Hermann Kinders neue Erzählung „Der Weg allen Fleisches“ schildert die Geschichte einer Krankheit. Zu Beginn noch undramatisch, führt sie auf einen Leidensweg, der kaum auszuhalten ist. Kinder hat eine anrührende Erzählung geschrieben, die weit mehr ist als eine poetisch aufbereitete Krankenakte, findet Otto A. Böhmer.

buchkritik

Mehr als eine Krankenakte

Von Otto A. Böhmer

Wenn einer eine Reise tut, kann er bekanntlich viel erzählen. Das muss nicht immer interessant sein, wird aber zumindest von dem, der erzählt, als spannend empfunden. Ein noch ergiebigeres Themen als Reisen sind Krankheiten, die allerdings den Nachteil haben, dass sie gern unter Hypochondrieverdacht geraten. Der Verlauf einer Krankheit gleicht einer Reise ins Ungewisse: Sie wird einigermaßen optimistisch begonnen, zieht dann aber, wenn es nur noch von Arzt zu Arzt und von Klinik zu Klinik geht, die schlimmsten Befürchtungen auf sich. Der Schriftsteller Hermann Kinder (Jg. 1944), einer der Stillen im Lande, der nie sehr dicke, geschweige denn: geschwätzige Bücher veröffentlichte, dafür seine Leser jedoch mit kluger Prosa für sich einzunehmen wusste, berichtet in seiner Erzählung Der Weg allen Fleisches von einer Krankenfahrt, die undramatisch beginnt, dann aber Fahrt aufnimmt und auf einen Leidensweg führt, der kaum auszuhalten ist. Um es vorwegzunehmen: Kinders neues Buch, wiederum nicht sehr umfangreich, geht unter die Haut; es ist frei von Larmoyanz und gerade deswegen ergreifend und beängstigend zugleich.

Alles beginnt, wie das bei schweren Krankheiten häufig vorkommt, vergleichsweise harmlos: Ein Mann, knapp 60 und geübter Freizeitsportler, der rund um den Bodensee alle anspruchsvolleren Radtouren absolviert gebracht hat, spürt erste Beschwerden. Der Atem wird rasselnd, in der Brust baut sich ein Druck auf, der nicht weichen will; auf einmal überholen ihn Rentner, an denen er bis kurzem noch locker vorbeigezogen ist. Er gibt sich gelassen, aber die Ängste sind da, lassen sich nicht mehr beschwichtigen, zumal er kurz darauf einen Herzinfarkt erleidet. Im Krankenhaus wird ihm ein Stent gelegt, der aber keine Besserung bringt: „Der Herzinfarkt erklärte nicht die durch seinen Körper vagabundierenden Schmerzen. Richtig krank fühlte er sich nicht; war er aber doch wohl. Medikamente und Infusionen hatten die Schmerzen gedämpft.“ Es bleibt indes „ein gefährlich unklares Blutbild“. Die Ärzte, allesamt bemüht und ratlos, „schickten sein Blut nach Nord und Süd, bis eindeutig war: Er litt unter Morbus Wegener, einer Autoimmunkrankheit, die zuerst die kleinen Blutgefäße zerstört und dann vielleicht, Organ nach Organ, den ganzen Menschen“. Eine nicht gerade aufbauende Diagnose. Aber immerhin eine Diagnose: „Na denn, sagte er sich“. Mehr ist bei solchen Befunden auch nicht zu sagen; man probt den vorauseilenden Ungehorsam, hält alles für einen Irrtum, der alsbald von einem höchstrichterlichen Ärztegremium mit dem Ausdruck des Bedauerns korrigiert werden muss. Morbus W. hält sich zunächst noch bedeckt; ein Klinikaufenthalt, der dem Patienten verordnet wird, erweist sich sogar als „ziemlich angenehm“: „Nur das Schnarchen machte Unmut. In den ersten Nächten hatte er die Nachtschwester um ein anderes Zimmer gebeten (…), weil das mal kontinuierliche, mal aufbrüllende, mal absinkende Schnarchen des Mitkranken ihn keinen Schlaf finden ließ.“ Danach aber wird’s ernst. Der Patient bekommt Chemotherapien verabreicht, man füttert ihn mit Cortison, was sein äußeres Erscheinungsbild, höflich gesprochen, ein wenig zum Unguten verändert. „(…) zwei Wochen lang sah er unverändert aus. Ab der dritten quoll er im Spiegel auf zu einem Mond- oder Pompidou-Gesicht. Seine Kraft nahm ab. Er wurde immer fetter.“

