Die Frankfurter Artothek feiert ihr 25-jähriges Jubiläum mit einer Ausstellung des Malerkollektivs „King Kong Kunstkabinett“, deren Arbeiten zur Grundausstattung der Artothek gehören. Die Kunsthistorikerin Petra Skiba hat sich die Ausstellung angesehen.

ausstellung in frankfurt

„Viel passiert“

Zur Orientierung zunächst einige Informationen zur künstlerischen Biographie des Kollektivs. München ist neben Frankfurt das Hauptquartier der Kunstproduktion des King Kong Kunstkabinetts. Hier lernten sich die drei 1968 beim Studium an der Akademie der bildenden Künste kennen und hier beginnen sie ab 1977 als Künstlergruppe zu arbeiten. King Kong Kunstkabinett ist nicht nur der Name dieser Künstlergemeinschaft, er ist zugleich identisch mit einem Erfahrungs-, Experimental- und Arbeitsraum: oder auch kurz dem Atelier der drei Künstler. Die Wortschöpfung King Kong Kunstkabinett, die schnell zu allerlei Interpretationen verführen kann, hat keinen programmatischen Hintergrund. Sie ist, laut verlässlicher Aussage der Künstler, eher zufällig entstanden, als sie in den 70ern des letzten Jahrhunderts das Cover der Frankfurter Studentenzeitung „Diskus“ entwarfen, auf dem jenes Filmungeheuer im Mittelpunkt stand.

Kunsthistorisch zuordnen lässt sich das KKK z.B. zu der bekannten Informell-Gruppe Cobra, in deren Tradition expressiver Malerei sich die Künstler auch ursprünglich verstanden. Sehr viel anregender und lokal näher aber waren die ebenfalls expressiv ausgerichteten Münchner Künstlergruppen: die früheren Gruppen Spur (1957-1965), Geflecht (1965-1968) und in der Gründungszeit des KKK das Kollektiv Herzogstraße (1975-1982). Zu der gleichzeitig beginnenden Malgruppe WeibsBilder (1977-1988) bestand anregende und freundschaftliche Nähe.

Der große Unterschied aber zu all den genannten Gruppen ist: Bis heute – also seit immerhin 37 Jahren – arbeiten die drei Künstler zusammen. Was heißt, sie treten mit keinem Werk an die Öffentlichkeit, bei dem nicht jeder von ihnen mitgewirkt hat. Kein Wunder, sondern – wie sie sagen- einfach „nur Glück gehabt“. Auch wenn diese lässig, charmante Begründung erst mal überzeugt, setzt diese Teamarbeit doch Freundschaft, Ausdauer, Toleranz, Konfliktfähigkeit und einen scheinbar unüberwindbaren Hang am Festhalten an der nach wie vor als Utopie verschrienen kollektiven Kunst voraus.

Nicht Selbstbezogenheit und Eitelkeit, diese sonst so weitläufig verbreiteten Eigenschaften der individualisierten Kunstproduktion, bestimmen die Arbeit, sondern ein gemeinsames konzeptuelles künstlerisches Engagement. Vielleicht gelingt dies hier auch deswegen so anhaltend lange, weil, wie Kandinsky einst auf die Frage, wo der Künstler inmitten der sozialen, gesellschaftlichen und politischen Konflikte stände, erwiderte: über diesen Konflikten.

Im Fokus des KKK steht die Malerei. Daneben gibt es Druckgrafik, viele mit Texten illustrierte Grafiken, Kleinst- und Kleinplastiken, gelegentliche Videoarbeiten und eine Reihe von Kunstfilmen. Bei den Filmen sind Bilder, Sprache und Figuren in Bewegung, die Künstler sprechen hier von einer (Zitat) „Durchdringung der Wahrnehmung von Bildern, Tönen und Apparaten“. Anliegen der vielfältigen Arbeiten des Kabinetts ist die Vermischung unterschiedlicher Bildsprachen und das immer wieder überraschend freie und freche Spiel mit deren verschiedenen Ausdrucksvarianten. Und auch hier gilt: Jede Arbeit entsteht als „work in progress“, jeder reagiert auf das, was der andere einbringt, treibt es weiter und korrigiert.

Bis heute gibt es viele Überlegungen, die zur Kunst des Kabinetts formuliert worden sind: subjektive analysierende Bildbeschreibungen, theoretisch-philosophische Interpretationen untermauert mit respekteinflößenden Namen von Adorno bis Sloterdijk. Und soziologisch-politische Betrachtungen von Menschen, die vom Alter und der Sozialisation her den Künstlern nahestehen. Dies alles erweitere ich ganz im Sinne der „Gnade der späteren Geburt“ um meinen persönlichen Blick auf die Bilder des King-Kong-Kunstkabinetts.

Das heißt, wie begegne ich den Bildern der Gruppe? Ich nähere mich ihnen meist in Etappen:

Ein erstes Stimmungsbarometer sind für mich die Farben: Die besondere vielfältige Farbigkeit, die Vielschichtigkeit und Methode des Farbauftrages – abwechselnd pastos und lasierend verwendet. Die Farbe erschließt sich mir erst einmal ohne den Gegenstand, also ganz autonom. Auch wenn die Farben nur selten unabhängig von den Gegenständen, den Figuren stehen, haben sie doch immer auch ein Eigenleben. Oft bringt mich der Umgang mit der Farbe in eine Desorientierung. Monochrome konstruierte Farbflächen, die viele kleine und größere Teile der Bildfläche ausmachen, verorten mich dann wieder.

