Der 1982 geborene Künstler Jos Diegel ist in den Bereichen Film, Videokunst, Performance, Malerei, Installation, Theater und Projekten an deren Schnittstellen aktiv. In seinem Werk greifen mehrere Medien ineinander. Diegels Arbeiten sind nie bloß erzählerisch, er versucht vielmehr, die Gegebenheiten des Mediums und die Produktions- und Rezeptionsbedingungen mit einzubeziehen. Sine Filme sind Experimentalfilme im besten Sinn des Wortes. In seiner Malerei arbeitet Diegel u.a. auch mit vorgefundenen Gemälden, Medienbildern, Plakaten, die er übermalt, übersprüht und mit Schrift versieht. Seine Arbeiten wirken daher oft plakativ, sie sind bemüht hässlich im Sinne der Verweigerung des Dekorativen. Auch bemüht er sich um eine kritische Aktualisierung situationistischer Ideen. Er besteht darauf, dass man den Widerstand von gestern nicht reproduzieren sollte. Nicht leicht konsumierbar zu sein, ist für Jos Diegel ein Anliegen. Seine Arbeiten sind als Sand im Getriebe der Kunstindustrie konzipiert. Seine Arbeit richtet er darauf aus, öffentlich wirksam und kontrovers zu sein. Er zwingt den Rezipienten dazu, eine Haltung einzunehmen. In einer Zeit der allgemeinen Indifferenz ist das eine Tugend.

Anlässlich seiner Ausstellung bei der Frankfurter Galerie Söffing führte Eugen El mit Jos Diegel ein Gespräch über Kunst und Widerstand in der Gegenwart, über politisches Engagement und Posen.

gespräch über Kunst mit Jos Diegel

»Das Schlimmste ist, authentisch zu sein«

Eugen El: Lieber Jos, ist das politische Engagement eine Art Inspirationsquelle für dich? Oder ist es auch ästhetisches Programm?

Jos Diegel: Das Problem ist die Trennung der beiden Disziplinen. Impulse gehen für mich oft von Menschen, Orten und Momenten aus, von dem, was diese zu sagen haben, was ihr Konflikt bedeutet außerhalb und innerhalb dessen, was wir zusammen und ich mit ihnen mache. Was ich dann mit mir und meiner Perspektive auf die Welt verknüpfe. Das ist ästhetisches Programm. Ich will wissen, was das, was ich da tue, und was der, den ich da treffe, mit mir zu tun hat. Das ist im Übrigen politisch. Und zwar politischer als vieles andere, was man mir so den ganzen Tag erzählen will. Und Engagement ist das auch. An meinem Film „Dauernd musst du etwas machen, was keinen Anfang und kein Ende hat“ (2014) lässt sich das gut nachvollziehen. Der Film ist eng verbunden mit dem Bauernhaus in Sauerlach, in dem wir gedreht haben, den Menschen, die mich dort und in München inspiriert und bewegt haben und anderen, den Gedanken, die um diese Zeit herumkreisten und Beziehungsmomente, und das dann in Verbindung mit einem künstlerischen Prozess, den ich selbst gerade durchmachte. Daraus ist ein Dialogaction-Film geworden mit Bettina Wiehler und Mara Widmann, die ihre eigene Rolle, ihre Beziehungen, ihre Revolte, ihre Performance und ihre Bilder verhandeln. Von Künstlern und Künstlerinnen wird ohnehin angenommen, dass sie Persönlichkeit, Intellekt, Denken, Ausdrucksvermögen und Affekte in den Produktionsprozess einbringen, dann ist das politisch, unabhängig davon, ob im jeweiligen Werk politische Anliegen manifest werden oder nicht. Die, die sich dieser Tatsache verweigern, treffen umso mehr politische Aussagen in ihren Arbeiten. Vielleicht sind sie sich darüber gar nicht bewusst. Aber wir merken dann schnell, dass etwas nicht stimmt, denn Kunst ist immer politisch. Politik und Kunst lassen sich vielleicht voneinander trennen, aber nicht das Politische davon.

Ist Widerstand heute nicht ein Stil, eine schicke Haltung von vielen? Eine Pose gewissermaßen? Zumindest in der Kunst.

