Sie mussten mit Löwen kämpfen, litten unter unbekannten Krankheiten mit ungewissem Ausgang, sahen ungeahnte Wunder, gerieten immer wieder in Lebensgefahr, erlebten Unglaubliches, hungerten, verdursteten fast und wurden Gäste großherziger Herrscher: die reisenden Entdecker zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert.
Ihre Motive waren unterschiedlich: Geldgier, ein missionarischer Auftrag, Wirtschaftsspionage, friedliche oder feindliche Landnahme, diplomatische Aufgaben, Lebensüberdruss, Ausspähung, Handelsabsichten, Abenteuerlust und vor allem Neugier. Denn es gab vor Zeiten, in denen organisierte Pauschalreisen undenkbar waren, tatsächlich noch unerforschte Erdstriche, sogar Erdteile, die die Hoffnung auf unentdeckte Paradiese weckten, Hoffnung auf das andere, bessere Leben, wenn schon nicht das beste. Sehnsuchtsorte wie El Dorado, das als pure Legende in der Mitte des 16. Jahrhunderts entstand und mehrere Expeditionen ins Zentrum Südamerikas zog, übten eine so gewaltige Macht auf die Phantasie der Menschen aus, dass sie für den Versuch, dort hinzugelangen, ihre Existenz aufgaben. Was sie dann tatsächlich erlebten, ist in den Geschichtsbüchern kaum aufzufinden und wäre längst vergessen, wenn sie es nicht detailliert aufgeschrieben hätten.

Die Reihe mit Fundstücken aus diesen Reisebeschreibungen in Faust-Kultur versammelt, bewahrt frühe Erfahrung des Fremden und gerettete kulturelle Erkenntnisse. Das ergibt ein beträchtliches Lesevergnügen. –ach

Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit (Anm. d. Red.).

dritter reisebericht

Die Reise in die Rocky Mountains

nach Oregon und Nordkalifornien. 1842-1844

Wer sich im jungen Staat Amerika zu Anfang des 19. Jahrhunderts vornahm, die neue Heimat zu erkunden und zu vermessen, der brauchte neben Forschergeist und Mut viel rhetorisches Geschick im Umgang mit der indianischen Bevölkerung. Beides besaß John Charles Frémont, als er sich zur Erkundung des Mississippi, Missouri, Oregons, der Rocky Mountains und Kaliforniens aufmachte. Auf seiner Reise erlebte er die Macht und Ohnmacht der indianischen Ureinwohner. Damals hofften sie noch auf ein Leben als gleichwertige Partner unter den neuen Herrschern.

originalauszug

Aus dem 2. Kapitel

Am 15. erreichten wir den Nordarm des Platte, 13 Meilen unterhalb Fort Laramie. Nach einem drückend heißen Tag gelangten wir gegen Abend zur Vereinigung des Laramie- und Platte-Flusses, an der sich eine von Pelzhändlern gegründete Niederlassung befindet.

Unter den Wällen hatten die Sioux-Indianer eine Anzahl Hütten aufgeschlagen, und mit dem anmutigen Hintergrund der Schwarzen Berge, überragt vom Gipfel des Laramie-Gebirges, das in scharfen Umrissen in den lichten Abendhimmel emporstieg, bildete das Ganze ein überraschend schönes Gewölbe. Der Befehlshaber dieses Platzes, Herr Boudeau, nahm mich mit großer Gastfreundschaft auf. Die andere Abteilung, welche den Nordarm hinaufgezogen war, hatte schon vor uns das Fort erreicht und in dessen Nähe sich gelagert. ‒ Ich teile über ihre Reiseabenteuer einiges aus dem Tagebuch des Herrn Preuß mit, welchen ich, wie früher erzählt, der anderen Mannschaft am Tag nach meiner Trennung von ihr nachgeschickt hatte.

