Emil Nolde gilt international als herausragender Künstler des Expressionismus. Seine Nähe zu nationalsozialistischem Denken wurde lange Zeit verkannt. Autoren und Performer unterschiedlicher Generation und Herkunft haben sich jetzt mit den Brüchen und Widersprüchen des Malers auseinandergesetzt und diskutieren im Literaturhaus Frankfurt ihre Positionen.

Literatur trifft Malerei

Deutschstunden mit Emil Nolde

Wie sehr der Blick auf einen Künstler durch die jeweilige Generation geprägt wird, zeigt eine Gesprächsreihe, die aktuell im Literaturhaus Frankfurt über den Künstler Emil Nolde stattfindet. Acht Autoren nähern sich im Auftrag des Literaturhauses einem persönlich ausgewählten Werk des Malers, das parallel im Rahmen einer großen Retrospektive im Städel zu sehen ist. In einem Essay halten sie ihre Beobachtungen nicht nur schriftlich fest, sondern stellen sich in Zweiergruppen auch live der Diskussion.

Die Auftaktveranstaltung fand mit der Autorin Katharina Hacker, Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2006, und dem Schweizer Autor Michael Fehr statt. Auf die Eingangsfrage der Moderatorin Ruth Fühner, welche Verbindung sie vor diesem Projekt zu dem Maler Emil Nolde gehabt hatten, antworten beide sehr unterschiedlich. Hacker, geboren 1967 in Frankfurt, kannte ihn, ohne besondere Neigung. Bis heute hat sie kein Interesse, sich mit dem Menschen, der sich politisch gern ganz auf die Seite der Nationalsozialisten geschlagen hätte und antisemitische Haltungen vertrat, auseinanderzusetzen. In ihrer Auseinandersetzung mit Emil Nolde trifft sie darum eine diplomatische Entscheidung und wählt das Werk „Hamburg, Landungsbrücke“, das schon 1910 entstanden ist. Es handelt sich um eine Graphik, die Abstand hält von der „Farbenglut“, die für Noldes künstlerisches Werk so charakteristisch ist. Die Art, wie Nolde jedoch inmitten lebhaften Hafentreibens ein Werk erschaffen hat, in dem Leben gerade nicht sichtbar wird, hat die Autorin interessiert und im Gespräch geschickt mit Themen der eigenen Poetologie verbunden.

Michael Fehr, 1982 geboren und bei Bern aufgewachsen, ist im Gegensatz zu Katharina Hacker nicht berührungsscheu. Bis zur Anfrage des Literaturhauses, eine eigene Position zu einem Werk von Emil Nolde zu formulieren, hatte er von dem Maler noch nie etwas gehört: „Insofern habe ich ein reines Verhältnis zu ihm“, antwortet er auf die Frage der Moderatorin. Im Dezember 2013 fuhr Fehr eigens für diesen Auftrag nach Frankfurt, um sich noch vor der Ausstellungseröffnung „sein“ Werk der Sammlung auszuwählen. Da Fehr aufgrund einer anderen Sehweise die sichtbare Seite der Welt vor allem über Farben aufnimmt, hat ihn dieser Aspekt in Noldes Kunst besonders angesprochen. Ohne Rahmen habe er sich die Bilder angesehen und deutlich wahrnehmen können, wie intensiv Nolde in seiner Suche gewesen sei. In die Schweiz kehrte er heim mit dem Wissen, Werke eines wahren Künstlers gesehen zu haben.

Auch Ruth Fühner, eine Generation älter als Katharina Hacker, beschreibt an diesem Abend, welche Bedeutung für sie Emil Nolde hatte. Es gab die Verpflichtung, Nolde zu lieben, erzählt sie. An vielen Orten im öffentlichen Raum hingen seine Bilder in erzieherischer Absicht: In Schulen, Praxen und Ämtern wurden sie als Beispiele einer rehabilitierten Kunst gezeigt, die im Nationalsozialismus noch als entartet eingestuft und zerstört worden war. 1968 hatte diese Vorstellung noch einmal Auftrieb erhalten. Damals erschien der Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz, der die Legende vom Nazi-Opfer, das heimlich dem Malverbot trotzt, bekräftigt hatte.

Die Deutschstunden des Jahres 2014 sollten, so Literaturhausleiter Hauke Hückstätt in seiner Einführung, auch Lektionen ins deutsche Gemüt sein. Das Buch, das im Prestel-Verlag die Essays der Autoren publiziert, und die ersten Diskussionen zeigen jedoch schon jetzt deutlich: Das eine deutsche Gemüt gibt es wohl nicht. Ob sich jedoch ein deutscher Autor, gleich welcher Generation, so unbefangen wie Michael Fehr dem Autor wird nähern können, bleibt abzuwarten.

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erstellt am 07.5.2014

Katherina Hacker, Foto: Wolfgang Becker
Katherina Hacker, Foto: Wolfgang Becker

O-Töne

Michael Fehr, Foto: Wolfgang Becker
Michael Fehr, Foto: Wolfgang Becker

O-Töne

Audios © Andrea Pollmeier, Faust-Kultur

Reihe: Literatur trifft malerei

Deutschstunden

Bis 11. Juni 2014, Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2, Frankfurt am Main

Das Literaturhaus Frankfurt und das Städel Museum haben anlässlich der Emil Nolde-Retrospektive im Städel acht Autoren eingeladen, sich dem Werk Noldes schreibend zu widmen. Sie sollen sich den Motiven, Brüchen und Widersprüchen im Schaffen Emil Noldes nähern. Damit möchten die beiden Institutionen eine Brücke zwischen Malerei und Literatur schlagen. Titelgebend ist der Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz.
Katharina Hacker, Michael Fehr, Saskia Hennig von Lange, Florian Werner, Monika Zeiner, Sascha Anderson, Kathrin Schmidt und Jacques Palminger sind die acht geladenen Erzähler, Dichter und Performer der Deutschstunden. An vier Abenden werden sie ihre jeweiligen Themenkomplexe vorstellen: Motiv, Palette, Farbenglut; Wirklichkeitsflucht, Fernweh, Fliehbild; Mythos, Biografie, Autoporträt; Kunst, Faschismus, Entartung. Alle Texte erscheinen in einem Sammelband.

Literaturhaus Frankfurt

Zur Ausstellung:
Nolde in Frankfurt