Buchbesprechung

Rausch begleitete immer seinen Schaffensrausch

Günter Brus berichtet von dem guten alten West-Berlin

Jürgen Lentes

Der „Wiener Aktionismus“ machte in den 1960er und 70er Jahren mit radikaler Kunst von sich reden. Das Happening und die Fluxus-Bewegung weiterentwickelnd, sorgten Otto Muehl, Herrmann Nitsch, Oswald Schwarzkogler und Günter Brus für reichlich Skandal. Vor allem Brus setzte seinen Körper radikal als Objekt ein, von Selbstbemalungsaktionen bis zur Selbstverstümmelung reichte das Repertoire.

Besonders großer Erfolg war der Aktion „Kunst und Revolution“ im Juni 1968 beschieden, die Brus und Muehl gemeinsam mit Oswald Wiener, Peter Weibel und Valie Export an der Wiener Universität durchführten und die als „Uni-Ferkelei“ in die Kunst- und Justizgeschichte Österreichs einging.

Peter Weibel: „Brus verstümmelte sich selbst, Mühl simulierte eine Onanierszene, und ich hielt mit brennendem Handschuh einen Vortrag, eine Schimpftirade gegen Österreichs Regierung.“ Der österreichische Staat erhob Anklage wegen „Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole“. Der Arzt und Psychiater Heinrich Gross wurde einbestellt, um die geistige Verfassung der Angeklagten zu begutachten. (Gross übrigens war im „Dritten Reich“ an der Euthanasie-Klinik „Am Spiegelgrund“ an Kindstötungen beteiligt.) Brus wurde zu sechs Monaten „verschärftem Arrest“ verurteilt (damals gab es solch Strafe noch).

„Durch die berühmte Wiener Behördenschlamperei kam ich auf freien Fuß“, so Brus im dritten Band seiner Autobiographie – „Das gute alte West-Berlin“ – und er ging mit Frau Anni und Tochter Diana ins Exil. Das über ein Jahrzehnt andauern sollte.
„Das gute alte West-Berlin war, mit Verlaub, damals in seiner Gespaltenheit wirklicher, illustrer und intimer als im ewigen Größenwahn ,Metropolis’, der die Preußen immer wieder einholt. West-Berlin war die Anti-Metropole, die ihre Bedeutungslosigkeit anerkennt und die Welt durch Humor bereichert.“ Und: „Man kam zusammen in dieser Zeit, ob man wollte oder nicht.“

Das lässt Brus naturgemäß Raum für Anekdotisches und zugespitzte Porträts: „Alias Hütchen hieß er, der im Zwiebelfisch seine Wortwitze feilbot. Es waren etliche Tausend, denn er war ein Original. Als er einmal sagte: ‚Nun muss ich ein bisschen Luft aus der Flasche trinken’, rief Martin Walser aus: ‚Der Mann ist ja ein Dichter!’ Ja, da staunte der Romancier aus der Provinz.“ Rainer Langhans präsentiert Brus, der ihn in der Kommune I besucht, Leitz- um Leitzordner, in denen die „K1-Leidenschaften“ dokumentiert wurden. Umgekehrt bekommt Brus Besuch von Gudrun Ensslin: „Mich nervte ihre fanatische Energie. Mit einem Wort, ich hatte das Maul zu halten.“ Als die RAF dann beginnt, Menschen zu töten, kommentiert Brus das mit einem einzigen Satz: „Man überließ, ohne mit der Wimper zu zucken, das Morden anderen.“

Für die DDR hat der Anarchist Brus nur Verachtung und ätzenden Spott übrig: „ … die entsetzliche, geschmacklose, widerliche, diktatorische, zwangsneurotische DDR“, im Fernsehen repräsentiert vom ‚Schwarzen Kanal’, „ … moderiert von einem gewissen Herrn Schnitzler. Diesem Märchenerzähler, der aus seinem Maul Granaten schießen ließ, sah man an, dass er exakt das sagte, was er nicht glaubte, aber er tat dies mit einem Redeschwall, der im Stechschritt aus seinem Mundwerk paradierte.“

Brus, der sein „Hirn nicht sehr geschont“ hat („Ich habe ihm sehr, sehr viel Gift zugeführt und einen Schlaganfall“), sieht viele seiner Erinnerungen von der Berliner Luft verweht. Er misstraut dem bürgerlichen Roman und Erzählen, und so palavert er munter drauflos, Redundanzen nicht scheuend. Überhaupt: „Der Kalauer ist indes eine Hochkultur in der Literatur.“

Seine Berliner Zeit markierte einen Bruch in seinem künstlerischen Schaffen. Die Aktionskunst hinter sich lassend, begann er wieder verstärkt mit dem Schreiben und dem Zeichnen, was ihm Angriffe ehemaliger Mitstreiter einbrachte, die ihn als „konterrevolutionär“ beschimpfen.

Brus schildert West-Berlin als eine Ansammlung von Dörfern, eine Großstadt ohne Zentrum, und, was ihn als Wiener besonders verwundert, als eine Stadt ohne Gassen. Aber wenn er und seine Frau in späteren Jahren Sehnsucht nach einem Ort hatten, dann war der eine Ort Berlin, West-Berlin.

Später wurde Brus amnestiert und 1996 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Auch das macht den Österreichern so schnell niemand nach.

Günter Brus
Das gute alte West-Berlin
Jung und Jung, Salzburg und Wien 2010,

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erstellt am 07.12.2010

Günter Brus, Work Orbit

Günter Brus, „Selbstbemalung I“, Action, 1964
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