibt er oder sie sich in eine bestimmte Kulturtradition ein. Wenn zum Beispiel Samuel Beckett auf Französisch schreibt, impliziert das eine Kritik an England und zeigt, dass er sich mit seiner Wahlheimat Paris identifiziert. Die Fremdheit einer Sprache, die nicht die eigene ist, bewirkt außerdem, dass die Formulierungskunst gefördert und der Blick geschärft wird.

Gegenwärtig schreiben viele afrikanische Autoren ihre Bücher nicht in Afrika. Die Verhältnisse machen es ihnen fast unmöglich, dort wirtschaftlich zu überleben. Es gibt nur wenig überregionale Verlage, kein funktionierendes Vertriebssystem, und die Honorare sind unzureichend. In etlichen Ländern herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. So kommt es, dass ihre Texte in London, New York oder Paris entstehen. Auch Berlin ist ein solcher Zufluchtsort.

Wenn man auf die diesjährige Shortlist blickt, wird dieser kulturell komplexe Hintergrund zum Beispiel bei zwei Autoren anhand der Sprache deutlich, in der sie schreiben. Die Werke des in Pakistan geborenen Autors Mohsin Hamid und der mit China und Malaysia verbundenen kanadischen Autorin Madeleine Thien sind auf Englisch geschrieben.

Indem eine kanadische Autorin asiatischer Herkunft über den Völkermord des Pol Pot-Regimes in Kambodscha schreibt, wird die globalisierte Welt, in der wir leben, offenbar. Ein anderes Phänomen, das in letzter Zeit häufig zu beobachten ist, betrifft die Kinder oder Enkel von Holocaust-Überlebenden. Sie schreiben in Brasilien oder Kolumbien über das Schicksal ihrer Eltern oder Großeltern in Mittel- und Osteuropa. In Lateinamerika aufgewachsen, arbeiten sie historische Erfahrungen in Europa auf. Ein Beispiel dafür ist Zsófia Bán, eine in Brasilien geborene Autorin, die Ungarisch schreibt und mit dem Buch Als nur die Tiere lebten auf der diesjährigen Shortlist vertreten ist. Auch Bernardo Kucinski kam als Kind polnisch-jüdischer Einwanderer nach Brasilien, schrieb sein Buch K. oder Die verschwundene Tochter aber auf Portugiesisch. Die Entscheidung für eine bestimmte Sprache ist ungeheuer komplex. Jeder Autor trifft sie anders.

Muss ein Juror über kulturelle Kontextkenntnisse verfügen, um ein literarisches Werk bewerten zu können?

Zunächst muss ihn das Werk faszinieren. Nach wenigen Seiten entsteht meist schon ein Gefühl dafür, ob es sich um einen großen Roman handelt oder um ein Werk, das trotz Stärken zu viele Schwächen aufweist.

Das Kriterium der Qualität sollte also im Mittelpunkt stehen, doch gibt es auch einen kulturellen, politischen und historischen Kontext, der zu berücksichtigen ist. Das gilt vor allem für Texte aus Ländern, die nach langer Kolonialherrschaft erst spät unabhängig wurden, oder die man erst jetzt als Produzenten von Literatur entdeckt und in den Kreis der Weltliteratur aufgenommen hat.

All diese Werke müssen zunächst das Nadelöhr von Kulturmetropolen wie London, Paris oder New York passieren. Erst, wenn sie sich dort durchgesetzt haben, werden sie auch im eigenen Land wahrgenommen. Schreibt beispielsweise ein Grönländer auf Inuit, wird er den Weg über Dänemark gehen müssen, denn Dänisch ist die Amtssprache dort und Literatur, die nicht in dieser Sprache geschrieben ist, hat es schwer, wahrgenommen zu werden.

Das Beispiel Grönlands ist kein Einzelfall. Trotz einer wachsenden Zahl eingereichter Werke ist die Zahl der Sprachen, aus denen übersetzt worden ist, rückläufig. Fallen so nicht gerade die Werke durchs Netz, die noch unbekannte Denkweisen vermitteln könnten?

Der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o wollte, nachdem er durch seine englischsprachigen Werke bekannt geworden war, nur noch in seiner Landessprache Kikuyu schreiben. Inzwischen schreibt er wieder auf Englisch, doch wurden auch seine in Kikuyu verfassten Bücher übersetzt und weltweit bekannt. Das gelang, weil er vor dem Entschluss, wieder auf Kikuyu zu schreiben, internationale Bekanntheit erzielt hatte.

Beim ILP haben wir es nicht mit Weltliteratur in Rohform zu tun. Was wir als Jury beurteilen, ist zuvor von Verlagen auch unter kommerziellen Gesichtspunkten ausgewählt worden. Was übersetzt wird, sind Bücher, von denen man sich verspricht, dass sie Aufmerksamkeit erregen, dass sie vielleicht sogar Verkaufserfolge werden.

