Wenn die Haare glühen wie leuchtende Antennen, die heimlich Signale nach oben senden, befinden wir uns in einem poetischen Text von Nancy Hünger. Ihr neues Buch trägt den Titel „Wir sind golden, wir sind aus Blut“ Ein Familienalbum. Bernd Leukert hat es gelesen und empfiehlt es nachdrücklich.

buchkritik

Sprung und Falte

Nancy Hüngers Familienalbum „Wir sind golden, wir sind aus Blut“

Von Bernd Leukert

Das Buch „Halt dich fern“ hatte große Erwartungen entstehen lassen; das neue Buch „Wir sind golden, wir sind aus Blut“ enttäuscht sie nicht. Der Titel trägt die Unterzeile „Ein Familienalbum“. Sie zielt weniger auf Karl Kraus’ ‚Familienbande’, hält sich aber weit entfernt vom gemeinhin beschworenen Paradies der Kindheit, dessen Voraussetzung der bergende Schoß der Familie ist. Dagegen ist von den ‚Höllenkreisen ihrer Kindheit’ die Rede und vom Schindanger. Aber nicht das Elend wird beschworen, sondern – beängstigend genug – die Prägungen der Kindheit, die als Sentenzen in Dauerschleifen unaufhörlich im Gedächtnis kreisen.

Was das Buch über die Kindheit verrät, soll nicht verraten werden, denn es gehört einerseits zum Unterstrom dieser faszinierenden Beschwörung, andererseits ist es für ihre poetische Qualität nicht von Belang. In diesem dichten Text ist nichts zufällig oder gar von geringerer Bedeutung. Und dem Leser sollten die darin verstreuten Spuren nicht entgehen: Wir sind die Letzten, die letzten in der Reihe glücklicher Kinder und kramen in unserem spärlichen Wortschatz nach abgesunkenen Reimen. Ein paar Zeilen weiter aber liest man: später hagelt es Schellen, ein fünffingriges Mal auf unseren Wangen ist Platz genug, wir halten auch die andere hin … Zur offenbaren Musikalität des Textes, den Prosa zu nennen sich fast verbietet, gehört nicht nur der flexibel leitende rhythmische Verlauf und die ausgehörte Klanglichkeit, sondern auch eine komplexe Binnenstruktur. Worte, Wendungen und ganze Sätze, deren Wiederholung das Ganze gliedern wie Grundmauern eine einstigen Stadt, klammern sich überlagernde Areale ein und verändern zugleich durch die neuen Kontexte ihre Bedeutung. Hauptmotive wie das Sonntagskleid, das Mädchen vor der Tür, die Flucht, die Cousins oder das Spiel ‚Wir setzen alles’ eröffnen immer wieder eine jeweils neue, rückblickende oder vorschauende ‚Szene’. Die formale Anlage lässt Exposition, Durchführung(en), Themenkombinationen, Coda erkennen und Variationssätze, die aus dem Textinhalt hervorgehen: kommt es dir nicht vor, als hätten wir alles schon einmal gehört, als liefe diese Platte seit Anbeginn hat einen Sprung, wiederhole ich mich, wiederholst du dich, HABEN WIR EINEN SPRUNG und erzählen Immergleiches nur neu sortiert ist es doch das Immerimmergleiche wird wohl nicht weniger wichtig, nutzt sich nicht ab oder doch. Hier von einer Komposition zu sprechen, ist also nicht übertrieben. Die 26 Abschnitte, deren jeder seine versale Überschrift umschließt, sind selbst Komposita, zu Kettensätzen zusammengesetzt aus den mehr oder weniger intelligenten Sprüchen der Erwachsenen, die in Kinderköpfen hängenbleiben, Textfragmenten tausendmal gehörter Schlager aus den 60ern: Rote Rosen, griechischer Wein, alten Redewendungen oder inneren Monologen, die den Worten nachspüren: das ist nun wirklich ein vergebliches Gefühl, aber es muss gefühlt werden, das ist unerlässlich und nichts ist ja vergeblicher als die Liebe, weil man sich vergibt, so kompromisslos, auch anspruchslos daherschenkt, so muss, nur so darf und kann geliebt werden: vergeblich.

Worte kennzeichnen dieses Familienalbum, die wie Drehkreuze funktionieren, Nomen, die – unter Umgehung der Grammatik – zugleich Subjekt des nächsten Satzes sind (… durch unsere Köpfe schwimmt ein seniles Krokodil kaut auf unseren Nerven oder anders: es fließt Blut aus unseren Ohren fließen rote Rosen.)

Hüngers Gabe, das Dramatische und Entsetzliche mit einer kurzen Bemerkung unter den phantastischen Sprachbildern hervorblitzen zu lassen, ist hier souverän eingesetzt. So endet etwa ein Abschnitt, der von in Koffern, Beuteln, Taschen und Kartons aufbewahrten, gefalteten und nach Jahren geordneten Schmerzen handelt und schließlich in eine Suche nach dem Bruder mündet, mit dem wiederholten Satz: ich habe einen Schuss gehört.

„Wir sind golden, wir sind aus Blut“ ist mit Farbfotografien ausgestattet, die Nancy Hünger und der Fotograf Andreas Berner in einem Abrisshaus fanden. Von der Nässe zusammengeklebt, auf der Oberfläche beschädigt, farbverfälscht, also mit nicht mehr ganz erkennbaren, eher ahnbaren Motiven sind sie nicht Illustrationen des Textes, sondern Gegenstücke des großartigen Familienalbums, mit dem die Autorin magische Erinnerungen aufruft und in beeindruckende Literatur verwandelt. Es ist ein großes Glück, Nancy Hünger zu lesen.

Wir sind golden, wir sind aus Blut. Wir tragen unsere Sonntagskleider und beglückwünschen uns zum Leben, unserem verlängerten Haltbarkeitsdatum gedenken wir einmal im Jahr geben wir eine Luftpost an die Hinterbliebenen auf, schicken Briefe durch die Schornsteine und lesen die Nachrichten aus den dunklen Gründen der Ascheeimer, dort schimmern leichte Wortschuppen tragen wir in unseren aufgefächerten Kleidern auf die Friedhöfe den Großmüttern zum Gruß streuen wir unsere kargen Wortreste über die Beete, damit die Kartoffeln auch im nächsten Jahr gedeihen, bereiten wir ihnen Schmerz.

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erstellt am 30.5.2014

Nancy Hünger
Nancy Hünger

Nancy Hünger
Wir sind golden, wir sind aus Blut
Ein Familienalbum
Gebunden, 80 Seiten
ISBN: 978-3-942375-14-6
Edition AZUR, Dresden 2014

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