Zum Auftakt der Lesereise für ihr neues Buch kam Chimamanda Ngozi Adichie aus Lagos, Nigeria nach Frankfurt. »Americanah« ist ein bemerkenswertes Buch über rassistische Alltagssituationen in einer modernen westlichen Gesellschaft. Miriam Shabafrouz berichtet von der Lesung im Literaturhaus Frankfurt.

amerikanische literatur

Von Frisuren, Vorurteilen, Macht und Liebe

Chimamanda Ngozi Adichie liest „Americanah“ im Frankfurter Literaturhaus

Von Miriam Shabafrouz

Rotblonde Föhnfrisuren. Schwarze, geflochtene Zöpfe, „Cornrows“ genannt. Naturkrause, jetzt aber geglättete und blondierte Haare. Eine Dame mit Kopftuch, eine andere mit Stirnband und nach oben abstehender, verzwirbelter Mähne. Ein hellblonder, glatter Bob mit Pony neben einem wuscheligen Afroschopf. Kastanienbraune weiche Dauerwellen, graue Kurzhaarschnitte, „Extensions“ aus Kunsthaar mit roten Farbreflexen.

Die Frauen und Männer, die zu Chimamanda Ngozi Adichies Lesung ins Frankfurter Literaturhaus gekommen sind, spiegeln die farbenfrohe Palette natürlicher oder trickreich erarbeiteter Frisuren wider, die derzeit in Afrika und Europa Mode sind. Am selben Morgen war die in den USA und Nigeria lebende Autorin aus Lagos eingeflogen. Ihre eigene Haarpracht, als Cornrows präzise nach oben geflochten, schmückt sie wie ein fest sitzender, edler Hut. Sie wird vom „New Yorker“-Magazin mit ihren 36 Jahren zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen unter 40 gezählt und zeigt in ihren Werken bereits eine Reife, die mit ihrer jugendlichen Schönheit kontrastiert. Wenn sie Geschichten schreibt, sei sie glücklich, sagt sie an diesem Abend: „Ich bin bewegt, es ist für mich fast etwas Magisches“. Aber auch auf dem Podium wirkt sie souverän, gelassen beantwortet sie die Fragen von Hans-Jürgen Balmes, der als Lektor des Fischer Verlags das Gespräch an diesem Abend moderiert.

Lektor (und Moderator) Hans-Jürgen Balmes, Chimamanda Ngozi Adichie und die Schauspielerin Dorothee Krüger © Anne Bechtloff / Literaturhaus Frankfurt

Ihr neues Buch „Americanah“, das sie an diesem Abend vorstellt, wurde in den USA bereits mehrfach preisgekrönt, u.a. mit dem „Heartland Prize for Fiction“ sowie dem renommierten „National Book Critics Circle Award for Fiction 2013“. Von der New York Times und von der BBC wurde es zu einem der zehn besten Bücher des letzten Jahres erkoren. Ihr 2003 (bzw. 2005 auf Deutsch) erschienener Debüt-Roman, „Blauer Hibiskus“ ist bereits ein internationaler Bestseller. „Die Hälfte der Sonne“, in der sie den zwischen 1967 und 1970 in der nigerianischen Biafra-Region tobenden Bürgerkrieg aufarbeitet, erhielt 2007 den „Orange Broadband Prize for Fiction“ und den PEN „Beyond Margins“ Award. Auch ihre Kurzgeschichtensammlung „Heimsuchungen“ erhielt internationale Anerkennung. Vom Magazin „New African“ wurde sie letztes Jahr zu den 100 einflussreichsten AfrikanerInnen gezählt. Die Tickets zur heutigen Lesung sind bereits seit Wochen ausverkauft.

