Sie wurde zu einer der bekanntesten rumänischen Dichterinnen: Nina Cassian, 1924 als Tochter einer bürgerlichen jüdischen Familie in der Hafenstadt Galati geboren. Ihre Lyrik spiegelt das ästhetische und politische Klima Rumäniens über Jahrzehnte hinweg wider. Seit 1985 lebte Cassian in New York, wo sie am 15. April 2014 starb. Stefana Sabin erinnert an die Dichterin.

nachruf

Ein neues altes Leben

Die große rumänische Dichterin Nina Cassian ist in New York gestorben

Von Stefana Sabin

Das Gedicht

An diesem Stift beginnt ein Weg aus Blei und dort
läuft wie ein Hund ein Buchstabe dahin
und wie eine bewohnte Stadt ist da ein Wort
in der ich vielleicht morgen angekommen bin.

(Übersetzung: Stefana Sabin)

Die Talente, die die rumänische Literatur bekannt machten, sind ihr zumeist verlorengegangen: Eugen Ionescu, Tristan Tzara, Emile Cioran sind als französische Autoren in die Literaturgeschichte eingegangen, obwohl sie alle als rumänische Autoren zu schreiben angefangen hatten. Dass sie von der rumänischen zur französischen Sprache wechselten, liegt in einer alten Tradition: Französisch war in Rumänien Zweitsprache der Gebildeten, und die Kultur der französischen Sprache trug zur Rezeption der französischen Literatur bei. Viele rumänische Dichter betätigten sich als Übersetzer aus dem Französischen – nicht aus Geldnot, sondern aus Begeisterung, und wie kaum eine andere Literatur wurde die rumänische Literatur durch die französische geprägt. Die Reise nach Paris gehörte zur literarischen Initiation, und der Orientexpress stellte auch eine geistige Verbindung zwischen Paris und Bukarest dar. Dieser Austausch mit Frankreich und ein ungewohnt liberales politisches Klima ließen die rumänische Literatur zwischen den beiden Weltkriegen aufblühen und den Surrealismus in Rumänien besonders fruchtbar werden. Seinen Höhepunkt erreichte er mit Marcel Blecher und Gellu Naum, die über Jahrzehnte hinweg Generationen von rumänischen Dichtern und Dichterinnen anregten. Eine der bekanntesten von ihnen wurde Nina Cassian.

Nina Cassian wurde 1924 in Galati geboren, einer Stadt, die zwischen dem Siret‑, Prut‑ und Donauunterlauf gelegen ist. Als Hafenstadt war Galati ein Handelszentrum, als Grenzstadt (zwischen Moldau und Bessarabien) ein Umschlagplatz von Ideen. Die Familie zog bald um und ließ sich in einer Stadt nieder, in der die ethnische Zusammensetzung wiederum eine besondere kulturelle Vielfalt hervorgebracht hatte, nämlich in Kronstadt, Siebenbürgen, wo deutsch, ungarisch und rumänisch gesprochen wurde. Als Tochter einer bürgerlichen jüdischen Familie genoss Nina eine umfassende Bildung. Ihre Jugend verbrachte sie in Bukarest, wo sie Ballett‑, Musik‑ und Malunterricht nahm und ihre Sprachkenntnisse durch die Lektüre der zeitgenössischen europäischen Originalliteraturen vertiefte. Früh begann sie, selbst zu schreiben, und schickte Tudor Arghezi, dem Doyen der rumänischen Lyrik, ein Heft mit Gedichten. Arghezi empfing die junge Frau und bescheinigte ihr Talent. Sie schrieb weiter, fing an zu übersetzen und veröffentlichte in der Zeitung Ecoul (Das Echo), deren Kulturseite von einem anderen großen rumänischen Dichter, Miron Radu Paraschivescu, herausgegeben wurde. Nina fand Anschluss an surrealistische Kreise und wurde dank ihrer dichterischen Begabung, aber auch ihrer anderen musischen Talente und nicht zuletzt dank ihrer Selbstdarstellungskunst zu einer Hauptfigur der Bukarester Szene. Als sich die politische Lage änderte und die Legionäre, wie sich die rumänischen Faschisten nannten, an die Macht kamen, verwandelte sich der surrealistische Protest in politische Opposition, und die Surrealisten wurden “Illegalisten”: engagierte Dichter, die sich in der Illegalität organisierten und gegen die faschistische Regierung kämpften. Gerade für liberale Juden gab es keine andere Hoffnung als die kommunistische, und auch Nina Cassian wurde “Illegalistin” und trat der Kommunistischen Partei bei.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kannte Bukarest erneut eine kurze Zeit des kulturellen Aufbruchs. Zeitschriften, Verlage und Galerien, Schulen und Hochschulen wurden neu gegründet, und aus den ehemaligen “Illegalisten” wurden wieder Dichter, die das geistige Leben der Stadt prägten. In ihrer Wohnung im ersten Stock des Hauses Strada Poenaru Bordea 6 führte Nina Cassian eine Art Salon, wo sich die intellektuelle Szene Bukarests traf. Die Wände des Wohnzimmers waren mit Bildern behängt, und in der Mitte thronte ein Bechstein‑Flügel; Lesungen fanden dort statt, Musik wurde gespielt. Paul Celan, der damals, 1946/47, im Bukarester Verlag Cartea Rusa (Das russische Buch) arbeitete, war ein häufiger Gast. Nina, die die deutsche Sprache und Literatur gut kannte und Kästner und Morgenstern ins Rumänische übersetzt hatte, war für Celan eine ebenbürtige Gesprächspartnerin. Außer der Vorliebe für die surrealistische Lyrik, für die Franzosen Apollinaire, Desnos, Éluard und den Russen Esenin verband die beiden Dichter, dass sie in der rumänischen Literatur Tudor Arghezi und Ion Barbu schätzten. Vor allem Ion Barbu (1895‑1961), der für besonders hermetisch galt, beeinflusste Nina Cassian. Barbu war Mathematikprofessor in Bukarest und hinterließ ein quantitativ schmales dichterisches Werk, in dem er sinnliches Naturgefühl, Balkanfolklore und asketische Meditation kombinierte und eine lautmalerische Sprache kultivierte. Ninas erster Gedichtband, La scala 1/1 (Im Maßstab 1:1), der 1947 erschien, ließ die Nähe zu Barbus Werk erkennen, zeigte aber auch schon eine unverwechselbare eigene lyrische Stimme. Dieser Band erregte nicht nur in Dichterkreisen viel Aufmerksamkeit: Die mit surrealistischen und absurden Elementen jonglierenden Gedichte wiesen eine ironische Komponente auf, die dem verordneten sozialistischen Realismus geradezu entgegengesetzt war und dem Kulturbeauftragten des Zentralkomitees Leonte Rautu missfiel. Auf dessen Geschmack aber kam es an: Rezensenten verrissen die Gedichte als überspannt und weltfremd und nannten die Dichterin eine verwestlichte Intellektuelle. Die rumänische Kultur, wie die ganze Gesellschaft, geriet damals unter die Diktatur der Partei.

