Zu den wenigen exemplarischen Werken der Gattung Oper gehört Giacomo Puccinis ›La Bohème‹. Und weil sie so gut komponiert ist, wird sie immer ihr Publikum finden. Wer sie also neu inszeniert, muss sich für dieses Publikum etwas einfallen lassen. Thomas Rothschild war in der Stuttgarter Premiere, wo Andrea Moses Regie führte.

opernkritik

Mimi und die Frankfurter Schule

Von Thomas Rothschild

Andrea Moses badet im Schlussapplaus wie ein Kind unter der warmen Dusche. Weiß das Premierenpublikum eigentlich, was es feiert, wenn es den anhaltenden Beifall gleichermaßen auf die Sänger, den Dirigenten und sein Orchester und auf die Regie verteilt? Andrea Moses' Inszenierung von „La Bohème“ ist, was man in Süddeutschland „oberg'scheit“ nennt, neunmalklug – also dumm. Über eine konventionelle Personenregie – besonders peinlich der Abgang des Kinderchors im zweiten Bild – stülpt Moses „Einfälle“, die lediglich die Funktion haben, aufzufallen, die aber keinen Sinn ergeben. Nicht das Regietheater ist das Problem unserer Gegenwart, sondern das Theater von Regisseuren, die ihre intellektuellen Fähigkeiten überschätzen.

Dass im engen Atelier des Dichters Rodolfo (Atalla Ayan), des Musikers Schaunard (André Morsch), des Malers Marcello (Bogdan Baciu) und des Philosophen Colline (Adam Palka) auf der Rückseite einer Theaterkulisse neben dem vom Libretto geforderten Ofen auch der nun schon seit längerem obligatorische Laptop, gleich haufenweise Monitore und die Videokamera stehen, nehmen wir resigniert hin. Wenn die vier aber die Guy-Fawkes-Masken der Occupy-Bewegung tragen, dann ist das, mit Verlaub, dumm: Sie sind, wie der Titel der Oper überdeutlich ansagt, Bohème, mittellose Künstler am Rand der Gesellschaft, wie Aki Kaurismäki in seiner entoperten Filmversion sehr viel genauer als Andrea Moses begriffen hat. Helmut Kreuzer hat sie in seiner Dissertation von 1968 (!) beschrieben. Nichts im Libretto deutet auf revolutionäre Ambitionen hin, nichts auf Protest und Widerstand. Puccinis Künstlerquartett stammt eher aus dem Bereich der Sozialromantik als dem des Anarchismus. Wenn am Schluss des zweiten Bildes eine Bombe explodiert und vorne Polizisten in Kampfuniform auftreten, dann ist das, mit Verlaub, dumm. Der „Effekt“ verpufft wie die Rauchbombe im Hintergrund, und die Regisseurin vergisst, wenn sich der Vorhang nach der Pause wieder hebt, was sie da angezettelt hat. Weil es nichts mit dem Stoff zu tun hat, kann sie selbst damit nichts anfangen.

Warum muss sich das schäbige Mansardenzimmer des ersten Bildes, in das die sterbende Mimi am Ende zurück kehrt, im vierten Bild zu einem weitläufigen hellen Atelier wandeln? Nur damit der Bühnenbildner (Stefan Strumbel) mehr Geld ausgeben oder unter Beweis stellen kann, was ihm so alles einfällt? Die zyklische Struktur der Oper ist wohldurchdacht. Wer sie zerstört, hat sie nicht verstanden. Das ist – nun ja: dumm. Auch der Oberflächenreiz eines Ortsbezugs, der in Wahrheit nichts einbringt, darf nicht fehlen. Im zweiten Bild darf das Café Momus nicht im Quartier Latin, es muss vor einem riesigen Weihnachtsbaum mit Mercedesstern (aha, der Stuttgarter Bahnhof!) lokalisiert werden. Links steht schräg eine Art Parkhausruine, mit einer riesigen Plane verhüllt, auf der man einen Fleischwolf mit der Aufschrift „Heilig's Blechle“ sieht, aus dem wiederum Hackfleisch oder auch blutige Spätzle tropfen. Vor dieser Kulisse tummeln sich Cheerleaders in Weihnachtsmann- und Engelskostümen. Im dritten Bild wird aus dem Café Momus ein Bordell. Damit tut man sogar der frivolen Musetta (Yuko Kakuta) Unrecht, der, wenn man das Stück nur richtig liest, die sentimentalste Szene gehört: Sie bringt der sterbenden Mimi mit den weltberühmten eiskalten Händchen den ersehnten Muff und tut, als wäre es ein Geschenk von Rodolfo. Ebenso wie bei Collines berühmter Mantelarie („Vecchia zimarra, senti“), die Gajews Rede an den Schrank sieben Jahre später in Tschechows „Kirschgarten“ dramaturgisch vorwegnimmt, so versteckt Moses diese Szene eher als dass sie sie gestaltete. Musetta, das verachtete „leichte Mädchen“, eine fast dostojewskische Figur, erweist sich als die menschlichste von allen. (Henri Murger, auf dessen „Szenen aus dem Leben der Bohème“ das Libretto basiert, war ein Zeitgenosse von Dostojewski.)