Haar, vor allem Frauenhaar, ist wichtig in Chimamanda Ngozi Adichies Buch. Es ist ein zentrales Medium, Identität auszudrücken, sich anzupassen, Zugehörigkeit zu vermitteln oder auch zu provozieren. Die Art, die Haare zu tragen, wird insbesondere bei schwarzem Frauenhaar zu einem Politikum: „Die Bewerbungschancen einer schwarzen Frau in den USA sinken drastisch, würde sie ihre Haare natürlich tragen. Und wären Michelle Obamas Haare nicht geglättet oder gar im Afrolook oder mit geflochtenen Zöpfen frisiert, wäre Obama nicht gewählt worden“ stellt Adichie als These in den Raum. Das Schönheitsideal in den USA ist für schwarze Frauen eng gesteckt: es soll glatt sein und nach unten fallen – egal wie viel Hitze, Chemie und Zeit das erfordert. „Aber schwarzes, naturkrauses, Haar wächst nun mal nach oben!“ Ein Ausschnitt, der von der Schauspielerin Dorothee Krüger auf Deutsch gelesen wird, findet in einem US-amerikanischen Afro-Friseursalon statt, in der sich die Hauptfigur des Romans Ifemelu mehrere Stunden lang ihre Haare flechten lässt. Humorvollen Szenen stellt die Autorin schmerzvolle Momente gegenüber. Das Frisurenthema bleibt somit nie an der Oberfläche.

Die Geschichte beginnt in den USA, in der Eliteuniversitätsstadt Princeton. Sie beschreibt das Heimweh der nigerianischen Bloggerin Ifemelu, die entscheidet, ihr eigentlich funktionierendes Leben in Amerika aufzugeben und nach Nigeria zurückzukehren. Dieser Schritt ist gegenwärtig für viele junge Nigerianer charakteristisch, die aus sentimentalen oder ökonomischen Gründen in ihr Heimatland zurückkehren. Vor allem seit der Wirtschaftskrise in den USA und Europa suchen sie dort häufiger nach Jobs und besseren Aufstiegschancen. Rückkehrer aus den USA werden in Lagos als Americanah bezeichnet – und gaben dem Buch seinen Namen. Sie sind oft überrascht über die Verwandlung Nigerias in den Jahren ihrer Abwesenheit von einer Militärdiktatur zu einem demokratischen, föderalen Land. Oder darüber, dass die nigerianische Gesellschaft auf einmal dem amerikanischen Lifestyle nacheifert. Und sie merken auch, dass sie sich selbst von der Kultur ihrer Kindheit entfremdet haben und jetzt vieles aus ihrem bequemen Leben in den USA vermissen, wie z.B. „Sojamilch mit niedrigem Fettgehalt, nicht kommerzielles Radio, schnelles Internet“ oder „ein gutes vegetarisches Restaurant“, heißt es in Americanah.

In Nigeria wird Ifemelu ihrer Jugendliebe, Obinze begegnen. Ihr früherer Freund ist inzwischen verheiratet und Vater geworden. Jahrelang hatte er als illegaler Einwanderer in London gelebt und sich dort mit Aushilfsjobs durchs Leben geschlagen, bis er schließlich deportiert wurde. Seine Rückkehr empfand Obinze als Niederlage. Später gelang es ihm vor allem durch Beziehungen, in Lagos zu Wohlstand und Ansehen zu kommen. Doch „seit ein paar Monaten fühlte er sich“, so die Beschreibung in Adichies Buch, „aufgebläht von allem, was er sich zugelegt hatte – die Familie, die Häuser, die Autos, die Bankkonten –, und hin und wieder überwältigte ihn das Bedürfnis, in alles mit einer Nadel zu stechen, um die Luft entweichen zu lassen, um frei zu sein. Er war nicht länger sicher, ja, er war eigentlich nie sicher gewesen, ob er sein Leben mochte, weil es ihm wirklich gefiel, oder ob er es mochte, weil es von ihm erwartet wurde“. Die große, verflossene und nun wieder neu aufflammende Liebe zwischen den beiden Hauptpersonen mischt das Leben der beiden auf. Sie trägt durch das Buch und bleibt bis zum Schluss packend.

