In den 1920er Jahren formierten sich in Wien Kräfte, die weiterhin Tonalität und spätromantisches Raffinement priesen. Dazu gehörte der namhafte Komponist Joseph Marx. Hans-Klaus Jungheinrich stellt den vor 50 Jahren verstorbenen Eigenbrötler vor.

porträt

Die Welt des Joseph Marx

Späte Wiener Finessen am Rande des Großen Krieges

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Wien, so formulierte einmal ein heller Kopf, sei als prächtige Hauptstadt eines kleinen Landes ähnlich platziert wie ein illustrer Kronleuchter in einer Reihenhausküche. „Kultur“ wirkt dort wie ein Überhang aus besseren Tagen. Immerhin waren diese so üppig, dass auch die Moderne (die in Wien mit Jahrhundert-Erscheinungen wie Freud, Wittgenstein und der Schönbergschule sowieso Hoch-Zeiten hatte) dort noch mehr Format hat als in vielen anderen Metropolen. Bis heute. Namentlich die („klassische“) Musik ist in Wien äußerst lebendig, und mit Friedrich Cerha lebt ein kompositorisches Wahrzeichen von gewaltiger Statur, dessen Ruhm sich keineswegs in der bekannten Vervollständigung der Berg’schen „Lulu“ erschöpfen sollte: Cerhas großer Orchesterzyklus „Spiegel“ gehört zu den enzyklopädisch bedeutendsten, weithin noch zu entdeckenden künstlerischen Projekten des 20. Jahrhunderts.

Gleichwohl, Wien ist noch in seinen futuristischen Ausprägungen gesättigt mit Spuren der „Welt von gestern“. Autoren wie Joseph Roth, Robert Musil, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und Karl Kraus – nicht zu vergessen der studierte Mathematiker Hermann Broch – beschworen diese Duplizität auf ihre Art und zeigten, dass Nostalgie und Fortschritt paradoxe Legierungen hervorbringen konnten. Es gab aber auch unversöhnliche Fronten. Etwa in den 1920er Jahren und in Korrespondenz mit ihren politischen und sozialen Spannungen. Nachdem die beiden Wiener Tonsetzer Arnold Schönberg und Josef Matthias Hauer jeweils eigenständige „Zwölftontechniken“ erfunden und ein jahrhundertelang gültiges, scheinbar naturgegebenes System (fast) zum Einsturz gebracht hatten, formierten sich gerade in Wien Kräfte, die weiterhin Tonalität und spätromantisches Raffinement priesen. Dazu gehörten die namhaften Komponisten Franz Schmidt und Joseph Marx – alles andere als verknöcherte Akademikaster. Etwa im selben Alter wie Schönberg, kamen sie aber sofort in den Ruch, engstirnig konservativ zu agieren (und sie ergaben sich – nicht verwunderlich, aber auch nicht zwangsläufig – ein Jahrzehnt später prompt den Nationalsozialisten). Dabei hatte gerade Joseph Marx, aus Graz stammend, wichtige Impulse von dem (auf mildere Weise als Schönberg) tonalitätssprengenden Alexander Skrjabin erfahren.

