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Er ist international der bekannteste chinesische Künstler der Gegenwart und einer der meist diskutierten weltweit: Ai Weiwei. In seiner bisher größten Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau sind derzeit zahlreiche Werke und Installationen von ihm zu sehen, die zum Teil eigens für diesen Ausstellungsort entstanden sind. Aus Berlin berichtet Alexandra Hartmann.

Ausstellung in Berlin

»Evidence«

Ai Weiwei im Berliner Martin-Gropius-Bau

„Evidence“ – zu deutsch: „Beweismittel“ – hat Ai seine Ausstellung genannt. Der Rundgang durch die Räume ist eine Spurensuche durch das Leben des 56-Jährigen. Seine Arbeiten drücken eine tiefe Verbundenheit mit seiner Heimat aus und sind zugleich ein Aufbäumen gegen die chinesische Staatsführung, die offene Meinungsäußerungen mit willkürlichen Repressalien bestraft.

Ort und Konzeptionierung der Ausstellung könnten kaum politischer sein. Es ist ein Statement, das Künstler und Veranstalter mit dieser Schau abgeben: Die chinesische Regierung mag unliebsame Bürger in China willkürlich einsperren und mundtot machen können, außerhalb der Landesgrenzen endet jedoch ihr Einfluss.

Allein die Einrichtung der Ausstellung kommt einem logistischen Kraftakt gleich: Nur mit Hilfe ausgeklügelter Technik und Präzisionsarbeit haben die Veranstalter zusammen mit Ai die Ausstellung realisiert: Tonnenschwere Teile aus Marmor passten nicht durch die Eingangstür des Museums. Mit Hilfe eines Krans mussten sie durch die Fensteröffnung des Gropius-Baus gehievt werden.

„Ich bin niemals als Krimineller angeklagt worden, ich weiß nicht, warum sie meinen Reisepass einbehalten.“ (Ai Weiwei)

Ai selbst war nicht vor Ort dabei. Er steht unter Hausarrest und hat von der chinesischen Regierung bis heute keine Ausreiseerlaubnis nach Deutschland erhalten. Erstaunlicherweise konnten dagegen seine Exponate China ungehindert verlassen. Sie wurden in unzähligen Containern verschifft. Aus der Ferne dirigierte Ai seine Mitarbeiter, damit diese die Ausstellung einrichten konnten.

Kalkulierte Tabu-Brüche als Waffe gegen die negativen Folgen der Modernisierung

Ai beschäftigt sich auf vielfältige Weise mit Chinas Kulturgeschichte und ihren widersprüchlichen Entwicklungen in seiner Kunst. Er thematisiert darin die Folgen einer korrupten, autoritären Staatsführung.

In seine künstlerischen Arbeiten fließen vor allem die negativen Folgen der wirtschaftlichen Öffnung seiner Heimat ein: Die massenhafte Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte, die gravierende Umweltzerstörung und erzwungenen Umsiedlungsmaßnahmen, infolge von Großbau-Projekten wie des Drei-Schluchten-Staudamms sowie der äußerst repressive Umgang der chinesischen Regierung, die ihre Kritiker mit Hausarrest und langjähriger Haft bestraft.

All diese Umbrüche und Entwicklungen gehen nach Ais Auffassung mit gravierenden Veränderungen für die chinesische Kultur und Gesellschaft einher: Sie zerstörten jahrhundertealte Traditionen und Bräuche, weil diese dadurch ihre Authentizität und Originalität verlören.

Holzhocker füllen den Lichthof

Im Lichthof des Gropius-Baus stehen 6000 Holz-Hocker. „Stools“ ist eine der spektakulärsten Installationen dieser Ausstellung. Ihre Anordnung wirkt wie ein monumentales Teppich-Ornament, das sich in die Innenarchitektur des Gropius-Baus nahtlos einfügt. Mit dieser Arbeit verweist Ai auf spektakuläre Weise auf die großen Abwanderungsströme der Landbevölkerung in die Städte:

Die Hocker stammen aus nordchinesischen Dörfern zur Zeit der Ming- (1368-1644) und Qing-Dynastie (1616-1912) sowie aus der Zeit der Republik China (seit 1912) und gehören zum Standardmobiliar vieler ländlicher Haushalte in China. Jeder Hocker weist Gebrauchsspuren auf, ist damit ein Unikat und zugleich eine Variation des immer gleichen.

