Puppentheater und Oper, Klassik und Jazz, Konzert und Kabarett – die diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele setzen auf Grenzgänge zwischen den Genres, berichtet Thomas Rothschild.

ludwigsburger festspiele

Styx und Zion

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2014, Teil 1

Von Thomas Rothschild

Oper plus Marionetten haben im Stuttgarter Raum eine Geschichte. Albrecht Roser, einer der Avantgardisten des deutschen Figurentheaters, hat bereits vor einem Vierteljahrhundert mit seiner hinreißenden Gluck-Inszenierung überrascht. Thomas Wördehoff, der sein unorthodoxes Konzept für die Ludwigsburger Schlossfestspiele gegen kommunale Bedenkenträger nun doch durchsetzen konnte, setzt auf die fortlebende italienische Tradition. Diesmal illustriert die Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Figli Georg Friedrich Händels „Rinaldo“. Das intime barocke Schlosstheater liefert dafür den idealen Rahmen.

Um eine Aktualisierung des genau besehen ziemlich faden Stoffes, in dem auf wundersame Weise Zion und der Styx, Zauberei und Kreuzzüge zusammenkommen, muss sich ein Puppentheater gar nicht erst bemühen. Seine Faszination besteht in der Täuschung, die uns die etwa einen halben Meter großen Marionetten, die im Übrigen auch die Münder bewegen, wie echte Menschen wahrnehmen lässt. Während die Sänger aus dem Orchestergraben erklingen, sehen wir die Puppen wie Opernsänger agieren, etwas statisch zwar, aber mit den typischen Körper- und Kopfbewegungen. Den Rest besorgen fliegende Drachen und marschierende Heerscharen.

Das wäre etwas wenig, wenn Händels Musik nicht zur Geltung käme. Dass sie es tut, verdankt sie den vorzüglichen Countertenören Antonio Giovannini, Yosemeh Adjei und Owen Willetts, den Sopranistinnen Marie Friederike Schöder und Gesche Geier sowie Florian Götz und Cornelius Uhle. Wer zwischendurch seinen Blick von der Bühne abwandte und nach unten schaute, durfte wahrnehmen, mit welcher Begeisterung und Konzentration das junge Ensemble bei der Sache war. Da konnte Marie Friederike Schöder auch mit „Lascia ch‘io pianga mia cruda sorte“, für das Händel die Musik einer Instrumentalkomposition aus „Almira“ und einer seiner schönsten Arien, „Lascia la spina“ aus „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“, übernommen hat, nur bezaubern. Leider befand sich das Ensemble Lautten Compagney unter der Leitung von Wolfgang Katschner nicht auf der Höhe, die man sich bei Festspielen wünschen möchte. Bei den schnellen Stellen geraten einige Instrumente aus dem Takt, fallen die Einsätze auseinander. Vielleicht gab es einfach zu wenig Proben, denn klanglich ließ das kleine Orchester aus Berlin nichts zu wünschen übrig.

Dass man Johann Sebastian Bach, dem zuvor oft das Image des mit mathematischer Akkuratesse auszählbaren Pedanten anhaftete, zum Swingen bringen könne, ist nun schon seit Jahrzehnten bekannt. Damals erlebte der Jazz eine Blüte: Die Konkurrenz mit der weniger ernsten als ernst genommenen so genannten „Klassik“ schien allmählich obsolet zu werden, die Konkurrenz mit der müheloser konsumierbaren, kommerziell leichter verwertbaren Popmusik hatte gerade erst begonnen. Dass es auch heute, da der Jazz nur noch wenig Öffentlichkeit genießt und bei der Kulturförderung als Stiefkind behandelt wird, junge Talente gibt, die sich auf diese Spur begeben, ist keineswegs selbstverständlich.

Die noch nicht einmal dreißigjährige Pianistin Olivia Trummer verjazzt nicht einfach vertraute Bach-Kompositionen, wie es, damals mit erstaunlichem Erfolg, Jacques Loussier oder die Swingle Singers taten. Sie hat eine Paraphrase über Bachs Partita Nr. 1 B-Dur geschrieben, die zwar deutlichen Jazz-Charakter trägt, ohne jedoch die Herkunft aus dem Barock zu verleugnen. Olivia Trummer ist eine technisch virtuose Pianistin. Stellenweise hat man den Eindruck, als spielte sie mit drei Händen. Ihr Anschlag ist hart, trocken, aber nicht forciert. Allerdings fragt man sich, warum der wunderbare Klang des Steinway Flügels über Boxen verzerrt werden muss, so dass man vom Rand der Bühne her hört, was man in deren Zentrum sieht.

Olivia Trummer tritt in ihrem Konzert bei den Schlossfestspielen nicht solo auf, sondern zusammen mit dem noch jüngeren Vibraphonisten Jean-Lou Treboux, der sich allerdings im Hintergrund hält. Im zweiten Teil interpretiert das Duo Eigenkompositionen von Olivia Trummer unter dem Einfluss des Great American Song Book. Bei einigen Titeln singt die Pianistin mit einer vergleichsweise schmalen, nicht besonders wandlungsfähigen Stimme, die aber einen diskreten Reiz ausstrahlt.

Wördehoff ist ein Freund des musikalischen Humors, der im englischsprachigen Raum eher beheimatet ist als in Deutschland. Das schwierige Genre zwischen Konzert und Kabarett, das ein zugleich musikalisch gebildetes und lachbereites Publikum erfordert, hat seine großen Meister: Gerard Hoffnung, Victor Borge, Spike Jones, Anna Russell, Peter Schickele haben Maßstäbe gesetzt. An diese reichen Carrington und Brown mit ihrem Cello nicht heran. Die schauspielerische wie die musikalische Bandbreite der in Berlin lebenden Engländer ist zu eng, um ein zweistündiges Programm zu tragen. Ihre Einfälle wiederholen sich, die Durchführung streift das Dilettantische. Aber offenbar strahlt die gute Laune, die das Duo bei seinen eigenen Darbietungen empfindet, auf das Publikum aus. Das spendete in der Ludwigsburger Karlskaserne eifrig Beifall.

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erstellt am 24.5.2014

Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Figli: „Rinaldo“ © Ida Zenna

Compagnia Marionettistica Carlo Colla e Figli: „Rinaldo“ © Ida Zenna

Olivia Trummer & Jean-Lou Treboux

Carrington-Brown © Jonny Soares