Seit 1995 zeugt der Verein „Jugend für Dora“ für die überlebenden Zeugen von Zwangsarbeit und Gewaltherrschaft im KZ Mittelbau-Dora. Nun legt er selbst ein Zeugnis seiner Arbeit vor. In mehrsprachigen Texten und mit berührenden Bildern geben seine Mitglieder Einblicke in transgenerationales Erinnern einer traumatischen Vergangenheit, berichtet Bruno Laberthier.

erinnerungskultur

„11. 4.“

Ein schmaler Bildband legt Zeugnis ab von einem groß(artig)en Anliegen

Von Bruno Laberthier

gemeinsam – together – ensemble – wspólnie – вместе: 11. 4. lautet der unprätentiöse und zunächst etwas enigmatische Titel einer querformatigen DIN-A-4 Broschüre. Wenn man sich die Zeit nimmt, die knapp fünfzigseitige Publikation durchzublättern, die sich rasch als kleiner Bildband entpuppt, wird schnell klar, was genau es mit dem 11. 4. auf sich hat. Und man vollzieht die besonderen Begegnungen nach, die es seit annähernd zwanzig Jahren zwischen jungen Europäern auf der einen Seite, und gegen den Willen und die verbrecherischen Pläne der Großelterngeneration der deutschen unter den Jugendlichen altgewordenen Europäer auf der anderen kommt.

Bei den „Altgewordenen“ handelt es sich um ehemalige Häftlinge und Überlebende des nationalsozialistischen KZs Mittelbau-Dora in Nordthüringen. Als Reaktion auf die Lufthoheit der Alliierten über dem Reich gegründet, mussten insgesamt circa 60 000 politische und aus rassischen Gründen internierte Häftlinge des Hauptlagers Dora und den etwa vierzig Nebenlagern seit dem Spätherbst 1943 Zwangsarbeit in den unterirdischen Stollenanlagen der „Mittelwerke“ leisten: in der Produktion sogenannter Wunderwaffen und den V2-Raketen Wernher von Brauns, vor allem aber in zahllosen Baukommandos. Es handelte sich um Sklavenarbeit von seltener Sinnlosigkeit – der Zweite Weltkrieg war zu diesem Zeitpunkt so gut wie entschieden – und selten hohem Blutzoll für die Gefangenen. Bis zum Tag der Befreiung Doras am 11. 4. 1945 durch US-amerikanische Einheiten – dem titelgebenden Datum für die Publikation – kamen Tausende in den Mittelbau-Lagern zu Tode. Zahleiche Opfer forderten zudem die Todesmärsche, auf die SS und Lagerverwaltung die längst entkräfteten Häftlinge angesichts der näher rückenden Front schickte. Eine Reihe beeindruckender grafischer Zeugnisse aus den Mittelbau-Dora-Lagern war auf einem dieser Todesmärsche zunächst verschollen, ehe sie jüngst wiederentdeckt und zu einer beeindruckenden Ausstellung aufbereitet wurden.

Die „altgewordenen“ Überlebenden, deren Zahl sich von Jahr zu Jahr dezimiert, sind Zeugen des Grauens. Sie befinden sich heute im hohen achten oder neunten Lebensjahrzehnt und leben in der Ukraine und Polen, in den Niederlanden und Belgien, Frankreich, Israel, Australien, den Vereinigten Staaten und Deutschland. Sie reisen nach Nordhausen, manche nach Jahrzehnten zum ersten Mal, nehmen an Gedenkveranstaltungen teil und gehen bei diesen Anlässen auf die Nachfahren ihrer Peiniger zu. Weil sie es als Auftrag empfinden: „wir, die Überlebenden, haben die Aufgabe, vor den jungen Generationen Zeugnis abzulegen“, formuliert es zum 61. Jahrestag der Befreiung im Jahr 2006 der slowenische Dora-Überlebende Boris Pahor, der heute zu den großen Literaturschaffenden seines Landes gezählt wird. Bernard d’Astorg sprach ein Jahr zuvor von einer „Erinnerungspflicht“ auch und gerade für die Nachgeborenen seiner Generation. Beide Statements finden sich im Centerfold der Broschüre: als kursorisch Blätternder schlägt man sie sofort auf und liest nacheinander sie in deutscher, englischer, französischer, polnischer und russischer Sprache.

