Buchbesprechung

Lesen und lesen lassen

Von der Plastizität der Neuronen und der Vergänglichkeit der Datenträger

Von Stefana Sabin

„Der Lesevorgang ist erstaunlich effizient,“ stellt Stanislas Dehaene fest, nachdem er die wichtigsten Schritte skizziert hat, die das Lesen impliziert. Von der Verarbeitung der Schrift auf der Retina über die Buchstabenerkennung bis zum Entschlüsseln von Morphemen und Lexemen löst das Gehirn sekundenschnell und ohne bewusste Mühe ein hoch kompliziertes Problem der visuellen Dekodierung und Deutung, das den derzeitigen Computerprogrammen immer noch unerreichbar bleibt.

Der renommierte Neurowissenschaftler Dahaene, Professor am Collège de France, beschäftigt sich insbesondere mit den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins. In „Der Zahlensinn oder Warum wir rechnen können“ beschrieb er, wie das Gehirn auf Zahlen reagiert. Mit derselben Liebe zum neuronalen Detail erklärt er nun, wie das Gehirn mit Buchstaben, Morphemen und Lexemen umgeht, wie es stets vom „phonologischen Weg“ des Lesens zum „lexikalischen Weg“ des Verständnisses wechselt und wie sich alle Schriften den Möglichkeiten des Gehirns angepasst haben. Hatte er in seinem früheren Buch die Mathematik hirngeographisch lokalisiert, so macht er jetzt den Ort fest, wo Lesen stattfindet, nämlich vorrangig in den linken Gehirnarealen. Aber auch im Gehirn ist nicht alles endgültig, denn die neuronale Plastizität erlaubt Verlagerungen von Funktionen, so dass das Lesen neu gelernt werden kann – zum Beispiel nach Verletzungen – und gehirninterne Fehlschaltungen – zum Beispiel Legasthenie – korrigierbar sind.

Als neuronaler Vorgang, der sozusagen wie selbstverständlich stattfindet, ist das Lesen für Dehaene ein Beispiel für die einzigartige Anpassungsfähigkeit und Funktionstüchtigkeit des menschlichen Gehirns und weil es ein „Ergebnis der Evolution des Menschen“ darstellt, ist es „eine menschliche Erfindung.“ Weil das Lesen so perfekt an die Schaltkreise des Gehirns angepasst ist, hat es jene andere menschliche Erfindung ermöglicht, die der italienische Kulturwissenschaftler Umberto Eco seinerseits als „die grösste Erfindung der Menschheit“ bezeichnet, nämlich das Buch. Wie das Rad, so Eco, das nur in Details abgewandelt wurde, aber im wesentlichen bis heute seine ursprüngliche Form behalten hat, ist auch das Buch perfekt. Es ist ein idealer Erinnerungs-, Kultur- und Informationsträger ebenso wie ein praktischer Alltagsgegenstand, der von den kurzlebigen Datenaufbewahrungstechniken unabhängig ist.

„Nichts Vergänglicheres als dauerhafte Datenträger,“ heisst es in den nun als Buch erschienenen Gesprächen zwischen Eco und dem französischen Autor Jean-Claude Carrière über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Buches als essentielles Merkmal menschlicher Zivilisation. Nicht die Schaltkreise im Gehirn, sondern die Regeln der Buchindustrie beschäftigen die Gesprächspartner. Zwar beschwören sie die Zeitresistenz und Benutzerfreundlichkeit des Buchs, das „allen anderen Objekten, die unsere Kulturindustrie in den letzten Jahren auf den Markt gebracht hat, überlegen“ sei, wie Eco postuliert. Dennoch erkennen sowohl er als auch Carrière den alltagspraktischen Nutzen der elektronischen Lesegeräte an. „Natürlich ist es für einen Staatsanwalt leichter, die 25.000 Schriftstücke eines laufenden Prozesses in einem E-Book gespeichert mit nach Hause zu nehmen,“ sagt Eco. „Ich frage mich allerdings, ob es selbst bei einer allen Leseanforderungen optimal angepassten Technologie wirklich sinnvoll ist, ‚Krieg und Frieden’ auf einem E-Book zu lesen.“ Dass die elektronischen Lesegeräte das papierene Buch nicht verdrängen werden, aber gleichwohl das Leseverhalten verändern, steht für beide Gesprächspartner fest. Auch über die Informationsüberflutung durch das Internet und über die Notwendigkeit, „kritisch unterscheiden zu lernen,“ sind sich Eco und Carrière einig. Kultur, behaupten sie, ist mehr denn je „ein Prozess des Auswählens.“

Ihre Gespräche, in denen sie kokett Leselücken eingestehen und gekonnt uneitel vom eigenen Werk erzählen; in denen sie das Entstehen von Meisterwerken und ihre Nach-Wirkung beschreiben; und in denen sie auch über die Folgen der Technik für das Bildungsbewusstsein nachsinnen, sind Plaudereien zwischen zwei klugen alten Herren über eine kulturelle Umwelt, die im existentiellen und strukturellen Wandel begriffen ist. Eco und Carrière machen keine pädagogischen Vorschläge und stellen auch keine kulturpolitischen Thesen auf. Sie erkennen, dass die Technik die Inhalte und die Verbreitungsmöglichkeiten der Bildung verändert und halten wie selbstverständlich an ihrem herkömmlichen Bildungsbegriff fest. Als kulturpolitische Ermahnung eignet sich diese zwischen Buchdeckeln gedruckte Plauderei schon deshalb nicht, weil nur Gleichgesinnte sie lesen werden.

Stanislas Dehaene
Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert.
Aus dem Französischen von Helmut Reuter
360 Seiten mit farbigen Abbildungen
Knaus Verlag, München 2010
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Umberto Eco und Jean-Claude Carrière
Die grosse Zukunft des Buches. Gespräche mit Jean-Philippe de Tonnac.
Aus dem Französischen von Barbara Kleiner
285 Seiten. Carl Hanser, München 2010
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erstellt am 07.12.2010

Greser & Lenz
@ Greser & Lenz