»Ich ritt«, berichtet er, »am 6. Juli, nachdem ich mich von Captain Frémont verabschiedet hatte, mit meinem Begleiter über das Hochland, das sich zwischen den beiden Armen des Platte ausstreckt, und erreichte den nördlichen nach etwa sechs Stunden. Man sah keine Spur, dass unsere Leute schon hier vorübergekommen waren, und wir ritten daher auf einige Fichten zu, unter deren Schatten wir unsere Gefährten erwarteten. Ungeduldig über ihr Ausbleiben, ritt mein Begleiter den Fluss abwärts, um sie auszusuchen. Die Sonne ging unter, und er kam noch nicht zurück. Ich zündete ein großes Feuer an und legte mich rauchend und hungrig daneben. Endlich kam der Ersehnte zurück. Er hatte sie 7 Meilen weiter abwärts getroffen und brachte eine gute Abendmahlzeit mit, bei der wir uns in Ermangelung des Salzes nach Soldatenbrauch des Schießpulvers bedienen mussten. ‒ Anderentags reisten wir mit ihnen gemeinschaftlich den Fluss entlang. Der Boden war weit sandiger; üppiges Gras fand sich nur an einigen zerstreuten Stellen nahe dem Fluss, und nur einzelne Bäume waren sichtbar. Eine lange Dürre, verbunden mit der größten Hitze, hatte hier die höher liegenden Prärien so versengt, dass sie gar kein oder nur vergilbtes Gras zeigten. Der bis zu den Schwarzen Bergen sich erstreckende Sand- und Kalkboden ist den Einwirkungen der Witterung sehr unterworfen. So kam es, dass auf unserem Rückweg im September dasselbe Tal des Platte einem grünenden und blühenden Garten glich.

Auf unserem einsamen Weg am 8. Juli erblickten wir nicht einmal einen Büffel oder eine flüchtige Antilope, bis unsere Karawane gegen Abend plötzlich anhielt. Alles ritt und lief durcheinander in lärmender Verwirrung, die Flinten wurden hervorgeholt, die Kugeltaschen untersucht, kurz, das Geschrei »Indianer!« wurde wiederum gehört. Doch bald zeigte es sich, dass es Weiße waren unter der Leitung eines Herrn Bridger. Sie lagerten mit uns, und nach der Mahlzeit setzte uns der Letztere von dem gefährlichen Zustand des Landes in Kenntnis. Die Abneigung der Sioux-Indianer sei in offene Feindschaft ausgebrochen. Vergangenen Herbst hätten sie mit ihnen mehrere Gefechte bestanden, in denen auf beiden Seiten viele gefallen seien. Vereinigt mit den Cheyenne- und den Dickbauchindianern, durchzögen sie das Hochland in starken Kriegsscharen, und seien gegenwärtig in der Nähe der Roten Kuppen (Red Buttes), an denen wir vorüber mussten. Sie hätten jedem lebenden Wesen, das sie von da westlich fänden, den Krieg erklärt. Seine genaue Kenntnis des Landes hätte ihm gestattet, ihnen zu entgehen und auf einem ungewöhnlichen Weg durch die Schwarzen Berge Laramie zu erreichen. Obwohl unsere Leute ihr Leben unter den Gefahren dieses Landes zugebracht hatten, fand ich doch zu meiner Verwunderung, dass sie alle durch diese Nachricht in die äußerste Bestürzung geraten waren, und von allen Seiten hörte ich Äußerungen der tiefsten Entmutigung. Die ganze Nacht waren zerstreute Gruppen um die Feuer versammelt und lauschten mit der größten Begierde auf die übertriebenen Schilderungen der Gefechte mit den Indianern. Am Morgen war die Mehrzahl unserer Leute ernstlich geneigt umzukehren, aber Clement Lambert, ihr Führer, erklärte mit sechs anderen seinen festen Entschluss, Frémont bis zum äußersten Punkt seiner Reise zu folgen. Die anderen fingen nun an, sich ein wenig ihrer Feigheit zu schämen und entschlossen sich, wenigstens bis zum Laramie-Fluss mitzugehen. ‒ Wir erblickten manche seltsame Felsenbildung, so in der Entfernung von 30 Meilen den berühmten »Schlotfelsen«, Chimney Rock, der von hier aus ganz dem Schlot von Dampfmaschinen glich. In seiner Nähe schlugen wir am folgenden Tag unser Lager auf. Wind und Wetter haben seine Höhe auf 200 Fuß verringert, während die Reisenden vor mehreren Jahren dieselbe noch auf mehr als 500 Fuß schätzten. ‒ Am 13. erreichten wir ohne sonderliche Vorfälle das Fort Laramie.«

