Mit einem Schuss begann die Westbindung der Deutschen. So finden sich der Selbstmord Hitlers und die Aufteilung Deutschlands zusammengebunden in Alexander Kluges Buch »30. April 1945 – Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann«. Johannes Winter hat das Buch gelesen.

buchkritik: 30. April 1945

Führerlos

Von Johannes Winter

Momente und Fragmente

Ein Jahr vor dem 70. Jahrestag läutet Alexander Kluge das Erinnern an das Ende des 2. Weltkriegs ein. Als Augenzeuge, als Ohrenzeuge, als Zeitzeuge, damals 13 Jahre alt – Oral History, Geschichte von unten. Um uns vertraut zu machen mit jenem 30. April 1945, einem historischen Datum, das kaum einer kennt, legt er los mit einer Sammlung von Spots, von Blitzlichtern: auf die galoppierende Morgenröte über Berlin, den Kollektivtod einer Gutsherrnfamilie, eine ratlose deutsche Kampfgruppe auf Kreta, den planvoll vor den Russen zu den Amerikanern sich flüchtenden Oberstudiendirektor, eine heimliche Giftgasfuhre auf der nachtdunklen Donau. Bilder von der Wirkung des Krieges: was macht der mit und aus Menschen?

Nicht von Eindeutigkeit leben Kluges üblicherweise kurze Texte aus dem Zwischenreich jener kurzen Zeitspanne, sondern es sind Momente, Eindrücke von letzten Gefechten, Flakhelfern, Werwölfen oder einem Angestellten der Deutschen Bank in Schneidemühl, das längst in Händen der Roten Armee ist, welcher 300.000 Reichsmark vom Konto eines örtlichen Holzgroßhändlers auf das Konto von dessen Bruder, auch Holzgroßhändler, im von britischen Truppen besetzten Minden überweist: das Kapital durchquerte, merkt Kluge über seinen Fund oder seine Erfindung listig an – wer weiß das schon, Quellenangaben sind seine Sache nicht – „elektrisch sieben militärische Machtzonen“.

Was serviert uns der Autor? Die Chronik eines Tages im Spätkrieg unmittelbar vor dem Auf- oder Durchatmen – vielleicht an sein Alter zur Zeit der Ereignisse erinnernd – in 13 Kapiteln: Halberstadt, Schweiz, Berlin, Argentinien, Burg Wildenstein, Afghanistan/San Francisco/Lemberg, durch die weite Welt und wieder Halberstadt, mit Überschriften, die in ihrer Lakonie an Goyas Titel für seine „Desastres de la guerra“ erinnern. Die Einheit von Zeit und Ort. Der Tageslauf als „Naturform des Erzählens“, einem Wechselgesang nachempfunden, als Dialog, den Kluge übers Buch hin mit seinem Co-Autor führt, dem Schriftsteller Reinhard Jirgl, dessen Szene von der Jauchegrube nicht verschwiegen sei, in der die Dörfler ihre NS-Devotionalien entsorgen, ein Klassiker jener Spätkriegstage: „Die Hominiden wechseln ihre Götter … vom Adolf zu Josef“.

Kluge schätzt Patchwork, sammelt, was sich abgesetzt hat, Fragmente, Versatz- und Bruchstücke, fügt ein Puzzle, ein Panoptikum, ein Kaleidoskop historischer Vorkommnisse jenes 30. April, dessen besondere Qualität er, vorneweg, im Selbstmord Hitlers dingfest macht. Eines Tages, der ausfranst in Augenblicke, die zum Geschichten-Buch gerinnen, zum Panorama des Übergangs zwischen Krieg und Nicht-Krieg. Seine Fundstücke bezeichnet Kluge als „aus der Realität herausgefallene Wahrheiten“. Es sind Kluge-Wahrheiten, kluge Wahrheiten, orientiert an literarischen Verdichtungen wie Joyce´s Ulysses und Musils Mann ohne Eigenschaften. Vertraut auch, weil wir seiner Heimatstadt Halberstadt am Harz wiederbegegnen, wie schon in der „Chronik der Gefühle“. Manche Stücke sind pädagogisch angereichert, mit einem Fragen-Katalog versehen, der sich Kluge dann und wann aufgedrängt hat. Nicht ohne, dem kargen Alltag jener Tage entlehnt, verstohlen-lustvolle Zusammenkünfte wie die von Gitti und ihrem Captain im Abstellraum.

Datum und Bedeutung

Oder anders: Der 30. April 1945 (komischerweise hat der Verlag den Punkt neben der roten Ziffer auf dem Umschlag unterschlagen) interessiert Kluge in dessen Eigenschaft als „letzter Arbeitstag des Deutschen Reiches“. So ein Tag verflüchtigt sich nicht. Es ist ein Montag, der Tag vor dem 1. Mai, ursprünglich ein Geschenk Hitlers an seine arischen Volkgenossen. Aber es ist auch der Tag, den die Walpurgisnacht krönt, wenn traditionell die Hexen auf dem Halberstadt benachbarten Brocken oben im Harz einfliegen und ihre metaphernreichen Tänze aufführen, ein nächtliches Ereignis, welches sich Kluge, der seine Heimat liebt, nicht entgehen lässt. Ohne dass, wie er bekennt, er in den 82 Jahren seines Leben je dort oben gewesen sei.

