Der Veranstalter und ehemalige Betreiber des Hotels »Römerbad«, Klaus Lauer, ist nach zehnjährigem Exil in Bad Reichenhall nach Badenweiler zurückgekehrt und führt dort die ruhmreichen Musiktage weiter. Hans-Klaus Jungheinrich hat das Festival besucht.

badenweiler musiktage 2014

Daheim im Musik-Glück

Klaus Lauers ambitioniertes Musikfest kehrt vergrößert nach Badenweiler zurück

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Badenweiler, der vornehme Kur- und Kulturort in den südbadischen Schwarzwald-Ausläufern, hatte auch musikalisch einen guten Klang. Hier betrieb der Hotelier und Musikkenner Klaus Lauer jahrzehntelang seine legendären Römerbad-Musikfeste, benannt nach dem von ihm geleiteten Luxushotel, dessen 300 Personen fassende Innenrotunde ein bezauberndes Konzertambiente bot. Nachdem Lauer das Hotel „Römerbad“ vor zehn Jahren verkauft hatte, rettete er seine künstlerische Manager-Professionalität durch Übernahme des ähnlich schwerpunktmäßig der Kammermusik zugewandten Festivals „Alpen-Klassik“ im oberbayerischen Bad Reichenhall. Aufgrund eines fehlenden großstädtischen Einzugsgebietes erwies sich diese Stadt auf die Dauer indes als problematisch für ambitioniertere Vorhaben. So war es eine glückliche Entscheidung, dass Klaus Lauer seine Aufmerksamkeit nun wieder auf die alte Heimat richtete und in Badenweiler, am Platz der ehemaligen Erfolge, einen Neuanfang der Musikfest-Initiative ins Werk setzte. Diesmal in vergrößertem Rahmen und unter dem offiziellen Dach der Badenweiler Thermen- und Touristik-Gesellschaft sowie unterstützt von potenten Sponsoren. Als Konzertstätte wurde der 600 Plätze bereit haltende Saal des modernen, mit diskreter Anmut zu Füßen der malerischen mittelalterlichen Zähringerburg-Ruine in die Parklandschaft integrierten Kurhauses gewonnen. An vier Abenden kamen hier in den ersten Maitagen fast 1800 Musikfreunde zusammen, weitaus mehr, als von den Veranstaltern erwartet wurden. Badenweiler erwies sich also erneut als ein guter, leicht erreichbarer Treffpunkt insbesondere für Interessenten aus dem Dreiländereck mit den regionalen Metropolen Basel, Mulhouse und Freiburg. Nicht zu unterschätzen aber auch die Anziehungskraft des Musikzauberers Klaus Lauer, der sich freizuhalten versteht von den standardisierten Angeboten des üblichen Musikbetriebs und sich am persönlichen, geradezu familiären Kontakt mit Künstlern orientiert. In seiner alten Heimat, so scheint es, entfaltet Klaus Lauer die der Bodenständigkeit erwachsenden Kräfte wie jener Riese aus der griechischen Mythologie, dem Bodenberührung Unbesiegbarkeit verschaffte.

Der auch durch Teilnahme einer Weinkönigin besiegelte Konnex mit lokalen Traditionen und Institutionen bedeutet jedoch keinerlei Abstrich an konzeptioneller Klarheit und künstlerischem Anspruch, und gerade für diese Integrität scheint Klaus Lauers Stammpublikum – in der Tat konnten offenbar viele alte Bekannte jetzt neu zusammengebracht werden – dankbar. Verständlich, dass im Jahre eins der Wiederanfädelung der Anteil an zeitgenössischen Kompositionen noch etwas vorsichtiger dosiert wurde – das ist für 2015 unter dem Motto „à la francaise“ und mit dem Komponisten Bruno Mantovani als „composer in residence“ schon anders geplant. Diesmal wurde das aktuelle Komponieren repräsentiert durch wenige, aber durchaus markante Werke wie etwa Wolfgang Rihms Violinsolostudie „Über die Linie VII“ von 2006 oder György Ligetis an Bartók anknüpfendes 1. Streichquartett „Metamorphoses nocturnes“.