Dasselbe ist nach mexikanischer Weise im Viereck und aus Lehm erbaut. Die Mauern sind gegen 15 Fuß hoch und von hölzernen Palisaden überragt. Sie bilden nach innen Häuserreihen, welche einen Hof von etwa 130 Fuß im Geviert völlig umgeben und deren Türen und Fenster auf diesen geben. Zwei einander gegenüberliegende Eingänge führen dahin; über dem Haupttor befindet sich ein viereckiger Turm mit Schießscharten, während der andere eine Art Nebenpforte bildet. An zwei schräg einander gegenüberliegenden Ecken sind große Bastionen erbaut, welche alle vier Wallseiten bestreichen. Außer Herrn Boudeau und zwei Gehilfen lebten in dem Fort 16 Mann, die sich wie üblich ihre Frauen unter den Indianern gewählt haben und mit ihren Kindern dem Platz ein belebtes Aussehen gaben. Der Zweck dieser Niederlassung ist der Handel mit den benachbarten Stämmen, die gewöhnlich zwei oder drei Mal des Jahres dieselbe besuchen. Die Indianer bringen fast nur Büffelhäute und empfangen dagegen Decken, bunte Baumwollstoffe, Flinten, Pulver und Blei, ferner allerlei Tand wie Glasperlen, Spiegel, Ringe, rote Farbe zum Bemalen, sodann Tabak und namentlich, ungeachtet gesetzlicher Verbote, Branntwein, der als Alkohol (wasserfreier Weingeist) eingeführt und dann mit Wasser verdünnt wird. Zwar sucht die amerikanische Pelzkompanie die Einfuhr geistiger Getränke, die wie ein verheerendes Gift unter den Wilden wüten, möglichst zu beschränken, kann aber ‒ wenn sie durch andere sich ihren Handel nicht ganz zerstören lassen will ‒ unter den gegenwärtigen Verhältnissen auf diesen Handelsgegenstand nicht ganz verzichten. Denn jeder Landstreicher aus den Vereinigten Staaten oder Mexiko kann zu ihrem großen Nachteil, wenn er nur so viel Geld hat, um sich ein Maultier und ein paar Fässchen Branntwein zu kaufen, dafür von einem Indianer alles, was er besitzt, sein Pelzwerk, sein Zelt, seine Pferde, ja selbst Weib und Kinder erhandeln, so leidenschaftlich lieben sie das »Feuerwasser«. Mit ungeheurem Gewinn wird dieser gewissenlose Handel betrieben, denn diese Leute lassen sich für ein Gallone (4 berl. Quart) 36 Dollar bezahlen. Auch hierin tut sich der große Unterschied zwischen einem Handelsmann im Dienst der Gesellschaft und einem Coureur des bois, »Holzstreicher«, wie die Franzosen diesen auf eigene Faust wandernden Krämer nennen, kund. Jene denken auch an die Fortsetzung des Handels für die Zukunft und lassen daher den Indianern ihre Waffen, Pferde und was sie sonst zur Jagd benötigen, während diese von jedem Indianer nehmen, was sie können und wie sie können, auch wenn sie ihm damit die Möglichkeit, noch ferner zu jagen, nehmen.

