Die mexikanische Autorin Valeria Luiselli gilt als vielversprechende neue Stimme Lateinamerikas. Sie lebt in Mexiko City und New York, lehrt an der Columbia University und gelangte mit ihrem Roman Die Schwerelosen auf die Shortlist zum Internationalen Literaturpreis 2013. Am Rande der Mittelamerika-Tage, die von litprom im Januar 2014 in Frankfurt ausgerichtet worden sind, sprachen Gabriele Spiewok und Renate Heß mit der Autorin.

Gespräch mit Valeria Luiselli

Schreiben ist ein Ort der Erforschung

Gabriele Spiewok: Gab es ein bestimmtes Ereignis oder eine besondere Erfahrung, die sie dazu bewegt hat, fiktive Texte zu schreiben?

Valeria Luiselli: Die Literatur und das Schreiben als eine intime Aktivität waren mir immer sehr nah. Ich erinnere mich daran, dass ich, als ich mit 6 Jahren in Südkorea in die Schule kam, gar nichts verstand: Ich sprach weder Englisch, noch Koreanisch. Ich verstand nichts von dem, was vorging. Aber ich lernte natürlich Schreiben und begann, mir selbst kleine Heftchen zu basteln, indem ich Papier faltete. Ich fing an, die Wörter aufzuschreiben, die ich hörte. Das waren dann meine „Bücher“, die ich auch bebilderte.

Seit ich klein war, war das Schreiben eine Art Zuflucht, ein Raum, in dem ich mich gegenüber einer unbekannten, bedrohlichen Welt sicher fühlte.

Ich traf die Entscheidung, Schriftstellerin zu werden in der Zeit zwischen 17 und 21 Jahren, damals war ich vom Lesen völlig begeistert. Ich hatte zwar schon immer gelesen, aber jetzt fing ich an, richtig leidenschaftlich zu lesen. In dieser Phase begann ich zu schreiben: Erzählungen, Gedichte, kleine Texte – damals habe ich mich entschieden, mich dem Schreiben zu widmen.

In Ihrem ersten Roman „Die Schwerelosen“ ist die Hauptperson und Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, die dabei ist, einen Roman zu schreiben und die vorher für eine literarische Agentur gearbeitet hat. Das heißt, dass ihr Berufsleben von der Literatur beherrscht wird. Sie bezieht sich beim Erzählen sehr oft auf andere berühmte Schriftsteller. Welcher Schriftsteller von den vielen, die sie erwähnt, ist für Sie das Vorbild für Ihr eigenes Schreiben oder haben Sie kein solches Ideal?

Es gibt eine Konstellation von Schriftstellern, die mich in diesem Roman begleiten. Ich glaube, dass einen in verschiedenen Lebensphasen auch verschiedene Bücher begleiten. Die Frage, welches mein Lieblingsschriftsteller ist, kann ich unmöglich beantworten. Vor allem, wenn man selbst ein Buch schreibt, gibt es eine Reihe von Büchern, die ein unsichtbares Substrat des Buches bilden, das man schreibt. Mein Schreiben steht immer im Dialog mit anderen Büchern.

Im Fall der „Schwerelosen“ waren das in erster Linie die angelsächsischen Modernisten: Ezra Pound, T.S. Eliot und William C. Williams. Es gab eine Phase intensiver Lektüre, z.B. sind die „Gesänge“ von Ezra Pound ein langes und sehr kompliziertes Werk, das ich sechs Monate hingebungsvoll las. Auch las ich Teile des „Ulysses“ und gleichzeitig die mexikanischen Zeitgenossen der angelsächsischen Modernisten.

In diesem Roman spiegelt sich also in irgendeiner Weise die Beziehung zwischen diesen beiden Gruppen von Schriftstellern, die nicht gegenseitig, sondern einseitig war. Einseitig deshalb, weil sich die mexikanischen und lateinamerikanischen Autoren jener Zeit zwar der literarischen Produktion der Angelsachsen bewusst waren, aber umgekehrt war das weniger der Fall.

Als wir Ihren Roman lasen, hatten wir den Eindruck, dass sich die Erzählerin über den literarischen Markt, also Verlage, Agenten etc., lustig macht und dies mit Ironie beschreibt.