Den 30. April 1945 – eine Woche ist es noch bis zum offiziellen Kriegsende, zur Kapitulation – im bombardierten und zerstörten anhaltinischen Städtchen nutzt er, um die „große“ Geschichte jener Tage wie Bausteine einzupassen: den Selbstmord Hitlers, den letzten Nationalsozialisten in Kabul oder die Gründungskonferenz der UNO in San Francisco, aus der Sicht von Augenzeugen. Immer wieder liefert Kluge Privates aus Archiven nach, was auch damit zu tun hat, dass niemand von seinen Freunden und Generationsgenossen (Habermas, Enzensberger et al.) eine konkrete Erinnerung an diesen letzten Apriltag des Frühjahrs ´45 hat. Er selbst natürlich auch nicht. Für ihn, erzählt er, war der 1. Juni viel wichtiger, als er nach einem Jahr der Evakuierung aufs Land frierend und durchnässt von der Feldarbeit nach Halberstadt zurückkehrte, um sogleich seiner Mutter um den Hals zu fallen, „vom Elend ins Glück am selben Tag“. Lebenslauf als Ansammlung von Tagesläufen.

Nicht nur in meiner Erinnerung ist ja der Haupt- und Staatsfeiertag des Kriegsendes der zeremonielle 8. Mai, die Kapitulation. Für ehemalige Volksgenossen wie meine Eltern war das die Stunde Null, eine populäre Datierung mit dem Vorteil, dass es keine Vorgeschichte gibt. Die Jahre des Hungers, des Schwarzen Marktes (Kluge bietet 12 Paar Handschuhe gegen 1 Eimer Zucker auf) schlossen sich an, auch so eine Schule der (westdeutschen) Nation, auf drei Jahre angelegt und exakt am 20. Juni 1948 von einer neuen Zeitrechnung abgelöst.

Für meine Eltern und den Rest der Deutschen war das ein Glückstag, ein Erinnerungspfeiler, in dem sich Ende und Anfang vereinen: die Währungsreform. Eine wahrhafte Zeitenwende, in der Alltagssprache der Zeitgenossen verkürzt auf die Epochen „vor der Währung“ = arme Zeit – „nach der Währung“ = Wirtschaftswunder. Manifestiert in der D-Mark als Angebot für eine neue Identität der trümmerräumenden und ärmelaufkrempelnden Generation von Führerfans, Verbrechern und Verlierern, ein Begrüßungsgeld, das 40 Mark betrug.

Kluge geht es auch in seinem neuesten Werk um historische Gleichzeitigkeiten, um die Trümmer im „Seelensack“ der Menschen. In diesem Fall jener des 30. April, den er augenzwinkernd mit dem Synonym der Eintagsfliege als genetischem Methusalem bebildert. Das Datum hat er bewusst gewählt, gegen den Mainstream, er spürt lieber dem Randständigen nach, sammelt vermeintliche Kleinigkeiten, aus denen sich der Tag zusammensetzt – und er ihn. Nach eigenem Ermessen. Er sucht und sieht Ereignisse, Dinge, Menschen mit dem Zerrspiegel, in Blaupausen, entdeckt – unter der ausschwingenden Kriegs-Glocke – einen schwarz-fahrenden Feldmarschall, Grillparzers Sappho im Wiener Burgtheater, verdurstende Vögel im Berliner Zoo.

Eigensinn der Geschichte

Kluge inszeniert einen Auftritt seines Nachhilfelehrers in Latein, stellt Einar Schleefs Klavierlehrerin aus Sangerhausen auf die Bühne neben den Arzt und Dichter Céline, Brecht mit seiner Hexameter-Fassung des Kommunistischen Manifests, den Blumenschmuck für das Grab von Stefan George, der ohne Ansehen des 30. April auch weiterhin über ein Konto in der Schweiz abgerechnet wird, und Heidegger in seinem Schlupfwinkel auf Burg Wildenstein im Schwarzwald, wo der Philosoph, Schweizer Radiosender hörend, mit Studenten über Hölderlin diskutiert. Lehrstunden vom Umgang mit dem Zusammenbruch, das ist meiner Eltern liebste Umschreibung dessen, was da passiert.

Ereignisse dieser Art klaubt Kluge zusammen, lässt sie zu Anekdoten gerinnen oder zu Episoden und diese zu Auslösern für Erinnerungen, für Erzählungen, für Geschichten. Er bedient nicht die Sehnsucht nach Gewissheiten, das überlässt er anderen. Er arbeitet an beschlagenen Scheiben, will uns Luft zum Atemholen zufächeln. Wissenschaftliche Methodik ist ihm Korsett, mochte er nie.