Die unsere Mannschaft beunruhigenden Nachrichten über die feindselige Gesinnung mehrerer Indianerstämme und ihrer das Land durchschwärmenden Kriegsscharen fanden hier ihre Bestätigung. Auch die uns nach dem Oregon-Gebiet voranziehenden Auswanderer waren, wie wir hörten, dadurch in große Verlegenheit geraten. Spaltungen und Missverständnisse waren zwischen ihnen ausgebrochen, als sie bei dem Fort anlangten. Ihr Vieh war von der langen Reise so ermattet gewesen, dass sie es samt den Wagen hier hatten verkaufen müssen. Die abgetriebenen Pferde, die sie dafür eintauschten, fielen, ehe sie das Gebirge erreichten. Ihr ohnedies gesunkener Mut schwand völlig, als sie von den bevorstehenden Gefahren hörten. Glücklicherweise hatten sie hier den im ganzen Land in hohem Ansehen stehenden Herrn Fitzpatrick zu ihrem Führer und Beschützer erhalten können, der mit ihnen am 4. Juli nach dem Gebirge aufgebrochen war. Gleich darauf war ihnen eine Kriegsschar von 350 Indianern auf dem Fuß gefolgt, deren Häuptling einen seiner Verwandten in dem letzten Gefecht verloren und geschworen hatte, die ersten Weißen, auf die er stieße, zu töten. Im Tal des Sweetwater River (Süßwasserflusses) waren die Auswanderer von ihren Verfolgern eingeholt worden, aber die Gewandtheit und Entschlossenheit ihres Führers hatte sie vor einem Überfall bewahrt und es zu keinem offenen Angriff kommen lassen. Darauf waren sie in ein großes indianisches Dorf geraten, in dem sie eine sehr zweideutige Aufnahme fanden. Die ganze Nacht, die sie dort verweilten, beratschlagten die Häuptlinge miteinander, ob sie am anderen Morgen die Weißen angreifen sollten; doch der Einfluss der »Zerbrochenen Hand«, wie sie Herrn Fitzpatrick nannten, weil eine seiner Hände durch ein gesprungenes Gewehr zerschmettert worden war, überwog und sicherte ihnen einen freien Abzug. Zugleich aber hatten die Indianer bestimmt erklärt, dass alle Weißen, die noch des Weges kämen, sicheres Verderben erwarte.

So schien das Land von zerstreuten Kriegsscharen durchschwärmt zu werden, und große Unruhe bemächtigte sich meiner Leute. Den übelsten Eindruck machte es, dass auch Kit Carson offen die ernstesten Besorgnisse äußerte und seinen letzten Willen niederlegte. Ein Teil der Mannschaft war so verzagt, dass sie ihres Dienstes hier entlassen zu werden begehrten. Ich nahm einen Herrn Bissonette aus dem nahen Fort Platte als Dolmetscher an, der uns bis zu den 135 Meilen weiter westlich gelegenen Roten Kuppen begleiten sollte, um im Fall eines Zusammentreffens mit den Indianern eine friedliche Verständigung möglich zu machen. Fast fortwährend wurde mein Zelt von Wilden besucht, die Geschenke begehrten oder nach dem Zweck unserer Reise forschten oder mit uns handeln wollten. Einer lud mich zu einer mir zu Ehren veranstalteten Mahlzeit ein, bei der ein Hund verspeist werden sollte, und wartete in tiefem Stillschweigen, bis ich bereit war, ihn zu begleiten. Die Frauen und Kinder saßen außerhalb der Hütte, in der wir auf ringsum ausgebreiteten Büffelhäuten Platz nahmen. In der Mitte befand sich der Hund in einem gewaltigen Topf über dem Feuer. Alsbald wurde in großen hölzernen Schüsseln aufgetischt. Das Fleisch war sehr zäh und glich im Aussehen und Geschmack etwas dem Hammelfleisch. Ich fühlte hinter mir sich etwas bewegen und wurde gewahr, dass ich meinen Sitz mitten unter einem Wurf junger, fetter Hunde genommen hatte; doch ich bin nicht von zarten Nerven und fuhr ruhig fort, meine Schüssel zu leeren.