Diese Reaktion auf ihren ersten Band verunsicherte die junge Dichterin. Anfangs nahm sie die offizielle Kritik ernst und schrieb soziale, aber keine sozialistische Lyrik: Gedichte, in denen sie zwar ihre moralischen Positionen nicht kompromittierte, hinter ihren ästhetischen Ansprüchen aber zurückblieb. Das Erwachen zur politischen Wirklichkeit kam, wie für die westlichen Intellektuellen auch, mit den stalinistischen Schauprozessen. Auch in Rumänien wurden die Bedingungen, unter denen Kultur stattfinden durfte, verschärft, und um sich ihnen zu entziehen, nahm Nina Zuflucht zum Übersetzen und zum Schreiben von Kinderbüchern. Die Kinderliteratur bereicherte sie um neue dichterische Möglichkeiten, indem sie Phantastik mit Folklore verband, in die Handlung absurde Momente einführte und Ironie in den Stil. Ihr Kindermärchen in Reimen, Nicǎ fǎrǎ fricǎ (Niki ohne Furcht; 1952), brachte ihr nicht nur den Staatspreis ein, sondern wurde zu einem großen und dauerhaften Erfolg: schon zwei Generationen rumänischer Eltern haben es ihren Kindern vorgelesen. Es wurde für das Puppentheater dramatisiert und für den Rundfunk vertont, wobei Nina selber die Musik komponierte.

Der selbstgewählte Rückzug aus der offiziellen Literatur bedeutete nicht den Rückzug aus der kulturellen Szene Bukarests. Ninas Wohnung blieb ein Treffpunkt der Bukarester Intelligenz: ein Forum, wo man mündlich vortrug, was man nicht schreiben durfte. Vor den heißen Bukarester Sommern flohen Nina und viele ihrer Freunde in ein Fischerdorf am Schwarzen Meer, nur einige Kilometer von der bulgarischen Grenze entfernt. In einfachen Lehmhäusern, wo das Wasser zum Duschen von der Sonne erwärmt und das Essen auf Holzfeuern gekocht wurde, von der Kulturzentrale weit entfernt und vor Abhörmöglichkeiten ziemlich sicher, entfaltete die Bukarester Intelligenz hier eine rege Aktivität. Es wurde gemalt, geschrieben, komponiert und vor allem geredet: Kaum ein im Westen erschienenes Buch, das nicht doch bekanntgeworden war und diskutiert wurde; kaum ein politisches Ereignis, das Radio Free Europe meldete und das nicht kommentiert wurde. Ninas Humor und ihre Schlagfertigkeit waren ebenso sprichwörtlich wie ihre Trinkfestigkeit. Nicht nur die etablierten Intellektuellen ihrer Generation, sondern auch die ehrgeizigen Jungen sammelten sich um sie und spendeten ihr Bewunderung.