Dann kommen die Bildszenen in meinen Blick. Figürlich-Gegenständliches steht im Vordergrund und gibt mir Inhalte vor. Abstrahierende Anteile im Hintergrund lenken manchmal davon wieder ab. Also eigentlich genau gegenläufig zu meiner Wahrnehmung der Farben! Wenn ich mich hier in der Artothek umschaue, dann sehe ich futuristisch-chaotische Szenerien, anarchisch-surreale und grotesk-absurde. Allesamt aber sind es Situationen, die mir irgendwie bekannt vorkommen. Fast immer schleicht sich ein Gefühl ein, dass ich mich ertappt fühle. Aber bei was eigentlich? Irgendwie habe ich das alles schon einmal gesehen oder erlebt. Wo auch immer: im Alltag, in meinem gesellschaftlichen Umfeld, im Fernsehen, im Film, in der Werbung oder gar bei mir zu Hause? Ich sehe also eine Vielfalt realer Typen, Situationen und Geschichten: Wie das Leben mit samt seinen privaten, gesellschaftlichen und politischen Ereignissen und Wirklichkeiten. Eben die „kleinen“ und die „großen“ Dramen! Aber niemals ernsthaft anklagend!

Dann sind da die merkwürdigen Raumkonstellationen und die eigenartige Schwerelosigkeit der Figuren und Gegenstände. Diese sind in Verbindung zu den Farbflächen spielerisch so ins Bild gesetzt, dass jedes zu einer Einheit aus einer Vielfalt von Kompositionen wird.
Und wie steht es mit der Perspektive? Sie ist ungewohnt, geradezu ein Perspektivmix: Eigentlich ist alles an seinem Platz, wo es hingehört, aber dann eben doch nicht. Der angestammte Platz scheint allemal instabil. Die Künstler selbst sprechen über einen „Kippeffekt“, den sie in den Bildräumen schaffen. Dies erscheint mir wie die alltägliche Wirklichkeit, die ständig zu kippen droht.

Die Titel der Bilder stehen meist auffällig links oben im Bild: Sie sind es, die mich zum schmunzeln bringen oder auch mal lauthals lachen lassen. Eigentlich sind es die Titel, die die humoristische, ironische, manchmal auch spöttische Grundierung der Bilder ausmachen. Aber wenn ich den Titel mit den Bildszenen oder gar den Bilddetails in Verbindung zu bringen versuche, bleibt mir das Lachen manchmal auch im Halse stecken. Dann wird mir der Ernst der Lage bewusst!!!

Manchmal fällt es schwer, die Bilder als Ganzes zu erfassen. Auch wenn sie wegen der vermeintlich banalen Gegenstände und Szenen erst einmal überschaubar, gar leicht zu entschlüsseln scheinen. Natürlich kann man die Beziehungen der Figuren und Gegenstände zueinander in der beschreibenden Auseinandersetzung auf ihren Zusammenhang hin prüfen. So erschließt sich zumindest ein etappenweises „AHA“. Aber nicht zwangsläufig ein klares Resultat. Die Bilder sind eben eine Summe von Ergänzungen, so wie der Arbeitsprozess des Kabinetts. Hier muss man es aushalten, das Sehen als einen nicht abschließbaren Reflexionsprozess zu erfahren.
„Kunst ist eben nicht für die totale Betrachtung gemacht“, so sagte schon Thomas Bernhard.

Und ich stehe auch manchmal ratlos vor den Bildern des Kabinetts, nehme Widerstand in mir wahr. Bei allem Humor und aller Ironie schlägt mich oft etwas gnadenlos ins Gesicht oder besser aufs Gemüt. Dies kann sich erschreckend, entlarvend und verspottend zugleich anfühlen. Schonungslos eben! Und das ist gut so! Denn Kunst „übersetzt“ das normale, diffuse in eine Form, die für unser Gemüt, die Erlebniszentrale, fassbar ist als Konzentrat, Sensation und Wahrheitsempfinden. Fassbar als Gestalt, nicht als Begriff. Kunst irritiert bei klarstem Verstand. Und das passiert auf jeden Fall bei diesen Bildern.

Walter Amann, Wolfgang Schikora und Ulrich Zierold präsentieren die Welt eben nicht als Aussichtsarrangeure. Sie machen keine Marktkunst, – auch wenn sie natürlich ihre Kunst vermarkten – sie fabrizieren nicht auf bereits vorgegebene Rezeptionsnischen, sondern bestimmen ihren eigenen Modus. Die Bilder des Kabinetts fordern unsere bildnerische Intelligenz heraus. Sie testen unsere Erlebnisfähigkeit. Sie reizen, auch zum Lachen! Und schärfen den Blick, um das nervöse Augenpulver unserer Medienabbildungen abzuwischen, – und sich auf eine andere Blickspur zu begeben. Allein und immer öfter mit Anderen.

King Kong Kunstkabinett in Frankfurt - Ausstellung vom 16.Mai bis 5.Juli 2014 from Vladimir Majdandzic on Vimeo.

Petra Skiba ist Kunsthistorikerin.

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erstellt am 28.5.2014

ausstellung in frankfurt

Viel passiert (Kollektive Malerei)

Walter Amann, Wolfgang Schikora, Ulrich Zierold

Bis 5. Juli 2014

Artothek Frankfurt, Klappergasse 12, Frankfurt am Main