Am 18. Juli traf die schon angekündigte Einwohnerschaft eines Dorfes ein. Es waren größtenteils Greise, Frauen und Kinder, die hier ihre junge Mannschaft zurückerwarten wollten, die wir früher als die Verfolger der Auswanderer erwähnten. Sie führten eine ansehnliche Menge Pferde und große Scharen von Hunden mit sich. Nahe dem Fort schlugen sie ihre Hütten auf, und unser Lager war vom Morgen bis in die Nacht mit Indianern angefüllt. Mein Zelt war der einzige Ort, zu dem sie sich nicht wagten, dahin kamen nur die Häuptlinge, und gewöhnlich blieb einer von ihnen zurück, um die Frauen und Kinder wegzujagen. Die zahlreichen seltsamen Instrumente, die zu noch seltsamerem Gebrauch verwendet wurden, erregten ihre große Bewunderung, und mit besonderer Ehrfurcht blickten sie auf die, durch welche ich mich »mit der Sonne und den Sternen unterhielt«, als geheimnisvolle Gegenständen der »großen Heilkunst«. ‒ Am Abend des 19. ließ ich meine Mannschaft zusammenkommen und erklärte ihr, dass alle Anstalten zur Weiterreise getroffen seien. Wer zu feige sei, mir weiter zu folgen, solle hervortreten und seinen Abschied erhalten. Zu ihrer Ehre sei gesagt, dass nur einer hervorzutreten wagte, den ich auch entließ. Doch hielt ich es für meine Pflicht, in Betracht der bevorstehenden Gefahren unsere beiden jungen Begleiter, Brant und Benton, wenn auch wider ihren Wunsch, hier zurückzulassen.

Alles war am 23. zum Aufbruch bereit, und wir gingen nur noch einmal hinauf in das Fort, um dort den Abschiedstrank zu nehmen. Während wir in einem der kleinen, kühlen Zimmer heiter beisammensaßen, erschienen an der Tür eine Anzahl Häuptlinge, meist kräftige, gut aussehende Männer, und drangen, ohne dass es die Wache hindern konnte, zu uns ein. Sie überreichten mir einen Brief und setzten sich dann schweigend nieder. In ihm benachrichtigte mich Bissonette, die Häuptlinge ließen nach einer Beratung mich warnen, nicht abzureisen vor der Rückkehr ihrer jungen Krieger, die in sieben bis acht Tagen hier anlangen würden. Dieselben würden sonst sicherlich, sobald sie mit uns zusammenträfen, auf uns feuern. Die Häuptlinge seien selbst die Überbringer dieser Zeilen, unter ihnen »Otterhut«, »Pfeilbrecher«, »Schwarze Nacht«, »Ochsenschwanz«. Als ich den Brief gelesen hatte, erhob sich einer der Indianer, schüttelte mir die Hand und sprach, wie folgt: »Ihr seid zu uns zu einer bösen Zeit gekommen. Etliche von unserem Volk sind getötet worden, und unsere jungen Männer, die zu den Bergen gegangen sind, begehren zu rächen das Blut ihrer Verwandten, das von den Weißen vergossen worden ist. Unsere jungen Männer sind böse, und wenn sie auf euch treffen, so werden sie meinen, dass ihr Gut und Kriegsvorrat zu ihren Feinden bringt, und werden auf euch schießen. Ihr habt uns gesagt, dass das zum Krieg führt. Wir wissen, dass unser Großer Vater (oder Präsident der Vereinigten Staaten) viele Krieger und große Feuerwaffen hat, und wir sind besorgt um die Erhaltung unseres Lebens. Wir lieben die Weißen und verlangen nach Frieden. Des allen eingedenk, haben wir beschlossen, euch hierzubehalten, bis unsere Krieger zurückkehren. Wir sehen euch gern unter uns. Unser Vater ist reich, und wir erwarteten, dass ihr uns Geschenke mitbrächtet ‒ Pferde, Flinten und Decken. Doch wir sehen euch gern. Wir sehen auf eure Ankunft als auf das Licht, das der Sonne vorhergeht; denn ihr werdet unserem Großen Vater sagen, dass ihr uns gesehen habt und dass wir nackend und arm sind und nichts zu essen haben; und er wird uns alle diese Dinge schicken.« In ähnlicher Weise sprachen auch die anderen.