So erzählt er in der Art eines Polizeiberichts von überlebenden Juden in Berlin, denen es nur mit Unterstützung russisch sprechender Prostituierten gelingt, sich vor „Übergriffen der Roten Armee“ zu schützen. Eine Episode, in der Geschichte mitschwingt, Nazi-Geschichte, Bilder jener Tage von dem Horror Entronnenen, von Leichenbergen, von Todesmärschen, von ausgemergelten Gestalten auf den Landstraßen des Reiches – was können/konnten Zeitgenossen von der Welt der Lager im April ´45 ahnen, vermuten, wissen? Kluges Technik schließt Leerstellen ein. Er bleibt dabei, die Schatten der Überlebenden aus dem kriminellen Milieu des Scheunenviertels an die Wand zu malen.

Ein Beleg, dass der Massenmord an den Juden nicht im Bewusstsein der Deutschen des Aprils 1945 vorhanden war? Dass stattdessen, was die umtrieb, in unzähligen Varianten erzählt, das Heimkehren, Sich-Durchschlagen, Sich-Gutstellen, Hungerwintern-Trotzen, Überleben, sich West-Binden war?

Dies führt zur zweiten Hälfte des Untertitels. Was hat es mit der „Westbindung“ auf sich? Mir scheint, hier gerät Kluges „Eigensinn“ zur Eigenwilligkeit, seine Leidenschaft für Heterotopien streift Ideologie. Es kommt mir waghalsig vor, die im Sinne Adenauers vorangetriebene Annäherung der frühen Bundesrepublik an den Westen ohne Brüche – die Kluge sonst mit scharfem Blick wahrnimmt – aufzufächern.

Ich erinnere gut, wie meine Eltern sich zwar bei der CDU des Alten aus Rhöndorf zuhause fühlten. Wie unduldsam aber ihr Anti-Amerikanismus sich regte, wenn sie uns Kindern untersagten, von GIs, die im offenen Jeep unseren Schulweg kreuzten, eine Apfelsine oder eine Büchse Corned Beef anzunehmen. Soviel Abscheu gegen die Sieger, die niemand als Befreier empfand. Widersprüchlichkeit war da. Und hielt sich, bis Elvis Presley am Ende der Fünfziger, als GI in der Friedberger Kaserne stationiert, mit dem auf deutsch gesungenen Volkslied „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ ihre Herzen im Sturm eroberte. Keine „Ami-Musik“ war das für sie, sondern ein Pflaster auf die Wunde, die ihnen der Verlust des geliebten Führers und die kränkende Niederlage zugefügt hatten.

Erzählstrom im Überfluss

In einem Radio-Interview zum Buch hat Kluge uns darüber aufgeklärt, dass fünfzig Prozent seiner Geschichten erfunden seien, indessen, wie er betont, „aus der Kenntnis der Geschichte“. Für Kluge-Leser nichts Neues. Überhaupt, das Radio als Türöffner in die Welt der gesprochenen Sprache, der mündlichen Erzählungen legt nahe: auch dieses Werk des Autors dürfte seinen eigentlichen Charme in einer Hörbuch-Fassung gewinnen, im Klang und Gestus seiner anhaltinischen Dringlichkeit, im unerbittlichen Denken beim Reden, dem schweifenden Erzählen, seinem so ungemein belesenen Knüpfen von Verbindungen, dem nicht nur seine Zuhörer erliegen mögen, sondern zuweilen vielleicht auch er selbst.

Also noch einmal: Kluge rollt einen Erzähl-Teppich aus, der gewebt, geknüpft, geknotet ist aus 1001 Ariadnefäden, eine geknüpfte Brücke, die Kontinuitäten andeutet wie den Funktionswandel eines Gebäudes in der Stuttgarter Innenstadt: vom 1945 zerstörten Geschäftshaus für Kolonialwaren aus Afrika zum US-Einsatzzentrum, von dem aus im Jahr 2014 amerikanische Drohnen-Einsätze in Afrika gesteuert werden. Solche Fäden greift er auf, an anderer Stelle, lässt sie wieder fallen, spielt mit ihnen, streicht sie glatt oder rubbelt sie auf, kann sich an ihren Farben nicht sattsehen. Ein Augenmensch?

Das Ohr kommt nicht zu kurz. Es ist das Hörensagen, aus dem er schöpft. An Original-Tönen ist ihm gelegen. (Zu-)Hören sei ohnehin die Quelle seines Unterscheidungsvermögens, sagt er und beschwört das unzerreißbare Band seiner Kindheit, als ihm Mutter und Kindermädchen Geschichten erzählten, erfundene oder Grimm´sche Märchen zum Einschlafen servierten.

Lesend, schmökernd sitzt man im Sessel, gleichsam am Ufer, und taucht ein in den labyrinthischen Erzähl-Strom aus Kluges Erinnerungsarbeit, der Rinnsale aufnimmt und Bäche und Seitenarme im Überfluss. Versehen mit Heraklits hintersinnigem Diktum, dass es unmöglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen.

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erstellt am 12.5.2014

Alexander Kluge
30. April 1945 – Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann
Mit einem Gastbeitrag von Reinhard Jirgl
Pappband, 316 Seiten
ISBN: 978-3-518-42420-9
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

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