Ja, genau. Es ist ein sehr politisches Buch, denn es handelt von der Politik der Verlage, die das Getriebe des zeitgenössischen literarischen Marktes bilden.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie in diesem Geschäft, in das Sie erst vor kurzem eingetreten sind, gemacht?

Diese Frage ist sehr interessant, weil schließlich „Die Schwerelosen“ mein erster Roman ist. Ich hatte ja schon einen Essay-Band veröffentlicht, aber ein Buch mit Essays findet eine viel geringere Verbreitung, es ist so etwas wie ein „ulkiger Kauz“ unter den Büchern. Ein Roman zieht im Allgemeinen mehr Aufmerksamkeit auf sich. Ich weiß wirklich nicht warum, denn der Essay ist eine wunderbare Gattung.

Aber ich kritisierte unter anderen Dingen in diesem Roman die absolute oder relative Geringschätzung, die in der angelsächsischen Welt der spanisch-sprachigen Literatur und ihren wenigen Übersetzungen entgegengebracht wird.

Nachdem ich den Roman beendet hatte, ging das Manuskript sofort auf der Buchmesse in Frankfurt herum. Jemand wollte von mir den Roman haben, er las ihn, er gefiel ihm und sehr bald, sogar noch bevor der Roman auf Spanisch herauskam, war er in neun Sprachen verkauft. Das war dann eine völlig bizarre und unerwartete Erfahrung für mich, unerwartet vor allem deshalb, weil sie in irgendeiner Weise dem, was ich im Roman vorgestellt hatte (nämlich, dass die spanisch sprachige Literatur und die lateinamerikanischen Schriftsteller nicht interessieren), widersprach. Es geschah geradezu das Gegenteil. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass dieser den USA gegenüber so kritische Roman ebendort dort veröffentlicht wird und nach einigen Monaten nun auch hier.

In Ihrem Roman gibt es viele Anspielungen auf andere literarische Werke und Autoren, die nicht immer leicht zu erkennen sind. Welche Leser möchten Sie erreichen?

Bei meinem Schreiben unterscheide ich nicht zwischen dem, was ich erlebe und dem, was ich gelesen habe. Ich glaube, dass meine Erfahrungen, die ich beim Lesen gewinne, genauso wichtig sind wie die in der Realität gewonnenen, und das spiegelt sich in meiner Literatur. So sind die versteckten Anspielungen auf andere Werke zu sehen. Ich meine, dass das Literarische meiner Schreibweise nicht von jedem verstanden werden muss, denn eine Erfahrung, die aufgeschrieben wird, hat einen Ursprung, einen genauen Bezug, aber der Leser muss diesen nicht kennen und muss ihn auch nicht vollständig entschlüsseln. Diese Bezüge sind der Motor meines Schreibens, weil sie mich bewegen; wenn sie jemand versteht, ist es gut und wenn nicht, dann auch. Das Buch bleibt, was es ist, und der Leser muss nicht extrem gebildet sein, aber ein gebildeterer Leser versteht vielleicht das Buch auf mehreren Ebenen. Mir gefällt, dass meine Bücher viele Schichten aufweisen.

Haben Sie noch weitere Projekte für einen Roman oder für Erzählungen? Wissen Sie schon mit welchen Themen Sie sich beschäftigen werden?

Ich habe gerade einen Roman beendet, der „Die Geschichte meiner Zähne“ heißt, es ist eher eine Satire. Es ist ein Roman, den ich in Fortsetzungen für die Arbeiter einer Fabrik schrieb. Ich schrieb unter einem Pseudonym, einem männlichen Pseudonym, weil es Arbeiter, in Mexiko, also Männer waren – ich glaubte, dass ich einen Erzähler erfinden musste, um mich ihnen mehr annähern zu können. Die einzelnen Teile wurden den Arbeitern vorgelesen, sie kommentierten und kritisierten sie, sie sprachen dabei von ihrem Leben. All das, die Assoziationen zur Lektüre und die Gespräche, wurden als MP3-Datei aufgezeichnet und mir nach New York geschickt. Ich hörte es mir an und schrieb davon ausgehend dann den nächsten Teil. Das war wie ein Fortsetzungsroman nach der Art des 19. Jahrhunderts.