Die Bemerkungen des Wilden schienen vernünftig; aber ich wurde gewahr, dass sie dabei nur im Auge hatten, mich für den Augenblick vom tieferen Eindringen in das Land abzuhalten. Ich forderte sie daher auf, zwei oder drei aus ihrer Mitte auszuwählen, um uns zu begleiten, bis wir mit ihrem Volk zusammenträfen. Sie sollten ihre Decken in meinem Zelt ausbreiten und an meinem Tisch essen, und bei unserer Rückkehr wollte ich ihnen Geschenke geben als Lohn für ihre Dienste. Sie lehnten es ab, indem sie sagten, sie seien zu alt, um so viele Tage zu Pferde zu reisen, und zögen es nun vor, ihre Pfeife in der Hütte zu rauchen und die Krieger gehen zu lassen auf dem Kriegspfad. Zudem hätten sie keine Macht über die jungen Männer und wagten nicht, sich ihnen zu widersetzen. ‒ Ich erwiderte: »Ihr sagt, ihr liebt die Weißen, warum habt ihr so viele im Frühling getötet? Ihr sagt, ihr liebt die Weißen, und doch wollt ihr nicht einmal ein paar Tage mit uns reiten, um unser Leben zu erhalten? Wir glauben euren Worten nicht und achten nicht auf eure Rede. Was auch bei uns ein Häuptling seinen Kriegern zu tun gebietet, das geschieht. Wir sind die Krieger des Großen Häuptlings, eures Vaters. Er hat uns geboten, hierher zu kommen und zu sehen dies Land und alle Indianer, seine Kinder. Warum sollten wir nicht gehen? Ehe wir kamen, hörten wir, dass ihr aufgehört hättet, seine Kinder zu sein, aber wir kamen zu euch friedfertig und reichten euch unsere Hand. Jetzt finden wir, dass, was man uns erzählte, keine Lügen waren und dass ihr nicht länger seine Freunde und Kinder seid. Wir haben unser Leben daran gesetzt, und kehren nicht um. Da ihr uns sagtet, eure jungen Männer würden uns töten, wusstet ihr nicht, dass unsere Herzen stark sind, und saht nicht die Flinten, die meine jungen Männer in den Händen führen. Wir sind wenige, und ihr seid viele und könnt uns alle töten; aber viel Klagegeschrei wird man hören in euren Dörfern, denn mancher eurer jungen Männer wird zurückbleiben und die Rückkehr vom Gebirge mit euren Kriegern vergessen. Meint ihr, dass unser Großer Häuptling seine Krieger wird sterben lassen und vergessen, ihre Gräber zuzuschütten? Ehe der Schnee wiederum schmilzt, werden vor seinen Kriegern eure Dörfer verschwinden, wie im Herbst vor dem Feuer das Gras der Prärie. Seht, ich habe meine ›weißen Häuser‹ niedergerissen und meine Leute sind bereit; wenn die Sonne zehn Schritte höher ist, ziehen wir weiter! Wenn ihr uns etwas zu sagen habt, so sagt es bald.« Ich brach die Unterredung ab, weil ich sah, dass nichts weiter auszurichten war. Begleitet von unseren freundlichen Wirten kehrten wir zu unserem Lager zurück. Wir saßen schon zu Pferde und hatten Abschied genommen, als einer der Häuptlinge (»Ochsenschwanz«) mir die Nachricht hinterbrachte, dass sie beschlossen hätten, einen jungen Mann mit uns zu senden, der bei unserem Abendlager zu uns stoßen sollte. »Der junge Mann ist arm«, sagte er, »er hat kein Pferd und erwartet, dass ihr ihm eins gebt.« Ich bezeichnete ihm den Lagerplatz, wir reichten uns zum Abschied die Hände, und nach wenigen Minuten verschwand die letzte Wohnung der Weißen uns aus dem Gesicht.

Aus: John Charles Frémont, Die Reise in die Rocky Mountains nach Oregon und Nordkalifornien. 1842-1844. Mit freundlicher Genehmigung © Edition Erdmann, Wiesbaden

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erstellt am 13.5.2014

John Charles Frémont
Die Reise in die Rocky Mountains nach Oregon und Nordkalifornien. 1842-1844
Leinen mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN: 978-3-86539-869-7
Edition Erdmann, Wiesbaden 2014

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