Der ungarische Schriftsteller Laszló Darvasi gilt als Autor, der seine Leser unterhält und ihnen zugleich einiges zumutet. In seinem Roman Blumenfresser wird eine großangelegte Geschichte erzählt, die im Ungarn des 19. Jahrhunderts spielt. Blumenfresser ist kunstvoll geschrieben, poetisch bedacht und freudloser Gegenwart aufs feinste enthoben, meint Otto A. Böhmer.

buchkritik

Ein Roman aus dem Leben

Von Otto A. Böhmer

Literatur, anspruchsvolle zumal, kann immer mehr, als ihr abverlangt wird. Das gilt auch für ambitionierte Autoren, die mit sich selbst pfleglicher umgehen als mit dem Leser, trotzdem aber, wenn’s denn passt, für jenes gern beschworene Leseerlebnis sorgen, das Verlage ihren Produkten am liebsten schon vorab zusprechen; Bücher stehen nun mal unter Absatzvorbehalt, und ihre Verkäuflichkeit ist ein zartes Erwartungspflänzchen geworden, über dessen Gedeih und Verderb sich keine verlässlichen Prognosen (mehr) abgeben lassen.

Der ungarische Schriftsteller Laszló Darvasi (Jg. 1962) gilt als Autor, der seine Leser unterhält und ihnen zugleich einiges zumutet. Das ist positiv gemeint, denn Darvasi kann mit Sprache umgehen, ja, er bedient sich ihrer mit liebevoller, gelegentlich auch überbordender Zuwendung. Daraus erwächst Leidenschaft, die, wie das bei leidenschaftlichem Tun so ist, auch Phasen der Erschöpfung und des Ausruhens braucht, um sich dann erneut an das Objekt der Begierde heranzumachen. In Darvasis opulentem Roman Blumenfresser geht es um das Menschenmögliche erlebter Emotionalität: Was können Liebende aushalten, im Himmel und auf Erden, wie bleiben sie zusammen, wenn die Umstände gegen sie sind und die Liebe auf einmal eigensinnig wird und sich entgrenzen will, weil ein Mensch nicht mehr genügt und das ganze Leben, eben noch als wunderbar begriffen, sich auf einmal als Last erweist.? Erzählt wird eine großangelegte Geschichte, die im Ungarn des 19. Jahrhunderts spielt. Dr. Imre Schön, einer der Liebenden, die in Darvasis Buch zu Wort kommen, wird im Frühjahr 1857 aus der Haft entlassen, in die ihn ein Vortrag über „Blumenfresser“ gebracht hat, den er selbst, ein Naturhistoriker von stupender Belesenheit, für harmlos hielt, die zensurwütige Obrigkeit aber als so gefahrbringend ansah, dass sie eine drakonische Strafe über ihn verhängen zu müssen glaubte. Dr. Schön kehrt zu seiner Familie zurück, aber nichts ist mehr so, wie es war, was nicht zuletzt für den gewöhnlichen Realitätssinn gilt, mit dem man sich durch die Alltagsgeschäfte müht. Auch die Realität nämlich ist nicht mehr das, was sie war, zumindest kommt es Schön so vor. Seine Frau Klara, ohnehin zu Überspanntheiten neigend, vermag ihre Gefühle nicht mehr im Zaum zu halten; sie leidet unter sich selbst, mehr aber noch unter dem tragischen Verlust ihres Sohnes, von dem Schön, auch er dank der über ihn verhängten Festungshaft nicht mehr so ganz wirklichkeitstauglich, zunächst annimmt, er sei noch am Leben. Was als Romanauftakt eher schwerlastig anmutet, wird von Darvasi gekonnt und mit leichter Hand vorgetragen; er entfaltet ein ganzes Menschen- und Geschichtspanorama mit listiger Lust am Detail und nicht nachlassender Phantasie, die sich auch um die Rückseite der Geschehnisse kümmert, um ihre Nebeneingänge und Fluchtwege, um Seiteneinsteiger und Davongekommene, um Personen, die mitten in der Welt residieren und ihr zuprosten, und solche, die sich, begünstigt von stillstehender Zeit, jeder Durchschaubarkeit entziehen.

Blumenfresser, von Heinrich Eisterer auf bewunderswerte Weise ins Deutsche übertragen, ist ein Roman aus dem Leben, kunstvoll geschrieben, poetisch bedacht und freudloser Gegenwart aufs feinste enthoben. Dafür eröffnet er andere Wirklichkeiten, solche, die sich dem zweiten und dritten Blick anbieten, dabei aber über jeden Zugriff erhaben sind. „(…) sie erzählten ihm, was sie bis dahin vielleicht nicht einmal einander erzählt hatten, (…) von den menschlichen Bezirken hinter der atmenden Stille, (…) von den Pflanzen, die im Schatten der Worte leben, sie erzählten ihm die in den Geschichten weggelassenen Geschichten, die in der Welt weggelassenen Welten. Vielleicht deshalb bleibt Gott außerhalb des Menschen, den man dennoch nicht Verräter schimpfen darf!“

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erstellt am 23.5.2014

László Darvasi
Blumenfresser
Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer
Gebunden, 860 Seiten
ISBN: 978-3-518-42359-2
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013

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