Das Zugehen auf die jungen Deutschen, das Zeugnis-Ablegen vor ihnen wäre um vieles komplizierter für die KZ-Überlebenden, gäbe es Vereine wie „Jugend für Dora“ nicht. Anlässlich des 50. Jahrestags der Befreiung im Jahr 1995 und auf Anregung eines französischen Überlebenden ins Leben gerufen, nahmen die Vereinsgründer/innen um Dorothea August ihre Rolle als Zeugen der Zeugen von Anfang an ernst und betreiben das Be-zeugen und Be-treuen der ihnen anvertrauten altgewordenen Häftlinge von einst mit beispiellosem Engagement: manchmal sogar schon ihrerseits in zweiter Generation. Workcamps im Sommer, Bildungsreisen, Studienfahrten und Projekte wie die Herrichtung und Kenntlichmachung von noch nicht als solche ausgewiesenen Gedenkorten ergänzen, was die Erinnerungsarbeit des Vereins betrifft, den direkten Kontakt mit den ehemaligen Häftlingen zu den Jahrestagen und zeigen, dass Erinnern nicht rückwärtsgewandt bleiben darf, sondern in der Gegenwart für die Zukunft Gestalten heißt. Dieses Engagement hat dem Verein im Jahr 2007 den Regine Hildebrandt-Preis eingebracht.

„Ich erinnere mich an den Augenblick, als sich zwei Überlebende im ehemaligen Krematorium trafen, sich, zu Tränen gerührt, umarmten und mit den Worten begrüßten: ‚Schön, dass du überlebt hast‘.“ (Sarah)

„11. 4.“ dokumentiert den Dreh- und Angelpunkt der Aktivitäten des Vereins, die Begegnungen seiner Mitglieder mit den Überlebenden, die Jahr für Jahr an einem Tag im April in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora stattfinden. Es handelt sich um doppelte und im Sinn des Bandtitels gemeinsame Gedächtnisarbeit: um das leidvolle Erinnern der bis an den Rand der physischen Existenz geschundenen Häftlinge von damals, die ihrer Mithäftlingen gedenken und jedes Mal aufs Neue dankbar sind, einander im Überleben zu erkennen. Um neben dem Bezeugen ihrer Erinnerung an das Erlebte um das Erinnern der „Jugend für Dora“-Mitglieder an ihre besonderen, besonders eindrucksvollen Erlebnisse mit den Überlebenden.

Den größten Eindruck hinterlassen jedoch die Fotos. Sie zeigen nachdenkliche Altgewordene und junge Mittrauernde in offiziellen und informellen Situationen, manchmal in intimen Momenten – und manchmal in verblüffender Heiterkeit, mit- und nebeneinander. Eben: gemeinsam. Als Betrachter spürt man auf diesen Bildern die besondere Atmosphäre, die sich in zwei Jahrzehnten zwischen den alten Männern (internierte Frauen gab es in den Dora-Lagern so gut wie keine) und den jungen Leuten entwickelt hat. Brücken sind längst geschlagen, das Eis ist gebrochen, und Dankbarkeit ist die kleine Gegengabe der Überlebenden für die Verantwortung, die die Jugend für Dora-Mitglieder mit viel Ernsthaftigkeit und – ja, das auch – jeder Menge guter Laune übernehmen.

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erstellt am 26.5.2014

Blick in den Bildband

11. 4.
gemeinsam – together – ensemble – wspólnie – вместе
Herausgegeben von „Jugend für Dora“ e.V.
Nordhausen 2014, limitierte Auflage

Zu beziehen ist der Bildband über Jugend für Dora e.V., c/o KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Kohnsteinweg 20, 99734 Nordhausen, Tel. 03631/495817, E-Mail:

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