Die Frage nach Widerstand als Pose ist ein Spoiler, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Ein Nichteinmischungspakt mit der Wirklichkeit. Man lässt sich gegenseitig in Ruhe und den Rest der Welt ebenso. Ja, das sind alles dramatische Posen und Bilder, auch melodramatisch. Und tragisch, und zwar weil sich die meisten inzwischen gewaltig irren. Anders gesagt, nein. Das kann man sich nicht zu einfach machen: bei uns fragt man nach der Pose des Widerstands in der Kunst, gleichzeitig werden Künstlergruppen aus anderen Ländern bei uns dann zu Widerstandsfiguren glorifiziert. Ich finde, dagegen kann man ganz gut einen Widerstand aufbauen. Ich glaube, es gibt überall Probleme, auch bei uns. Ich habe zu diesem Unverbindlichkeitszirkus vielleicht etwas beizutragen, kann ihm aber nichts abgewinnen. Im besten Fall gibt es eine Spannung und Differenz von Fall zu Fall, Schritt für Schritt in den singulären Strategien des Künstlers und der Künstlerin, immer mit der Gefahr, dass diese sich mit den Klischees der Welt mischen und zur Pose werden. Das beschäftigt mich ganz kontinuierlich. Das habe in einer Art Late-Night-Show „Drei Wochen situativer Realismus in Salzburg“ (2011) im Rahmen der Ausstellung der Internationalen Sommerakademie in Salzburg über 90 Minuten durchgespielt, ohne besonderen Gäste ,ohne große Ideen, weil es die so nicht mehr zu geben scheint. Ein paar Filmschnipsel habe ich gezeigt über mein Problem, widerständig zu sein, keine großen Kriege zu kämpfen. Wir können nichts mehr tun, das ist das Ende der Geschichte. Bis die Guerillagruppe „JETZT!“ (2007-11) per Video-Liveschaltung zum Ende ins Spiel gekommen ist und meine Melancholie und Depression ad absurdum geführt hat. Kurz gesagt, „JETZT!“ ist immer etwas zu tun.

Kann Kunst wirklich etwas in der Gesellschaft verändern? Oder nur Politik? Oder Politik, beeinflusst von Kunst?

Ich finde, das ist auch so eine Frage, die falsche Prämissen vorgibt. Darauf antwortet man entweder leichtgläubig oder verbittert. Diese noble, zynische Frage stellt sich z.B. jemand, der oder die es sich ökonomisch und gesellschaftlich leisten kann, künstlerisch nicht auf Veränderungen zu drängen. Das kommt von diesem bescheuerten Glauben an das Ende der Geschichte, der sagt, ökonomisch sei nun alles machbar, politisch sei das Maximum erreicht, die Geschichte vorbei. Ich glaube nicht, dass das an irgendeinem Ort der Welt der Fall ist. Früher oder später wird man sich schon bewusst über seine eigenen und die gemeinsamen Konflikte. In meiner Arbeit denke ich meine Möglichkeiten durch. „Kein Heldentum und keine Experimente – Wir rufen gerne ein Taxi … Taxi! … Taxi!“ (2012) ist ein Langfilm, der meine Auseinandersetzungen darüber, was das Künstlerische und das Politische an meiner Arbeit ist, ermöglicht, repräsentiert und konterkariert. Diese Frage hat doch auch etwas mit Sinnproduktion zu tun. Ich interessiere mich für künstlerische Verfahren, die Probleme oder Konflikte oder Brüche situativ konstruieren, aufgehen und sich auch selbst als solche präsentieren. Ich mache es explizit zum Programm, Fragen unbeantwortet zu lassen, Schuldige und Sinn nicht direkt zu benennen und keine Lösungen vorzugeben. Und wenn am Ende des Tages ein „Warum?“ steht, dann ist das doch schon einiges.

Wie ist das Verhältnis von Malerei und Film? Ergänzen sich die beiden Medien? Gibt es etwas, was du nur mit der Malerei transportieren kannst? Oder nur im Film? Oder gehen sie gar ineinander über? Das Performative ist eine weitere Dimension deiner Arbeit. Wie verhalten sich deine performativen Interventionen zu deiner Malerei und zum Film?