Ai lehnt „Stools“ an westliche Konzeptkunst an, die er – für seine Arbeitsweise typisch – mit chinesischen Traditionen verbindet: Masse wird möglichst korrekt angeordnet und mit historischen Gegenständen aus China verknüpft.

Die einfache Konstruktion der Hocker ist über Jahrhunderte dieselbe geblieben. Der gesellschaftliche Wandel in China aber hat zum Umbruch geführt: Die Landbevölkerung wandert massenhaft in die Städte ab. Der Hocker, als Ausdruck ländlichen Lebens, wird zurückgelassen und verwaist. Die kleinen Schemel im Lichthof erscheinen wie eine Heerschar stummer Zeugen für diese Veränderungen.

Konzeptkunst und traditionelle, chinesische Kunst

Die Verbindung aus Konzeptkunst und traditioneller chinesischer Kunst spiegelt sich in Ais Arbeit mehrfach wider: „Han-Dynastie-Vasen mit Autolack“ (2014), „Tisch und Truhe mit abgezogenen Stühlen“ (2007) und „Ausrangierte Türen“ (2007) sind Beispiele dafür.

Was geschieht mit antiken Gegenständen, denen man ihre historischen Spuren nimmt?
Ai legt hier die Frage zugrunde, welche Bedeutung Authentizität, Historizität und Wert für die Originalität von Antiquitäten besitzen.

Haben lackierte Vasen, abgeschliffene Stühle oder mit Marmor überzogenen alte Holztüren ihren historischen Wert verloren, bloß, weil man ihre Alterserscheinungen nicht mehr sieht? Oder liegt Historizität vielmehr im Inneren des Gegenstands?

Indem Ai Vasen ihr antikes Aussehen nimmt und sie mit Lack überzieht, alte Stühle abschleift, sie modern aussehen läßt und uralte Türen mit Marmor versieht, zerstört er bewusst die Authentizität von Kulturgütern. Auf diese Weise will er auf die rücksichtslosen und brutalen Folgen der Entwicklungen der Moderne hinweisen.

Das Ergebnis seiner Arbeit: Makellos bunte Vasen, die wie serielle Industrieprodukte aussehen. Ihr metallic-glänzendes Äußeres soll an Luxus-Karossen, wie sie zum Beispiel Mercedes oder BMW bauen, erinnern.

Für den Betrachter der Stühle ist klar, dass es sich bei diesem Mobiliar um Antiquitäten handelt. Die Stühle sehen jedoch merkwürdig glatt und neu aus.
Die ausrangierten Türen hat Ai zu einem „monumentalen Schrottplatz“ getürmt. Marmor steht hier für einen klischeehaften Baustoff des Luxus.

Ais Arbeiten sind als Anspielungen zu verstehen: Konsumgeist und Machtanspruch beherrschen den chinesischen Auto-Markt und dessen Kunden. Zeitgenössische Statussymbole stehen in starkem Kontrast zu uralten Traditionen.

Unter der dünnen Schicht aber ruhen weiterhin Geschichte und Komplexität des Originals. Die Originalität der Gegenstände ist somit intakt geblieben.

Auch hier will Ai mit einem kalkulierten Tabubruch polarisieren: Indem er antiken Gegenständen ihr altes Aussehen nimmt, will er einen Aufschrei in der Öffentlichkeit provozieren. Dabei geht es ihm eigentlich um den Hinweis auf viel gravierendere Zerstörungen: Der Abriss historischer Gebäude wie Tempel oder traditioneller Wohnviertel, zugunsten von Großbau- und Jahrhundertprojekten (bspw. der Drei-Schluchten-Staudamm). Ai kritisiert dies als Modernisierungswut, bei der es vor allem um gigantische Gewinne gehe, was oftmals nur achselzuckend zur Kenntnis genommen werde.

„Evidence“ – Ais Beweismittel

Die Kritik an der kommunistischen Regierung, die Ai mit seiner Kunst immer wieder anbringt, haben im Laufe der Jahre zu immer stärkeren Repressalien gegen ihn geführt: Im April 2011 nimmt ihn die chinesische Polizei auf dem Flughafen fest. Über 100 Beamte beschlagnahmen bei einer Razzia im FAKE-Büro seiner Frau 140 Bürogegenstände.

Die Vorwürfe gegen ihn lauten unter anderem: Bigamie (Ai hat einen unehelichen Sohn), Pornografie (Ai hat sich für fotografische Konzeptkunst mit nackten Models ablichten lassen) und Steuerhinterziehung .

Ai hat die konfiszierten Arbeitsmittel aus dem FAKE-Büro für die Ausstellung zusammengetragen. Das Sammelsurium aus Computern, Notebooks, Festplatten, Videokassetten, Notizbüchern und USB-Sticks ist so arrangiert, dass die Gegenstände auf den ersten Blick einer rein formal-ästhetischen Ordnung folgen.

Die Anordnung des modernen Büromaterials erweckt hier aber auch den Eindruck, als handele es sich um beschlagnahmte Beweismittel für eine „Straftat.“ Festnahme und Razzia sind der Beginn eines traumatischen Erlebnisses für Ai: Nach seiner Verhaftung wird er an einen geheimen Stützpunkt der Militärpolizei im Pekinger Randgebiet verschleppt und dort in einer Zelle gefangen gehalten. Diese Aktion ist der bisherige Höhepunkt staatlicher Repressionen gegen ihn.

Gefängniszelle „81“

Ai hat im vergangenen Jahr Zelle Nr. 1135, in der er 81 Tage in Isolationshaft saß, als Kunstwerk exakt nachgebaut. Mit der Nachbildung des Ortes seiner geheimen Gefangenschaft will er die Unterdrückung seiner Person und Persönlichkeit darstellen.

Zwölf Schritte lang und sechs Schritte breit ist der Raum, in dem der Künstler keine Sekunde ohne zwei Wärter verbringen konnte. Das Licht war immer an, Überwachungskameras hielten jede Regung und Bewegung fest. Alle Gegenstände waren in weißen Schaumstoff eingehüllt. Ai durfte neun Stunden schlafen, hielt aber nur zwei durch, weil er sich im Bett nicht umdrehen durfte.

Das Betreten des Raums zwingt den Besucher psychisch wie physisch, sich mit Ais Gefangenschaft auseinanderzusetzen. In der Enge wird der Kopf zum Raum im Raum. Nur er allein bietet eine Rückzugsmöglichkeit, sofern der Gefangene in der Lage ist, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen.

Bei seiner Freilassung sagten ihm seine Bewacher: „Alles kann jederzeit wieder passieren, und dann sperren wir Dich ein und lassen Dich nie wieder raus.“

„Dumbass“, 2013

Auch in seinem Musik-Video „Dumbass“ („Trottel“) versucht Ai die Erlebnisse während seiner Haft darzustellen. Er inszeniert darin seine Haftzeit. Liedtexte und Gesang stammen von ihm. Entstanden ist ein Video, das ein Wechselspiel aus realer Gefangenschaft und Fantasien im Kopf des Künstlers darstellt.

„Manchmal bin ich verzweifelt und hoffnungslos, aber oft voller Freude. Ich fühle, dass sich die Anstrengung lohnt.“ (Ai Weiwei)

IOU – Tapete aus Schuldscheinen

Nach Ais Freilassung behaupteten die chinesischen Behörden, dessen FAKE-Büro habe Steuern hinterzogen und forderten die Firma auf, binnen 15 Tagen 1,7 Millionen Euro Strafe zu zahlen.

Die Geldstrafe gilt auch als Vergeltungsmaßnahme für seine Kritik, die er 2009 nach dem Erdbeben von Sichuan an der staatlichen Ermittlungsarbeit in seinem Blog äußerte. Die Behörden ließen Ais Blog nach kurzer Zeit sperren.

Ai machte die Strafaktion im Internet bekannt, woraufhin ihm fast 30.000 chinesische Internetnutzer 1.064.000 Euro liehen.

Die Aktion veranlasste ihn zu der Idee, jedem Spender einen Schuldschein auszustellen.
Ai hat aus der Unterstützung seiner Anhänger eine künstlerische Arbeit gemacht und sie IOU genannt. Die Buchstabenreihe verweist auf eine homophone Abkürzung: Jeder Buchstabe steht für ein Wort: „I owe you“ – „ich schulde Dir.“

In mehreren Ausstellungsräumen überziehen unzählige dieser Schuldscheine die Wände.

Die Hilfsaktion hat eine Gruppe in der chinesischen Bevölkerung sichtbar werden lassen, die Ais politische Haltung offenbar unterstützt und das Verhalten der Regierung als „lächerlich“ anprangert. Nie zuvor hat es in China ein solches Bekenntnis von Bürgern gegeben. In ihm kommt die Macht der sozialen Medien zum Ausdruck: Die Vernetzung im Internet schafft neue Formen von Solidarität und Meinungsbekundung.

Flusskrabben (2011)

2008 bietet die Bezirksregierung von Jiadang, einem Stadtteil in Shanghai, Ai an, dort ein Atelier zu bauen. Die Regionalbehörde will aus dem Bezirk ein Künstlerviertel machen.

Nachdem im August 2010 alle Bauarbeiten für Ais Atelier abgeschlossen sind, erklärt die Regierung von Shanghai im Oktober die Künstlerwerkstatt für illegal.

Symbolträchtig begeht Ai den Abbruch seines Ateliers und nutzt auch hier das Internet:
Zur „Feier des Tages“ lädt er im November 2010 alle Menschen im weltweiten Netz zum Flusskrabbenfest ein. Mehr als 1.000 Gäste kommen zum Atelier. Er selbst kann nicht teilnehmen, weil er unter Hausarrest steht. Zum ersten Mal hindert ihn die Regierung daran, das Haus zu verlassen.

Dieses Erlebnis verarbeitet Ai zu dem Video „The Crab House“ sowie in seiner Installation He Xie (Flusskrabben): Hunderte von nachgebildeten grauen und lachsfarbenen Flusskrebsen bedecken den Boden des Ausstellungsraums. Ai hat sie aus Porzellan geformt. Der Stoff gilt als Inbegriff traditioneller, chinesischer Kunst, worauf auch die englische Bezeichnung für Porzellan („china“) hindeutet.

Ais Flusskrabben-Installation ist zudem eine Anspielung auf die chinesische Propaganda: In den vergangenen Jahren hat die Regierung den Begriff „hexie“ („harmonisch“) häufig verwendet, um damit ihre Vorstellung einer idealen chinesischen Gesellschaft zu beschreiben. Das chinesische Wort für Harmonie klingt allerdings genauso wie das chinesische Wort für Flusskrebs.

In Ais Arbeit wird der Flusskrebs zum Sinnbild für eine Gesellschaft, in der Kritik nur indirekt geäußert werden kann. Die Sprache muss codiert werden, um die Zensur zu umgehen.

Im Januar 2011 wird Ais Atelier in Shanghai zerstört. Die Beton- und Ziegelsteinreste hat Ai in seinem Werk Arbeit „Souvenir aus Shanghai“ künstlerisch verarbeitet. Aus dem Schutt entsteht ein Haus ohne Türen und Fenster. In eine der Außenwände mauert er einen reichverzierten Bettrahmen aus Holz ein.

Ai will damit ausdrücken, dass nicht nur sein Haus zerstört wurde, sondern auch sein Privatleben.

Arbeiten im Kontext des Erdbebens von Sichuan (2008-2012)

Am 12. Mai 2008 erschüttert ein Erdbeben der Stärke acht im Kreis Wenchuan die chinesische Provinz Sichuan. Rund 80.000 Menschen kommen dabei ums Leben, mehr als 370.000 werden verletzt.
Zehn Tage nach dem Unglück reist Ai in das Katastrophengebiet. Er ist schockiert, dass bei dem Beben vor allem viele Schulgebäude eingestürzt sind.

Tausende von Schülern wurden unter den zusammenbrechenden Gebäuden lebendig begraben. Das löste in der Bevölkerung Kritik und Misstrauen an der Bauweise und -qualität von Schulen aus, die die Regierung errichtet hatte.

Im März 2009 behaupten Staatsfunktionäre der Provinz Sichuan, dass sich die genaue Opferzahl der toten Schüler nur schwer ermitteln ließe.
Als Reaktion auf den Mangel an Transparenz und Informationen von Seiten der Regierung initiiert Ai das Internet-Projekt „Citizens' investigation“ (Bürgerermittlung).
Ziel der Initiative ist es, eine Namensliste der Schüler zu erstellen, die beim Erdbeben starben.

Freiwillige sammeln kontinuierlich Informationen. Die Ergebnisse veröffentlicht Ai in seinem Blog: Bilder, Interviews und eine Liste mit den Namen von 5.000 Schülern, die dem Beben zum Opfer gefallen sind.

Die Recherchen decken auch auf, dass beim Bau von Schulgebäuden gepfuscht wurde. Im Mai 2009 wird der Blog von der Regierung abgeschaltet.

Forge, 2008-2012

Aus den Trümmern sammelt Ai fast 200 Tonnen Armierungseisen ein, die er in sein Atelier bringen lässt. Diese Eisen werden vor allem zur Verstärkung von Stahlbetonbauteilen eingesetzt.

Aus Teilen der verbogenen Eisen hat Ai sein Werk „Forge“ (Schmiede) geschaffen. Die Überbleibsel der Katastrophe sollen an ein sinnloses, historisches Ereignis erinnern, das nichts außer Chaos, Wut und Trauer auslöste.

Auch der Titel dieser Arbeit beinhaltet einen doppelten Wortsinn: „Forge“ bedeutet einerseits „schmieden.“ Ai zielt damit auf die Bearbeitung von Material ab. Andererseits bedeutet „Forge“ aber auch „fälschen“ – hier als Anspielung und im Sinne von „fälschlicher“ Verwendung des Materials mit tragischen Folgen zu verstehen.

Ais Arbeiten kommen kaum ohne versteckte Kritik an der chinesischen Regierung aus. In fast allen seinen Exponaten stecken historische, politische oder ironische Anspielungen auf die Verhältnisse und Entwicklungen in China. Seine Botschaft schwemmt er dem Betrachter wie zufällig vor die Füße, um an Tradition und Moderne zu erinnern.

Diaoyu-Inseln, 2013

Ai übersetzt in der Ausstellung auch einen bedrohlichen Konflikt zwischen China und Japan in künstlerische Form: Es geht um die unbewohnten Diaoyu-Inseln im Ostchinesischen Meer. Die Nachbildung des Archipels hat Ai aus Marmor gemeißelt. Fast fünf Tonnen wiegt der schwerste Teil.

Der Marmor lässt die Inselgruppe wie einen „steinernen Zankapfel“ aussehen, um den sich Japaner und Chinesen einen patriotischen Territorialstreit liefern. Indem Ai den Archipel als topografische Skulptur in verkleinertem Maßstab abbildet, stellt er diese geopolitische Debatte wie einen Cartoon dar, hinter dem sich die nationalistische Rhetorik der beiden streitenden Staaten verbirgt.

Nach einem militärischen Zwischenfall gab es sogar die Befürchtung, dass dieser Streit zu einem äußerst ernsten Konflikt führen könne.

Ais politische Kunst

Kritiker monieren Ais künstlerische Arbeit als zu politisch. Er benutze Kunst lediglich als Mittel zum Zweck. Mit seiner Selbstdarstellung mache er sich zum Vorzeige-Dissidenten erster Klasse.

Ai steht jedoch nicht an der Spitze der chinesischen Dissidenten-Bewegung, weil er sich selbst zum Vorreiter gemacht hat. Er ist der bekannteste Kritiker der chinesischen Regierung, weil er Autoritäten in Frage stellt und wegen seiner kompromisslosen Haltung als Kämpfer für Demokratie und Freiheit gilt.

Es mag sein, dass es eher an Ais Bekanntheitsgrad liegt als an der Bedeutung seiner Kunst, der die Besucher in den Gropius-Bau zieht. Wer sich die Ausstellung ansieht, der findet jedoch die klare Botschaft eines Künstlers, der für die Freiheit kämpft.

Alexandra Hartmann ist freie Journalistin.

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erstellt am 17.5.2014

Ai Weiwei, 2012. © Gao Yuan

ausstellung in berlin

Ai Weiwei – Evidence

Bis 7. Juli 2014

Martin-Gropius-Bau Berlin

Stools (Hocker), 2014. 6000 hölzerne Hocker aus der Qing Dynastie (1644-1911), unterschiedliche Größen © Ai Weiwei

Han Dynasty Vases with Auto Paint, 2014. Vasen aus der Han-Dynastie (202 v. Chr. – 220 n. Chr.) und Autolack © Ai Weiwei. Foto © Mathias Völzke

Souvenir from Shanghai (Souvenir aus Shanghai), 2014. Beton und Ziegelsteinschutt aus Ai Weiweis zerstörtem Atelier in Shanghai in einem Holzrahmen 380 × 170 × 260 cm © Ai Weiwei. Foto © Mathias Völzke