Dass Künstler um das 30. Lebensjahr herum ihren schöpferischen Höhepunkt erreichen, ist nichts Seltenes. Marx, Jahrgang 1882, schrieb kurz vor dem Ersten Weltkrieg einige großformatige Kammermusikwerke, die man zum Besten in seinem Oeuvre zählen muss. Überdies möchte man sie nicht nur mit Herausragendem aus dieser Gattung (etwa von Brahms) vergleichen, sondern mit visionär Großformatigem oder spätzeitlich Resümierendem wie dem „Rosenkavalier“, dem Naturpoem „Pan“ von Viteszlav Novák oder der Oper „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Frederick Delius. In der Tat klingen die drei monumental einsätzigen Stücke Rhapsodie, Scherzo und Ballade für Klavierquartett von 1911 (cpo 777 279-2) wie Weltentwürfe, nicht unähnlich den Symphonien Gustav Mahlers. Man kann dieses Marx’sche Gebilde in drei selbständigen Sätzen (auch wegen seiner Tonarten-Disposition) als einheitliches Großwerk von gut einstündiger Dauer rezipieren. Es führt den Hörer durch eine Landschaft leuchtender, irisierender Klangfarben und harmonisch-modulatorischer Finessen, eine Sphäre des schwelgerischen Wohlklangs und der voluptuösen Faltenwürfe. Allenthalben luxurierende Kunstgebärden. Funkelnd brillanter Klaviersatz. Völlig überzeugend, dass die Marx-Covers mit Bildern von Egon Schiele oder Gustav Klimt assoziiert werden. Nicht verfehlt, wenn man Marx zu einem der musikalischen Exponenten des Jugendstils deklariert. Die nach dem Großen Krieg aufgekommene „Neue Sachlichkeit“ (deren Intentionen auch Schönberg zum Teil übernahm; Berg behielt noch in der „Lulu“ dagegen eine Jugendstil-Komponente bei) hat diese Kunst der Nuancen und feinen Übergänge geflissentlich „vergessen“. Gewissermaßen heftet sich die Trauer über solche Vergesslichkeit den Marx-Stücken wie eine Aura an.

Noch unmittelbarer vor dem Kriege entstand die Trio-Phantasie für Klavier, Violine und Violoncello – in fünf Teilen angelegt und von einer an Max Reger gemahnenden Beredsamkeit. Hier zeigen sich (zumal in der ausgeglichenen Wiedergabe des Hyperion-Trios) die Reife und Überreife des nachromantischen Idioms schon um einiges gebändigter, weniger ausfahrend, dafür souverän in der Themenformulierung und Formgestaltung. Vervollständigt wird diese CD (cpo 777 857-2) mit Liedern nach Texten des durch seinen etwas rückwärtsgewandt exquisiten Eklektizismus wesensverwandten Lyrikers Anton Wildgans. Besonders apart (mit Flöte) besetzt der Gesang „Pan trauert um Syrinx“. Die vom Timbre her ein wenig soubrettenhaft anmutende Sopranistin Simone Nold bemüht sich um klare Diktion.

Das Klavierquartett wird mit unverbrüchlicher Kompetenz sehr steigerungsfähig vorgetragen von den Kammermusikern Oliver Triendl (Klavier), Daniel Gaede (Violine), Hariolf Schlichtig (Viola) und Peter Bruns (Violoncello). Während diese Veröffentlichung auf einer Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk basiert, stützt sich das Klaviertriophantasie/Lied-Programm auf die Mitwirkung von Deutschlandradio Kultur. Ohne die rührige Editionspraxis der Kleinfirma cpo aus Georgsmarienhütte wären viele interessante Komponistennamen für die Musikhörer eine terra incognita, darunter Franz Schmidt, Mieczyslaw Weinberg, Allan Pettersson und eben auch Joseph Marx. Von diesem gibt es auch Orchestermusik mit dem Wiener Radio-Symphonieorchester (cpo 777 320-2), die kompletten Streichquartette (cpo 777 066-2) und weitere Lieder mit der Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager (cpo 777 466-2). Mochte es vor 50 Jahren für avancierte Musikfreunde gleichsam noch Ehrensache sein, spätromantische Nachzügler und der Moderne sich verweigernde Eigenbrötler wie Joseph Marx zu ignorieren, so kann man das sich abgrenzende „Lagerdenken“ inzwischen getrost verabschieden. Joseph Marx: auch ein faszinierendes Beispiel für Ungleichzeitigkeiten im „vielstimmigen“, fruchtbar heterogenen vergangenen Jahrhundert.

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erstellt am 23.5.2014

Joseph Marx (1882-1964)
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