Im Moment trage ich mich mit einem ganz anderen Roman, den ich seit etwa fünf Jahren zu schreiben versuche. Es ist ein Roman, der auch mehr autobiografisches Material enthält, und zwar über die Jahre, die ich in Südafrika gelebt habe. Ich schreibe ihn auf Englisch.

Renate Heß: Stellt das Schreiben auch heute noch eine Zuflucht für Sie dar?

Ja, im guten Sinne, ja. Ein Beispiel: wenn ich ins Ausland fahre, hole ich als erstes das Notizheft und den Füller heraus, wenn ich ankomme. Das gibt mir einen Halt, eine Sicherheit. Aber jenseits dieser Geste, die eher eine Erweiterung des Denkens als etwas anderes ist, bildet das Schreiben einen Ort, an dem ich eine ungeheure Freiheit der Erkundung spüre. Ich fühle mich nicht notwendigerweise sicher, weil man auch Risiken eingehen muss, aber es ist ein Ort der Erforschung.

Gabriele Spiewok: Meine letzte Frage: Bei den Mittelamerika-Tagen behaupteten Sergio Ramirez und Lutz Kliche, dass viele oder sogar alle jungen mittelamerikanischen Schriftsteller nicht daran interessiert seien, sich mit historischen oder sozialen Themen in ihren Werken auseinanderzusetzen. Wie denken Sie darüber?

Ich sehe es ganz anders. Ich glaube, dass das, was sie gesagt haben, doch sehr kategorisch ist. Es gibt viele junge Schriftsteller, die sich mit gegenwärtigen politischen Problemen beschäftigen: viele schreiben Romane über den Drogenhandel, über den Zerfall von Staaten, über die Probleme Lateinamerikas, das sind Themen, die unserer Generation nicht fremd sind. Aber wir sind auch eine Generation, die sich viel freier als die vorangegangenen Generationen fühlt, da wir nicht die Verpflichtung empfinden, die aktuelle politische Realität Lateinamerikas darzustellen. Mich interessiert es vielmehr über Alltägliches zu schreiben, wie z.B. über die Machtbeziehungen in einer Partnerschaft, über die Eifersucht, über den Neid, die Einsamkeit, die Melancholie, die Verrücktheit; das heißt, dass mich Themen interessieren, die dem Politischen nicht fern sind. Das sind doch keine irrealen, weniger realistischen oder nicht-aktuellen Themen. Sie sind aktuell und wichtig, weil sie einen wesentlichen Teil der menschlichen Erfahrung darstellen. Irgendwann werde ich wohl auch einen Roman mit einem eher sozialen Inhalt schreiben, einen offensichtlicher politischen oder historischen Roman.

Die These erscheint mir zu kategorisch, aber historisch gesehen ist es verständlich. Sergio Ramirez bewundere ich sehr, er ist wie das letzte Verbindungsglied zur Generation des „Booms“, die sich als Repräsentant eines Kontinents verstanden hat. Das sind Intellektuelle des öffentlichen Lebens, die auf irgendeine Weise eine politische Meinung haben müssen. Ich glaube, dass wir jüngeren Schriftsteller weder die Notwendigkeit spüren ein Volk anzuführen, noch es zu repräsentieren. Aber wir sind politisch, wir haben eine Meinung.

Das Gespräch führten und übersetzten aus dem Spanischen Gabriele Spiewok und Renate Heß. Beide Autorinnen arbeiten bei Radio Darmstadt. Gabriele Spiewok war zuvor als Lehrerin u.a. in Nicaragua und Ecuador tätig, Renate Heß lebt als freie Journalistin und Übersetzerin in Darmstadt.

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erstellt am 01.6.2014

Valeria Luiselli
Valeria Luiselli

Valeria Luiselli
Die Schwerelosen
Übersetzt von Dagmar Ploetz
190 Seiten
ISBN 978-3-88897-819-7
Verlag Antje Kunstmann, München 2013

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