Nachdem man den nunmehr sehr dicken Patienten, mit dessen Morbus die Fachleute noch immer nicht viel anfangen können, nach Hause entlassen hat, kommen die Schmerzen wieder, ja, sie legen noch zu. Es wird immer schlimmer. Die nächste Einweisung ins Krankenhaus folgt; von nun an geht es nur noch ums Überleben. Eine Amputation droht, man ist sich aber noch nicht ganz einig, was und wie viel amputiert werden soll. „Die Ärzte stritten sich, ob eine Oberschenkel-, eine Knie-, eine Unterschenkel, eine Hinterfuß- oder Vorfußamputation notwendig wäre … Der freundliche Chirurg markierte täglich die Demarkationslinie, bis zu der der Fuß unrettbar war.“ Schließlich waltet der freundliche Chirurg seines Amtes und nimmt dem Patienten den Vorfuß ab; danach ist nichts mehr so, wie es war. Mühsam, begleitet von Rückschlägen, Blutstürzen, tragikomischen Orientierungs- und Gleichgewichtsstörungen aller Art, vermag sich der Patient ein wenig zu erholen, was allerdings Ansichtssache ist: Auch sein Selbstwertgefühl nämlich wurde amputiert, so kommt es ihm vor. Er kämpft und resigniert zugleich, am liebsten möchte er sterben, aber auch das macht unendlich viel Mühe, zumal er nun zum „übergewichtigen Krüppel“ geworden ist, dem auch kleinste Handreichungen schwerfallen.

Hermann Kinders Erzählung beschreibt die persönliche Reha seines Helden von der dicken Gestalt als traurige Sozialgroteske, in der ein Ich verlorengeht, dessen neu aufkommende Chance auch darin besteht, dass die Erinnerungsbilder früherer Unversehrtheit und Stärke, denen ohnehin nie zu trauen war, immer mehr verblassen. Stattdessen lernt er, in bescheidenem Maße, neu sehen: „Wäre nur der Amselschlag nicht, früh und spät auf den Dachfirsten … Es reicht kein Leben, um die Melodien der Amseln zu verstehen und ob sie dieselben wie die des Vorjahres sind. Langsam tritt die Endlichkeit aus dem Bereich des Gedankens in die Praxis. Schweigen Mauersegler und Amseln, suchen sie den Mond.“ Und dass noch ein paar alte Freunde da sind, gibt ihm Trost, obwohl sie so richtig aufbauende Botschaften auch nicht mehr parat haben: „Im Fernseher erzählte eine Hure von einem Freier, der 72 Jahre alt war: Der roch sozusagen schon nach Tod. Es ist ja schon fast peinlich, sagte der sehr kranke Freund, dass man immer noch lebt.“ Leben ist immer lebensgefährlich, wusste schon Erich Kästner. Doch damit nicht genug: Es gibt immer nur ein Leben, an dem man hängt und von dem man nicht loskommt. Die philosophisch-theologischen Spekulationen, die sich darum ranken, tun nichts zur Sache, wenn es ernst wird, todernst; was bleibt, ist eine strenge Fürsorgepflicht, die keinen Ausnahmen kennt und ohne Ansehen der Person gilt.

Hermann Kinder hat eine anrührende Erzählung geschrieben, die weit mehr ist als eine poetisch aufbereitete Krankenakte. In ihr geht es, nicht zuletzt, auch um eine vielseitig verwendbare Erkenntnis, mit der man sich, nicht nur unter Abstiegskandidaten, Mut zuspricht: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wohl wahr: „So lange du lebst, kannst du dir nichts anderes vorstellen, als dass du lebst. Anderntags überraschend viel Luft. Immer in Erwartung des Unabsehbaren.“

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erstellt am 09.5.2014

Lesung in Frankfurt

Hermann Kinder: Der Weg allen Fleisches

Am Dienstag, 3. März 2015, 19.30 Uhr, Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2, Frankfurt am Main

„Man sollte ihn wie einen „Geheimtipp“ behandeln. Großer Autor, den ›ich‹ entdeckt habe. Aberwitziger Stoff. Kinders Romane, seine Erzählungen, seine Essays sind beeindruckend. Davon kann man sich am 3. März 2015, um 19.30 Uhr, im Frankfurter Literaturhaus, Schöne Aussicht 2, persönlich überzeugen.” Martin Lüdke

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Hermann Kinder
Der Weg allen Fleisches
Erzählung
Mit vielen farbigen Illustrationen des Autors
Hardcover, 135 Seiten
ISBN 978-3-86337-077-0
weissbooks.w, Frankfurt am Main 2014

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