Moderne und produktive Aspekte der Musikvermittlung zeigen sich vor allem auch am interpretatorischen Habitus, denn der Umgang mit älteren Werken verläuft parallel zu dem mit dem kompositorischen Material und ist wie dieser dem geschichtlichen Wandel ausgesetzt. Klaus Lauer hat ein Sensorium für kompositorische Nouveautè und die von ihr beeinflussten Wiedergabe-Tendenzen, und so verwundert es nicht, dass er „seine“ Konzertkünstler lieber in den Reihen der unverbrauchten, jungen Talente sucht als bei den alten Routiniers. So kommt es, dass man in den von ihm lancierten Séancen auch altvertrauten Werken begegnet, die überraschend neu zur Geltung gebracht werden. Frappierend diesmal zum Beispiel die Darstellung der Violinsonate von César Franck mit der Geigerin Carolin Widmann und dem Pianisten Florent Boffard. Man kennt dieses effektvolle, grandiose Repertoirestück als eine klangsatte Demonstration des großen geigerischen Tons und der unerschütterlichen virtuosen Souveränität, ja Saturiertheit. Mit sehr schlanker Linienführung und tastender Annäherung suggerierte insbesondere Carolin Widmann aber im Gegenteil eine eben erst wie aus dem Nichts entstehende Musik, einen Prozess mit unsicherem Ausgang. Francks kühne, antiakademische Formgebung regte mithin einen Wiedergabemodus an, der sich völlig vom Gestus klassizistischer Sekurität löste. Demgegenüber bemühte sich die Geigerin, dem erwähnten Rihmstück in seiner Zerrissenheit und ins Unbegrenzte schweifenden linearen Dynamik feste Konturen und einen gleichsam soliden melodischen Zusammenhalt zu geben. Zum Staunen die Begegnung mit der Violinsonate von Francis Poulenc, in deren Finale der Tonfall unverbindlicher Oberflächen-Brillanz plötzlich gestoppt wird und in rätselhaft-abrupte Akkordschläge mündet – man könnte in dieser gewaltsamen Unterbrechung neoklassizistischer Eloquenz einen Reflex auf das Entstehungsjahr 1943 und den Krieg sehen. In Poulencs Musik gibt es oft drastische Bruchstellen zwischen Oberflächen-Anschein und „tieferer Bedeutung“, und so kann man ihr seinen Respekt nicht versagen, auch wenn sie kaum in den Kanon der emphatisch „neuen Musik“ aufgenommen ist.

Von orthodoxen Erwägungen dürfte die intellektuelle Geigerin Carolin Widmann ebenso frei sein wie ihr komponierender Bruder Jörg Widmann, der zugleich zu den großen Klarinettisten unserer Zeit gehört. In Badenweiler beteiligte er sich an zwei Konzerten. Mit seiner Schwester und Florent Boffard spielte er Bartóks dreisätzige „Contrasts“, ein Exempel diabolisch transzendierender ungarischer Volksmusik, das fast schon Züge der ins Extreme getriebenen Ligeti-Poetik aufweist. Völlig andere Anforderungen an das der menschlichen Stimme so verwandte Blasinstrument stellt Brahms’ spätes Klarinettenquintett Opus 115, in dessen durchgehend melancholischem Duktus gleichsam jeder Ton sich als Kondensat grüblerischer Lebens-Erfahrung und meditativer Introspektion zu erweisen hat. Die Streicher des Cuarteto Casals, zuvor feinnervige Interpreten von Debussy und Ligeti, waren hier die auf Augenhöhe mit dem Klarinettisten sekundierenden Spielpartner.

Das Wagnerjahr strahlte legitim auch noch auf ein 2014er Kammermusikprogramm über. Dem stupenden Klavierduo Yaara Tal & Andreas Groethuysen oblag es, zweierlei aufzuzeigen: Auswirkungen des Bayreuthers auf Debussy (was zugleich einen Vorschein des nächsten Musikfestjahres ergab) und den Nachweis zu erbringen, dass die Machtfülle der Wagnermusik fast schlagkräftiger in der geballten Anstrengung zweier Solisten erfahrbar wird als durch großorchestrale Klangwucht. Neben Bearbeitungen von Debussy und Dukas bestachen vor allem die ungemein versierten Wagnertransskriptionen von Alfred Pringsheim, dem Schwiegervater Thomas Manns. Vervollständigt wurde der kleine Konzertzyklus mit den letzten drei Beethoven’schen Klaviersonaten, fast schumannesk-poetisierend beleuchtet von dem Pianisten Francois-Frédéric Guy. Auch diese Werk-Trinität spricht mit der Stimme der Wagner-Devise „Schafft Neues, Kinder“, mit der Klaus Lauer, zur Selbstermutigung und als Aufruf an das Selbstbewusstsein der Künstler und Kunstfreunde, seinen Neubeginn vielversprechend einläutete.

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erstellt am 12.5.2014

Carolin Widmann
Carolin Widmann
Florent Boffard
Florent Boffard
Yaara Tal & Andreas Groethuysen
Yaara Tal & Andreas Groethuysen
Francois-Frédéric Guy
Francois-Frédéric Guy