Das hat für mich unter anderem mit Rollenbildern zu tun, die mit der jeweiligen Disziplin verbunden sind. Ich bewege mich zwischen den Medien und empfinde das als ganz gesund. Ich konstruiere Situationen. Durch die Nutzung verschiedener Medien. Und innerhalb der verschiedenen Medien. In dem, was meine Arbeiten verbindet, da geht es um Sprache und um das Spiel mit Bildern, mit Szenen und Situationen, Fragmenten, Aussagen, dem realpolitischen oder abstrakten Bezug zu gesellschaftlichen Prozessen und immer mehr auch ganz logischen Verbindungen, die aus sich heraus entstehen. Das einzige Verbindungsglied bin ich. Diese Aufteilung in Disziplinen war mir schon sehr früh zu disziplinarisch. Das schadete meiner Leidenschaft, meinem Interesse und dem, was ich verhandeln und beeinflussen wollte. Ich fühle mich unterdrückt, wenn ich z.B. nur Maler bin. Das birgt ja gleich ein ganzes Rollenkonzept, wie ein Maler so ist. Um mich dieser Rolle anzunähern oder von ihr zu entfernen versuche ich Malerei-Performances, wie „Nicht aufgeben am Leuchtturm, les enfants perdus“ (2013) als Künstler im Konflikt zwischen Gefälligkeit und Kontroverse, Avantgarde und verlorenem Haufen in Lindau am Bodensee und „Roter Maler Neuigkeit“ (2012) als Kunstfigur im Fahrwasser von Genrifizierung, Medialisierung und Geniestreich im Rahmen der Ausstellung „Neue Welten“ in Offenbach 2012. Die Performance war im Übrigen Teil eines Diskurses zusammen mit der Ausstellungsinstallation „Lieber Maler mal mal wieder! – Ich habe die Verbindung verloren zu meiner letzten Malerei …“ (2012), der Kurzdokumentation „My Gentrification I“ (2012) und dem Musikvideo „My Gentrification II“ (2012).

Ist Deine Malerei ein autonomes Medium? Oder eine Art Requisite auf einer Bühne der Selbstinszenierung? Sind die Performances eine Ergänzung oder fließen alle Medien ineinander und gehen in einer Art Gesamtkunstwerk auf?

Die Politik der permanenten Kontrolle und die grandiose Selbstinszenierung zur Bewahrung einer Coolness lassen die Kunstschaffenden unter der Fuchtel ihres Äußeren in ihrem Inneren erstarren. Die Verdrängung der Kunst führt schließlich zu deren Wiederkehr in der Gestalt des Gesamtkunstwerks oder Kunstfigur. Das Schlimmste, was man sich vornehmen kann, ist authentisch zu sein. Man hat eine Kunstfigur zu sein, um anderen nicht dauernd auf die Nerven zu gehen.

Wie gehst du mit dem an sich kommerziellen Format Galerieausstellung um?

Wenn man anfängt zu Kunst zu studieren und die erste Ausstellung hat, will man ein reicher und berühmter Künstler werden. Aber das ändert im besten Fall nicht das, was du eigentlich zeigen willst und was du entwickelst. Ich hatte das Glück, dass meine Arbeit nach einer gewissen Zeit wahrgenommen wurde, von Menschen, die sich interessieren. Auf der anderen Seite müssen Künstler und Künstlerinnen permanent so tun, als könnten sie allein von Luft und Liebe leben. Eine Galerieausstellung ist ein kommerzielles Format, das eine bestimmte Art von Aufmerksamkeit generiert, in dem ein bestimmtes Publikum etwas für ein Kunstwerk hält. Das kann aber auch verschiedene Gründe haben. In meiner aktuellen Galerieausstellung „Das ist ein positives Projekt“ (2014) in der Galerie Söffing in Frankfurt beschäftige ich mich durchaus mit der Frage, aber auf einer anderen Ebene. Wie ich sagen würde, zeige ich hier Malerei und dabei verhandele ich mit mir selbst das, was mit mir und meiner Malerei dort passiert. Das geschieht über Techniken der Zweckentfremdung, Reproduktion und Selbstdurchkreuzung durch Zitate von Wandsprühereien, Übermalungen von found footage und anderer Malerei. Wenn es ein Problem mit der Galerieausstellung und meiner Kritik an einer kritischen Auseinandersetzung gibt, dann fängt das ganz bei mir an. Ich bin immer Teil des Problems und Teil der Lösung. Und das gilt es situativ zu realisieren und offen zu legen.