Diese Titel liegen uns dann zur Auswahl vor, wir müssen die Spreu vom Weizen trennen, weil wir nicht über Lyrik, Ratgeber, Krimis oder Sachbücher entscheiden. Kombinierte Textformen, die in den Bereich der Literatur gehören, sind hingegen möglich. Auf der diesjährigen Shortlist steht zum Beispiel ein Roman aus Indien, der die Form eines Ratgeberbuchs hat. Hinter dem Titel von Mohsin Hamid So wirst du stinkreich im boomenden Asien verbirgt sich jedoch ein satirischer Roman.

Welche Besonderheiten prägen die Shortlist in diesem Jahr?

Zu erwähnen ist zunächst, dass im letzten Jahr Teju Cole den Preis erhalten hat. Er lebt in New York, stammt aber aus Nigeria. Literatur aus Nigeria hat derzeit großen Erfolg. Um den Blick auf andere Kulturregionen zu lenken, wollten wir nicht erneut einen nigerianischen Autor auszeichnen. Die Gruppe der Autoren, deren Wurzeln in Afrika liegen, die aber im Ausland aufgewachsen sind oder mit Hilfe von Stipendien als writer in residence oder Gastprofessoren leben, ist inzwischen recht groß. Sie nennen sich Afropolitans, haben die Verbindung zu ihrer Heimat nicht abgebrochen, fahren regelmäßig nach Afrika und haben Familien dort.

Wir versuchen, jeweils andere Teile der Welt in den Blick zu nehmen, doch kommt es darauf an, was an Texten vorliegt. Bisher fehlt beispielsweise ein chinesischer oder japanischer Preisträger in der Liste. Bestseller scheiden aus, und deshalb kam Murakami nicht in die engere Wahl. Sein Werk ist bereits in alle Weltsprachen übersetzt und wird millionenfach verkauft, er braucht diesen Preis nicht. Wir wollen einem kommerziell erfolgreichen Autor nicht einen aus seiner Sicht überflüssigen Preis verleihen.

Ist man als Juror versucht, eigene regionale Schwerpunkte durchzusetzen?

Ja, in gewisser Weise schon, und es gibt einen heilsamen Wettbewerb zwischen jenen, die sich auf islamische und arabische Literaturen spezialisieren, und anderen, die Lateinamerika oder Skandinavien bevorzugen. Das sollte auch so sein, denn trotz aller Streitkultur ziehen wir an einem Strang, wenn es um literarische Qualität geht. Und wenn die in einem bestimmten Sprach- oder Kulturraum bei den Büchern, die uns vorliegen, nicht so überzeugend ist, dann springen wir über unseren Schatten und beschäftigen uns mit Autoren aus anderen Kulturkreisen.

*Dany Laferrière* ist mit seinem Roman „Das Rätsel der Rückkehr“ auf die Shortlist gewählt worden. Der in Haiti geborene Autor lebt heute in Kanada und ist seit 2013 Mitglied der Académie française. Sie selbst haben auch haitianische Wurzeln. Wie schätzen sie seine Chance ein, Preisträger zu werden?

Dazu sage ich nichts, denn ich habe ihn für die Shortlist selbst vorgeschlagen. Aber es gibt überaus starke Autoren auf der Shortlist, und noch ist nicht abzusehen, wer das Rennen machen wird. Wir legen mehr Wert darauf, die Shortlist insgesamt zu präsentieren und nicht nur einen Preisträger. Es soll kein neuer Star kreiert werden. Die Aufmerksamkeit soll auf neue Entwicklungen gelenkt werden, die in vielen Teilen der Welt im Roman oder in der Prosa überhaupt stattfinden, uns interessieren Grenzüberschreitungen und neue Inhalte, die bisher nicht in der Literatur vorkamen.

Sie haben zuvor davon gesprochen, dass Autoren, die in ihrer regionalen Landessprache schreiben, kaum eine Chance haben, Zugang zum Kreis der Weltliteratur zu bekommen. Auch Literaturkritiker zeigten lange Zeit wenig Interesse, Autoren aus entlegeneren Weltregionen Beachtung zu schenken. Sehen Sie hier inzwischen eine breitere Offenheit?

Ja, die sehe ich durchaus. In der Jury haben wir eine Expertin für arabische Literatur, die sich intensiv auch mit Literatur aus Israel und anderen Weltregionen beschäftigt. Wir haben einen Lateinamerikaexperten, der erst vor wenigen Jahren anfing, Arabisch zu lernen und jetzt auch Experte für islamische Literatur ist. Und jemand wie Iris Radisch muss für die ZEIT das gesamte Spektrum abdecken, sie schreibt nicht nur über deutsche Literatur, sondern auch über Murakami oder Tomas Espedal aus Norwegen. Espedal ist ein sehr spannender Autor, der es leider nicht auf die Shortlist geschafft hat, denn obgleich wir sieben Juroren sind, besteht die Liste nur aus sechs Titeln.