Ende der sechziger Jahre, als Ceaușescu sich auf die Seite des Prager Frühlings schlug, setzte eine Phase relativer politischer Liberalität ein: Die Zensur wurde entschärft, und die Zwangsjacke des sozialistischen Realismus gelockert. Nina nahm den ästhetischen Faden wieder auf, der 1947 abgerissen war, und ihre neuen Gedichtbände etablierten die Kinderbuchautorin als eine bedeutende Lyrikerin. Zum Surrealismus ihrer frühen Gedichte kamen eine neue Natursymbolik und das Absurde und Ironische aus den Kinderbüchern. Dass sie Naturbeschreibungen oder Liebesszenen mit wissenschaftlich‑technischem Vokabular versetzte, Metaphern und Begriffe mischte ‑ kurz: eine Spannung von Sinnlichkeit und Abstraktheit herstellte, machte jetzt ihre Ästhetik aus. Die Musikalität der Sprache kultivierte sie, und nicht zuletzt ihre Sprachkenntnisse ermöglichten einen spielerischen Umgang mit dem Wort. In dem Band Loto‑poeme (1971) erfand sie sogar eine Kunstsprache, sparga (von rum. 'a sparge' = brechen), in der sie mehrere Gedichte verfasste: Phantasiewörter mit korrekter rumänischer Grammatik verleihen diesen Gedichten eine sprachliche Scheinwirklichkeit. Die Macht des Wortes, die Zusammensetzung der Wörter zum Gedicht sind seit den siebziger Jahren ein wiederkehrendes Thema der Cassianschen Lyrik; dieses Hinterfragen des Gedichts und ständige Anspielungen auf die Weltliteratur machen ihre Lyrik zu Metalyrik. Eine wichtige Komponente dieser Lyrik ist aber auch die erotische Erfahrung, und Liebesfreude und ‑leid sind ein Leitmotiv. In dieser lyrischen Welt steht Erotik für das Lebensprinzip, für Vitalität und schöpferische Kraft, so dass die Gegner der Liebe, die Asketen und Puritaner, den Todestrieb symbolisieren. Diese Gedichte inszenieren den Liebeskampf der Geschlechter als existentiellen Kampf des Menschen; Spontaneität und Emotionalität sind oberflächlich und verbergen Meditation und Rationalität.

Gerade derart intellektuelle Lyrik war, als sich die politische Lage Mitte der siebziger Jahre erneut wandelte und in den Terror führte, wieder verpönt. Als immer mehr Lobgesänge auf die Partei und den Parteichef verlangt wurden, verstummte Nina Cassian erneut. Es gibt keine Zeile, derer sie sich hat später schämen müssen. Sie hat sich nicht als Dissidentin exponiert, aber sie hat sich auch nicht für die propagandistische Kulturpolitik instrumentalisieren lassen. Dank französischer und englischer Übersetzungen ihrer Werke genoss sie ein gewisses Ansehen im Westen und wurde 1985 eingeladen, ein Jahr an der New York University zu unterrichten. Die rumänischen Behörden ließen sie ausreisen, sie blieb in New York und fing ein neues Leben an, das ihrem alten Leben ähnlich war: Sie verkehrte in literarischen Kreisen, traf sich mit Freunden, zeichnete und dichtete.

In den 1990er Jahren erschienen in England und den USA mehrere Gedichtsammlungen, die letzte, 2002 mit ihren Zeichnungen; nicht nur literarische Zeitschriften wie American Poetry Review, sondern auch renommierte Intelligenzija-Blätter wie The New Yorker und Atlantic Monthly veröffentlichten regelmäßig ihre Gedichte in englischer Übersetzung. Und in der Abgeschiedenheit ihrer kleinen Wohnung auf Roosevelt Island hat sie ihr Dichterleben schreibend erinnert: „Erinnerung als Mitgift“ heißt die dreibändige Autobiographie, die eine lange und bewegte Epoche durch ein dichterisches Bewusstsein reflektiert. Die Mischung aus historischer, politischer, literarischer und persönlicher Erzählung macht Nina Cassians Autobiographie zu einem großen Werk, dem eine Abschiedsstimmung spürbar ist. Am 15. April 2014 ist Nina Cassian gestorben.

Kommentare


Monika Linhard - ( 07-01-2015 12:07:15 )
Sehr geehrte Stefana Sabin, herzlichen Dank für ihr Aufmerksam-Machen auf die Künstlerin Nina Cassian. Da ich mich schon seit längerem mit Rumänien beschäftige, freue ich mich, durch Sie, auf Nina Cassian getroffen zu sein. Dem Faust-Team wünsche ich für 2015 viel Erfolg, Grüße von Monika Linhard

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erstellt am 04.5.2014

Nina Cassian
Nina Cassian
Nina Cassian mit 36 Jahren
Nina Cassian mit 36 Jahren
Nina Cassian, 2010
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