Dein jüngstes Projekt war eine Vortragsreise in die USA. Erzähl bitte kurz davon.

Ich wurde eingeladen zur Konferenz „Literature, Politics, Aesthetics: Jacques Rancière and the Politics of A-Disciplinarity“ des Departement of Literature and Arts der Binghamton University in New York für einen Vortrag über mein Projekt „There is no/a sexual report – entity, identity and the construction of a relational San Francisco“ (2013). Mit Bezugnahme auf den Artikel “Thinking Between Disciplines: An Aesthetics of Knowledge,” von Jaques Rancière habe ich über das intime Szenario einer sechstägigen Beziehung zwischen mir und Lisa Schröter gesprochen und zu dem sehr speziellen Projekt eine Theorie der A-Disziplinarität und auf die Ästhetik der (Er)kenntnis überprüft. Kurz gesagt, wenn Denken in Disziplinen, wie Politik, Kunst, Performance, Video, Lecture, Text etc. eine Festlegung und einen Glaube an Territorien der Wissensverteilung- und Beteiligung bedeutet, liegt eine Veränderung der Wissensverteilung und -beteiligung in einer Situation vor, die die eindeutige Definition von Disziplinen ins Wanken bringt. Die Konstruktion der Situation „There is no/a sexual report – entity, identity and the construction of a relational San Francisco“ enstand im Oktober 2013 während der „Arse Elektronika – Monochrom's Conference on Sex and Technology!“. Ihr liegt ein Text von Jean-Luc Nancy zu Grunde mit dem Titel „Es gibt – Geschlechtsverkehr”. „L'il y a du rapport sexuel” bezieht sich auf das von Jaques Lacan häufig verwendete: „Il n'y a pas de rapport sexuel“. Dabei geht es auch sehr stark um Reflexion und Widerstand über und gegen Posen, Gesten, Bilder, Medialität, Spektakularisierung, Dokumentation von Realität, Liebe, Sexualität, Geschlechtern, Kommunikation, Intimität und mehr.

Das Gespräch führte Eugen El

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erstellt am 23.5.2014

Jos Diegel
Jos Diegel
AUSSTELLUNG

»Das ist ein positives Projekt«

Malerei von Jos Diegel

Bis 21. Juni 2014

Anlässlich der Nacht der Museen zeigte Jos Diegel eine Preview seines neuen Films „DAUERND MUSST DU ETWAS MACHEN WAS KEINEN ANFANG UND KEIN ENDE HAT“.
Zur Ausstellung erscheint eine Buchedition mit einem Cover von Jos Diegel zum Blogroman PUNK PYGMALION von Jutta Pivecka

Galerie Söffing, Hamburger Allee 35, Frankfurt am Main

DAS IST EIN POSITIVES PROJEKT, Ausstellungsansicht Galerie Söffing, 2014

Jos Diegel: Ich kann keine Verbindung zu dir aufbauen. Öl und Lack auf Found Footage, 2013, 64×52 cm

Jos Diegel: Er ist pro-situationistisch geworden. Öl und Lack auf Found Footage, 2013, 40×30 cm

DAS IST EIN POSITIVES PROJEKT, Ausstellungsansicht Galerie Söffing, 2014

Jos Diegel: DAUERND MUSST DU ETWAS MACHEN WAS KEINEN ANFANG UND KEIN ENDE HAT. Dialogaction Film, 20 min, 2014

Jos Diegel: KEIN HELDENTUM UND KEINE EXPERIMENTEWIR RUFEN GERNE EIN TAXITAXI!… TAXI! Real-Fiction, 63 min, 2012

Jos Diegel: MY GENTRIFICATION II, Performance und Musik Video, 5 min, 2012

Jos Diegel: THERE IS NO/A SEXUAL REPORTENTITY, IDENTITY, AND THE CONSTRUCTION OF A RELATIONAL SAN FRANCISCO, Real Time Performance, 6 Tage, 2013

weitere informationen

josdiegel.de