Wer da nicht weint, hat kein Herz. Aber es sind nicht die Worte, die das bewirken. Die großen Gefühle, die der Text nur behauptet, werden von der Musik beglaubigt, und das Staatsorchester unter Simon Hewett liefert die Italianitá, ohne die Puccini nicht funktioniert. Die kann man mögen oder als süßlich, gar als Kitsch empfinden. Schaunard und Colline jedenfalls halten ihre Feuerzeuge hoch, wie bei einem Schlagerkonzert, wenn Musetta ihre Arie („Quando m’en vò“) singt.

So unverdient der Premierenapplaus für Andrea Moses, so verdient war er für die Sänger, allen voran für den famosen brasilianischen Tenor Atalla Ayan in der Rolle des Rodolfo. Die Südafrikanerin Pumeza Matshikiza, die als Mimi ihr Rollendebüt gab, überzeugte durch eine in allen Registern kraft- und zugleich gefühlsvolle Stimme, die über ein paar Ungenauigkeiten in der Intonation hinweghören ließ.

Im Programmheft gibt Andrea Moses ihr künstlerisches Credo preis: „Künstler machen das zu allen Zeiten so, sie verwerten auch solche 'Versatzstücke der Konvention' und setzen anders, neu zusammen.“ Wenn dem so ist, heißt das freilich nicht, dass es gleichgültig sei, welche Versatzstücke man wählt und wie man sie zusammensetzt. In dieser Hinsicht scheint bei vielen Regisseuren Beliebigkeit zu herrschen. Man „verwertet“, was man irgendwo findet, und fragt nicht danach, ob der neue Zusammenhang logisch, narrativ oder ästhetisch hinhaut. Es ist eben ein Unterschied zwischen einer Collage von Kurt Schwitters und einem umgekippten Mülleimer.

Andrea Moses weiß aber noch mehr. Dass einige Dirigenten Puccini nicht „anfassen“ wollten, hat nach Ansicht von Simon Hewett vielleicht mit dem europäischen Modernismus zu tun. Worauf Andreas Moses ergänzt: „Und mit einer Furcht vor Emotionen wie wir sie zum Beispiel bei den Vertretern der Frankfurter Schule kennen.“ Heilig's Blechle!

Kommentare


Jörg Santor - ( 06-06-2014 01:35:45 )
Wenn man eine fragwürdige Formulierung x-fach wiederholt, in der Hoffnung, die Wiederholung erhöhe den Wahrheitsgehalt, dann ist das, mit Verlaub: dumm! Und wenn man dem gesamten begeisterten Publikum totales Unverständnis unterstellt (es ist angeblich "dumm"), dann ist das - nun ja, überheblich. Wenn Herr Rothschild die Gänsehaut erregende Inszenierung des Bohème-Lebens und -Sterbens als Kunst-Performance im 4. Bild nicht versteht, dann ist das - schade; wenn er aber deshalb die Inszenierung zerreißt, dann ist das - nun ja, erbärmlich. Wer nix kapiert und bei der Erwähnung der Frankfurter Schule sofort in einen Intellektuellenhass-Reflex verfällt, der sollte (mit Verlaub) besser einfach mal den Mund halten!

Rinne - ( 06-06-2014 04:06:02 )
Gut geschrieben, Herr Santor, Chapeau!
Aber dennoch leider .... Falsch!
Warum? Der Text von Herrn Rotschild ist eben auch sehr gut formuliert und dazu noch INHALTLICH aussagekräftig. Die "Bohème" wurde entstellt in ihren grundlegenden Intentionen, und da darf man sich schon Gedanken machen über die Urteilsfähigkeit des Publikums - sorry! Wobei ich sagen muss, dass ich auch "wie blöd" applaudiert habe, weshal? Nicht aus Dummheit - das hat Herr Rotschild auch nicht unterstellt, vielleicht aus Höflichkeit? Ich weiß es nicht.

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erstellt am 01.6.2014

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

oper in stuttgart

La Bohème

Von Giacomo Puccini

Musikalische Leitung Simon Hewett, Till Drömann
Regie Andrea Moses
Bühne Stefan Strumbel

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer