Europa war eine phönizische Prinzessin aus Sidon im heutigen Libanon. Sie war also keine Europäerin, sondern eine unfreiwillige Migrantin aus dem Nahen Osten (Orient). Was dieser Ursprungsmythos mit dem heutigen Erdteil zu tun hat, der ihren Namen trägt, erklärt sich in den Reflexionen von Marion Victor.

essay

Vor mir die Karte Europas

Von Marion Victor

Vor dem 1. Weltkrieg schleppte die Ururgroßmutter als ihren kostbarsten Besitz die Goethe-Gesamtausgabe von Galizien, damals die Mitte Europas, nach Wien. In den Wirren der beiden Kriege, den Auf- und Abbrüchen verschwanden die 20 Bände mit Lederrücken. Weitergegeben von Generation zu Generation wurde aber doch der Glaube an die Kraft und Macht der Worte. So erzählt Jenny Erpenbeck in ihrem Roman Aller Tage Abend die Geschichte des letzten Jahrhunderts. Und so, wie in Jenny Erpenbecks Roman die Goethe-Ausgabe am Ende in einem kleinen, etwas rumpeligen Antiquariat in Wien steht, und zu schwer ist, um mit nach Hause genommen zu werden, so scheint mir heute die Mitte Europas, geographisch wie intellektuell, verloren gegangen. Kurz, sie muss neu bestimmt werden.

Heute, hundert Jahre später, tun wir in Deutschland (genauer: in den alten Ländern der Bundesrepublik Deutschland) so, als sei die deutsch-französische Achse der Kern Europas. Sie mag der Kern des politischen Bündnisses EU sein, aber sie ist nicht das Zentrum Europas. Das liegt geographisch gesehen irgendwo in der Nähe von Krakau. Die Wunde in unserem Bewusstsein, die der Eiserne Vorhang mit der Spaltung Europa zufügte, ist noch keineswegs verheilt.
Natürlich wissen wir, wo das winzige Luxemburg liegt, aber welcher der drei baltischen Staaten ist Estland, welcher Litauen? Wo befand sich dieses Galizien? In Polen? In der Slowakei? Oder in der Ukraine? Und was für eine Sprache mag das sein, ukrainisch? Nur langsam erobern sich diese Länder in unserem Hirnen einen Platz, und zwar vor allem dann, wenn ihre Bevölkerung zu unserem Erstaunen, wie jetzt in der Ukraine, lautstark ihre Zugehörigkeit zu Europa einklagt.

Was aber ist Europa? Vielleicht sollte zuerst gefragt werden, was ist Deutschland? Wenn man auf die Landkarte schaut, ist es zwar kein Flickenteppich mehr aus mehr oder weniger großen bis winzigen Fürstentümern, sondern ein Staat aus 16 Bundesländern, von denen jedes eifersüchtig über seine Kulturhoheit wacht. Seine Fläche ist gerade mal so groß wie 1/24 von Brasilien. Gleichzeitig ist die Hauptstadt Berlin die zweitgrößte türkische Stadt. Nicht mehr nur die Eisdielen sind italienisch. Mein Schuster kommt aus Russland. Die Gemüsefrau an der Ecke aus Italien. Die Putzfrau aus Kroatien. Eine Freundin fliegt nach Thailand, um dort zu meditieren. Der Autor L. ist mit einer Iranerin verheiratet, eine junge Autorin ist in einem Dorf im Münsterland geboren und heißt Fatima. Und eine andere ist in Wolgograd geboren und heißt Marianna. Der Autor M. hat einen isländischen Vater und eine Hamburgerin zur Mutter. Die Autorin Ö. kommt aus der Türkei und ihr Deutsch ist so bunt wie ein orientalischer Teppich und wurde unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.
Der Anteil der Ausländer an der Frankfurter Bevölkerung beträgt knapp 40%. Und damit sind noch nicht die Frankfurter eingerechnet, deren Vater oder Mutter oder deren Großeltern nicht in Frankfurt geboren sind und wer weiß woher kommen. Vor einigen Jahren wurde ausgerechnet, dass die Bevölkerung Frankfurts sich statistisch gesehen alle 10 Jahre austauscht.

Alemania, Allemagne, Alamania, – so wird Deutschland in Spanien, Frankreich oder auch der Türkei bezeichnet. Abgeleitet ist dieser Name von “Alemannen” einem wohl germanischen Wort, das ursprünglich lediglich so viel bedeutete wie “Menschen” und eben keinen bestimmten Stamm bezeichnete.
Und tatsächlich ist vielleicht für das Gebiet, das wir heute als Deutschland bezeichnen, wie für alle Gebiete in der Mitte Europas, typisch, dass hier seit jeher die Menschen wanderten, zuzogen, heirateten, Kinder bekamen, wegzogen. Handelswege durchzogen seit der Antike den Kontinent von Nord nach Süd und West nach Ost. Reisen gehörte nicht nur bei Adel und Bürgertum zur Ausbildung der jungen Männer. Reisen, auf die Walz zu gehen, sich umzusehen und mit der Fremde zu konfrontieren, war auch für jeden Handwerksburschen geradezu eine Pflicht.

Graf Eberhard von Württemberg-Urach und Gründer der Tübinger Universität war verheiratet mit der Markgräfin Barbara von Gonzaga in Mantua, Albrecht Dürers Vater kam aus Ungarn, Immanuel Kants Vater stammte aus Lettland, seine Mutter aus Nürnberg, und geboren wurde er im damals preußischen, heute russischen Königsberg. Die Donauschwaben wanderten die Donau entlang und Richtung Karpaten. Georg Friedrich Händel aus Halle entfaltete sich in Italien, um sich dann in London niederzulassen. Konzertreisen führten Mozart, den bayerischen Schwaben, Salzburger, Wiener oder Weltbürger nach Frankfurt am Main, Mannheim, Paris, Den Haag und Prag, um nur ein paar seiner vielen Stationen zu nennen. Ludwig van Beethoven, sein Vater stammte aus dem flämischen Brabant, die Mutter aus einer Kölner Familie, machte sich auf den Weg nach Wien, um Mozart kennenzulernen. Der Bildungsroman war der Roman einer Reise, man denke nur an Goethes Wilhelm Meister. Clemens Brentano, der Sohn eines italienischen Kaufmanns in Frankfurt am Main, sammelte mit Achim von Arnim zusammen deutsche Volkslieder und veröffentlichte sie in Des Knaben Wunderhorn. Graf Schlabrendorf verließ Preußen, ließ sich in Paris nieder, wurde ein kluger Beobachter der französischen Revolution und Gesprächspartner für Wilhelm von Humboldt, Joseph von Eichendorff und Karl August von Hardenberg. Frederic Chopins Mutter war Französin, sein Vater Pole, er wuchs in Warschau auf und verbrachte sein Berufsleben größtenteils in Paris. Theodor Fontane kam aus einer hugenottischen Familie, die in Brandenburg Zuflucht gefunden hatte. Anton Cechov, geboren im südrussischen Taganrog, starb im badischen Badenweiler, der Russe Alexej von Jawlensky starb als deutscher Staatsbürger 1941 in Wiesbaden.

Diese Liste ließe sich mühelos erweitern und bis in die Gegenwart hinein fortsetzen. Sie verdeutlicht, ein Europa der Nationalstaaten erscheint aus dieser Perspektive vor allem ein politisches Konstrukt, eine Form machtpolitischer Besitzansprüche und verwaltungstechnischer Apparate, deren Grenzen für die Bürger Europas nie wirkliche Bedeutung hatten. Ja, sie verdeutlicht, dass der Begriff der Nation zu hinterfragen ist, dass seine ideologische Bedeutung nicht übersehen werden darf, das heißt, dass er höchstens noch für die Geschichtsschreibung relevant ist. Nicht nur für die Händler und Kaufleute gehörte zur Lebenswirklichkeit der Bevölkerung der Austausch mit dem Fremden zum Alltag und war bei aller anfänglich auch skeptischen Haltung Einzelner eine Bereicherung. Auch ohne Auto, Eisenbahn und Flugzeug war Reisen und damit der Austausch von Handelsgütern und Ideen immer eine Selbstverständlichkeit und Voraussetzung für Fortschritt.

Die Römer brachten den Wein nicht nur in versiegelten Amphoren über die Alpen sondern begannen auch, ihn am Rhein anzubauen, die italienische Markgräfin Barbara von Gonzaga zeigte den Schwaben, wie man Spätzle macht, Christopher Kolumbus brachte aus Amerika die Kartoffel mit, die Wiener liebten den Türkentrank und Mozart veroperte mit Hilfe des italienischen Librettisten Da Ponte ein französisches Theaterstück. Das Bürgertum las die Theaterstücke Shakespeares in der Übersetzung von Wieland, las Cervantes in der von Tieck und die Autobiografie Benvenuto Cellinis in der Übersetzung von Goethe. Max Liebermann ging nach Paris und lernte die Impressionisten kennen, Kandinsky, nach Abitur in Odessa und Jurastudium in Moskau, entschied sich gegen eine juristische Hochschulkarriere in Russland, übersiedelte nach München, lernte dort Gabriele Münter und Franz Marc kennen und gründete mit ihnen den Blauen Reiter. Die Songs der Beatles wurden in der ganzen (westlichen) Welt gehört; Pizza, Döner und Coca Cola sind mehr als beliebte Nahrungsmittel. Fast food ist auch Ausdruck des Lebensgefühls einer ganzen Generation rund um den Globus geworden.

Mit der Globalisierung ist der Austausch mit dem Fremden nicht intensiver und verbreiteter geworden, sondern im Gegenteil, die Besonderheiten von kleinen oder wirtschaftlich nicht starken Regionen sind im Verschwinden begriffen. Dafür ist eine Beherrschung des Marktes durch eine Handvoll Konzerne zu beobachten. In unseren Innenstädten zwischen Konstanz und Kiel ebenso wie zwischen Helsinki und Lissabon reihen sich die Schaufenster der gleichen Ketten, wie zum Beispiel H & M, Esprit und Zara aneinander. Alteingesessene Cafés sind Starbucks gewichen. Auf dem Kunstmarkt lässt sich ein ähnliches Phänomen beobachten. Ob ein Kunstwerk in China, Europa oder den USA entstanden ist, lässt sich kaum noch ausmachen, sie müssen auf demselben global definierten Kunstmarkt bestehen, der das Angebot wie auch die Preise bestimmt. Ein anderes Koordinatensystem zur Beurteilung als der Preis existiert nicht mehr. In den Buchhandlungen sind an die Stelle des Gesprächs die Stapel der Bestseller getreten. Wöchentlich erscheinen neue Listen der Verkaufshits. Und ein einfaches Pidgin English bestimmt die Kommunikation. Nur kürzeste Sätze mit einfachsten Aussagen verbreiten sich blitzschnell und weltumspannend per SMS oder Twitter.

Angesichts dieser Beobachtungen ist der Anblick der Landkarte Europas mit seinen vielen Ländern in bunten Farben mit krummen Grenzverläufen, der vielen unterschiedlichen Sprachen, ganz zu schweigen von den Dialekten, eine Augenweide. Die Eigenheit Europas liegt in seiner Vielfalt. Die Unterschiede gilt es nicht nur auszuhalten, sondern zu pflegen. Kurz, die Welt ist kleiner geworden, und Europa muss größer, reifer werden. Europa ist kein Staatsvolk, und „homogen“ ist seine Bevölkerung schon gar nicht. Denn noch muss es weiter an seiner Verfassung arbeiten, wenn der irreführende Dunst der Nationalismen und der Souveränitätsrhetorik einmal vergangen ist, muss an gemeinsamen Institutionen bauen, friedensstiftende Verfahren ersinnen, und schließlich Repräsentanten wählen. Gleichzeitig gilt es in diesem Rahmen, die vitale, jahrhundertelang im wechselseitigen Austausch gewachsene Kultur zu bewahren und aktiv zu halten. Aber sie sollte sich nicht als ein Ensemble von Nationalkulturen darstellen; denn keine Kultur ist „national“. Nationalkulturen waren im langen 19. Jahrhundert Kristallisationspunkte für die Identitätsfindung von Völkern. Diese Rolle aber hat ausgedient. Alle Kultur ist grenzüberschreitend, in gewisser Weise anarchisch, jedenfalls weder staatlich noch national.

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erstellt am 17.5.2014