literaturfestival frankfurt rhein-main

LiteraTurm

Die Frage nach der literarischen Figuration von Zeit stand im Zentrum des diesjährigen Literaturfestivals LiteraTurm. In ihrem Gastbeitrag präzisiert Sonja Vandenrath, die Leiterin des Festivals, die Fragestellung und stellt sie in den Kontext aktueller Diskurse.

literaturm 2014

Zeit am Werk. Literatur und Zeit

Von Sonja Vandenrath

Die Zeit als Stoff, als Form sowie als Objekt der deutschsprachigen Gegenwarts-literatur steht im Zentrum von literaTurm 2014. Das Frankfurter Literaturfestival literaTurm setzt als Konzeptfestival einen wechselnden thematischen Schwerpunkt. In diesem Jahr haben wir uns mit der literarischen Figuration von Zeit ein Thema ausgesucht, in dem Form und Inhalt wie kaum sonst ineinanderfließen.

Dass literarische Texte unendlich verstrickt mit der Zeit sind, wissen wir seit Lessing. Die Literatur, so das erzähltheoretische Paradigma, speichert, materialisiert und modelliert Zeit. Sie macht sichtbar, was sich jenseits des Tickens der Uhr abspielt, und konstruiert komplexe Zeitordnungen, die autonom und real zugleich sind. Im literarische Modus des „Als-Ob“ wird das Vergangene gegenwärtig und das Künftige zum Gewesenen. Und wie steht es um die Kehrseite, die Zeit? Sie verleiht der Sprache Rhythmus, liefert ihr Stoffe, strukturiert literarische Ereignisse und gibt ihnen Präsenz. „Die Zeit wird in dem Maß zur menschlichen, wie sie narrativ formuliert wird; umgekehrt ist sie in dem Maße bedeutungsvoll, wie sie Züge der Zeiterfahrung trägt“, so Paul Ricoeur. Dem Autor ist sie ein unerbittlicher Diktator beim Schreiben, dem Leser ein Versprechen auf Zeitlosigkeit bei der Lektüre. So verwandelt sich Zeit in Text, und der Text erzeugt seine Eigenzeit.

Doch wie verhält es sich mit der Reziprozität von Zeit und Literatur in einer – wie jüngst wieder Aleida Assmann schrieb – polychronen Moderne, in der das lineare Zeitmodell des Kontinuums in unendlich viele Eigenzeiten zerfällt? Wie lässt sich Zeit literarisch figurieren, wenn das Internet und die visuellen Medien zeitliche Differenzen außer Kraft setzen? Ist die Suche nach der verlorenen Zeit nicht längst abgeschlossen und Temporalität zumindest im avancierten Gegenwartsroman zersplittert in ein dissonantes Tableau aus unendlich vielen Eigenzeiten, die sich einer Rekonstruktion weitgehend entziehen? Sind diese zeitlichen Ordnungen Ausdruck der Kapitulation vor heterogenen Zeitmodellen, deren physikalische Eigenschaften selbst Wissenschaftler nicht mehr verstehen? Und soll die Literatur einem Beschleunigungsdiktat (Hartmut Rosa) folgen, das ökonomische Transaktionen in Nanosekunden absolviert? Welche Wahrheit von Zeit kann die Gegenwartsliteratur also heute noch eröffnen?

Fragen, die zeigen, dass der radikale Wandel des Zeitverständnisses auch in seiner Wechselwirkung zur Literatur neu ausgelotet werden muss. Und dies nicht, um nach post-postmodernen Beschleunigungsromanen zu fahnden oder gar einem „time turn“, wie ihn großangelegte Forschungsprojekte behaupten (1), zu sekundieren. Statt uns mit Metadiskursen zu beschäftigen, legen wir es auf die Praxis der literarischen Inszenierung und Darstellung von Zeit aus der Perspektive von Schriftstellern und Wissenschaftlern an. Podiumsdiskussionen über den Wandel von Zeitvorstellungen, die Ästhetik der Zeit und den Science-Fiction-Roman arrondieren das Programm.

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erstellt am 27.5.2014