Adichie selbst fühlt sich, wie sie sagt, in den USA und Nigeria zu Hause – sei aber in Nigeria glücklicher. Dort sei der Ort, mit dem ihr Herz noch tiefer verbunden ist, an dem ihre Augen liebevoller über Fehler hinwegsehen und voller Hoffnung bleiben wollen. Auch sei dies der Ort, an dem sie ihre besten Schuhe aufbewahre – mit einem Augenzwinkern bemerkt sie, dass dies eindeutig ein Zeichen für das eigentliche Zuhause sei. Warum die Ausgewanderten in ihrem Roman alle so traurig sind, wird sie von einem Zuschauer gefragt. „Die Heimat zu verlassen bedeutet zugleich Gewinn und Verlust“, antwortet Adichie. Egal wie glücklich man in dem neuen Land ist, man werde das vermissen, was man zurückgelassen habe. Genauso auch, wenn man wieder zurückkehrt: erneut läßt man etwas hinter sich. Ein Nigerianer, der von weit her angereist ist, bekommt das Recht der letzten Frage – und stellt drei, ergänzt um eine ausführliche Vorstellung seiner selbst und seines Lebens in Österreich. Während ein paar Zuschauer schon auf ihren Sitzen hin und her rutschen, lächelt Adichie entspannt und antwortet: „That’s typically Nigerian. That’s why I love my people!” Das Publikum lacht nun auch geduldig und lässt dem Redner Zeit, sein Statement zu beenden.

Das eigentliche Hauptthema des Buches – der immer noch vielerorts gegenwärtige Rassismus gegenüber Schwarzen in den USA – kommt an diesem Abend in der Diskussion etwas zu kurz. Dort wird beispielsweise der Erfolg von Menschen afrikanischer Abstammung als etwas Ungewöhnliches, Bemerkenswertes betrachtet, erzählt die Autorin. Vor ihrer Zeit in den USA habe sie „Schwarz nicht mit Schwäche und Weiß nicht mit Macht verbunden“, da in Nigeria sowieso fast alle schwarz seien, auch alle Führungspersonen. Sie fügt allerdings hinzu, dass Rassismus sich in anderen Ländern Afrikas, wie z.B. Südafrika, bis heute immer wieder auf grausame Weise zeige und reproduziere.

Chimamanda Ngozi Adichie ist mit Kinder- und Jugendbüchern aus den USA und Großbritannien aufgewachsen und hat ihre ersten, kindlichen Erzählungen ins europäische Schneegestöber verlagert. Alle ihre Charaktere waren weiß und redeten gern über das Wetter. Auch wenn sie diese Geschichten liebte, hat sie mit der Zeit erkannt, dass es riskant ist, eine Bilderwelt aus einer anderen Kultur einfach zu übernehmen und die eigene Erfahrungswelt auszuklammern. In einer vielbeachteten Rede bei einer TED-Konferenz von 2009 hat sie bereits kraftvoll auf die „Gefahr einer einzigen Geschichte“ hingewiesen und hervorgehoben, wie wichtig es ist, die zahlreichen Facetten menschlicher Schicksale und Kulturen mit vielen verschiedenen Geschichten aufzufangen. Gerade Erzählungen über „Afrika“ sind oft sehr einseitig und klischeebehaftet, erklärt sie. Deshalb engagiere sich Adichie neben ihrem eigenen Schaffen auch für die kreative Entwicklung junger Nigerianer. Sie gibt Workshops und Kurse für Schüler und Studenten, um kreatives Schreiben mit der individuellen Fantasie zu trainieren und so der „einzigen Geschichte“, die auch immer ein Ausdruck von Macht ist, etwas Neues, Eigenes entgegen zu setzen.

© Anne Bechtloff / Literaturhaus Frankfurt

Im Anschluss an die Lesung reihen sich viele der Besucher ein und warten zum Teil über eine Stunde, um sich ihre Bücher signieren und mit der Bestseller-Autorin fotografieren zu lassen. Adichie nimmt sich die Zeit und wechselt sogar mit einigen Zuschauern ein paar Worte, um sie über ein paar kleine Details ihres Lebens auszufragen.

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erstellt am 21.5.2014

Chimamanda Ngozi Adichie, Foto: Andrea Pollmeier
Chimamanda Ngozi Adichie, Foto: Andrea Pollmeier
Siehe auch

Weltempfänger-Salon am 4.6.

Litprom

Chimamanda Ngozi Adichie
Americanah
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Anette Grube
Gebunden, 608 Seiten
ISBN: 978-3-10-000626-4
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014

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Audios © Andrea Pollmeier, Faust-Kultur