Ich möchte noch einmal nachfragen. Zur Förderung der Literaturen aus Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens sind ja vor einiger Zeit besondere Initiativen wie beispielsweise litprom entstanden. Auch die Buchmesse hat Gastprogramme für Verlage aus diesen Regionen entwickelt, um ihre Wahrnehmung hier zu fördern. Hat sich Ihrer Meinung nach die verengte Sicht des deutschen Feuilletons auf vor allem westliche Autoren gewandelt, ist diese Kritik überholt?

Ich denke schon. Es war früher so, dass man sich schwer tat mit Afrika, das war eine Domäne für einige wenige Experten. Aber bedenken Sie bitte, dass einer der namhaftesten Literaturkritiker, der stellvertretende Ressortleiter des Feuilletons der ZEIT, Ijoma Mangold, nigerianische Wurzeln hat. Er konnte die Autorin Taiye Selasi im Heimatland ihrer Eltern besuchen und sich mit ihr austauschen, weil er den kulturellen Kontext kannte, wenn auch aus einer anderen Perspektive. Selbst ein kleiner Verlag wie Wunderhorn in Heidelberg hat ein sehr ehrgeiziges Afrika-Programm. Übersetzungen werden subventioniert, und das ist gut so. Denn ohne diese Unterstützung wären allein kommerzielle Gesichtspunkte für die Übersetzung eines Titels entscheidend.

Wenn eine Weltregion politisch unter Druck steht und darum stärker wahrgenommen wird, führt das dann dazu, dass gute literarische Texte bei uns sichtbar werden?

Ja, das ist der Fall, ich denke zum Beispiel an Ex-Jugoslawien und die von dort kommende, hochinteressante Literatur. Andererseits war und ist die Ukraine aufgrund der politischen Instabilität in den Medien Thema Nummer eins. Obwohl es dort faszinierende Autoren gibt, hat uns kein Buch aus dieser Region so überzeugt, dass es auf die Shortlist gelangt ist. Osteuropa ist jedoch durch den bulgarischen Autor Georgi Gospodinov und seinen Roman Physik der Schwermut vertreten. Man kann also nicht sagen, dass unter dem Eindruck aktueller Ereignisse automatisch eine Autorin oder ein Autor aus der Ukraine ausgezeichnet werden wird. Das politische Geschehen ist nicht deckungsgleich mit der Literatur. Zum Schreiben braucht man Zeit und Distanz, ein Roman ist mehr als ein Sachbuch oder politischer Kommentar.

Die urheberrechtlichen Rahmenbedingungen des Schreibens und Publizierens könnten sich in Europa durch ein Freihandelsabkommen mit den USA erheblich verändern. Welche Folgen erwarten Sie für die Vielfalt der Gegenwartsliteratur?

Ich bin in Sorge wegen eines neuen Antiamerikanismus, der nicht – wie früher – aus der links- oder rechtsradikalen Ecke kommt, sondern von den USA selbst produziert und provoziert wird durch Abhören und flächendeckende Überwachung , aber auch durch den Versuch, die europäische Kultur mit Hilfe multinationaler Weltkonzerne in die Enge zu treiben. Gut ist der erleichterte Austausch, schlecht ist es, wenn damit eine kulturelle Standardisierung einhergeht. Schon jetzt tragen Romane immer öfter die Handschrift von „writer‘s workshops“ amerikanischer Universitäten, es werden angelsächsische Modelle propagiert und gefördert. Die deutsche Literatur der Gegenwart passt nicht in solche Raster und ist kommerziell nicht so erfolgreich, dass sie sich gegen US-Bestseller behaupten kann. Wir wollen keine Standardisierung unter amerikanischer Vorherrschaft, denn auch Internetkonzerne vertreten nationale Interessen. Ich finde es richtig, dass Frankreich seine Filme, seine Mode und seine Kochkunst mit Subventionen schützt. Das gilt auch für Deutschland. Übersetzungen deutschsprachiger Texte werden subventioniert, darauf sollten wir nicht verzichten im Namen des Freihandels, der keiner ist, weil er die Großen der Branche begünstigt.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

Hans Christoph Buch

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erstellt am 02.6.2014

Bücher-Jenga © Juliane Krüger
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Hans Christoph Buch © Gert Vennemann
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Mohsin Hamid © Jillian Edelstein
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Madeleine Thien © Carolin Seeliger
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Zsófia Bán © Miklós Szüts
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Georgi Gospodinov © Dafinka Stoilova
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