Rüdiger Dingemann ist entlang der ehemaligen Grenze zwischen den zwei deutschen Staaten gereist. Daraus ist eine Art Reiseführer, angereichert mit historischen Exkursen, entstanden. Was Dingemann an der ehemaligen Grenze vorfand und recherchierte, vereint die Schönheiten der Gegend und die Widersprüche der von Menschen geschaffenen Geschichte, meint Thomas Rothschild.

buchkritik

Feldwege statt Schutzwall

Von Thomas Rothschild

Die Buchillustration, einst eine hoch entwickelte Kunst, ist aus der Mode gekommen. Heute gibt es bildfreie Druckerzeugnisse auf der einen und Kunst- oder Fotobände auf der anderen Seite. Dass sich Bild und Text gleichgewichtig ergänzen, dass sie zusammen mehr ergeben als jedes für sich allein sein könnte, ist selten. Das scheint umso erstaunlicher, als unaufhörlich die Rede ist vom Ende der verbalen Kommunikation, von der Vorherrschaft des Bildes. Gerade erst, am 25. Mai, verkündete ein langer Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ den „Abschied von der Schrift“, das „Ende der Schriftkultur“ – in Schrift, versteht sich. Wenn die Diagnose aber stimmte: läge es da nicht nahe, die Möglichkeiten der Symbiose auszuschöpfen?

Da liegt uns, als wollte er den Gegenbeweis antreten, ein vorbildlich gedruckter, sinnvollerweise großformatiger Band vor, in dem ein Reisebericht von Rüdiger Dingemann, begleitet von zahlreichen Farbfotos, quer durch Deutschland führt. Als Widmung variiert der Autor einen Filmtitel von Alain Tanner und verweist damit in die Zukunft, in das Jahr 2039, wenn die deutsche Teilung 90 Jahre zurückliegen, eine ferne Erinnerung sein wird wie heute der Kapp-Putsch. Die deutsche Teilung? Dingemann hat nicht den üblichen Weg durch die großen Städte gewählt, sondern ist der Strecke von Norden nach Süden, von Travemünde bis zum Dreiländereck zwischen Bayern, Sachsen und der Tschechischen Republik, gefolgt, auf der sich 40 Jahre lang die Grenze zwischen den zwei deutschen Staaten befand. Heute ist die einstige Trennungslinie ein „Grünes Band“, ein Stück zurück eroberter Natur. Entstanden ist eine Art Reiseführer, angereichert mit historischen Exkursen, der dazu einlädt, der Spur zu folgen. Sie führt vorbei an Ratzeburg, am Schaalsee, an Dömitz, an Schnackenburg, an Salzwedel, wo die spätere Frau von Karl Marx geboren wurde, an Wittingen, an Wolfsburg, am Brocken, wo sich bekanntlich in der Walpurgisnacht die Hexen treffen – an die „Dichter im Harz“ erinnert ein spezieller Einschub –, an Braunlage, an Friedland, wo viele Flüchtlinge ihre erste Unterkunft fanden, an der Werra, an Sonneberg, an dem Dorf Mödlareuth, durch das einst die Grenze zwischen BRD und DDR verlief und das auch heute noch zur Hälfte zu Bayern und zur Hälfte zu Thüringen gehört: eine Situation wie in Görlitz/Zgorzelec, nur dass man auf beiden Seiten des Flusses (mehr oder weniger) deutsch spricht.

Zur Geschichte, die mit der Reiseroute verbunden ist, gehören unter anderem eine Außenstelle des KZ Neuengamme in Boizenburg und das Konzentrationslager Dora-Mittelbau bei Nordhausen, wo ein Drittel von 60000 Zwangsarbeitern ums Leben kam, der Kampf gegen das Atommüll-Endlager Gorleben und natürlich immer wieder die kleinen und großen Konflikte zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Landschaft ist immer mehr als nur Wiesen, Felder und Bäume. Was Dingemann an der ehemaligen Grenze vorfand und recherchierte, vereint beides, wie Schrift und Bild: die Schönheiten der Gegend und die Widersprüche der von Menschen geschaffenen Geschichte. Beides geht mitten durch Deutschland.

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erstellt am 30.5.2014

Ein Stück der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze bei Großensee, Thürigen und Kleinensee, Hessen. Foto: R. Lüdde

Rüdiger Dingemann
Mitten in Deutschland. Entdeckungen an der ehemaligen Grenze
224 Seiten
ISBN: 978-3-86690-381-4
National Geographic, Hamburg 2014

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Historische Tafel in Schnackenburg, Niedersachsen. Foto: R. Lüdde

Monte Kali bei Heringen Großensee – Kleinensee. Foto: R. Lüdde